Arabische Emirate: "Der christliche Glaube ist ein Stück Heimat"

Interview mit Stefan Stein, von "Kirche in Not", vor kurzem von einer Informationsreise in die Region zurückgekehrt

München, (KIN) | 418 klicks

Die katholische Kirche auf der Arabischen Halbinsel besteht hauptsächlich aus Einwanderern, die vor allem aus Indien und von den Philippinen stammen. Die Pfarreien der Region sind daher ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, Traditionen und Sprachen. Stefan Stein vom weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ ist vor kurzem von einer Informationsreise in die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Kuwait zurückgekehrt. Im Interview berichtet er von den Herausforderungen der Seelsorge und der pastoralen Unterstützung durch das Hilfswerk vor Ort.

Das Gespräch führte André Stiefenhofer.

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Herr Stein, wie leben die Christen in den von Ihnen besuchten Golfstaaten?

Die Christen sind eine Minderheit in den vom Islam geprägten Gesellschaften, einheimische Christen gibt es fast gar nicht. Der hohe Ausländeranteil zeigt sich auch bei den Priestern, die meist aus Indien oder von den Philippinen kommen. Die Mehrheit der Gläubigen ist wegen der Arbeit in die arabischen Länder gezogen. Ein Großteil lebt dort alleine; ihre Ehepartner und Familien wohnen dagegen weiterhin in ihren Heimatländern. Deswegen ist die Pfarrei, aber auch der christliche Glaube ein Stück Heimat für sie.

Können die Christen ihren Glauben frei leben?

Die Pfarreigrundstücke werden den Katholiken von den jeweiligen Herrschern des Landes zur Verfügung gestellt. Auf diesem Gelände können die Priester ihren liturgischen Dienst frei ausüben und die Gläubigen einen Gottesdienst besuchen. Außerhalb ist das nicht immer möglich. Die Priester der Pfarrei in der bahrainischen Hauptstadt Manama können zum Beispiel die ausländischen Arbeiter, die häufig in eigenen Camps wohnen, besuchen und bei ihnen Gottesdienste feiern. In den Vereinigten Arabischen Emiraten geht das dagegen nicht. Mission unter Muslimen ist überall verboten.

Wie sieht das katholische Gemeindeleben in den Golfstaaten aus?

Ich habe die Pfarreien in allen vier Ländern als lebendig und vielfältig erlebt. Die Gottesdienste sind dort sehr gut besucht. An einem normalen Werktag kamen in Dubai beispielsweise rund 2000 Gläubige zusammen. Die Kirchen in den Golfstaaten sind meist größer als hierzulande, um so viele Menschen fassen zu können. Aber manchmal reicht der Platz dennoch nicht aus, so dass die Gottesdienste auch nach draußen übertragen werden. Auf Leinwänden oder großen Fernsehern kann man dann die Messen verfolgen. An einem Freitag – dem islamischen Feiertag, an dem die Kirche in diesen Ländern die Sonntagsliturgie feiert – gibt es rund 15 Gottesdienste am Tag in verschiedenen Sprachen und Riten. An einem Samstag und Sonntag sind es immerhin noch jeweils bis zu zehn Gottesdienste. In Dubai gibt es die wahrscheinlich größte Pfarrei der Welt. Es gibt zwar keine offizielle Statistik, aber der Gemeindepfarrer geht von 300 000 bis 400 000 Katholiken aus. Auch in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, oder in Manama, der Hauptstadt Bahrains, gibt es jeweils rund 100 000 Katholiken.

Das sind sehr hohe Zahlen. Wie schaffen es die Priester, die Seelsorge bei so vielen Menschen aufrechtzuerhalten?

Das ist oft nicht einfach. Jeder Priester hat am Wochenende natürlich mehrere Gottesdienste. Manche Pfarreien haben auch weit entfernte Außenstationen. Die Arbeit der Priester ist vor allem geprägt durch den sakramentalen Dienst, neben Gottesdienstfeiern kommen Taufen, Eheschließungen oder Beerdigungen hinzu. Ohne die Arbeit und das Engagement von zahlreichen Laien und Freiwilligen geht es daher nicht. Bischof Paul Hinder, der für die Länder Vereinigte Arabische Emirate, Jemen und Oman zuständig ist, sagte während unseres Besuchs treffend: "Es ist eine Kirche auf den Schultern der Laien." Ein Beispiel: In allen vier besuchten Staaten liegt die Katechese in der Hand von Freiwilligen. Sie opfern ihren freien Tag, um Kindern und Jugendlichen den Glauben zu vermitteln. Auch hier ist die Zahl enorm: Etwa 8000 treffen sich jede Woche zur Katechese in der Pfarrei St. Mary‘s in Dubai. In Abu Dhabi sind es 4000. Sie werden in unterschiedlichen Klassenstufen in mehreren Schichten nacheinander unterrichtet.

Wie ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen?

