Athanasius verbindet die Konfessionen: Erlanger Wissenschaftler veröffentlichen eine Edition von Apologien des Kirchenvaters

Von Gertrud Lange

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WÜRZBURG, 9. Juni 2006 (ZENIT.org).- Athanasius von Alexandrien, Patriarch und Kirchenvater, war schon für seine Zeitgenossen eine Berühmtheit: Leben und Wirken des ägyptischen Theologen (295 oder 300 bis 373) waren so dramatisch wie seine Schriften brillant. Das typische "Athanasius-Problem": Die meisten seiner Texte waren für seine modernen Kollegen schwer zu fassen. Heutige Wissenschaftler mussten immer noch eine erst ansatzweise kritische Ausgabe aus dem Jahr 1698 benutzen.



Ein dreiköpfiges Forscherteam des Lehrstuhls für Kirchengeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen hat jetzt einen entscheidenden Baustein für eine aktuelle kritische Ausgabe geliefert: Es hat im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Verteidigungsschriften des Athanasius kritisch ediert und historisch kommentiert.

Eine kritische Ausgabe eines Textes entsteht dadurch, dass die Herausgeber durch einen Vergleich der Hauptschriften möglichst den Originaltext rekonstruieren, so wie ihn Athanasius tatsächlich geschrieben hat. Unter Leitung von Professor Hanns Christof Brennecke entstand innerhalb von sechs Jahren der zweite Band der Athanasius-Werke mit insgesamt neun Schriften – für Wissenschaftler, die sich mit der frühen Kirche beschäftigen, eine Sensation. "Athanasius ist für die Ausformulierung der kirchlichen Lehre eine entscheidende Gestalt. Er kam in alle politischen Turbulenzen seiner Zeit und ist von daher eine spannende Figur", erklärt Brennecke seine Faszination für den Kirchenvater.

Kirchenpolitisch trat Athanasius 319 als Sekretär des Bischofs Alexander von Alexandrien auf den Plan. Mit ihm besuchte er auch das Konzil von Nizäa 325, wo die Beziehung von Gottvater, Sohn und Geist, also das Wesen der christlichen Trinität, erstmals für das ganze Reich theologisch formuliert wurde. Nach dem Tod Alexanders wurde Athanasius dessen Nachfolger – und übernahm dessen Konflikte mit christlichen Schismatikern wie den Melatianern und Arianern. Erst nach dem Tod des Athanasius wurde der Arianische Streit durch das Zweite Ökumenische Konzil von Konstantinopel 381 beendet. Sowohl Katholiken als auch Orthodoxe und Protestanten berufen sich seither auf den Kirchenvater, der die Konfessionen verbindet.

Athanasius besonderer Verdienst liegt in den theologischen Vorarbeiten, die im Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis verewigt sind. Auch im Streit um die Stellung des Heiligen Geistes in der Trinität folgte die Kirche der Theologie Athanasius. Hanns Christof Brennecke, der Leiter des Athanasius-Projektes in Erlangen, war seit seiner Studentenzeit "in Kontakt mit Athanasius", wie er es nennt. Und ständig war er mit dem Fehlen einer modernen kritischen Edition seiner Werke konfrontiert worden. Zusammen mit Uta Heil, Wissenschaftliche Assistentin, und Annette von Stockhausen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, machte er sich an die Arbeit – und stieß auf einen "wissenschaftlichen Mythos". Denn schon in den 30-er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts begannen amerikanische Forscher in Zusammenarbeit mit der Preußischen Akademie der Wissenschaften mit Vorarbeiten zu einer kritischen Gesamtausgabe.

