Archäologie ohne Spaten

Rom hatte den größten künstlicher Hafen der Antike

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 505 klicks

Fasane aus Kolchis, lieblicher Honigwein aus Chios, milder weißer Pfeffer aus Indien, Datteln aus Mauretanien und Garum, die beliebte Fischsoße, aus Spanien. Die Liste an Luxusgütern ließe sich beliebig fortsetzen. Roms reiche Patrizierfamilien wetteiferten einst mit Speisen auf ihren Banketten, die aus den entlegensten Ecken des römischen Reiches herbeigeschafft wurden. Mit dem Vorstoß der Legionen in die hellenistische Welt des östlichen Mittelmeeres schwappte regelrecht eine griechisch geprägte Orientmode in die Hauptstadt. Die vornehme Oberschicht gab sich „globalisiert“. Aber nicht nur Luxuswaren, sondern vor allem Grundnahrungsmittel und Baumaterialien wurden in der Metropole benötigt, die bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert auf eine Million Einwohner anschwoll und an chronischer Güterknappheit litt. So verteilte der Staat regelmäßig an große Teile der verarmten Stadtplebs Getreidespenden und überwachte auch die Getreideimporte und -preise.

Ostia Antica als erster Hafen Roms

Nicht über Land, sondern über den schnelleren und sicheren Seeweg wurden Gemüse, Korn, Fleisch und Fisch, Parfüm, Seide, Marmor, wertvolle Metalle und Hölzer, Olivenöl und vieles anderes nach Rom transportiert. Die Stadt ist über den 25 km langen Tiberlauf mit dem Meer verbunden. Der erste Hafen von Rom ist das heutige Ostia Antica. Er wurde entlang der geschützten Flussmündung angelegt und nicht an der offenen Meeresküste. Die Waren wurden auf kleine Schiffe oder Flöße umgeladen und flussaufwärts nach Rom getreidelt.

Die Stadtentwickelte sich aus einem Castrum, das 348 v. Chr. zum Schutz der älteren Salinenbauern von Rom aus dorthin verlegt wurde. Der Salzhandel war ein begehrtes Geschäft mit dem Hinterland. Ostia stieg Ende der Republik zum wichtigen Umschlagplatz für Waren aus dem gesamten Mittelmeerraum auf. Es spiegelt den Aufstieg Roms zur Weltmacht wieder, denn die Hafenstadt wurde zu einem blühenden Gemeinwesen mit über 50.000 Bürgern, das sich aus einem bunten Völkergemisch vor allem aus dem griechischen Kleinasien und Nordafrika zusammensetzte.

Die 1,7 km lange, sich entlang des alten Tiberbetts schmiegende Stadt, wo der hl. Augustinus kurze Zeit lebte und seine Mutter, die hl. Monika, im Jahr 387 n. Chr. starb, wurde in der Spätantike verlassen. Durch Versandung der Zone haben sich viele Gebäude erhalten, die zum größten Teil erst im 20. Jahrhundert freigelegt wurden. Die ersten systematischen Ausgrabungen und Gründung eines Museums vor Ort sind allerdings schon Pius VII. und Pius IX. im 19. Jahrhundert zu verdanken. Heute ist die weitläufige Ausgrabungsstätte von einem romantischen Pinienhain umgeben und unter staatlicher Verwaltung. Wie auch Pompeji weist Ostia alle Charakteristika einer römischen Stadtanlage auf: Forum mit Kapitolstempel, Handelsplatz, Theater, Thermen, Geschäfte, Werkstätten und Wohnhäuser vermitteln eine gute Vorstellung von dem Leben in einer römischen Stadt der damaligen Zeit. Archäologen und Bauforscher konnten sogar ihre Kenntnisse zur antiken Wohnkultur über die für Ostia typischen insulae, mehrstöckige Mietskasernen ergänzen. Denn diese gibt es nicht in den gut erhaltenen Vesuvstädten wie Pompeji, wo die domus, das „Einfamilienhaus“ vorherrscht, anders als in der der schnell wachsenden Riesenmetropole Rom, wo antike Autoren auch von siebenstöckigen Häuserblocks berichten. Ostias Wohnhäuser vermitteln also eine Vorstellung von den nicht mehr erhaltenen Quartieren in Rom.

