Apostolischer Nuntius zum 95. Gründungstag der Schönstattbewegung

Sie verdankt sich dem Charisma von P. Josef Kentenich, der sie in Treue zur Gnade Gottes ins Leben gerufen hat.

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Vallendar/Schönstatt , 20. Oktober 2009 (ZENIT.org).- Unter dem Schutz Mariens soll die Schönstattbewegung mit Blick auf ihren Gründer, P. Kentenich, "in seiner Fußspur den gleichen Weg der Erlösung und der Erneuerung" gehen, erklärte der Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset, am 18. Oktober 2009 um 10.30 Uhr in der Pilgerkirche von Schönstatt in Vallendar-Schönstatt anlässlich des 95. Gründungstages der Schönstattbewegung. Wir veröffentlichen den vollständigen Text der Predigt.

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Der Knecht, der sein Leben als Sühnopfer hingab,

er wird Nachkommen sehen und lange leben.“ (Jes 53, 10)


Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Die Erste Lesung der heutigen Messfeier aus den Vierten Gottesknechtslied des Propheten Jesaja bietet uns einen Schlüssel zum Werk Christi als des Erlösers der Welt und öffnet uns auch Perspektiven für den Einsatz seiner Jünger in der Sendung der Kirche. Warum? Erstens, weil Christus und die Kirche eine Einheit bilden, wie der Apostel Paulus es im Kolosserbrief bildhaft darstellt, wenn er schreibt: „Er“ – gemeint ist Christus – „ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche“ (Kol 1, 18); zweitens, weil Christus selbst zu seiner Nachfolge einlädt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24); und drittens, weil das christliche Leben, mit Christus verbunden, das Opfer ist, das wir vor Gott bringen, wie der Apostel Paulus den Ephesern schreibt: „Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder und liebt einander, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefällt“ (Eph 5, 1).

Das heutige Fest - der 95. Jahrestag der Gründung der Schönstattbewegung –, an dem Mitglieder aus der ganzen Welt teilnehmen, ist für uns eine ausgezeichnete Gelegenheit, in Dankbarkeit zurückzublicken und über den Einsatz der Schönstattbewegung in der Kirche nachzudenken. Sie verdankt sich dem Charisma von P. Josef Kentenich, der sie in Treue zur Gnade Gottes ins Leben gerufen hat. Sein Lebensweg entspricht – wie bei den meisten Gründern in der Kirche, nicht nur bei Ordensgründern! – der Mahnung Jesu an seine Jünger, die wir gerade gehört haben. Das Kreuz, das ihm öfter durch kirchliche Behörden auf die Schultern gelegt wurde, gehört zur Nachfolge Christi, wenn wir uns für seine Kirche hingeben. Und heute dürfen wir von seinem Opfer und seiner Treue zu Christus reiche Früchte ernten. Und wenn wir nun diesen Festtag der Bewegung begehen, sind wir eingeladen, unter dem Schutz Marias in seiner Fußspur den gleichen Weg der Erlösung und der Erneuerung zu gehen.

1. Jeder Gedenktag - wie der heutige für die Schönstattbewegung – erinnert uns an ein Ereignis, an das wir nicht nur gerne denken, sondern das uns auch Ansporn für die Zukunft sein soll. Sich den Wurzeln einer Bewegung zuzuwenden, bedeutet keineswegs eine Rückkehr, vielmehr geht es darum, die heutige Wirksamkeit - wo nötig und möglich - neu mit Leben zu erfüllen und die Authentizität der heutigen Haltung im Hinschauen auf den Anfang zu prüfen, um so den Einsatz in der Bewegung zu stärken.

Das Ereignis, auf das der Gedenktag verweist, gehört zum „Chronos“, d. h. es ist einem bestimmten Punkt im Ablauf der Zeit zugeordnet und ist in diesem Sinne ein historisches Geschehen. Vor genau 95 Jahren, am 18. Oktober, wurde hier in Schönstatt die erste Veranstaltung durchgeführt, in der P. Kentenich sich an junge Männer wandte, die er in einer marianischen Kongregation sammelte – wohl ohne sich der historischen Bedeutung des Geschehens voll bewusst zu sein.

Das Geschehen von damals hat aber auch den Charakter eines „Kairos“, einer Gnadenzeit: als ein Ereignis der Kirche, in der Kirche und für die Kirche. Das Historische erweitert sich zum Ewigen. Im Zweiten Petrusbrief lesen wir: „Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind wie ein Tag“ (2 Petr 3, 8). So viel zu der ersten Dimension der Schönstattbewegung: Die Gründung der Schönstattbewegung ist ein kirchliches Ereignis, d. h. als menschliches Geschehen oder menschliche Tat, beseelt durch die Gnade Gottes.

