Aschermittwoch 2007: Benedikt XVI. über die Fastenzeit

Generalaudienz im Zeichen der Umkehr

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ROM, 21. Februar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am heutigen Aschermittwoch während der Generalaudienz gehalten hat.



Zu Beginn der Fastenzeit rief der Heilige Vater die Gläubigen dazu auf, zur Liebe Gottes umzukehren – durch Gebet, Fasten, Buße und Werke der Nächstenliebe.

„Umkehr heißt Gott suchen, mit Gott gehen, die Lehren seines Sohnes Jesu Christi treu befolgen“, bekräftigte der Papst. „Umzukehren besteht nicht im Bemühen, sich selbst zu verwirklichen, denn der Mensch ist nicht der Architekt seines eigenen ewigen Geschicks… Wir könnten sagen, dass die Umkehr gerade darin besteht, sich nicht als ‚Schöpfer‘ seiner selbst zu betrachten.“

Benedikt XVI. wies zudem darauf hin, dass derjenige, der „in das Geheimnis der Liebe“ eintreten wolle, den Weg der Selbstverleugnung gehen, also den Spuren Christi folgen müsse.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Der Aschermittwoch, den wir heute feiern, ist für uns Christen ein besonderer Tag, der sich durch einen tiefen Geist der Sammlung und des Nachdenkens auszeichnet. Wir begeben uns heute in der Tat auf den Weg der Fastenzeit, der aus dem Hören auf das Wort Gottes, aus Gebet und Buße besteht. Es sind dies 40 Tage, in denen uns die Liturgie helfen wird, die hervorstechenden Etappen des Heilsgeheimnisses wieder zu erleben. Wie wir wissen, wurde der Mensch geschaffen, um Gottes Freund zu sein. Die Sünde der Ureltern aber hat diese Beziehung des Vertrauens und der Liebe zerbrochen und machte folglich die Menschheit unfähig dazu, ihre ursprüngliche Berufung zu verwirklichen. Dank des Erlösungsopfers Christi wurden wir jedoch von der Macht des Bösen losgekauft: Christus ist in der Tat, so schreibt der Apostel Johannes, Sühneopfer für unsere Sünden geworden (vgl. 1 Joh 2,2); und der heilige Petrus fügt hinzu: Er ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben (vgl. 1 Petr 3,18).

In Christus für die Sünde gestorben, wird auch der Getaufte zu neuem Leben geboren; er wird unentgeltlich in seiner Würde als Kind Gottes wiederhergestellt. Aus diesem Grund wurde in der Urkirche die Taufe als „die erste Auferstehung“ betrachtet (vgl. Offb 20,5; Röm 6,1-11; Joh 5,25-28). Seit ihren Ursprüngen wird somit die Fastenzeit als eine Zeit der unmittelbaren Vorbereitung auf die Taufe gelebt, die in der Osternacht feierlich gespendet worden ist. Die ganze Fastenzeit war ein Weg hin zu dieser großen Begegnung mit Christus, zu diesem Eintauchen in Christus und dieser Erneuerung des Lebens. Wir sind schon getauft, aber die Taufe ist in unserem alltäglichen Leben oft nicht sehr wirksam. Deshalb ist auch für uns die Fastenzeit ein neues „Katechumenat“, in dem wir erneut unserer Taufe entgegengehen, um sie wieder neu zu entdecken und zuinnerst wieder zu erleben, um wieder wirklich Christen zu werden. Die Fastenzeit ist also eine Gelegenheit, um neu Christen „zu werden“, durch einen ständigen Prozess des inneren Wandels und des Fortschreitens in der Erkenntnis Christi und in der Liebe zu ihm. Die Umkehr geschieht nicht ein für allemal, sondern sie ist ein Prozess, ein innerer Weg, der unser ganzes Leben lang andauert. Dieser Weg der dem Evangelium gemäßen Umkehr darf sich gewiss nicht auf eine besondere Zeitspanne des Jahres beschränken. Er ist ein Weg, der jeden Tag zu gehen ist und der den weiten Bogen unserer gesamten Existenz umspannen muss, an allen Tagen unseres Lebens. In dieser Hinsicht stellt die Fastenzeit für jeden Christen und für alle kirchlichen Gemeinschaften jene geistliche Jahreszeit dar, die günstig ist, sich mit größerer Hartnäckigkeit darin zu üben, Gott zu suchen und dabei das Herz für Christus zu öffnen.

