Apostolische Reise in den Libanon: Benedikt XVI. begegnet den Jugendlichen

Benedikt XIV.: Lasst euch nicht verleiten, in Parallelwelten zu flüchten

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Rom, 16. September 2012 (ZENIT.org). - Am Samstagabend verließ Benedikt XVI. die Apostolische Nuntiatur von Harissa, um nach Bkerkè zu fahren, wo er die Jugendlichen des Libanon und des ganzen Mittleren Ostens traf, um zusammen mit ihnen zu beten.

An der Gebetsvigil nahmen auch der Erzbischof von Tripoli des Libanon der Maroniten, Kardinal Georges Bou-Jaoudé und Kardinal Elie Haddad, Erzbischof von Saïda der griechischen Melkiten, teil. Einige Jugendliche gaben Zeugnis über ihren Glauben ab.

Der Papst richtete folgende Ansprache an die 20.000 Versammelten:

[Wir veröffentlichen die Rede in der offiziellen Übersetzung]

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Liebe Freunde!

„Gnade sei mit euch und Friede in Fülle durch die Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn“ (2 Petr 1,2). Der Abschnitt aus dem Brief des heiligen Petrus, den wir gehört haben, bringt gut den großen Wunsch zum Ausdruck, den ich seit langem in meinem Herzen trage. Danke für euren warmherzigen Empfang, danke von ganzem Herzen für eure so zahlreiche Anwesenheit heute abend! Ich danke Seiner Seligkeit Patriarch Bechara Boutros Raï für seine Willkommensworte, dem Erzbischof von Tripoli und Präsidenten des Rates für das Laienapostolat im Libanon Georges Bou Jaoudé und dem Erzbischof von Sidon der Melkiten Elle Hadda sowie den beiden Jugendlichen, die mich im Namen von euch allen begrüßt haben. "سَلامي أُعطيكُم" [„Meinen Frieden gebe ich euch“] (Joh 14,27), sagt uns Jesus Christus.

Liebe Freunde, ihr lebt heute in dem Teil der Welt, der die Geburt Jesu und die Entstehung des Christentums gesehen hat. Das ist eine große Ehre! Und es ist ein Aufruf zur Treue, zur Liebe zu eurer Region und vor allem dazu, Zeugen und Boten der Freude Christi zu sein, denn der von den Aposteln weitergegebene Glaube führt zur vollen Freiheit und zur Freude, wie uns so viele Heilige und Selige dieses Landes gezeigt haben. Ihre Botschaft erhellt die Universalkirche. Sie kann weiterhin euer Leben erhellen. Viele der Apostel und der Heiligen haben in unruhigen Zeiten gelebt, und ihr Glaube war die Quelle für ihren Mut und ihr Zeugnis. Schöpft aus ihrem Vorbild und ihrer Fürsprache die Inspiration und die Unterstützung, die ihr braucht!

Ich weiß um eure Schwierigkeiten im täglichen Leben aufgrund der fehlenden Stabilität und Sicherheit, wegen der Schwierigkeit, Arbeit zu finden, oder auch wegen des Gefühls der Einsamkeit und der Ausgrenzung. In einer Welt, die ständig in Bewegung ist, seid ihr mit zahlreichen ernsten Herausforderungen konfrontiert. Selbst Arbeitslosigkeit und materielle Unsicherheit dürfen euch nicht dazu veranlassen, den „bitteren Honig" der Emigration zu kosten, die mit Entwurzelung und Trennung um einer ungewissen Zukunft willen verbunden ist. Es geht für euch darum, an der Gestaltung der Zukunft eures Landes teilzunehmen und eure Rolle in der Gesellschaft und in der Kirche wahrzunehmen.

Ihr nehmt in meinem Herzen und in der ganzen Kirche einen bevorzugten Platz ein, denn die Kirche ist immer jung! Die Kirche vertraut auf euch. Sie zählt auf euch. Seid junge Menschen in der Kirche! Seid junge Menschen mit der Kirche! Die Kirche braucht eure Begeisterung und eure Kreativität! Die Jugend ist die Zeit, in der man nach großen Idealen strebt; sie ist die Phase des Lernens, wo man sich auf einen Beruf und auf eine Zukunft vorbereitet. Das ist wichtig und erfordert Zeit! Strebt nach dem Schönen, und habt Freude daran, das Gute zu tun! Bezeugt die Größe und Würde eures Leibes, der „für den Herrn da ist“ (1 Kor 6,13b). Habt die Feinfühligkeit und Aufrichtigkeit reiner Herzen! So wie der selige Johannes Paul II. sage auch ich euch: „Habt keine Angst! Öffnet die Tore eures Geistes und eurer Herzen für Christus!“ Die Begegnung mit ihm „gibt unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung“ (Deus caritas est, 1). In ihm werdet ihr die Kraft und den Mut finden, um auf den Wegen eures Lebens voranzuschreiten und um die Schwierigkeiten und das Leiden zu überwinden. In ihm werdet ihr die Quelle der Freude finden. Christus sagt euch: „سَلامي أُعطيكُم“ [„Meinen Frieden gebe ich euch“]. Da ist die wahre Revolution, die Christus gebracht hat, die Revolution der Liebe.

