Astrologie strebt Anerkennung als Erfahrungswissenschaft an

Zwar fehlen rationale Erkenntnismöglichkeiten, aber das Geschäft blüht

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NEW DELHI, Indien, 12. Juni 2004 (ZENIT.org) –


Kürzlich konnten Astrologie-Fans in Indien bei ihren Bestrebungen, als akademische Wissenschaft anerkannt zu werden, einen Rechtsstreit gewinnen. Der Oberste Gerichtshof Indiens bestätigte eine Entscheidung der Universitäts-Subventions-Kommission (UGC) aus dem Jahr 2001, Kurse in vedischer Astrologie einzuführen, die zum ersten und zweiten akademischen Grad führen, berichtete das indische Magazin “Frontline” in seiner Ausgabe vom 5. Juni. Die Gerichtsentscheidung, die dem Berufungsgericht am 5. Mai übermittelt wurde, wies den Widerspruch einiger Akademiker gegen die Bestätigung der UGC- Entscheidung zurück.

In ihrem Antrag an das oberste Gericht hatten die Akademiker geltend gemacht, die vedische Astrologie könne nicht als Teil wissenschaftlichen Studiums betrachtet werden, da ihr die grundlegenden Kennzeichen und Prinzipien fehlten, die für eine wissenschaftliche Arbeit nötig seien. Besonders, so argumentierten sie, wende die Astrologie nicht die allgemein geltende wissenschaftliche Forschungsmethode an, für welche die drei Kriterien Fehlbarkeit, Verifizierbarkeit und Wiederholbarkeit gelten.

Im Jahr 2001 hatte die UGC die Universitäten gebeten, Anträge auf Errichtung von Astrologiefakultäten einzureichen. Aus 41 eingereichten Vorlagen nahm die UGC die Vorschläge von 20 Universitäten an. Der Artikel im “Frontline”-Magazin nannte die jetzige Entscheidung des obersten Gerichtshofs “einen schweren Schlag gegen die Bemühungen der Gemeinschaft der Wissenschaftler und rational denkender Menschen, die gegen den unheilvollen Schritt hart und beharrlich gekämpft hätten.”

Doch der Verfasser des Artikels fand Trost in der jüngsten Wahlniederlage der regierenden Bharatiya Janata-Partei. Die BJP, schrieb er, habe als Teil ihrer Unterstützung der traditionellen hinduistischen Kultur auch die Astrologie und andere ähnliche Traditionen und Bräuche begünstigt.

Verteidiger der Astrologie gibt es nicht nur in Indien. Am 16. Mai besprach Großbritanniens “Sunday Times” ein Buch, das von einem Mitglied der Royal Astronomical Society (Königlichen Astronomischen Gesellschaft), Dr. Percy Seymour, verfasst ist, in dem er der Astrologie ein gewisses Vertrauen schenkt. Seymour, emeritierter Dozent für Astronomie und Astrophysik an der Universität Plymouth, hat zwar erklärt, er glaube nicht an Sternzeichenhoroskope. Doch in seinem Buch “Die wissenschaftliche Begründung der Astrologie”(“The Scientific Proof of Astrology”) behauptet er, dass die Entwicklung des Gehirns vom Magnetfeld der Erde besonders während des Wachstums eines Kindes in der Gebärmutter, beeinflusst werden könne. Dieses Magnetfeld wiederum werde von Wechselwirkungen mit der Sonne, dem Mond und anderen Planeten beeinflusst.

Die Besprechung in der “Sunday Times” hob jedoch hervor, dass Seymour in seiner Verteidigung der Astrologie ein Einzelgänger in wissenschaftlichen Kreisen zu sein scheine. Sir Martin Rees, Königlicher Astronom, habe die Astrologie als “absurd” bezeichnet, so die “Sunday Times”. “Es gibt keinen Platz für die Astrologie in unserem wissenschaftlichen Weltbild; außerdem kann ihr Anspruch, die Zukunft voraussagen zu können, keiner kritischen Überprüfung standhalten”, wird Sir Rees zitiert.

