Asien: Ansprache von Oswald Gracias, Erzbischof von Bombay, am zweiten Synodentag beim Bericht über die Kontinente

Asien erlebt die Hoffnungen und Freuden einer Neugeburt

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VATIKANSTADT, 10. Oktober 2012 (ZENIT.org). - Mit den Berichten aus den Kontinenten wurde gestern in der Synodenaula in Gegenwart des Heiligen Vaters nach dem Gebet des „Adsumus“ die Zweite Generalkongregation der Bischofssynode begonnen.

Für Asien sprach Kardinal Oswald Gracias, Erzbischof von Bombay, Generalsekretär der Vereinigung der asiatischen Bischofskonferenzen (F.A.B.C.) (Indien).

[Wir dokumentieren die Ansprache im Wortlaut in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]

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Asien ist ein Kontinent, der gerade die Hoffnungen und Freuden einer beständigen Neugeburt im Geiste erlebt (Ecclesia in Asia). Wir alle wissen, dass 60 Prozent der Weltbevölkerung in Asien lebt. Es ist ein junger Kontinent, mit einer mehrheitlich jungen Bevölkerung. Und folglich ist Asien in vielerlei Hinsicht zentral für die Zukunft der Welt. Indien und China, die 37 Prozent der Weltbevölkerung beherbergen, treten in vielen Gebieten als Hauptakteure auf der internationalen Bühne auf.

Auf der asiatischen Szene gibt es wenig Einheitlichkeit, und deshalb ist es schwer, zu sagen, was eigentlich typisch asiatisch ist. In einigen Ländern wie etwa Japan, Südkorea und Taiwan sehen wir ein hohes wirtschaftliches Entwicklungsniveau; in anderen Ländern ist dieses Niveau im Steigen begriffen, wogegen andere Länder gegen die Armut kämpfen. Asien ist mit einem breiten Spektrum alter und hochentwickelter Kulturen gesegnet. Es ist auch die Wiege vieler Religionen der Welt. Kann das daran liegen, dass die asiatische Seele, die unablässig das Absolute sucht, tief in der Spiritualität verwurzelt ist?

Die Kirchen in Asien haben für die drei wichtigsten Herausforderungen, die uns erwarten, drei zentrale Stoßrichtungen identifiziert. Wir müssen mit den Kulturen, wir müssen mit den Armen und wir müssen mit den Religionen ins Gespräch kommen: wir müssen untersuchen, was der Auftrag des Evangeliums für uns im Hinblick auf diese drei zentralen Wirklichkeiten bedeutet.

Ein alles umfassender Megatrend, der in Asien jeden einzelnen Aspekt des Lebens beeinflusst, ist die Globalisierung. Diese ist ein fortschreitender, unerbittlicher, komplexer und ambivalenter Prozess, der jeden Bereich unseres Lebens und unseres Tuns umfasst. Nachdem sie zunächst als wirtschaftlicher Prozess begonnen hatte, der mitunter zum Nachteil der ärmeren Länder zum freien Wettbewerb geführt hatte, ist sie mittlerweile zu einem kulturellen Phänomen geworden. Sie beeinflusst wichtige Werte der asiatischen Kultur, indem sie Materialismus, Individualismus, Konsumismus und Relativismus mit sich bringt. Vor allem die Jugend ist ihren Auswirkungen gegenüber sehr anfällig.

Wir sehen die Auswirkungen der Globalisierung vor allem darin, wie sie unser Wertesystem beeinflusst. Traditionelle asiatische Werte, die Pflege hochgeschätzter Traditionen und Kulturen werden von ihr beeinflusst und untergraben. Zu Anfang unseres großen Vorhabens der Neuevangelisierung möchte ich hier einige Beispiele anführen:

1. Wie bereits erwähnt, breitet sich der Geist der Säkularisierung und des Materialismus immer weiter aus. Die Bevölkerung Asiens ist von Natur aus religiös. Hunderttausende stehen Schlange, um Tempel und Orte der Verehrung zu besuchen, um aus Anlass bestimmter Festtage den göttlichen Segen zu erhalten. Nun stellen viele fest, dass Gott aus der Mitte des Lebens der Menschen an den Rand gedrängt wird. Aus unserer christlichen Perspektive ist festzustellen, dass unsere Kirchen immer noch großen Zulauf haben. Aber wie lange noch? Das Jahr des Glaubens wird uns mit der Herausforderung konfrontieren, die Botschaft des Glaubens auf eine Art und Weise zu vermitteln, die anziehend und einschlägig ist und eine Antwort auf die Fragen unserer Zeit darstellt.

2. Die Familienbande, die einst in jedem asiatischen Haus sehr wichtig und tief verwurzelt waren, werden allmählich untergraben. Dies geht Hand in Hand mit den Angriffen auf die Heiligkeit der Ehe. Die Scheidung, einst ein Tabuthema, ist keineswegs mehr selten. Einige schwache Stimmen haben sich auch zugunsten der gleichgeschlechtlichen Ehe erhoben. Noch ist das keine große Bewegung, aber im Namen der Freiheit gewinnt das immer mehr an Boden. In der asiatischen Kirche sind zahlreiche auf die Familie ausgerichtete Bewegungen entstanden. Dieses Apostolat hat Früchte getragen, da die Familie als Kernzelle der Gesellschaft verstanden wird, als die Umgebung, in der Glück, Erfolg und Lebensaufgabe angelegt wurden. Die Herausforderung an uns besteht darin, neue Wege zu finden, um die Heiligkeit der Familie und des Zuhause zu erhalten.

