Argumente wie reine Poesie

Doppelwerk des Athanasius von Alexandria neu übersetzt

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Von Ilka Scheidgen



WÜRZBURG, 31. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Im „Verlag der Weltreligionen" aus dem Hause Suhrkamp ist jetzt das große theologische Doppelwerk „Gegen die Heiden" und „Über die Menschwerdung des Wortes Gottes" des frühen Kirchenlehrers Athanasius von Alexandria erschienen.

Aus dem Griechischen übersetzt und herausgegeben wurde es von der Theologin Uta Heil (geboren 1966), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Ältere Kirchengeschichte der Universität Erlangen. Die nunmehr dritte Edition des Verlages lädt wiederum ein, fremde und die eigene Religion aus authentischen Schriften besser kennen zu lernen und zu verstehen. Mag die Neugier auf das Fremde für manche im Vordergrund stehen, so besteht - gerade auch für den Nicht-Theologen - in den wissenschaftlich profunde kommentierten Ausgaben, die Möglichkeit, Gewinn zu ziehen aus der Beschäftigung mit frühen christlichen Schriften wie diesen von Athanasius. Mich als theologischen Laien hat eine Textprobe aus dem Verlagskatalog auf den Kirchenvater des vierten Jahrhunderts neugierig gemacht. „Wenn sie nun sagen: Warum erschien er (Christus) denn nicht in anderen schöneren Teilen der Schöpfung, und warum hat er sich denn nicht eines herrlicheren Werkzeuges, etwa der Sonne, des Mondes, der Sterne, des Feuers oder des Äthers bedient, sondern nur eines Menschen, so mögen sie wissen, dass der Herr nicht gekommen ist, um zu prahlen, sondern um die Leidenden zu heilen und zu lehren."

Athanasius wurde um 298 in Alexandria geboren, wo er 373 starb, nachdem er aufgrund seiner leidenschaftlichen Fehde gegen den Arianismus mindestens fünfmal verbannt worden war. Er lebte in einer kirchengeschichtlichen Umbruchzeit, in der erstmals Christen nicht mehr vornehmlich verfolgt wurden, sondern mit der konstantinischen Wende ihre Religion zunächst geduldet, später sogar zur Staatsreligion wurde.

Aus seinen beiden Hauptwerken erkennt man Athanasius als einen hochgebildeten Mann, der sich in den griechischen Werken eines Homer, Platon und Aristoteles bestens auskennt. Gerade diese seine Kenntnis befähigt ihn in seiner Abhandlung „Gegen die Heiden" zu scharfer, pointierter Beweisführung, weshalb die alten Götter obsolet geworden sind. In einzelnen, logisch aufeinander folgenden Schritten und mit einer fast liebenswerten Polemik zerpflückt er die Ideen der „ach so hoch geschätzten" Dichter und Philosophen: „Und hätten doch auch die Botschafter und Propheten solch falscher Götter, ich meine die Dichter und Schriftsteller, sie einfach nur als Götter vermerkt! Doch nein, sie haben auch ihre Handlungen zum Erweis ihrer Ungöttlichkeit und ihres schändlichen Treibens beschrieben (...) So klagen sie nur sich selber an, dass sie nicht einmal von ehrenwerten Menschen, geschweige denn von Göttern reden, vielmehr von schändlichen und dem Guten fernab stehenden Wesen fabeln." Aber nicht nur den fabulierten Göttern und von Menschen gefertigten Götzenbildern erteilt der gelehrte Athanasius argumentativ eine Absage, sondern auch jenen, die die Natur als Gott verehren.

Eine Säule der Kirche ist, wer so begründen kann

Wiederum setzt er auf Analyse und Gegenbeweis. „Ehe wir nachsehen und den Beweisgang antreten, mag laut genug die Schöpfung selbst ihre Stimme gegen sie erheben und zeigen, dass ihr Schöpfer und Baumeister Gott ist, ihr und des Weltalls Herrscher, der Vater unseres Herrn Jesus Christus." Denn, so führt er weiter aus, weder die Teile, noch auch das Ganze, zusammengesetzt aus seinen Bestandteilen, ist mit Gott gleich zu setzen, was manche „Pseudophilosophen" behaupten. Athanasius in seinen Argumentationen zu folgen, ist nicht nur ein intellektuelles Vergnügen, sondern streckenweise auch reine Poesie. „Denn wenn es von Gott heißt, dass er ganz bedürfnislos sei, sich selbst genüge und von sich selbst erfüllt sei und dass in ihm alles bestehe, ja, dass er mehr noch allem das Dasein gebe, wie darf man dann Sonne und Mond und die anderen Teile der Schöpfung, die nicht so beschaffen sind, sondern wechselseitige Hilfe benötigen, Götter nennen? (...) Aber das ist von den Vorstellungen, die wir von Gott haben, himmelweit entfernt. Denn Gott ist ein Ganzes und hat keine Teile."