Die zweite Dimension – nach der zeitlichen – ist die geographische. Wie auf einer Landkarte braucht man wenigstens zwei Koordinaten, um einen bestimmten Ort zu finden. Schönstatt ist ja hier im Rheintal gelegen, umgeben von Höhenzügen des Westerwaldes; die Schönstattbewegung aber ist in der ganzen Welt verbreitet. Ein besonderes Merkmal besteht darin, dass es an fast 200 Orten Marienkapellen als originalgetreue Nachbildungen des Urheiligtums von Schönstatt gibt. Dahinter steht keineswegs ein magisches Denken, als ob diesem materiellen Element die Hauptrolle in der Spiritualität der Bewegung zukäme. Doch ist es für uns Menschen hilfreich, wenn wir bestimmte feste Erkennungszeichen oder Gebräuche haben, die uns überall Beheimatung schenken. In diesem Sinne verstehen es die Mitglieder der Schönstattbewegung, wenn sie in ihren Zentren die gleiche Kapelle und das gleiche Marienbild finden, so dass sie sich überall zu Hause fühlen und andere an ihrer Spiritualität teilhaben lassen können.

Für das hiesige Heiligtum gilt, was der Patriarch Jakob auf seinem Weg zu Laban nach seinem Traum am Rande der Stadt Lus sagte, die er Bet-El nannte – Gotteshaus -: „Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels“ (Gen 28, 17). Mehr noch als der Ort des Traumes Jakobs ist die Kapelle Pforte des Himmels, wird Maria doch in der Lauretanischen Litanei „Pforte des Himmels“ und „Goldenes Haus“ genannt.

Es bleibt noch ein drittes Element zu betrachten, wenn die Schönstattbewegung vollständig dargestellt werden soll: Das ist die ihr eigene Dichte. „Dichte“ ist ein Begriff, der in ganz unterschiedlichen Bereichen Anwendung findet: in den Naturwissenschaften, in der modernen elektronischen Bildtechnik, aber auch in der Literatur, wenn man von der Dichte eines Textes spricht, und auch im Bereich der Philosophie und der Theologie, wenn etwa Gott, Engel und Menschen in ihrer Wesenheit miteinander verglichen werden.

Im Raum der Kirche hat die Schönstattbewegung ihre eigene Dichte, und deshalb hat sie ihren eigenen Platz gefunden. Es hängt deshalb jetzt von ihr ab, diese Dichte – das Eigenste ihres Wesens, ihr Charisma - zu halten und in den anderen kirchlichen Einrichtungen in je angepassten Formen zu fördern.

2. Damit Sie als Mitglieder der Schönstattbewegung Ihre Verantwortung in der Kirche und für die Kirche wahrnehmen können, ist es hilfreich und wichtig, sich immer wieder am Ursprung zu orientieren und auf die Wurzeln zu schauen. Was wollte P. Kentenich mit der Gründung der marianischen Kongregation und später mit der Bewegung für die Sendung der Kirche tun – und was hat er erreicht?

Eines war ihm besonders wichtig: das christliche Leben in der heutigen Gesellschaft mit den geeigneten Mitteln zu fördern. Als anerkannter Pädagoge hat P. Kentenich die Pädagogik mit herangezogen, um die christliche Bildung der Mitglieder der Bewegung zu vertiefen. Die Ausstrahlung der Bewegung erklärt sich aus dieser besonderen Prägung und verlangt deshalb auch eine vielfältige und angepasste Pädagogik in den verschiedenen Bereichen des eigenen Einsatzes. Dabei ist die Schönstattbewegung immer katholisch, d. h. den verschiedenen Kulturen angepasst und ihnen eingepflanzt, ohne die Einheit in der Grundhaltung zu verlieren.

Pädagogisches Handeln beinhaltet eine große Verantwortung. Es kann etwa nicht darum gehen, den Vorsprung an Wissen zur Wahrung von Macht zu nutzen, weil die Betroffenen dann bewusst klein gehalten werden. Wenn man das Wort etymologisch angeht, ist der Pädagoge jemand, der das Kind auf seinem Weg führt, begleitet und anleitet. Er fördert die Verantwortung des Betreffenden und unterstützt die Entfaltung seiner Fähigkeiten. Dazu braucht er Weisheit und Geduld, wie eine Vinzentinerin uns Seminaristen einmal sagte, als sie uns für ein Praktikum in der Katechetenausbildung in ihrer Klasse empfing: „Man zieht die Pflanzen nicht für sich heran, sondern um sie blühen zu lassen.

Haben wir nicht in Christus selber den besten Pädagogen als Vorbild, der sich auf seine Zuhörer einstellte, wie der Evangelist Markus nach einer Reihe von Gleichnissen sagt: „Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen, seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war“ (Mk 4, 34). Diese Weise des Handelns Jesu entspricht vollkommen seiner Grundhaltung, sich auf unsere menschliche Ebene einzulassen, wie der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper schreibt: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich; sein Leben war das eines Menschen“ (Phil 2, 6f). In der Zweiten Lesung aus dem Hebräerbrief haben wir Ähnliches gehört.

So hat uns unsere Betrachtung zu unserer tiefsten Wurzel geführt: zu Christus, unserem Erlöser und der Quelle unserer Sendung in der Kirche. „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2, 5), sagt Maria uns heute wie einst den Dienern in Kana.

Sie ist unsere Schutzpatronin, unsere Mutter als Mutter der Kirche. Sie wird uns - wie P. Kentenich – zur Seite stehen, damit wir dem Willen ihres Sohnes folgen.

Amen!

[Von der Deutschen Schönstattbewegung veröffentlichtes Original-Manuskript]