Von den Anlegestellen am Tiberufer ist heute hingegen so gut wie nichts mehr zu sehen, da der Fluss seinen Lauf mehrfach verlagert hat. Außerdem ist er um eine ganze Schleife seit dem 16. Jahrhundert verkürzt. Insofern hat der moderne Besucher von Ostia Schwierigkeiten, sich den einstigen regen Schiffsverkehr vor dem nördlichen Rand der Bebauung vorzustellen.

Portus als Hafen für Großfrachter in der Kaiserzeit

Was die meisten Rom-Reisenden nicht wissen, wenn sie in Fiumicino landen, dem in Meeresnähe gelegenen Flughafen: dass sich nur wenige hundert Meter davon entfernt der größte künstliche Hafen der alten Welt befindet! Er ist durch Verlandung, - ein Prozeß, der weiterhin anhält – vom heutigen Meeressaum um zwei Kilometer abgerückt und von einer Schlammschicht bedeckt, aus der durch wenige niedrige Mauerzüge herausstaken. Touristisch aufbereitet wurden nur ein paar Schiffsfunde, die in einem unansehnlichen Museumsbau gleich hinter der Flughafenausfahrt ausgestellt sind.

Dieser als Portus Augusti bezeichnete Hafen stellte mit insgesamt über 100 Hektar stellte eine gewaltige Ingenieurleistung dar, die in den Dimensionen sogar den von Alexandrien übertrumpfte. Schon lange war die Tibermündung wegen der Sandablagerung zu schmal und nicht tief genug für die großen Corbita-Getreidefrachter aus Ägypten, die 8,5 m Tiefgang und Tragfähigkeit bis 300 Tonnen hatten. Diese mussten Puteoli (heutige Pozzuoli) bei Neapel ansteuern. Es musste also ein neuer Meereshafen her. Da jedoch die sandige flachabfallende Küste vor Rom keine natürlichen, windgeschützten Einbuchtungen bot, konnten die Becken nur künstlich ausgehoben werden. Man wählte als Stelle einen kleinen Nebenarm des Tibers, der vier Kilometer nördlich von Ostia ins Meer mündete.

Portus besteht aus zwei Teilen: einem älteren, größeren, unter Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) gebauten Hafen, der mit seinen weit ins Meer hineinreichenden zangenartigen Molen 69 Hektar umschloß und in dem die bis zu 70 Meter langen Schiffe bequem vor Anker gehen konnten. Ein Leuchtturm wies den Schiffen die Einfahrt. Als Fundament diente das mit Steinen versenkte Schiff, das zuvor zum Transport des Obelisken diente, der heute den Petersplatz schmückt.

Weil die Molen nicht gegen die kräftigen Südwestwinde ausreichend Schutz boten, hat Kaiser Trajan später ein weiteres, kleineres Becken landeinwärts von seinem berühmten syrischen Hofarchitekten Apollodor von Damaskus anlegen lassen (100-112 n. Chr.). Für das immerhin knapp 33 Hektar große sechseckige Becken, vergleichbar mit der Fläche von 44 Fußballplätzen, musste der Sand und Schlamm eigens mit Schaufeln abgetragen werden. Dieses hexagonale Becken mit einem Durchmesser von über 700 Metern ist heute noch unmittelbar südlich des Flughafengebäudes als eine Art künstlicher See, der lago Traiano, zu sehen. Entlang der Kaimauern lagen Speicher, Docks und eine Werft. Neben dem Kaiserpalast, der dem Herrscher Unterkunftsmöglichkeit nach langen Schiffsreisen bot, entdeckte man 2009 gar ein Amphitheater für private Aufführungen.

Über einen gegrabenen Kanal (Canale di Fiumicino) und eine Straße (via Flavia) war eine Verbindung zwischen diesem Meereshafen und der alten Handelsstadt Ostia hergestellt. Bald intensivierte Portus seinen Warenverkehr direkt mit Rom, indem ein weiterer Kanal zum Tiber in Stadtrichtung gegraben wurde. Somit konnten vor allem die schweren Baumaterialien wie Obelisken oder Granitsäulen ohne Umwege zu den zahlreichen Bauhütten in der Metropole befördert werden. Anfangs nur als Stadtteil Ostias betrachtet, entwickelte sich Portus zu einem eigenen Zentrum mit 30.000-40.000 Einwohnern, das Ostia schließlich Konkurrenz machte. Portus wurde sogar kurz nach Ostia eigener Bischofssitz. Noch heute zeugt die frühchristliche Kirche Sant‘ Ippolito von der Bedeutung einer autonomen christlichen Gemeinde. Nachdem Kaiser Konstantin Portus 314 zur colonia erhob, überlebte sie Ostia sogar bis ins frühe Mittelalter. Ostia war wirtschaftlich geschwächt und konnte sich nicht gegen Plünderungen der vorbeiziehenden Vandalen und Goten erwehren. Im 5. Jahrhundert war Ostia praktisch bereits verlassen.

