Assisi-Treffen 2011: Vertreter der Religionen an ihre Verantwortung erinnern

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone erklärt nochmals Absichten der Päpste

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ROM, 8. Juli 2011 (Zenit.org). - „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“ lautet das Thema des Treffens in Assisi, zu dem Papst Benedikt XVI. die Vertreter aller Religionen sowie auch Nichtgläubiger aus der ganzen Welt eingeladen hat. In diesem Motto drücke sich das Anliegen des gesamten Treffens aus, erklärte der vatikanische Staatssekretär, Tarcisio Kardinal Bertone, in einem Artikel der englischen Wochenendausgabe des Osservatore Romano.

Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, gab ebenfalls einen Ausblick auf das Treffen am 27. Oktober.

Kardinal Bertone wies darauf hin, dass dieses Treffen an die Reihe früheren Begegnungen in den Jahren 1986 und 2002 anknüpfe, jedoch seine Besonderheiten und eigenen Akzente habe, wie die Neuheit, auch Nicht-Gläubige einzuladen.

In der Tradition des seligen Johannes Paul II.

Das Treffen des Jahres 1986 sei von Johannes Paul II. anlässlich des von der UNO ausgerufenen internationalen Jahres des Friedens einberufen worden und habe für Aufsehen in der internationalen Öffentlichkeit gesorgt.

Der Kardinal erklärte, dass der polnische Papst zwei wichtige Absichten verfolgt habe: als erstes, „die dem Frieden innewohnende spirituelle Dimension hervorzuheben“, angesichts einer Kultur, „die dazu tendiert, religiöse Phänomene zu verbannen.“ Als zweites „die Vertreter der Religionen auf ihre eigene Verantwortung dafür hinzuweisen, mit ihren persönlichen und gemeinschaftlichen Überzeugungen zu einem wirksamen Aufbau des Friedens beizutragen“, und daran zu erinnern, „dass die Religionszugehörigkeit oft als Konfliktstoff instrumentalisiert wird.“

Kardinal Bertone betonte, dass in Wirklichkeit das grundlegende Ziel Papst Johannes Pauls II. gewesen sei, deutlich zu machen, dass ein Dialog, der auf religiöser Erfahrung gründet, möglich sei, ohne in Relativismus oder Synkretismus zu verfallen.

Johannes Paul II. habe dies am 27. Oktober 1986 so ausgedrückt: Es gehe nicht darum, „einen religiösen Konsens“ zu suchen, über „unsere Glaubensüberzeugungen zu verhandeln“ oder dass „Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt miteinander versöhnt werden könnten, das sie alle übertreffen würde.“

Kardinal Bertone wies darauf hin, dass dieser letzte Punkt von entscheidender Bedeutung gewesen sei: „Der Relativismus und Synkretismus führen in der Tat zur Zerstörung, anstatt die Besonderheit der religiösen Erfahrung wertzuschätzen“. Dieser Aspekt habe „aufgrund der oberflächlichen Interpretationen, an denen es beim ersten Treffen von Assisi nicht mangelte“, erneut angesprochen werden müssen, betonte der Kardinal.

Das darauf folgende Treffen, das am 24. Januar 2002 stattfand, sei von Johannes Paul II. im Anschluss an die Anschläge des 11. September einberufen und vor allem darauf ausgerichtet gewesen, die Gefahr einer Konfrontation mit dem Islam abzuwenden.

Es habe sich jedoch nicht um ein noch nie da gewesenes Ereignis gehandelt. Bereits 1994 sei ein Gebetstag für den Frieden auf dem Balkan abgehalten worden, an dem Vertreter anderer Religionen teilgenommen hätten, die in dieser, sich damals im Krieg befindlichen, europäischen Region gelebt hätten.

Das unmittelbare Anliegen des Treffens von 2002 sei „eine klare Verurteilung des Terrorismus jeglicher fundamentalistischer Art durch alle Religionen “gewesen und ebenso, an die Verpflichtung zu erinnern, „sich nicht zum Instrument der Auseinandersetzungen zwischen Nationen, Völkern und Kulturen machen zu lassen“, erklärte Kardinal Bertone.

