Assisi-Treffen im Oktober

Präfekt der Glaubenskongregation erläutert die Kontinuität mit der Lehre der Kirche

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Von Kardinal William Joseph Levada

VATIKANSTADT, Montag, 11. Juli 2011 (ZENIT.org). - Die Ankündigung, dass am kommenden 27. Oktober Papst Benedikt XVI. für einen „Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebetes für Frieden und Gerechtigkeit“ nach Assisi pilgern wird, zeigt, dass die religiöse Erfahrung in ihren verschiedenen Formen ein Anliegen der Kirche im dritten Jahrtausend ist. Angesichts der aktuellen Ausbreitung des Atheismus und des Agnostizismus muss sie den Menschen helfen, ein erneutes Bewusstsein für die Verbindung zu seinen Quellen (re- ligio), aus denen sie kommt, zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Dieses Bewusstsein, das sich naturgemäß betend erschließt, ist auch eine Bedingung für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.

In seinem Buchinterview im Jahr 1994 erinnerte der selige Johannes Paul II. an das Treffen in Assisi im Jahr 1986 und betonte, dass er, auch nach seinen zahlreichen Besuchen im Fernen Osten, mehr denn je davon überzeugt sei, dass „der Heilige Geist auch außerhalb der sichtbaren Kirche wirksam wirkt.“ Dennoch schrieb er im Bewusstsein der Brisanz des Themas kurz nach dem Treffen am 7. Dezember 1990 in seiner Enzyklika „Redemptoris missio“, dass der Geist „sich in besonderer Weise in der Kirche und in ihren Mitgliedern zeigt, jedoch seine Gegenwart und sein Handeln allumfassend, ohne Begrenzung durch Raum und Zeit ist.“

Unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil erinnerte er daran, dass der Geist im Herzen der Menschen in seiner Kraft wirke, „indem er nicht nur den Wunsch nach einer zukünftigen Welt weckt, sondern dadurch auch jene großmütigen Gedanken inspiriert, reinigt und festigt, durch die die Menschheitsfamilie das eigene Leben menschlicher zu gestalten und die ganze Welt diesem Ziele unterzuordnen versucht … Es ist der Geist, der ‚die Samen des Wortes‘ aussät, die in den Riten und Kulturen da sind und der sie für ihr Heranreifen in Christus bereit macht“(Nr. 28)

In derselben Enzyklika bekräftigt er dann nicht nur die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Verkündigung der Frohbotschaft  Jesu, sondern zeigt den starken Gegensatz zu einer „Denkweise der Gleichgültigkeit, die leider auch unter Christen weit verbreitet ist und die ihre Wurzeln in theologisch falschen Vorstellungen hat. Diese Denkweise ist durchdrungen von einem religiösen Relativismus, der zur Annahme führt, dass ‚die eine Religion genau so gültig ist wie die andere‘“ (Nr. 36).

In voller Übereinstimmung mit diesem Anliegen befinden sich auch die theologischen und pastoralen Überlegungen  Joseph Ratzingers. Bereits im Jahr 1964 hatte er die Absicht bekundet, die Stellung des Christentums in der Religionsgeschichte genauer zu bestimmen und damit den theologischen Aussagen von der Einzigkeit und Absolutheit des Christentums wieder einen konkreten Sinn zu geben“ (J. Ratzinger, Glaube, Wahrheit, Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen, S. 17).

Die von ihm geleitete Kongregation für die Glaubenslehre hat diese Frage mit der Erklärung „Dominus Jesus - Über die Einzigkeit und Universalität Jesu Christi und der Kirche“ wieder aufgenommen. Das am 6. August 2000 veröffentlichte Dokument war nicht nur dazu bestimmt, die Idee einer interreligiösen Koexistenz zu widerlegen, wonach die verschiedenen „Glaubensüberzeugungen“ wie gleichartige Wege des einen grundlegenden, der Jesus Christus ist ( Vgl. Joh 14,6), gesehen werden.

Es beabsichtigte, die tieferen, dogmatischen Grundlagen einer Reflexion der Beziehung zwischen dem Christentum und den anderen Religionen darzulegen.

Aufgrund seiner einzigartigen Beziehung zum Vater ist die Person des fleischgewordenen Wortes absolut einzigartig. Das Heilswerk Jesu Christi setzt sich in seinem Leib, der Kirche, fort, und auch diese ist einzigartig in Bezug auf das Heil aller Menschen. Die Durchführung diese Werkes geschieht für Christen und Nicht-Christen immer und allein durch den Geist Christi, den der Vater der Kirche als „Sakrament der Erlösung“ schenkt. Die katholische Kirche lehnt dabei nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst sieht sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet (vgl. Nostra aetate,2; Ad gentes, 9).

Ein zweites Treffen in Assisi fand am 24. Januar 2002 statt. Bei dieser Gelegenheit sah Kardinal Ratzinger die Notwendigkeit einer weiteren Klärung seiner Bedeutung und sprach von denjenigen, die in dieser Hinsicht ernsthafte Fragen gestellt hatten: „Wie können Sie dies tun? Gibt es nicht den meisten Menschen die falsche Illusion von einer Gemeinschaft, die nicht wirklich existiert? Wird damit nicht dem Relativismus gehuldigt, der Meinung, dass im Grunde nur kleine Unterschiede die Religionen voneinander trennen? Wird so nicht die Glaubwürdigkeit des Glaubens geschwächt und bewegen wir uns nicht so von Gott weiter fort, verstärken wir nicht das Gefühl, allein gelassen zu sein?“ ( „Glaube, Wahrheit, Toleranz“, S. 111). Der Leser kann hier seine Schwerpunkte nachvollziehen, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. An dieser Stelle wollen wir uns die Frage stellen: Warum hat Papst Benedikt XVI., wenn er so aufmerksam für mögliche Fehlinterpretationen der Geste seines seligen Vorgängers war, beschlossen, eine Wallfahrt nach Assisi zu einem neuen Treffen für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu unternehmen?