Der heilige Augustinus hat einmal gesagt, dass unser Leben eine einzige Übung der Sehnsucht ist, sich Gott anzunähern, fähig zu werden, Gott in unser Sein eintreten zu lassen. „Das ganze Leben des eifrigen Christen“, so sagt er, „ist eine heilige Sehnsucht“. Wenn das so ist, werden wir in der Fastenzeit noch mehr dazu angeregt, „unseren Sehnsüchten die Wurzeln der Eitelkeit“ zu entreißen, um das Herz dazu zu erziehen, Gott zu ersehnen, das heißt ihn zu lieben. „Deus, Gott – diese [im Lateinischen, Anm. d. Übers.] zwei Silben sind alles, was wir ersehnen“, so erklärt der heilige Augustinus weiter (vgl. Tract. in Iohn., 4). Wir wollen hoffen, dass wir wirklich anfangen, uns nach Gott zu sehnen und so das wahre Leben, die Liebe selbst und die Wahrheit zu ersehnen.

Umso angebrachter ertönt also die Ermahnung Jesu, die der Evangelist Markus wiedergibt: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ (vgl. Mk 1,15). Der aufrichtige Wunsch Gottes bringt uns dazu, dem Bösen zu entsagen und das Gute zu vollbringen. Diese Umkehr des Herzens ist vor allem ein kostenloses Geschenk Gottes, der uns für sich geschaffen und uns in Jesus Christus erlöst hat. Unser wahres Glück besteht darin, dass wir in ihm bleiben (vgl. Joh 15,3). Aus diesem Grund kommt er selbst unserer Sehnsucht mit seiner Gnade zuvor und begleitet unsere Bemühungen zur Umkehr.

Was heißt das wirklich: umkehren? Umkehr heißt Gott suchen, mit Gott gehen, die Lehren seines Sohnes, Jesu Christi, treu befolgen. Umzukehren besteht nicht im Bemühen, sich selbst zu verwirklichen, denn der Mensch ist nicht der Architekt seines eigenen ewigen Geschicks. Nicht wir sind es, die wir uns selbst gemacht haben. Deshalb ist Selbstverwirklichung ein Widerspruch in sich und für uns auch zu wenig. Wir haben eine höhere Bestimmung. Wir könnten sagen, dass die Umkehr gerade darin besteht, sich nicht als „Schöpfer“ seiner selbst zu betrachten und so die Wahrheit zu entdecken, denn wir sind nicht die Urheber unserer selbst. Umkehr besteht darin, frei und mit Liebe zu akzeptieren, dass wir in allem von Gott, unserem wahren Schöpfer, abhängig sind, dass wir von der Liebe abhängig sind. Und das ist keine Abhängigkeit, sondern Freiheit!

Umzukehren bedeutet also, nicht dem eigenen, persönlichen Erfolg nachzulaufen – der ist etwas, was vorübergeht –, sondern sich im Verlassen jeglicher menschlicher Sicherheit mit Einfachheit und Vertrauen der Nachfolge des Herrn zur Verfügung zu stellen, damit für einen jeden, wie die selige Mutter Teresa von Kalkutta so gerne sagte, Jesus „mein Alles in allem“ werde. Wer sich von ihm einnehmen lässt, fürchtet nicht, sein Leben zu verlieren, weil er uns auf dem Kreuz geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat. Und gerade wenn wir unser Leben aus Liebe verlieren, finden wir es wieder.

Ich wollte die unermessliche Liebe, die Gott für uns hat, in meiner Botschaft für die Fastenzeit hervorheben, die vor wenigen Tagen veröffentlicht worden ist, damit die Christen jeder Gemeinde während der Fastenzeit zusammen mit Maria und Johannes, dem geliebten Jünger, geistig neben dem innehalten können, der auf dem Kreuz für die Menschheit das Opfer seines Lebens vollbracht hat (vgl. Joh 19,25). Ja, liebe Brüder und Schwestern, das Kreuz ist die endgültige Offenbarung der göttlichen Liebe und der Barmherzigkeit auch für uns, Männer und Frauen unserer Zeit, die wir allzu oft von den Sorgen und den irdischen Interessen des Augenblicks abgelenkt werden. Gott ist die Liebe, und seine Liebe ist das Geheimnis unseres Glücks. Um aber in dieses Geheimnis der Liebe einzutreten, gibt es keinen anderen Weg als den, uns zu verlieren, uns zu schenken: den Weg des Kreuzes.