Das Treffen habe mit der Zusammenkunft der Teilnehmer auf dem Platz des hl. Franziskus und der gemeinsamen Unterzeichnung einer eidesstattlichen Erklärung für den Frieden und der Verurteilung eines religiös verbrämten Terrorismus geendet.

Nicht nur die Gläubigen

„Was ist nun das Ziel des erneuten Treffens in Assisi?“, fragte Kardinal Bertone. Das von Papst Benedikt XVI. für diesen Anlass ausgewählte Motto drücke die Bedeutung des Treffens klar aus: „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens.“

„Zu sagen, man ist Pilger, bedeutet einzugestehen, dass man noch nicht am Ziel angekommen ist, oder besser gesagt, dass uns das Ziel immer in die Transzendenz führt und dass dies der Sinn unserer irdischen Reise ist“, äußerte der Kardinal. „Jeder Mensch guten Willens empfindet, dass er ein Pilger der Wahrheit ist, dass er unterwegs ist, weil er sich dessen bewusst ist, dass die Wahrheit ihn immer übersteigt.“

Aus diesem Grund und als Neuheit bei dem bevorstehenden Treffen seien Persönlichkeiten aus der Welt der Wissenschaft und Kultur, die sich als Nicht-Gläubige oder Nicht-Religiöse bezeichnen, ebenfalls zur Teilnahme eingeladen worden.

Kardinal Bertone führte diese Entscheidung nicht nur auf die Tatsache zurück, dass der Friede „die Verantwortung aller, Gläubiger und Nichtgläubiger, ist“, sondern ein noch tieferer Grund dahinter stehe: „Wir sind überzeugt, dass die Überzeugung eines Menschen, der nicht glaubt oder für den es schwer ist zu glauben, eine heilsame Rolle für die Religionen als solche spielen kann und beispielsweise dazu verhelfen, ihnen eine mögliche Degeneration oder fehlende Authentizität vor Augen zu führen.“

 „Als Christen bekennen wir, in Christus die vollständige und endgültige Offenbarung von Gottes Angesicht empfangen zu haben“, so der Kardinal. „Wir wissen, dass das Geschenk der Erlösung für alle Menschen gilt, und wir wünschen, dass der Liebesplan des Vaters in seiner Gesamtheit offenbart und verwirklicht wird.“ Doch zur gleichen Zeit „wissen wir, dass wir niemals in der Lage sein werden, die Tiefe des Geheimnisses Christi auszuschöpfen. Wir gestehen ein, dass unsere Schwäche manchmal die Pracht des Schatzes, der uns offenbart wurde, verschleiern kann und sein Erkennen schwieriger macht.“

„Die Wahrheit als ein Geschenk empfangen zu haben hindert uns nicht daran, uns selbst mit jedem Mann und jeder Frau gemeinsam auf dem Weg zu wissen“, unterstrich der Kardinal.

Nostra Aetate

In gewisser Weise sei dieses Treffen ein Versuch, den zweiten Artikel der Erklärung „Nostra Aetate“ auf eine explizitere und direktere Weise als bei den früheren Weltgebetstagen umzusetzen, führte Kardinal Bertone aus. „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“

Kardinal Tauran seinerseits hob drei Aspekte der Begegnung im Oktober hervor: „Wir sind alle Geschöpfe Gottes und somit Brüder und Schwestern“, erläuterte er. „Gott wirkt in jedem Menschen, der durch den Gebrauch der Vernunft eine Ahnung von der Existenz des Geheimnisses Gottes haben kann und die allgemein gültigen Werte erkennt.“

Als Drittes gebe es die Berührungspunkte im Hinblick auf das „Erbe der gemeinsamen ethischen Werte, die Gläubigen ermöglicht, insbesondere zu Anerkennung des Rechts, des Friedens und der Harmonie beizutragen.“