Geld bringt‘s, bei Beweisen Fehlanzeige

Beispiel einer solchen kritischen Überprüfung ist eine über Jahrzehnte hin durchgeführte Untersuchung an mehr als 2.000 Personen, über welche die britische Zeitung “Telegraph” am 17. August 2003 berichtete. Die Studie untersuchte unter anderem eine Gruppe von Personen, die alle Anfang März 1958 geboren worden waren. Viele der Babys wurden in nur geringem Abstand voneinander innerhalb von Minuten geboren und sollten daher eigentlich, ginge es nach der Astrologie, viele Eigenschaften gemeinsam haben.

Die Forscher untersuchten mehr als 100 verschiedene Merkmale, darunter auch Beruf, Familienstand und IQ-Werte. Ihre Untersuchungen, über die sie im “Journal of Consciousness Studies (Journal über Bewusstseinsstudien) berichteten, erbrachten keine Beweise für Ähnlichkeiten zwischen gleichzeitig Geborenen.

Einer der Wissenschaftler, Dr. Geoffrey Dean, erklärte, die Ergebnisse entzögen den Ansprüchen der Astrologen den Boden, die bezeichnender Weise mit Geburtsdaten weit weniger genau umgehen als dies in der Studie geschehe. “Sie argumentieren manchmal, dass schon eine Minute Unterschied in der Geburtszeit einen wesentlichen Unterschied ausmache, weil sich dadurch die von ihnen so genannten ‚house cusps‘ ('Tierkreis-Wendepunkte') der Aszendent änderten,” so Dr. Dean. “Aber bei ihrer Arbeit haben sie keine Schwierigkeiten damit, jede Zeit zu nehmen, die sie von ihrem Klienten kriegen können.”

Mögen Wissenschaftler aber die Astrologie verachten, das allgemeine Publikum strömt in Scharen, um zu lesen, was die Sterne zu sagen haben. Verfasser astrologischer Kolumnen in größeren Zeitungen können mit einem Verdienst im Bereich von 250.000 bis 500.000 Pfund rechnen (458.000 bis 917.000 Dollar), berichtete die britische Zeitung “Guardian” am 12. Januar.

Und damit geht es erst los. Dazu kommt das Einkommen der Telefongesellschaften. Zeitungsberichte schätzen das Gesamteinkommen des Daily Mail-Astrologen Jonathan Cainer auf mehr als zwei Millionen Pfund (3,6 Millionen Dollar).

In Italien genießen, laut Wochenzeitung “Famiglia Cristiana” in der Ausgabe vom 25. Januar, die 22.000 Astrologen der Nation und verschiedene Seher ein Gesamteinkommen von ungefähr fünfhundertfünfzig Millionen Euro (613 Millionen Dollar). Periodische Enthüllungen über Betrug und Steuerhinterziehung haben der Beliebtheit des Okkulten in Italien keine Einbußen beschert. Ein Regierungserlass aus dem Jahr 2002 versuchte Beschränkungen für Fernsehspots einzuführen, die Horoskope und Wahrsagerdienste anbieten, die besonders bei den etwa 600 Stationen verbreitet sind, die Nahbereiche versorgen. Aber die Wirkungen des Erlasses sind bisher sehr begrenzt.

Entlarvt

Wer nach Argumenten gegen die Astrologie und verschiedene andere Arten von Aberglauben sucht, findet jetzt ein praktisches Hilfsmittel in dem gerade veröffentlichten Buch “Debunked!” (“Entlarvt!”). Die Originalausgabe ist vor zwei Jahren in Frankreich erschienen. Die Verfasser, Georges Charpak, ein Physiker am Europäischen Zentrum für Elementarteilchenphysik in Genf, und Henri Broch, ein Lehrer an der Sophia Antipolis-Universität von Nizza, befassen sich mit einer großen Vielfalt von Themen.