„Wer mein Jünger sein will“, so sagt der Herr, „der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34). Indem die Liturgie der Fastenzeit uns dazu auffordert, nachzudenken und zu beten, regt sie uns also dazu an, die Buße und das Opfer mehr aufzuwerten, um der Sünde und dem Bösen zu entsagen und den Egoismus und die Gleichgültigkeit zu besiegen. Das Gebet, das Fasten und die Buße; die Werke der Liebe den Brüdern gegenüber – sie werden geistliche Wege, die wir einschlagen müssen, um zu Gott zurückzukehren, zur Antwort auf die wiederholten Aufrufe zur Umkehr, die auch in der heutigen Liturgie enthalten sind (vgl. Joël 2,12-13; Mt 6,16-18).

Liebe Brüder und Schwestern, die Fastenzeit, die wir heute mit dem strengen und ausdrucksvollen Ritus der Auflegung des Aschenkreuzes beginnen, möge für alle eine erneuerte Erfahrung der barmherzigen Liebe Christi sein, der auf dem Kreuz sein Blut für uns vergossen hat. Vertrauen wir uns fügsam seiner Schule an, um zu lernen, unsererseits seine Liebe dem Nächsten „wiederzuschenken“, besonders denjenigen, die leiden und sich in Schwierigkeiten befinden. Das ist die Sendung jedes Jüngers Christi. Um sie erfüllen zu können, ist es jedoch nötig, im Hören seines Wortes auszuharren und sich beständig von seinem Fleisch und seinem Blut zu nähren. Der Weg der Fastenzeit, der in der antiken Kirche ein Weg hin zur christlichen Initiation, hin zur Taufe und zur Eucharistie war, möge für uns Getauften eine „eucharistische“ Zeit sein, in der wir mit größerer Inbrunst am Opfer der Eucharistie teilnehmen.

Nachdem die Jungfrau Maria das schmerzhafte Leiden ihres göttlichen Sohnes mit ihm geteilt hatte, erfuhr sie die Freude seiner Auferstehung. Sie begleite uns in dieser Fastenzeit hin zum Ostergeheimnis, der höchsten Offenbarung der Liebe Gottes.

Eine gute Fastenzeit euch allen!

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Mit dem heutigen Aschermittwoch treten wir wieder in die vorösterliche Bußzeit ein. Diese Zeit ist vor allem dem aufmerksamen Hinhören auf Gott gewidmet und begleitet durch das Gebet und die Gesinnung der Buße, die sich dann vor allen Dingen auch in Werken der Nächstenliebe zeigen muss. In der frühen Christenheit war die Fastenzeit vor allem eine Periode der Vorbereitung auf die Taufe, die dann in der Osternacht feierlich gespendet wurde. Uns, den bereits Getauften, gibt diese heilige Zeit Gelegenheit, unsere eigene Taufe neu zu entdecken, sie inwendig sozusagen neu einzuholen in unser Leben herein, und in einem neuen Prozess der Bekehrung des inneren Zugehens auf unser Getauftwerden wieder mehr und wirklicher Christen zu werden.

Der heilige Markus sagt uns, dass am Anfang von Jesu Verkündigung die Worte stehen: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Das ist gleichsam die Zusammenfassung seiner Botschaft. Wir brauchen immer wieder das Uns-Umkehren von unseren irdischen täglichen Dingen zum Herrn hin und das Glauben an das Evangelium. Diese Mahnung Christi also, die uns heute in der Liturgie begegnet, ist der rechte Einstieg in die Fastenzeit.

Sich-Bekehren, umkehren heißt aus einer tiefen Sehnsucht heraus Gott neu suchen, sich mit Christus auf den Weg machen und seinen Weisungen folgen. Diese Umkehr lässt uns dann erkennen, dass wir gar nicht uns selber machen, dass daher auch nicht Selbstrealisierung unser höchstes Ziel sein kann. Wir sind von Gottes Liebe geschaffen und sollen uns auf sie hin orientieren, uns von ihr hinaufziehen lassen. Das ist der rechte Weg. Dann verstehen wir, dass unser Leben in der Hingabe des Sohnes Gottes am Kreuz geborgen ist und dass wir in sie hineingehend ins wirkliche Leben hineinfinden.

Einen herzlichen Gruß richte ich an die deutschsprachigen Pilger. Gerade in der Fastenzeit offenbart der Herr seine erbarmende Liebe. Diese Liebe wollen wir konkret werden lassen, indem wir sie an die Mitmenschen weiterschenken. Der Heilige Geist stärke euch dabei und begleite euch allezeit!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]