Neue Forschungsergebnisse mithilfe von Magnetometrie

Flächendeckende Grabungen im Bereich des alten Seehafens Portus und der vom Canale Fiumicino und Ostia Antica begrenzten „Landinsel“, die sogenannte Isola Sacra, sind nicht möglich. Ein Großteil des Gebietes ist in Privatbesitz oder wurde überbaut. Stattdessen haben sich 1997 deutsche, englische und italienische Archäologen, Geodäten und Geophysiker unter Federführung der British School at Rome zu dem multidisziplinären Tiber Valley Project zusammengeschlossen. Kern des Projekts ist eine großflächige Untersuchung des verschütteten Hafens mittels verschiedener nichtinvasiver Methoden. Die Basis schuf ein systematischer topographischer Survey sowie geophysikalische Prospektionen mithilfe von Magnetometrie, Georadar und Luftbildaufnahmen. Die Technik der Magnetometrie detektiert lokale Anomalien des Erdmagnetfeldes, zum Beispiel unter dem Erdreich verborgene Mauerzüge. Die Messdaten werden nach der Verarbeitung und Filterung mit einer Software optisch in 256 Graustufen oder auch in kolorierten 3D Projektionen dargestellt. Die Magnetometrie ist heute die effektivste zerstörungsfreie geophysikalische Methode der modernen Archäologie. Sie weist dem Archäologen den Weg. Der traditionelle Spaten wird in Zukunft nur noch ganz gezielt und punktuell zur Überprüfung der durch die Magnetogramme lokalisierten Funde oder Bergung derselben eingesetzt.

Entdeckt wurden dabei einige bisher unbekannte Anlagen und Gebäude, wie der künstliche Kanal im Norden des Hafens, der zur Ableitung des Tiberhochwassers diente, ein weiterer Kanal zur Umladung der Waren von See- auf Flussschiffe, ein orthogonal organisiertes Wohn- und Lagerviertel sowie ein eigener Aquädukt zur Trinkwasserversorgung der Hafenarbeiter und –bewohner. Auch konnte nachgewiesen werden, dass der ältere Claudius-Hafen nicht durch den Bau des Trajans-Hafens an Funktion einbüßte. Das spätere hexagonale Becken führte nur zu einer deutlichen Effizienzsteigerung von Portus. In der Tat erfolgte erst dann die Verlegung der alexandrinischen Getreideflotte von Puteoli nach Portus.

Ostia weitaus größer als Pompeji

Der spektakulärste Fund wurde jedoch in Ostia Antica selbst gemacht und erst im vergangenen April der Öffentlichkeit in einem Symposium im römischen Palazzo Massimo vorgestellt. Man entdeckte, dass die Stadtbebauung sich nördlich des Flussufers über ein Areal von 70.000 qm fortsetzte. Damit vergrößert sich die bekannte Stadtfläche um 45 Prozent! Das bedeutet, dass Ostia sehr viel größer und damit auch bedeutender war als ursprünglich angenommen. Bisher hielt man den Tiber für die nördliche Begrenzung der Stadt. Hingegen fand man auf der nördlichen Uferseite eine 540 Meter lange Stadtmauer mit Türmen. Ferner wurden vier riesige Speicher von 110x142 Meter Seitenlänge nachgewiesen, die alle bisher bekannten Dimensionen übertreffen. Ein doppelter Säulengang legt nahe, dass die Zone nördlich des Ufers nicht nur als Material- und Lebensmittellager benutzt wurde. Es werden sich dort auch repräsentative Bauten befunden haben.

„Ostia war damit eine der wichtigsten Städte des Mittelmeeres und auf jeden Fall größer als Pompeji. Die Archäologen werden ein Stück neue Geschichte schreiben dürfen“, resümierte Prof. Fausto Zevi.