Aristoteles: Metaphysik. Das Seiende

Von Horst Seidl

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WÜRZBURG, 21. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die traditionelle Metaphysik war in der Neuzeit zunächst mehr in Form der Lehre Platons (427–347 v. Chr.) von den zwei Welten bekannt, der Sinnesdinge und der Ideen, ihrer Wesenheiten, und wurde seit Kant durch die Kritik an den Ideen als bloßen Gedanken ohne Realität, abgelehnt. Aber auch Aristoteles (384–322 v. Chr.), der die Wesenheiten der Dinge nicht, wie Platon, von den Dingen trennte, sondern in ihnen annahm und von den Dingen als „Seiendem“ ausging, wurde der Kritik unterzogen, weil es seit Kant nicht mehr möglich war, in der Philosophie unkritisch vom realen Seienden zu sprechen. Neukantianer wie auch Neuthomisten, die Kants Kritik ernst nahmen und sich teils um einen „kritischen Realismus“, teils um eine kritische Metaphysik bemühten, rangen mit dem Problem des Realismus.



In der Tat gründet sich die aristotelische Metaphysik auf einem unmittelbaren Realismus: Er gibt den Dingen (latein.: res) vor unserer Erkenntnis den Vorrang, die von den Dingen bestimmt wird. Er ist unmittelbar, unreflektiert, weil der Vernunft das Sein, als schlichtes Dasein und Etwas-Sein der Dinge, unmittelbar bewusst ist. Diesen Sachverhalt hat Aristoteles in den Zweiten Analytiken – seiner Lehre von der Erkenntnis – erstmals herausgestellt durch die Reflexion auf jene Voraussetzung, die allem Erkenntniserwerb zugrunde liegt. Sie führt zum schlichten Dasein und Etwas-Sein der Dinge, wie auch des Subjekts, der Vernunft selbst, und thematisiert so den Gegenstand der Metaphysik: alle Dinge „als Seiendes“.

Thomas von Aquin hat, Aristoteles folgend, diese Lehre aufgenommen, wenn er feststellt: „Das Seiende ist das Bekannteste (ens est notissimum)“. In unserer Zeit ist sie öfters als naiv oder als „oberflächliche Seinsmeinung“ (Heidegger) kritisiert worden, jedoch aus Unkenntnis der Quellentexte bei Aristoteles und Thomas. Indes, verschieden von allem Erkannten (cognitum), oder Gemeinten, ist das „Bekannte“ (notum) ein schlichtes Bewusstes, dem ein Mitwissen (syneidesis, conscientia), also das natürliche Realitäts-Bewusstsein entspricht, in dem wir täglich leben. Daher sagt jener aristotelisch-thomistische Lehrsatz vom Seienden als Erstbekanntem zwar aus, dass wir ein unmittelbares, „naives“ („natürliches“) Seins-Bewusstsein haben. Aber die Aussage selbst ist nicht naiv, sondern Ergebnis einer tiefen erkenntnistheoretischen Reflexion. Dies ist den modernen Kritikern entgangen.

Aristoteles kennzeichnet die „Erste Philosophie“ in seiner (später „Metaphysik“ genannten) Schrift, die aus vierzehn „Büchern“ besteht, als „Weisheit“ (sophia), weil diese nach antikem Verständnis eine Einsicht in die ersten Ursachen war, wovon alle Dinge abhängen, und worauf sie als ihre Einheit stiftenden Prinzipien bezogen sind, Metaphysica, Buch I, 1–2. Diese Einsicht ist von größter Allgemeinheit und Abstraktheit, weil am weitesten vom sinnlich Wahrnehmbaren entfernt. Je allgemeiner, abstrakter die Erkenntnis, desto tiefer dringt sie in das Wesen der konkreten Dinge ein, das in ihren konstitutiven Ursachen liegt. Aristoteles kennzeichnet diese Weisheit als „theoretische“ – einer kontemplativen Lebensweise, die auf keinen praktischen Nutzen abzielt, somit auch als „freie“ (vgl. die später hiernach bezeichneten artes liberales) und als „göttlich“, weil die höchste Ursache Gott ist, an dessen Erkenntnis sie Anteil gewinnt. Nach der Aussage am Beginn des Buches, dass „alle Menschen von Natur nach Wissen streben“, ist der Mensch in seinem Wesen ein philosophischer, also theoretischer.