Einen ersten Hinweis finden wir in der Erinnerung Kardinal Ratzingers an das Treffen im Jahr 2002. Im Anschluss an das Treffen hob er die Figur des weiß gekleideten Mannes hervor, der, bereits betagt , mit den anderen im Zug gesessen hat. „Männer und Frauen, die sich im täglichen Leben  viel zu häufig feindselig begegnen und durch unüberwindliche Barrieren getrennt zu sein scheinen, begrüßten den Papst, der, kraft seiner Persönlichkeit, der Tiefe seines Glaubens, der Leidenschaft für Frieden und Gerechtigkeit, das scheinbar Unmögliche durch das Charisma seines Amtes erreicht hat: eine Pilgerreise für den Frieden mit Vertretern der geteilten Christenheit und der verschiedenen Religionen“ (30 Tage, 1/2002). Religion ist weit davon entfernt, vom Aufbau unserer Welt abzulenken, im Gegenteil, sie lädt dazu ein, sie aufzubauen. Für uns Christen bedeutet dies zunächst, Gott darum zu bitten, dass andere, die trotz ihrer Verschiedenheit – Gläubige und Ungläubige, wie sie auch zum nächsten Treffen in Assisi eingeladen sind – sich mit uns auf der Suche nach Frieden und Gerechtigkeit in der Welt zu vereinen. Und der damalige Kardinal fügte hinzu: „Wenn wir als Christen den Weg des Friedens nach dem Vorbild des heiligen Franziskus gehen, brauchen wir keine Angst zu haben, unsere Identität zu verlieren: Gerade dann finden wir sie“ (ebd.).

Es handelt sich zusammengefasst nicht darum, den Glauben zugunsten einer oberflächlichen Einheit zu verbergen, sondern zu bekennen – wie Johannes Paul II. und der Ökumenische Patriarch-, dass Christus unser Friede ist und dass gerade deshalb der Weg des Friedens der Weg der Kirche ist. Das Antlitz des „Gottes des Friedens“ (Röm 15,33), sagt auch Joseph Ratzinger, „zeigt sich uns Christen durch den Glauben an Christus“ (ebd.). Und dieser Friede ist in seiner Fülle nicht nur angeboten und verheißen, (vgl. Joh 20,19), sondern  gehört schon von jeher  zur „reinen und makellosen Kirche“ (Eph 5,27), und ist gleichsam ein Geschenk und eine Aufgabe in der Welt, die das „Theater der Geschichte der Menschheit“ („Gaudium et spes“,2) ist. Es sei an das Zweite Vatikanische Konzil erinnert: Im Gehorsam gegenüber Christus und getrieben von der Gnade und Liebe des Heiligen Geistes vollzieht sich die Sendung der Kirche, um alle Menschen und Völker durch das Zeugnis des Lebens, die Verkündigung, die Sakramente und die übrigen Mitteilungsweisen der Gnade zum Glauben, zur Freiheit und zum Frieden Christi zu führen („Ad gentes“, 5).

Da „alle Menschen zur Einheit mit Christus berufen sind“ („Lumen gentium“, 3), muss die Kirche der Sauerteig dieser Einheit für die ganze Menschheit sein, nicht allein durch die Verkündigung des Wortes Gottes, sondern durch das gelebte Zeugnis der innigen Vereinigung der Christen mit Gott. Das ist der authentische Weg des Friedens.

Das Motto für das nächste Treffen in Assisi lautet „Pilger der Wahrheit, Pilger des Friedens“.

Es weist auf etwas Zweites hin: Wenn wir auf realistische Weise hoffen, gemeinsam Frieden aufzubauen, ist die Wahrheit als Kriterium erforderlich. „Ethos ohne den Logos hat keinen Bestand“ (J. Ratzinger, Ich habe euch Freunde genannt. Begleitung auf dem Weg des Glaubens, S. 71).

Geprägt von den leidvollen Erfahrungen totalitärer Ideologien verabscheut der Papst jede Form der Unterdrückung der Vernunft. Aber es bedeutet noch mehr. Die ursprüngliche Verbindung zwischen Ethos und Logos, zwischen Religion und Vernunft sei letztlich in Christus begründet, dem göttlichen Logos. Gerade deswegen sei das Christentum in der Lage, diese Verbindung wiederherzustellen, da es von Christus als Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit gestiftet sei, von seinem einzigartigen Erlösungsauftrag. (vgl. „Lumen gentium“, 9).

Daher sei ausdrücklich dieser Relativismus zurückzuweisen, „der mehr oder weniger deutliche Auswirkungen auf die Glaubenslehre und das Glaubensbekenntnis hat“ (Ich habe euch Freunde genannt, S. 71). Aber weit davon entfernt, eine Abwertung der verschiedenen Ausdrucksformen der religiösen oder ethischen Dimensionen zu sein, gelte es, sie wertzuschätzen: „ Wir sollten eine neue Geduld – ohne Gleichgültigkeit – suchen, miteinander und füreinander; eine neue Fähigkeit, den anderen bestehen zu lassen, als eine andere Person; eine neue Bereitschaft, die verschiedenen Ebenen der Einheit zu unterscheiden und somit die Elemente der Einheit, die jetzt schon möglich sind, zu erreichen“ (ebd.). Friede ohne Wahrheit ist nicht möglich und umgekehrt: Die Haltung des Friedens ist ein echtes „Kriterium der Wahrheit“ (J. Ratzinger, Europa. Seine Fundamente gestern und heute, S. 79).

[Übersetzung aus dem Italienischen von Mag. Maria Raphaela Hölscher]