Kardinal Tauran unterstrich, dass „Dialog kein Gespräch zwischen den Gläubigen“ sei oder „eine diplomatische Verhandlung.“ Man betrete nicht das Gelände des Marketings „oder noch weniger das der Verpflichtungen“. Der Dialog sei auch nicht von politischen oder sozialen Interessen motiviert: „Es geht nicht darum, Unterschiede zu betonen oder einzuebnen“, noch „eine universale Religion zu schaffen, die von allen akzeptiert wird.“

Echter Dialog „ist ein Raum für das gegenseitige Zeugnis unter den Gläubigen der verschiedenen Religionen, um die Religion der anderen und das daraus hervorgehende ethische Verhalten besser kennenzulernen.“ Dies ermögliche, „fehlerhafte Bilder zu korrigieren und Stereotypen zu überwinden, den anderen kennenzulernen, wie er ist und wie er ein Recht darauf hat, gekannt zu werden“, erklärte der Kardinal.

Kardinal Tauran wies auf vier Möglichkeiten des Dialogs hin: den Dialog des Lebens (die alltäglichen Freuden und Leiden miteinander zu teilen), den Dialog der Werke (Zusammenarbeit beim integralen Fortschritt des Menschen), den theologischen Dialog, soweit er möglich ist, und den Dialog bei der religiösen Erfahrung.

Die Bedeutung der Gesten

Das Weltgebetstreffen von 1986 habe auf die Universalität dreier Elemente hingewiesen, die in nahezu allen Religionen praktiziert würden: Gebet, Pilgern und Fasten. Das zentrale Element dieses Treffens sei das gemeinsame Gebet für den Frieden gewesen.

Konfrontiert mit der religiös verbrämten Gewalt habe das Treffen von 2002 die Notwendigkeit der Reinigung betont, „die jede religiöse Tradition auf sich nehmen muss, mit Bedacht auf die anderen Religionen und die Welt“, so Kardinal Bertone.

Bei dieser Gelegenheit habe der Papst die Teilnehmer eingeladen, sich mit einem Tag des Fastens vorzubereiten, der bedeutsamerweise auf das Ende des Fastenmonats Ramadan, des muslimischen Fastenmonats, gelegt worden war.

Im Jahr 2002 habe man beschlossen, dass jede religiöse Gruppe ihr eigenes Gebet spreche, und kein gemeinsames. Diese Wahl „ergab sich aus dem gemeinsamen Wunsch, keinen Anlass zu geben, das Treffen als ‚ein ireneisches‘ zu interpretieren“, erklärte Kardinal Bertone.

In diesem Zusammenhang stellte der vatikanische Staatssekretär klar, dass „das Anliegen, den Eindruck jeglichen Relativismus vermeiden zu wollen, nicht nur ein katholisches Anliegen ist.“

Diese Sorge sei „besonders verständlich in dem gegenwärtigen kulturellen Kontext“ mit seiner Tendenz, die Wahrheit in Frage zu stellen und alle Religionen als gleichwertig und damit letztlich irrelevant zu betrachten.

Benedikt XVI. werde am Vorabend seiner Assisi-Reise im Petersdom einer Gebetsvigil mit den Gläubigen der Diözese Rom vorstehen. Die Teilkirchen und die Gemeinschaften überall auf der Welt seien eingeladen worden, ähnliche Gebetsveranstaltungen zu organisieren.

Ein weiteres Element des Treffens bestehe im Fasten als einem Zeichen der „Haltung der Buße, die das Treffen annehmen möchte, in der Überzeugung, immer bereit für einen Prozess der Reinigung zu sein“, so der Kardinal.

Der dritte Bestandteil werde der Pilgerweg sein, der sich sowohl  in der der Zugfahrt der Delegationen von Rom nach Assisi ausdrücke als auch im gemeinsamen Zug zur Basilika „St. Maria von den Engeln“.

„Wir sehen uns selbst als Pilger der Wahrheit, als Pilger des Friedens, und verpflichten uns, an einer gerechteren und solidarischeren Welt mitzubauen“, schloss Kardinal Bertone. „Wir sind uns dessen bewusst, dass diese Aufgabe unsere armen Kräfte übersteigt und dass die Kraft dazu von oben herabgerufen werden muss.“