Die derzeitigen Frustrationen dürfen euch nicht dazu verleiten, in Parallelwelten zu flüchten wie etwa jene von Drogen jeder Art oder in die armselige Welt der Pornographie. Was die sozialen Netzwerke betrifft, so sind sie zwar interessant, können euch aber sehr leicht in eine Abhängigkeit und in die Verwechslung zwischen reell und virtuell hineinziehen. Sucht und lebt bereichernde Beziehungen echter und edler Freundschaft! Ergreift Initiativen, die eurem Leben Sinn und Grund geben im Kampf gegen die Oberflächlichkeit und den leichtfertigen Konsum! Ihr seid auch noch einer anderen Versuchung ausgesetzt, der Versuchung des Geldes, dieses tyrannischen Idols, das dermaßen blind macht, dass es den Menschen und sein Herz erstickt. Die Vorbilder, die euch umgeben, sind nicht immer die besten. Viele vergessen das Wort Christi, der sagt, dass man nicht Gott und dem Mammon zugleich dienen kann (vgl. Lk 16,13). Sucht gute Lehrer, geistliche Lehrer, die es verstehen, euch den Weg zur Reife zu zeigen, der Trug, Schein und Lüge hinter sich lässt.

Seid Träger der Liebe Christi! Wie? Indem ihr euch ohne Vorbehalt Gott, seinem Vater, zuwendet, der das Maß für das Rechte, Wahre und Gute ist. Betrachtet das Wort Gottes! Ihr werdet das Interesse für das Evangelium und seine Aktualität entdecken! Betet! Das Gebet und die Sakramente sind die sicheren und wirksamen Mittel, um Christ zu sein und „in Christus verwurzelt und auf ihn gegründet am Glauben festzuhalten" (vgl. Kol 2,7). Das bald beginnende Jahr des Glaubens wird eine Gelegenheit sein, den Reichtum des in der Taufe empfangenen Glaubens zu entdecken. Ihr könnt seinen Inhalt durch das Studium des Katechismus vertiefen, um zu einem lebendigen und gelebten Glauben zu gelangen. Ihr werdet dann für die anderen zu Zeugen der Liebe Christi. In ihm sind alle Menschen unsere Brüder. Die universale Brüderlichkeit, die er am Kreuz begründet hat, umhüllt die Revolution der Liebe mit einem hellen und anspruchsvollen Licht. „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben" (Joh 13,34). Das ist das Vermächtnis Jesu und das Kennzeichen des Christen. Das ist die wahre Revolution der Liebe!

Christus lädt euch daher ein, es ihm gleichzutun und den anderen ohne Vorbehalt aufzunehmen, selbst wenn er einer anderen Kultur, Religion oder Nationalität angehört. Ihm einen Platz zu geben, ihn zu respektieren, gut zu ihm zu sein; das macht reicher an Menschlichkeit und stärker am Frieden des Herrn. Ich weiß, dass viele von euch an den verschiedenen Aktivitäten teilnehmen, die von den Pfarreien, Schulen, Bewegungen und Vereinigungen veranstaltet werden. Es ist schön, sich mit anderen und für andere einzusetzen. Miteinander Zeiten der Freundschaft und der Freude zu erleben macht es möglich, den Keimen der Spaltung zu widerstehen, die immer bekämpft werden müssen. Brüderlichkeit ist eine Vorwegnahme des Himmels! Und die Berufung des Jüngers Christi ist es, „Sauerteig“ im Teig zu sein, wie der heilige Paulus sagt: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5,9). Seid Boten des Evangeliums des Lebens und der Werte des Lebens. Widersteht mutig allem, was das Leben leugnet: Abtreibung, Gewalt, Ablehnung und Verachtung des anderen, Ungerechtigkeit, Krieg. So werdet ihr um euch herum den Frieden verbreiten. Sind es nicht die „Friedensstifter“, die wir letztlich am meisten bewundern? Ist nicht der Friede jenes kostbare Gut, das die ganze Menschheit sucht? Ist nicht eine Welt des Friedens das, was wir im tiefsten für uns und für die anderen wollen? „سَلامي أُعطيكُم“ [„Meinen Frieden gebe ich euch“] , hat Jesus gesagt. Er hat das Böse nicht durch ein anderes Übel besiegt, sondern dadurch, dass er es auf sich genommen und es am Kreuz durch die bis zum Ende gelebte Liebe vernichtet hat. Wirklich die Vergebung und das Erbarmen Gottes zu entdecken lässt uns immer zu einem neuen Leben aufbrechen. Zu vergeben fällt nicht leicht. Aber die Vergebung Gottes gibt Kraft zur Umkehr und die Freude, seinerseits zu vergeben. Vergebung und Versöhnung sind Wege des Friedens und eröffnen Zukunft.

