Armut geht uns alle an - Eine Plakat- und Mailaktion zur Fastenzeit

Interview mit Uli Britten, Pastoralreferent im Dekanat Andernach-Bassenheim, Bistum Trier

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 1070 klicks

„Zwar ist das Thema Armut allgegenwärtig, doch kaum jemand will sich damit ernsthaft auseinandersetzen,“ so erklärt Pastoralreferent Felix Tölle, der einer der Initiatoren der Plakat- und Mailaktion des Dekanates Andernach-Bassenheim im Bistum Trier ist. Zur Fastenzeit will die Aktion, die am 15. März 2013 in einem Podiumsgespräch unter dem Motto „Armut geht uns alle an“ zwischen Mitarbeitern, Wissenschaftlern und Betroffenen im Katholischen Vereinshaus Weißenthurm mündet, auf die vielfältigen Erscheinungsformen von Armut in unserer Gesellschaft aufmerksam machen. Bildungschancen, zunehmende Verschuldung von Privathaushalten, fehlende Arbeitsplätze oder auch Vereinsamung im Alter sind die Themen, auf die mit Mail-und Plakataktion aufmerksam gemacht werden soll. Mittlerweile ist die Armut nicht nur auf Großballungsräume beschränkt, sondern auch in kleineren Städten und Ortschaften sind immer mehr Menschen gezwungen, ausgesprochen achtsam mit ihrem Geld hauszuhalten. So entstand in der Fachkonferenz Integration des Dekanats Andernach-Bassenheim die Idee, „mit einer Plakat- und Mailaktion auf die versteckte Armut mit ihren vielen Facetten aufmerksam zu machen.“ Unter der Maildadresse aktionarmut@web.de können Gedanken und Standpunkte zum Thema mitgeteilt werden. Die die Aktion begleitenden Plakate wechseln wöchentlich und sind auch auf der Homepage des Dekanates einsehbar.

Uli Britten ist Pastoralreferent im Dekanat Andernach-Bassenheim im Bistum Trier. Er ist 50 Jahre alt, verheiratet und hat fünf Kinder. Fragen und Anregungen können an folgende Mail geschickt werden: ulrich.britten@bistum-trier.de.

Wie kam es zu dem Projekt „Armut geht uns alle an“?

Uli Britten: Einer von vier Leitsätzen des Dekanates Andernach-Bassenheim lautet: „Wir wollen die Stimme vor allem für diejenigen erheben, die in unserer Welt benachteiligt und an den Rand gedrängt werden“ (zitiert aus dem Pastoralplan, 11-2009, S.7).Die Fachkonferenz Integration, in der netzwerkartig Fachleute aus diversen katholischen und kommunalen Einrichtungen kooperieren, verfolgt grundsätzlich das Ziel der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderungen und Menschen mit psychischen Störungen. Wie kann es gelingen, deren Beziehungen in Gesellschaft und Kirche neu herzustellen bzw. zu stärken? Auf diesem Hintergrund tauchte das Thema „Armut“ immer wieder als Schnittmenge auf, so dass die Idee entstand, „Armut“ in einer größeren Aktion explizit aufzugreifen und ein öffentliches Gespräch dazu zu beginnen. Als Zeitpunkt gerade für dieses Thema bot sich die Fastenzeit an.

Vielen Menschen fehlt die mindeste Vorstellung davon, was es bedeutet, jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen, bevor man ihn eigentlich doch nicht ausgeben dürfte. Wie versuchen Sie, mit Ihrem Projekt die Menschen für die Nöte ihrer Mitmenschen zu sensibilisieren?

Uli Britten: Eine interessante Frage: Ich bleibe bei dem „vielen Menschen“ hängen. Ebenso viele, z.B. Familien mit mehr als zwei Kindern und trotz ein bis zwei vollbeschäftigten Durchschnittsverdienern, wissen – auch in Deutschland ‑ ganz genau, wie knapp es im eigenen Haushalt werden kann. Das heißt: Armut kann schnell jeden treffen, unabhängig vom Bildungsstand. Wo Armut anfängt und wo sie aufhört, dass wird ja woanders definiert, meistens aber nicht von den von Armut betroffenen Menschen selbst.

Aber jetzt zur Antwort auf Ihre Frage: Die Grundidee der Plakat- und Mailaktion „Armut geht uns alle an“ besteht darin, mit fünf provokanten Fragen, die jeweils ein Themengebiet von Armut darstellen, Menschen zur Reaktion zu bewegen. Ziel ist, dass solche Reaktionen an eine Mailadresse geschickt werden. Auch Bearbeitungen der Plakate in kirchlichen Gruppen sind möglich. Deren Ergebnisse sollen dann in ein die Aktion abschließendes Podiumsgespräch einfließen.

Im Ausland wird Deutschland gerne als Paradebeispiel wirtschaftlichen Wohlstands angeführt. Junge Familien, alleinerziehende Eltern und Kinder, die in Armut leben, passen doch wenig in dieses Bild?

Uli Britten: Ein Bild von einem Land und dessen Wirklichkeit weichen ja meist sehr auseinander. Schauen wir auf einen bestimmten städtischen oder ländlichen Sozialraum, lässt sich sehr viel genauer sagen, wo sich „Armut“ in all ihren Facetten versteckt. Denn dazu tendiert Armut ja, dass sie verschämt verschwiegen wird. In der Zeitung stehen dann diejenigen, die scheinbar eine kirchliche oder staatliche Hilfe ausnutzen. Doch das sind die wenigsten. Also: Es gibt sie natürlich auch in Deutschland, die Armut, die aus vielerlei Gründen entsteht, z.B. wenige und niedrig bezahlte Arbeitsplätze. Oder es gibt Bildungsarmut, die ursächlich mit der sozialen Herkunft zusammenhängt. Im Dekanatsrat wurde gesagt, dass es sicher in Deutschland nicht der Hungertod ist, den man sterben muss. Jedoch gibt es eine verbreitete Fehl- und Mangelernährung, die auch mit den Verführungen der Werbeindustrie zusammenhängt. Und so könnte man noch viele Beispiele und Ursachen nennen.