3. Bewegungen gegen das menschliche Leben: Während die Seele des Asiaten alle Aspekte des Lebens für wichtig erachtet, gibt es nunmehr Bedrohungen für das Leben, die auf unterschiedliche Art beunruhigen. Ethnische Kriege, die gewaltsame Unterdrückung andersgearteter religiöser Überzeugungen; die tragische Bedrohung des Lebens hilfloser Menschen, der Ungeborenen; die Ermordung weiblicher Föten ist in manchen Gegenden weitverbreitet, weil eine Tochter als ein Fluch des Himmels oder als finanzielle Belastung angesehen wird. Die asiatische Seele an sich hat große Ehrfurcht vor dem Leben. In einigen religiösen Traditionen werden Tiere und Pflanzen als heilig angesehen und werden mit größter Ehrfurcht behandelt. In dieser Umgebung wird die Botschaft des Evangeliums zugunsten des Lebens mit Selbstverständlichkeit akzeptiert.

4. Die asiatische Seele sucht Gemeinschaft. Aber auch das wird mittlerweile durch den Individualismus behindert, der sich einschleicht und dafür sorgt, dass man sich nicht mehr um den anderen kümmert und seinen/ihren Bedürfnissen gleichgültig gegenübersteht. Hinzu kommt auch, dass die Gastfreundschaft, die traditionell in allen Gesellschaften wichtig war, immer mehr abnimmt. Die Kirche Asiens hat sich für die grundlegende Methode der christlichen Gemeinschaft als neuer Weg, Kirche zu sein, entschieden. Dies hat mancherorts sehr großen Erfolg gehabt und zur Mitwirkung der Laien in der Kirche, der Laienbildung und einander entgegengestreckten Händen geführt. Es hat vielen, die zuvor vernachlässigt worden waren, ein Gefühl der Zugehörigkeit gegeben.

5. Wir sind leider auch Zeugen einer steigenden Anzahl von Angriffen auf die Religion. In einigen Ländern nimmt die Christenverfolgung zu. Die Opposition kommt von Seiten einer zahlenmäßig stärkeren Religion oder manchmal auch seitens ideologischer Angriffe, die religiösen Gruppierungen ihre politische Autorität aufoktroyieren wollen. Die christlichen Gemeinden fühlen sich mancherorts schwach und ungeschützt, aber wir haben Fälle heroischer Glaubenszeugnisse mitten im Leiden gesehen.

Selbst heute noch sind die großartigen Erkenntnisse des II. Vatikanischen Konzils in Nostra Aetate relevant. Für uns Asiaten ist der Dialog kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Jeder von uns hat Tag für Tag mit einem Dialog des Lebens zu tun. In Asien stellen wir nur 3 Prozent der Gesamtbevölkerung dar, und nur in zwei Ländern, auf den Philippinen und in Ost-Timor, gibt es eine christliche Mehrheit. Der religiöse Fundamentalismus macht sich auf unserem Kontinent zunehmend bemerkbar. Diese Vorfälle sind, auch wenn sie nur sporadisch auftreten, Grund zur Besorgnis.

Wir freuen uns auf das Jahr des Glaubens, damit wir lernen, unseren Glauben besser zu verstehen, ihn authentischer zu leben und ihn vertrauensvoller zu bekennen.
Gestatten Sie mir, mit zwei weiteren Elementen zu schließen, die unseren asiatischen Kontext betreffen: Religion ist für uns eher die Jüngerschaft eines Menschen als der Beitritt zu einer Lehre oder der Gehorsam einer Reihe von Regeln gegenüber. Die Gestalt Jesu ist zutiefst anziehend: Seine Botschaft und Sein Leben, Sein Leiden, Tod und Seine Auferstehung. Die Zuwendung zu einer Lehre ist die Frucht der Jüngerschaft bei einem Meister. So haben die ersten Christen die Frohe Botschaft verkündet.

Im Übrigen findet die asiatische Mentalität mehr Bedeutung im kontemplativen Gebet als in diskursiven Meditationen. Dies sind Reichtümer, auf die wir bauen und die wir mit der Welt teilen können. Unsere Liturgien spielen eine zentrale Rolle in unserem christlichen Glauben, aber wenn wenigstens in außerliturgischen Gottesdiensten die Kontemplation in den Brennpunkt rücken kann, dann kann dies unserem Volk tiefe Befriedigung verschaffen, da es die Gegenwart Gottes verspürt und von ihm gestärkt wird.

Vor uns liegen ungeheure Herausforderungen. Aber es gibt viele Möglichkeiten. Das junge Asien ist mit einem Kommunikationsboom gesegnet, wie es ihn noch nie gegeben hat. Dies darf nicht als eine Bedrohung angesehen werden, sondern als ein großes Geschenk Gottes, das dazu genutzt werden soll, um die Frohe Botschaft zu verkündigen. Wir sind dazu aufgerufen, unsere Jugend besonders im Gebrauch der neuen Medien auszubilden und Nutzen aus diesen neuen Medien zu ziehen.

Möge Maria, der Stern der Neuevangelisierung, uns auf unserem Weg leiten.

[© 2012 Libreria Editrice Vaticana]