Ihr Plan: Eine Ausgabe in drei Bänden, die die dogmatischen und asketischen Schriften des Athanasius, seine Apologien sowie relevante Urkunden und Dokumente umfassen sollten. Allerdings beendeten die amerikanischen Forscher ihre Vorarbeiten nicht. Die Edition der Apologien und der Urkunden zum arianischen Streit im zweiten und dritten Band wurde später dem deutschen Wissenschaftler Hans-Georg Opitz übertragen, der von 1934-1941 einige Texte herausbrachte. Doch keiner aus dem Forscherteam um Hans Lietzmann sollte den Zweiten Weltkrieg überleben. Damit lag das Projekt wieder auf Eis.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Walther Eltester die Arbeit an Band 2, übertrug diese Aufgabe aber an Wilhelm Schneemelcher. Trotzdem konnte die Edition nicht abgeschlossen werden. Arbeitsteilung war vonnöten. An Band 1 wird in Bochum gearbeitet. 83-Jährig übergab Schneemelcher das Projekt für Band 2 und 3 zum Jahreswechsel 1998/99 an die Erlanger Arbeitsstelle "Edition Athanasius Werke", die ab August 2000 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Ab diesem Zeitpunkt gab es für die Erlanger Wissenschaftler um Hanns Christof Brennecke viel Arbeit. Die Wissenschaftler sichteten also kartonweise alte Dokumente, Notizen und Briefe.

Eine Arbeitsübersetzung entstand. Annette von Stockhausen, die sich sprachphilologisch mit den Texten beschäftigte, reiste in Archive nach Italien und Spanien und nahm die dortigen Handschriften in Augenschein. Etwa hundert Jahre nach dem Tod von Athanasius wurden viele seiner Werke ins Syrische, Armenische und Koptische übersetzt. Daher gibt es jüngere Fassungen einzelner Texte, zum Beispiel den berühmten "Tomus ad Antiochenos", in dem der Kirchenvater einen wichtigen Beitrag zur Formulierung des christlichen Trinitätsglaubens vorlegte. "Athanasius wurde von vielen christlichen Gruppierungen als Rechtfertigung benutzt. Deshalb kursieren unglaublich viele Schriften unter seinem Namen." Um herauszufinden, welche echten Athanasius-Schriften in den zweiten Band der Edition eingehen sollten, mussten die Texte sprachkritisch untersucht werden.

Gleichzeitig mobilisierten die Forscher ihr ganzes Geschichtswissen über die Zeit der Alten Kirche. Obwohl sie sich die jeweiligen Zuständigkeiten aufteilten – Brennecke und Heil waren für die Kommentare zuständig, von Stockhausen für die philologischen Forschungen – mussten alle über alles informiert sein. Athanasius, so Brennecke, sei kein pflegeleichter Geist gewesen. Für seine Glaubensüberzeugung ging der Bischof von Alexandria fünfmal ins Exil.

Offensichtlich hielt Athanasius es für seine Pflicht, überall dort mitzureden, wo der von ihm als richtig erkannte Glaubensinhalt zur Debatte stand. Jedenfalls lautete eine Lieblingsformel in Briefen nach der üblichen Fall-Schilderung in etwa: "Ich sehe mich gezwungen, einzugreifen." Dann folgt seine Sicht des Sachverhalts. "Athanasius konnte sehr polemisch schreiben, sich aber auch geschickt um brisante Punkte herumdrücken, was man an seinem Brief an Kaiser Constantius sieht", resümiert von Stockhausen.

Da kann man schon mal Kopfschmerzen bekommen – aber da Athanasius auch der Patron gegen Kopfschmerzen ist, wird er wohl schnell helfen. Das fertige Buch hat Brennecke vor wenigen Tagen im Rahmen der Jahrestagung der North-American Patristic Society in Chicago vorgestellt. Außerdem wird Athanasius 2007 während der 15. Patristic Conference in Oxford Thema eines Workshops sein. Bis dahin, hoffen Brennecke und sein Team, ist die Erstauflage mit vierhundert Exemplaren hoffentlich schon an Bibliotheken ausgeliefert. Damit nicht nur hochspezialisierte Wissenschaftler etwas von der Arbeit haben – die Sprache ist Altgriechisch – soll auch eine deutsche Übersetzung der Athanasius-Apologien herauskommen.

[© Die Tagespost vom 08.06.2006]