„Arbeit der Kirche hat einen hohen Stellenwert!“

Österreichs Außenminister Michael Spindelegger im Interview mit dem Missio-Magazin „alle welt“

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WIEN, 14. September 2009 (ZENIT.org).- Im Interview mit „alle welt“, dem Missio-Magazin, räumt der österreichische Außenminister Michael Spindelegger der kirchlichen Entwicklungshilfe einen hohen Stellenwert ein. Auf die Kraft, die die katholische Kirche in diesem Bereich habe, müsse man sich stützen. Zudem erreiche die Kirche Menschen auf einer Ebene, die der Politik verschlossen bleibt. Die kirchliche Arbeit habe nicht nur einen äußeren Effekt, sondern auch einen inneren. Der Glauben könne durch die ihm inne wohnende Wertorientierung dazu beitragen, dass es nachhaltige Veränderungen gibt, so Spindelegger.

Für die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit, für die er als Außenminister zuständig ist, wünscht sich Spindelegger ein koordiniertes Zusammenspiel aller österreichischen Kräfte und legt das Hauptaugenmerk auf Nachhaltigkeit. Dabei stehe die Hilfe zur Selbsthilfe an erster Stelle.

Sie sind vor kurzem aus Äthiopien und Uganda nach Österreich zurückgekehrt. Was war der Anlass Ihrer viertägigen Reise?

Michael Spindelegger: Ich wollte diese Zeit des Sommers für mich nützen, um persönliche Eindrücke von der Arbeit der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit in diesen Ländern zu bekommen, die Bevölkerung vor Ort zu treffen und eine Ahnung davon zu bekommen, wie sich die von uns geförderten Projekte auf die Lebensumstände der Menschen konkret auswirken. Ich habe die jeweils zwei Tage in Äthiopien und Uganda intensiv genutzt: Ich führte nicht nur Gespräche auf politischer Ebene, sondern besuchte auch zahlreiche Projekte der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und von Nicht-Regierungs-Organisationen. Man zeigte mir diese wichtige Arbeit vor Ort. Natürlich besprach ich auch mit Politikern dieser Länder: Wie wird unsere Tätigkeit bewertet, sind wir am richtigen Weg? Das waren die Fragen, die im Zuge dieser Reise beantwortet werden sollten.

Welche Eindrücke konnten Sie mitnehmen?

Michael Spindelegger: Zum ersten Mal besuchte ich Entwicklungszusammenarbeitsprojekte in Afrika. Das war sehr eindrucksvoll: Der Eindruck der Armut, gerade in Äthiopien, lässt einen nicht kalt. Mir wurde außerdem klar, dass die Projekte, die von der ADA (Austrian Development Agency, Anm.) und vom Außenministerium gefördert werden, eine unglaubliche Verstärkung durch die Personen erfahren, die vor Ort tätig sind. Es ist wirklich großartig, was hier geleistet wird. Ich habe größte Hochachtung vor diesen Persönlichkeiten, die Jahre ihres Lebens schenken und dort verbringen, um im Dienst anderer zu stehen. Das ist ein schöner Gedanke und eine Tätigkeit, die unsere Wertschätzung verdient.

Welches Ereignis dieser Reise wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Michael Spindelegger: Was mich besonders bewegt hat, war das Projekt für Straßenkinder in Kampala, das von der Dreikönigsaktion unterstützt wird. Dort sieht man, wie auf kleinstem Raum inmitten eines Slum-Viertels in Ugandas Hauptstadt ganz wichtige Arbeit geleistet wird: nämlich den Kindern ein Heim zu geben. Das ist praktisch ein Familienersatz. Dadurch wird ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft geschenkt und eine neue Richtung für ihr Leben vorgegeben. Das ist das Entscheidende. Das hat nachhaltige Wirkung: Ich habe dort mit Jugendlichen gesprochen, die selbst als Straßenkinder aufgenommen worden waren und heute bereits in dieser Einrichtung mitarbeiten. Das beweist, dass diese Art der Hilfe etwas bewirkt.

Ihre Kinder haben ja ebenfalls an der Dreikönigsaktion als Sternsinger teilgenommen und gesammelt.

Michael Spindelegger: Ja, so ist es! Sie sind erst sieben und neun Jahre alt, aber schon zum dritten Mal mit großer Freude bei den Sternsingern dabei. In Uganda sagte ich den Mitarbeitern des Straßenkinder-Projektes, dass ich meinen Kindern zu Hause erzählen werde, wo das Geld, das sie in der Hinterbrühl mitgesammelt haben, hinfließt und dass damit Großes bewirkt wird. Es ist gut, wenn man weiß, was mit dem Geld geschieht und wie viel Gutes es tatsächlich bewirken kann.