In „Metaphysik“ Buch IV und VI führt Aristoteles als Gegenstand der Metaphysik „das Seiende als solches“ ein und vergleicht es mit den Einzelwissenschaften. Dabei bezieht er sich auf seine Wissenschaftstheorie der „Analytica posteriora“. Dass jede Wissenschaft einen bestimmten Gegenstandsbereich hat und auf die Erforschung seiner Ursachen geht, um aus ihnen die Verhältnisse in diesem Bereich erklären zu können, hat der Sohn eines Arztes aus der Medizin gelernt, aus welcher er an vielen Stellen Beispiele anführt; ferner auch aus der Astronomie und der Tierkunde. Er selbst betrieb botanische und zoologische Studien. Die Metaphysik hat einerseits mit den anderen Wissenschaften dies strukturell gemein, dass sie zu ihrem Gegenstand, dem Seienden als solchen, seine Ursachen erforscht, nämlich für das Sein und Sosein der Dinge. Andererseits unterscheidet sie sich von den anderen Wissenschaften dadurch, dass diese für ihre Gegenstände deren Sein und Sosein (wie selbstverständlich, evident) voraussetzen, während nun die Metaphysik diese Voraussetzung der anderen Wissenschaften im „Seienden als solchen“ thematisiert und zu seinem Gegenstand macht.

Kant hat im Vorwort der „Kritik der reinen Vernunft“ (2. Auflage), bei seiner Kritik an der Metaphysik diese ebenfalls mit den anderen Wissenschaften verglichen, besonders mit den Naturwissenschaften, und festgestellt: Während die letzteren „den sicheren Gang einer Wissenschaft“ genommen hätten, und zwar (durch das Experiment) vom empirisch Gegebenen ausgehend, habe die Metaphysik keinen Fortschritt genommen, sondern sei nur auf der Stelle getreten, mit Spiegelfechterei in bloßen Begriffen. Indes, aus Aristoteles Text ergibt sich uns, dass die Metaphysik auf dieselben empirischen Dinge bezogen ist, welche materiale Gegenstände der Einzelwissenschaften sind, die nun aber ihrem formalen Sein nach von der Metaphysik betrachtet werden. Was den fehlenden Fortschritt der Metaphysik betrifft, so ist dies kein Mangel, sondern ihr Vorzug, da sie ja auf das Sein der Dinge als auf die Voraussetzung allen Erkenntnis-Fortschritts bezogen ist und deshalb nicht wiederum einen Fortschritt zeitigen kann.

Von den einleitenden Metaphysik-Büchern I–VI stellt das Buch IV die Frage, wie eine einzige Wissenschaft von allen Dingen handeln könne, da doch jede Wissenschaft als Gegenstand nur je eine Gattung des Realen hat, und gelangt zu der genialen Entdeckung, dass das Seiende keine Gattung ist. Wir erleben hier den Beginn der klassischen Lehre von den Transzendentalien (welche die Gattungen übersteigen: transcendunt genera) und der Analogie des Seienden. Während nämlich das gattungsmäßige Allgemeine nur Instanzen von derselben Wesenheit fasst, schließt das Seiende alle Dinge ein, trotz ihrer wesensmäßigen Verschiedenheit. Die Lösung des Problems ist die, dass beim Seienden die wesensverschiedenen Instanzen in einer Unter- und Überordnung zueinander stehen, so dass die niedrigeren sich zu den höheren wie die verursachten Instanzen zu ihren ursächlichen verhalten. Die Allgemeinheit des Seienden ist also eine „analoge“, in der proportionalen (verhältnismäßigen) Hinordnung der niedrigeren Instanzen auf eine je höhere, ursächliche und schließlich erste Instanz.

Die Metaphysik-Bücher VII–IX handeln vom ersten Seienden, der „Seiendheit“ (griech. ousia), die sowohl die Substanz, das bestimmte Einzelding, bedeuten kann, als auch dessen substanzielle Wesenheit, mit den konstitutiven Ursachen, nämlich Materie- und Formursache, wodurch jedes Ding spezifisch das ist, was es ist. Diese sind bei den Lebewesen der Leib und die Seele als ihr Lebensprinzip. Buch IX kennzeichnet Materie- und Formursache als Potenz und Akt, (ontologisch) als zwei Seinsweisen, mit denen Aristoteles die Bewegung sowie die Entstehung und jede Veränderung der Dinge als Übergang vom potenziellen zum aktuellen Sein bestimmt. Während im Entstehen die Potenz (Möglichkeit) dem Akt (Wirklichkeit) vorhergeht, hat in der ontologischen Ordnung der Akt den Vorrang; denn damit etwas entstehen kann, muss immer schon etwas sein, nämlich erste Ursachen.

Der wichtige Grundsatz führt in Buch XII zum Beweisschluss auf eine erste, transzendente Ursache, von der alle Dinge in ihrem verursachten Sein (=Existieren) abhängen, und die selber reiner (ursächlicher) Seinsakt ist. In Analogie zur menschlichen Vernunft, die substanziell, immateriell und immer in Akt ist (s. „De anima“, III 4–5), bestimmt Aristoteles in diesem Buch, das er auch das „theologische“ nennt, diese erste Ursache als reine Vernunft-Aktualität und identifiziert sie mit dem religiös verehrten Gott.

[Aristoteles: Metaphysik. 2 Bände, die Bücher I–VI und VII–XIV, herausgegeben von Horst Seidl, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1989, zusammen EUR 54,60; Teil 3 der Serie „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“; © Die Tagespost vom 15. Dezember 2007]