Ich kann natürlich nur die Situation in den von uns besuchten Ländern beschreiben. Zumindest dort begegnet man sich mit gegenseitigem Respekt. Natürlich wissen und merken Christen, dass sie in den muslimisch geprägten Ländern nicht zu Hause sind. Aber es gibt keine Christenverfolgung, wie man sie aus anderen arabischen Ländern kennt. Priester können auch im Alltag den Talar tragen, und viele Muslime besuchen kirchliche Schulen.

Sie haben unter anderem Katar besucht, wo im Jahr 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. In den Medien wurde von zahlreichen Toten auf den Stadien-Baustellen berichtet. Wie haben Sie die Situation der Arbeiter erlebt?

In Katar wird derzeit sehr viel gebaut. Es entstehen nicht nur Stadien für die Fußball-WM, sondern auch ein neuer Flughafen sowie ein neues Geschäfts- und Handelszentrum, das sich auf einer Länge von acht Kilometern erstreckt. Zudem werden viele neue Straßen gebaut. Die Bauarbeiter kommen so gut wie alle aus dem Ausland. Die meisten von ihnen leben in großen Wohngemeinschaften in einem Haus oder in abgeschotteten und abgelegenen Camps. Solche Lager gibt es auch in den anderen drei Staaten. Wir hatten leider keine Gelegenheit, diese zu besuchen. In Kuwait waren wir aber in einer Wohngemeinschaft von neun Arbeitern in einer ärmeren Vorstadt von Kuwait City. Sie lebten in drei Zimmern, fünf von ihnen in einem fensterlosen Raum. Für diese drei Zimmer zahlen sie umgerechnet über 500 Euro Miete im Monat. Ein Arbeiter verdient durchschnittlich zwischen 250 und 350 Euro im Monat. Davon muss er unter anderem die Miete zahlen und manchmal auch die Verpflegung, je nachdem, bei welcher Firma er angestellt ist. Mit einem Teil des Lohnes unterstützen viele Arbeiter auch ihre Familien, die sie im Heimatland zurücklassen mussten. Einmal im Jahr kann ein Arbeiter seine Familie für einen Monat besuchen, manchmal auch nur alle zwei Jahre. Der Kontakt wird über Internet oder Telefon aufrechterhalten.

Wie wird sich das Leben der Christen in der Golfregion entwickeln?

Das ist natürlich schwer vorherzusagen. Aber zwei Faktoren sind wichtig: das wirtschaftliche Wohlergehen der Staaten und ein beständiger Frieden. Bisher können die Christen in den Golfstaaten ihren Glauben innerhalb der Pfarrei frei leben. In Saudi-Arabien natürlich nicht, denn dort ist keinerlei öffentliches christliches Bekenntnis erlaubt. Aber auch dort gibt es über 1,5 Millionen Christen. Falls die vom Erdölexport geprägte Wirtschaft einbrechen und kriegerische Auseinandersetzungen in anderen muslimisch geprägten Staaten, wie zum Beispiel Syrien oder Irak, auch die Golfstaaten erreichen sollte, wären die Migranten die Ersten, die das Land verlassen müssten.

Das Christentum in der Region rund um den Persischen Golf wächst, denn immer mehr Arbeiter aus christlich geprägten Regionen kommen dorthin. Im Apostolischen Vikariat Südliches Arabien gibt es rund eine Million Christen, vor vier Jahren waren es noch etwa 700 000. In Bahrain entsteht zudem demnächst ein neues geistliches Zentrum für das Apostolische Vikariat Nördliches Arabien, das auch von "Kirche in Not" unterstützt werden soll. Hier kommen zukünftig Priester und Katecheten zu Tagungen, Gesprächen und Treffen zusammen. Außerdem wird eine neue Kathedrale mit knapp 2000 Sitzplätzen errichtet. Das hört sich für deutsche Ohren möglicherweise viel an, aber wer mit eigenen Augen gesehen hat, dass wirklich so viele Menschen in die Gottesdienste und zu den Katechesen kommen, der erkennt, dass dieser Platz tatsächlich gebraucht wird.

Was können wir in Europa für die Menschen vor Ort tun?

Begleiten Sie die Christen am Persischen Golf im Gebet. Außerdem empfehle ich jedem, der vorhat, in die Staaten am Persischen Golf zu reisen, dass er oder sie sich nicht nur im Hotel oder in Einkaufszentren aufhalten sollte. Besuchen Sie zum Beispiel in Dubai oder Abu Dhabi an einem Freitag eine der katholischen Pfarreien. Viele Leser werden sicherlich erstaunt sein über die Lebendigkeit und Freude in den Gottesdiensten und auf dem Pfarreigelände. Das erwartet man aus einem deutschen Blickwinkel vielleicht nicht unbedingt. Die Herzlichkeit der Menschen und die Freude am Glauben werden aber jeden anstecken.

Kirche in Not“ bittet um Spenden für die Unterstützung der pastoralen Arbeit auf der Arabischen Halbinsel.

Online unter: www.spendenhut.de.