Liebe Freunde, viele von euch fragen sich gewiss mehr oder weniger bewusst: Was erwartet Gott von mir? Was ist sein Plan für mich? Möchte ich nicht die Größe seiner Liebe durch das Priestertum, durch das gottgeweihte Leben oder durch die Ehe verkünden? Ruft mich Christus nicht in seine engere Nachfolge? Stellt euch vertrauensvoll diesen Fragen. Nehmt euch Zeit, über sie nachzudenken und Licht zu erbitten. Antwortet der Einladung, indem ihr euch jeden Tag dem anbietet, der euch ruft, seine Freunde zu sein. Strebt danach, von Herzen und mit Großmut Christus nachzufolgen, der uns aus Liebe erlöst und sein Leben für jeden von uns hingegeben hat. Ihr werdet eine ungeahnte Freude und Erfüllung erfahren! Der Berufung, die Christus für mich hat, zu antworten, das ist das Geheimnis des wahren Friedens.

Ich habe gestern das Apostolische Schreiben Ecclesia in Medio Oriente unterzeichnet. Dieses Schreiben ist für das ganze Volk Gottes wie auch für euch bestimmt, liebe Jugendliche. Lest es aufmerksam und denkt darüber nach, um es in die Praxis umzusetzen! Um euch zu helfen, erinnere ich euch an die Worte des heiligen Paulus an die Korinther: „Unser Empfehlungsschreiben seid ihr; es ist eingeschrieben in unser Herz, und alle Menschen können es lesen und verstehen. Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“ (2 Kor 3,2-3). Ihr, liebe Freunde, auch ihr könnt ein lebendiger Brief Christi sein. Dieser Brief wird nicht auf Papier und nicht mit Bleistift geschrieben sein. Er wird das Zeugnis eures Lebens und eures Glaubens sein. So werdet ihr mit Mut und Enthusiasmus in eurer Umgebung begreiflich machen, dass Gott das Glück aller will ohne Unterschied und dass die Christen seine Diener und treuen Zeugen sind.

Junge Libanesen, ihr seid die Hoffnung und die Zukunft eures Landes. Ihr seid der Libanon, das Land der Aufnahme und des Zusammenlebens, ausgestattet mit einem unerhörten Anpassungsvermögen. Und in diesem Augenblick können wir die Millionen von Menschen nicht vergessen, welche die libanesische Diaspora bilden und feste Bande mit ihrem Ursprungsland unterhalten. Jugendliche des Libanon, seid gastfreundlich und offen, wie Christus es von euch erbittet und wie euer Land es euch lehrt.

Nun möchte ich die muslimischen Jugendlichen begrüßen, die heute Abend bei uns sind. Ich danke euch für euer Kommen, das so bedeutsam ist. Ihr seid zusammen mit euren christlichen Altersgenossen die Zukunft dieses wunderbaren Landes und des gesamten Nahen Ostens. Sucht, ein Miteinander aufzubauen! Und wenn ihr erwachsen sein werdet, lebt einträchtig weiter in Einheit mit den Christen. Die Schönheit des Libanon besteht nämlich in dieser wunderbaren Symbiose. Der gesamte Nahe Osten muss mit Blick auf euch einsehen, dass Muslime und Christen, Islam und Christentum ohne Hass und in der Achtung des Glaubens eines jeden zusammenleben können, um gemeinsam eine freie und menschliche Gesellschaft aufzubauen.

Ich habe ebenso erfahren, dass unter uns auch junge Menschen sind, die aus Syrien kommen. Ich möchte euch sagen, wie ich euren Mut bewundere. Sagt es bei euch, in euren Familien und unter euren Freunden weiter, dass der Papst euch nicht vergisst. Sagt in eurer Umgebung, dass der Papst an euren Leiden und eurer Trauer Anteil nimmt. In seinen Gebeten und in seiner Sorge vergisst er Syrien nicht. Er vergisst die leidenden Menschen im Nahen Osten nicht. Es ist Zeit, dass Muslime und Christen sich vereinen, um der Gewalt und den Kriegen ein Ende zu setzen.

Zum Schluss wollen wir uns an Maria, die Mutter des Herrn, Unsere Liebe Frau vom Libanon, wenden. Von der Anhöhe des Hügels von Harissa aus beschützt und begleitet sie euch. Sie wacht wie eine Mutter über alle Libanesen und über die vielen Pilger, die aus allen Richtungen kommen, um ihr ihre Freuden und Leiden anzuvertrauen! Heute Abend vertrauen wir der Jungfrau Maria und dem seligen Johannes Paul II., der vor mir hier war, auch euer Leben und das Leben aller Jugendlichen im Libanon und in den Ländern der Region an, besonders jene, die unter Gewalt oder Einsamkeit leiden, und jene, die Trost brauchen. Gott segne euch alle! Und nun beten wir alle gemeinsam: „السّلامُ عَلَيكِ يا مَرْيَم...“ [„Gegrüßet seist du, Maria …“].

[© 2012 – Libreria Editrice Vaticana]