Welche Aufgaben wird die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit künftig leisten müssen?

Michael Spindelegger: Auch künftig müssen wir besonders auf die Nachhaltigkeit der Projekte achten. Ich habe gesehen, dass wir in den beiden Ländern durch Wasseraufbereitung und Wasser-Management einiges bewirken können. In Äthiopien besuchten wir etwa ein Projekt, wo durch die einfache Aufschichtung von Steinen Wassergräben geschaffen wurden und so der Verkarstung eines gesamten Berges vorgebeugt wird. Das ist der eine Teil, nämlich auch umweltbezogen nachhaltige Strukturen zu schaffen. Auf der anderen Seite dürfen wir unser Engagement im menschlichen Sektor nicht unterschätzen und müssen es konsequent fortsetzen: also in Richtung Straßenkinder-Projekte und Hilfsprojekte für Aids-Erkrankte und Behinderte, die man konkret fördern muss.

Es ist wichtig, dass wir diesen Beitrag leisten, auch wenn uns klar ist, dass er keine Wunder bewirken kann. Weiters müssen wir die Zusammenarbeit mit den NGOs verstärken, weil dort viel Erfahrung liegt, wie man wirklich etwas bewirken kann. Als Politiker, als Ressortleiter der Entwicklungszusammenarbeit möchte ich gerade durch Besuche bei Projekten vor Ort die Wertschätzung zum Ausdruck bringen, die wir insgesamt als Bundesregierung dieser wichtigen Arbeit zuteil werden lassen.

Werden also die Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit in absehbarer Zeit erhöht werden?

Michael Spindelegger: Wir müssen weiterhin die Entwicklungsziele konsequent verfolgen. Allerdings ist es gerade während der Wirtschaftskrise kaum möglich, mehr Geld für Entwicklungszusammenarbeit aufzustellen. Dennoch ist für uns die Zielrichtung absolut klar: Jetzt muss zumindest das Niveau der finanziellen Unterstützung gehalten werden. Nach der Wirtschaftskrise soll es natürlich wieder in Richtung Erhöhung der finanziellen Mittel gehen.

Bewirkt Entwicklungshilfe überhaupt etwas?

Michael Spindelegger: Ich habe es selbst gesehen: Sie bewirkt sehr wohl etwas. Jeden Zweifler lade ich ein, sich selbst ein Bild zu machen. Die Frage allerdings, wie man Entwicklungszusammenarbeit besser strukturieren könnte, bleibt bestehen: Wie schafft man Kohärenz, ein gelungenes Zusammenspiel der verschiedenen österreichischen Tätigkeiten und Akteure in diesem Bereich? Weiters müssen wir den Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ bei allen Projekten auch weiterhin sicher stellen. Es hat wenig Sinn, wenn wir etwas vor Ort für den Augenblick bewerkstelligen, das sich aber dann, wenn die Entwicklungshilfe nicht mehr wirkt, auflöst. Dass Entwicklungszusammenarbeit aber tatsächlich etwas bringt, sieht man vor allem auf lokaler Ebene, etwa wenn einem Dorf ein Brunnen finanziert wurde. Vorher mussten die Menschen kilometerweit gehen, um Wasser zu schöpfen, nun fließt Wasser direkt vor der Haustüre. Die Bewohner haben die Bedeutung dieser Hilfe sehr schön in Worte gefasst: „Sie brachten uns Leben“.

Welche Rolle spielt die katholische Kirche in der Entwicklungszusammenarbeit?

Michael Spindelegger: Ich habe vor Ort gesehen, dass ihre Arbeit einen hohen Stellenwert hat. Ich glaube, dass wir uns auch auf die Kraft, die die katholische Kirche in diesem Bereich hat, stützen müssen. Gerade in Äthiopien und Uganda gibt es einen großen Anteil an Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekennen. Deshalb hat die Kirche hier auch eine besondere Möglichkeit, diese Menschen auf einer Ebene zu erreichen, die der Politik verschlossen bleibt. Die kirchliche Arbeit hat nicht nur einen äußeren Effekt, sondern auch einen inneren. Der Glauben kann durch die ihm inne wohnende Wertorientierung dazu beitragen, dass es nachhaltige Veränderungen gibt.

[Das Interview führte Andreas Thonhauser, verantwortlicher Redakteur von „alle welt“, dem Missio-Magazin]