Das Buch weist darauf hin, dass einige Leute beharrlich an die Exaktheit der Horoskope glauben und behaupten, dass sie Ereignisse genau voraussagen. Dem halten Charpak und Broch entgegen, durch das Eintreten vorausgesagter Ereignisse an und für sich werde die Astrologie noch nicht bestätigt.

Was geschehe, sei folgendes: Diese Leute sind überzeugt, dass sie es mit Horoskopen zu tun haben, die speziell für sie geschrieben sind. Aber was hier am Werke ist, ist der von den Verfassern sogenannte “Brunneneffekt”. Für Horoskope ist es typisch, dass sie vage Verallgemeinerungen bringen. Dadurch machen sie es den Menschen leicht, sich selbst in dem zu erkennen, was beschrieben wird. Ihre Beschreibungen “sind nur tief in dem Sinn, in dem ein Brunnen tief ist -- tief ausgeschachtet, das heißt leer”, schreiben die Verfasser.

Diese Darstellungen/Beschreibungen seien in Wirklichkeit nicht auf das gegründet, was die Astrologen von den Menschen wissen, sondern was die Leute wünschen, dass es auf sie zutreffe. Dazu komme, dass die Astrologen sich darauf verlassen, dass das Publikum vergangene Voraussagen schnell vergißt. Die die Sensationsblätter in Supermärkten zum Beispiel veröffentlichen regelmäßig Voraussagen am Ende eines Jahres -- zum Beispiel von Morden -- , die einfach jährlich wiederholt werden.

In dem Buch werden auch Beispiele von Behauptungen populärer Astrologen zitiert, die einen Mangel an grundlegendem astronomischen Wissen verraten. Ein Astrologe behauptete, dass zwei unter dem Zeichen des Steinbocks geborene Personen -- eine am 9. Januar 1924 und die andere am gleichen Datum 1960 -- unter den gleichen planetarischen Einflüssen stünden, weil die Sonne an der gleichen Stelle am Himmel stehe. Aber, so die Verfasser des Buches, dies stimme überhaupt nicht, es bestehe ein Unterschied in der Umlaufbahn der Erde um die Sonne zwischen diesen beiden Daten von nicht weniger als 780.000 Meilen.

In der Tat basierten, so die Autoren, die in den astrologischen Zeitungskolumnen im Zusammenhang mit den vermutlichen Eigenschaften der unter dem jeweiligen Tierkreiszeichen geborenen Personen so häufig vorkommenden Geburtshoroskope, zumeist auf astronomischen Positionen, die Tausende von Jahren früher aufgezeichnet worden seien. Das Problem dabei sei, dass die Achse der Erdumdrehung sich ständig ändere. Die Achse drehe sich ähnlich wie eine Spindel, indem sie in ungefähr 25.790 Jahren eine Umdrehung vollende. Die Folge davon sei, dass die Tierkreiszeichen, die heute von den Astrologen verwendet würden, überhaupt nicht den Konstellationen entsprächen, die graphisch dargestellt worden sind, als die Himmelskarten ursprünglich angefertigt wurden.

Das Buch entlarvt auch weitere Phänomene wie Levitation , Laufen auf glühenden Kohlen und das Verbiegen von Metall. Wenn es um Ereignisse geht, die von manchen als ungewöhnlich betrachtet werden und daher eine paranormale Erklärung erfordern, empfehlen die Verfasser, die Leute sollten die Wahrscheinlichkeitslehre studieren, die schnell an den Tag bringt, dass viele angeblich ungewöhnliche Vorkommnisse in Wirklichkeit innerhalb der Grenzen wahrscheinlicher Ereignisse liegen.

Die Verfasser schließen mit der Feststellung, dass die Gesellschaft heute von unwissenschaftlichem Denken verseucht sei, das dem Okkulten ermöglicht habe, sich aus einer lokalen Angelegenheit zu einer riesigen Industrie zu entwickeln. Es scheint, dass die moderne Gesellschaft gar nicht so rational und wissenschaftlich ist.