Athanasius wurde zu Recht schon zu Lebzeiten „Säule der Kirche" genannt. Mit seinem profunden Werk „Über die Menschwerdung des Wortes Gottes" knüpft er an Überlegungen des vorherigen Werkes an, indem er sich speziell der Gegenwart Gottes in der Geschichte zuwendet und die christliche Glaubenslehre begründet. Auch in dieser Apologie der Göttlichkeit des menschgewordenen Wortes bedient sich Athanasius eines konsequent logisch-analytischen Verfahrens, um auch schon in dieser Schrift wie dann später in der Abhandlung „Über die Beschlüsse der Synode von Nizäa" (ebenfalls in der vorliegenden Ausgabe vorhanden) gegen die Ansicht und Lehre des Arius, Jesus Christus sei vom Vater geschaffen und deshalb nicht von Anfang an existent, sondern ihm nachgeordnet, zu argumentieren. Diese Lehre hatte damals viele Anhänger, auch unter den Herrschern Konstantin I. und seinen Söhnen, wodurch Athanasius mehrfach in die Verbannung, u. a. nach Trier und nach Rom, geschickt wurde. Letzten Endes konnte er sich aber durchsetzen. Auf der Synode von Nizäa im Jahre 325 wurde der Grundstein gelegt für das nizäische Glaubensbekenntnis, das noch heute für alle christlichen Kirchen gilt. Auf Athanasius gehen auch die später kanonisierten 27 Bücher des Neuen Testaments zurück.

Fragen der Evolution werden vorweggenommen

Mit manchen Überlegungen des Athanasius fühlt man sich geradezu in die Diskussionen der Jetztzeit hineinversetzt. „Die Gründung der Welt und die Erschaffung aller Dinge haben viele unterschiedlich aufgefasst, und ein jeder hat, wie er gerade wollte, eine Erklärung dafür gegeben. Die einen behaupten, alles sei von selbst und durch Zufall entstanden, so die Epikureer." Auch was der „große Plato" behauptet, dass nämlich Gott das Weltall aus einer bereits vorhandenen Materie geschaffen habe, führt Athanasius ad absurdum: „Er kann überhaupt nicht Schöpfer genannt werden, wenn er nicht auch den Stoff schafft, aus dem das Geschaffene geworden ist."

Zu den eindringlichsten Passagen des Buches gehören diejenigen, in denen Athanasius von der Güte Gottes spricht, die seine Schöpfung und insbesondere den Menschen nicht dem Untergang, der Sterblichkeit überlassen will und kann. Denn: „Wozu dann auch ihre Schöpfung im Anfang? Sie wären dann besser gar nicht erst entstanden (...) So durfte er also die Menschen nicht dem Verderben überlassen, weil das absurd und der Güte Gottes unwürdig gewesen wäre."

Und so begründet Athanasius auch, warum nur Gottes Sohn, sein Wort, durch seine Menschwerdung, sein Sterben am Kreuz und seine Auferstehung die Menschen aus der Sterblichkeit zurück in die vom Ursprung her für sie vorgesehene Unsterblichkeit führen konnte. „Als aber der Mensch erschaffen war und das Bedürfnis eintrat, nicht das Nichtseiende, sondern das schon Existierende zu heilen, da lag es nahe, dass der Arzt und Erlöser in dem bereits Geschaffenen erschien, um auch das Existierende zu heilen. Deshalb ist er also Mensch geworden und hat den Körper als menschliches Instrument gebraucht."

Die Theologin Uta Heil ist als Mitherausgeberin der kritischen Edition der Werke des Athanasius ausgewiesene Kennerin der Materie und ermöglicht auch dem nicht theologisch geschulten Leser in einem mehr als hundertseitigen Kommentar, die Schriften in den zeit- und religionsgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Neben einer Einführung und tabellarischen Zeittafel über Leben und Werke des Athanasius, eine ausführliche Kommentierung der Bücher im Ganzen und einzelner Stellen insbesondere findet man als zunehmend interessierter Leser auch ein Literaturverzeichnis an die Hand gegeben. Ganz besonders ist es aber wohl ihrer ausgezeichneten Übersetzung zu verdanken, dass man mit einer solchen Freude auch an der Sprache dieses bedeutsamen Kirchenlehrers und Bischofs aus der Frühzeit des Christentums sich in Gedankengänge vertiefen kann, die im Laufe eines Lebens oft zur formelhaften Routine gelangt sind. Auch dies ist unzweifelhaft ein Verdienst einer solchen Herausgabe.

[Athanasius von Alexandria: Gegen die Heiden. Über die Menschwerdung des Wortes Gottes. Verlag der Weltreligionen, Frankfurt 2008, 326 Seiten, EUR 26; © Die Tagespost vom 29. Januar 2009]