Arm im Geiste

Priestererlebnis von Gerardo Diaz Molina, Kolumbien

Wien, (ZENIT.org100Wunder) | 488 klicks

Eines Tages, ich war schon fünf Jahre lang Priester, zelebrierte ich die 11 Uhr-Messe im Wallfahrtsort ‚Maria Hilf‘, in der Stadt Sabaneta, die zur Erzdiözese Medellín gehört. Während der heiligen Messe bemerkte ich einen Mann in sehr ärmlicher Kleidung: Er war schmutzig, übelriechend und hatte einen gequälten Gesichtsausdruck.

Nach dem Gottesdienst kam er auf mich zu und fragte mich: „Padre, können Sie mir die Beichte abnehmen?“ Ich war sehr überrascht über seine unerwartete Bitte. Sofort erwiderte ich: „Sicher, mein Freund, geh schon mal zum Beichtstuhl, ich komme gleich nach.“

Im Beichtstuhl kniete er sich vor mir nieder und ich legte ihm zu Beginn eine Hand auf die Schulter. Es war ein unangenehmes Gefühl: Sein Hemd war rau, fettig, schmutzig, verschwitzt und verklebt. Aufgrund meiner Geste schaute er mich ganz überrascht an. Da entfuhr es mir: „Was hast du?“ – „Padre, schon seit langer Zeit hat mich niemand mehr berührt.“

Er beichtete, dann legte ich meine Hände auf seinen Kopf und gab ihm die Lossprechung. Da weinte er und schaute mich erstaunt an, weil ich ihn beim Segen noch einmal berührt hatte. Darauf sagte ich zu ihm: „Gott segne dich, lieber Freund. Ich möchte dir gerne etwas schenken, habe aber nichts anderes als diese U-Bahn-Karte. Ich weiß nicht, ob du sie gebrauchen kannst.“ Da antwortete er mir: „Padre, das macht nichts. Heute haben Sie mich gesegnet, und das war für mich das berührendste und wichtigste Ereignis meines Lebens.“

Diese Begebenheit hat mir zu verstehen gegeben, dass man seine Mitmenschen wegen ihrer Art, sich zu kleiden weder geringschätzen noch verurteilen darf. Es ist wichtig und etwas Wunderbares, alle Menschen willkommen zu heißen, vor allem, wenn sie arm sind.

Was wir dabei insbesondere begreifen sollten, ist, dass die wahre Armut nicht die materielle, sondern die geistige Armut ist. In diesem Sinne ist die Gnade Gottes das Größte, was einem gewährt werden kann. Als dieser arme Mann die Lossprechung und den Segen erhalten hatte, waren seine Kleider zwar immer noch schwarz vor Schmutz, aber die Herrlichkeit der Gnade Gottes hatte sein Gesicht und sein Herz aufgehellt und ließ es strahlen und leuchten.

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