In Großstädten, wie zum Beispiel in Berlin, hat die Kinderarmut ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Können Sie das für Ihr Umfeld bestätigen?

Uli Britten: Kinder und – wie ich meine – zunehmend auch die älteren Mitmenschen mit geringen Renten, leiden am meisten unter schwierigen Rahmenbedingungen in armen Haushalten. Kinderarmut gibt es nicht nur in Großstädten. Leider sind ja die Zeiten vorbei, in denen man – dank einer vielfältigen Landwirtschaft in unzähligen Kleinbetrieben- auf dem Land satt wurde. Also in ländlichen Regionen gibt es ebenso Kinderarmut. Sie zeigt sich nur nicht so leicht. Ein untrügliches Zeichen für Armut in Deutschland sind die überall entstandenen „Tafeln“, in denen Ehrenamtliche von der Lebensmittelindustrie überschüssige Waren kostenlos an arme Menschen verteilen. Es ist eine Hilfe aber keine Beseitigung der vielfältigen Ursachen von Armut. Es gibt auch ein Problem mit der Menschenwürde dann, wenn Menschen lediglich als Almosenempfänger definiert werden.

Welche sozialen Gruppen sind in Ihrem Einzugsgebiet besonders betroffen?

Uli Britten: Fast alle Menschen, die aufgrund von keiner oder nur einer geringfügigen Beschäftigung staatliche Sozialleistungen (sog. Hartz IV) erhalten; besonders auch Asylbewerber und manche andere mit Migrationshintergrund. Die Prozentzahl des Arbeitsamtes zur Arbeitslosigkeit sagt nur sehr wenig aus über die tatsächliche Zahl von Menschen in armen und prekären Lebenslagen. Eine große Gruppe sind alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern. Ich höre auch von einer stark ansteigenden Zahl von Haushalten, in denen nur ein Mensch lebt. Das sind nicht alle junge Singles, die das freiwillig tun. Es sind immer mehr ältere Frauen und Männer, die alleine leben und zudem über eine geringe Rente verfügen, obwohl sie manchmal Jahrzehnte gearbeitet haben. Das alles sind große Herausforderungen für das soziale Zusammenleben in unseren Städten und Dörfern.

Viele Betroffene schämen sich so sehr ihrer Situation, dass sie sich sehr schwer tun, Hilfe zu suchen. Für viele ist der Gang zum Sozialamt und ähnlichen Institutionen erniedrigend und demütigend. Wie sieht Hilfe aus, die den Menschen nicht auch noch ihre Würde nimmt?

Uli Britten: Die Frage enthält sehr gute Lösungsansätze: Wie kann es, in deutschen Verwaltungsgängen gelingen, die Menschen mit Würde zu behandeln? Das Problem ist sicher erkannt, und ich denke, die Verwaltungen werden immer mehr auch pädagogisch und im menschlichen Umgang geschult. Sozialarbeiter, die ich kenne, haben aber sehr viel damit zu tun, von Armut betroffenen Menschen, komplizierte Formulare zu erklären und Vermittlungsdienste zu den Behörden zu übernehmen. Es sind vielfach völlig verschiedene Welten, die sich da begegnen und die Sozialarbeiter kommen mir oft so wie „Fremdsprachen-Korrespondenten“ vor. Das heißt auch: Es ist oft nicht nur eine individuelle Scham, sondern es sind sachlich begründete Nöte, denen sich arme Menschen ausgesetzt sehen.

Welche langfristige Änderung wünschen Sie sich mit Ihrem Projekt „Armut geht uns alle an“?

Uli Britten: Es gibt in diesem Zusammenhang jede Menge „Stammtisch-Parolen.“ Es ist wünschenswert, dass die Debatte sensibel, menschenfreundlich und vor Ort lösungsorientiert geführt wird. Auch die Politik muss sich fragen lassen, wie die Ursachen einer zunehmenden Armut in Deutschland bekämpft werden.

Langfristige Änderungen liegen schon in der Zielsetzung der Fachkonferenz Integration begründet. Ob von Integration oder neuerdings von Inklusion gesprochen wird: Gerade für die Kirchengemeinden und Kommunen geht es darum, alle Menschen zu entdecken, die im Sozialraum leben und niemanden zu übersehen. Eine Sekte grenzt sich ab. Das kann für eine christliche Gemeinde, die in der Nachfolge Jesu steht, nicht gelten. Es darf also gefragt werden: Wer sind die anderen? Wie leben sie? Was bewegt sie? Wie kommen wir im Gemeinwesen von einem Nebeneinander zu einem Miteinander? Das ist die Wurzel von katholisch, von ökumenisch, von interreligiös und von interkulturell. All das ist grundgelegt im II. Vatikanischen Konzil. Die Vision ist, dass es im jeweiligen Sozialraum zu einem Miteinanderteilen derjenigen Fische und Brote kommt, welche die Jünger Christi auf seine Frage hin beisteuern konnten: „Wieviele Brote habt Ihr?“ (MT 15,34) (vgl. dazu das neue Hungertuch der Misereor-Aktion 2013 in Deutschland).

Anm. der Redaktion: ZENIT berichtete über das Hungertuch.