Äthiopien: In der Regenzeit kommt der Priester mit dem Motorboot

Kirche in Not unterstützt den Bau einer Mehrzweckhalle in einem abgelegenen Dorf

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WIEN, 12. Juli 2012 (ZENIT.org/KIN). - Heute ist ein großer Tag. Das ganze Dorf Poul ist zusammengekommen, um Bischof Angelo Moreschi von Gambella zu begrüßen. Je fünf ältere Männer und Frauen springen in die Luft, als wären sie schwerelos, und vollführen dabei eine halbe Drehung. Sie bewegen sich mit großer Leichtigkeit zum Rhythmus der Trommeln. Es ist ungewöhnlich, dass die älteren Leute tanzen, denn normalerweise tanzt eher die Jugend, während die Älteren zuschauen. Pfarrer Desaleng Doelaso erklärt: „Nach der Tradition tanzen die älteren Leute dann, wenn sie einen Stammeshäuptling begrüßen. Sie empfangen ihn vor dem Dorf und geleiten ihn tanzend hinein. Heute ist der Bischof gekommen. Ihm gebührt die gleiche Ehrerbietung wie früher den Stammeshäuptlingen.“

Anschließend begleitet ihn eine große Prozession aus Männern, Frauen und unzähligen Kindern zu der Baustelle, wo die Mehrzweckhalle entsteht, die das internationale katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ finanziert. Hier werden sich die Gläubigen in Zukunft zur Heiligen Messe, zum Gebet, zur Katechese, zu Bildungsprogrammen und anderen Aktivitäten treffen. Traditionell wird in der Region mit Holz und Lehm gebaut. Solche Bauten sind zwar billig, sie stürzen jedoch durch Regenfälle, Überschwemmungen und Termitenfraß schon nach wenigen Jahren ein. Damit das nicht immer wieder passiert, entsteht hier ein solides Gebäude. 

Die Dorfbewohner sind stolz darauf. Bislang gab es hier nämlich nichts außer Bäumen und winzigen Hütten. Das Dorf liegt fast buchstäblich am Ende der Welt. Die „Straße“ ist streckenweise schon in der Trockenzeit schwer befahrbar. Wenn der Fluss Baro in der Regenzeit über die Ufer tritt, ist das Dorf vier Monate lang ganz von der Außenwelt abgeschnitten. Die Einwohner können nicht einmal die Nachbardörfer erreichen. „Der Pfarrer kann in dieser Zeit nur mit einem Motorboot hierher kommen“, erklärt Bischof Moreschi. 

Bis die Mehrzweckhalle fertig ist, müssen die Menschen noch unter den Bäumen auf der Erde sitzen, wenn der Priester kommt. Heute ist es sogar der Bischof, der zu ihnen spricht. Viele der Dorfbewohner bereiten sich erst noch auf die Taufe vor. Bischof Moreschi betet mit ihnen das Vaterunser und erzählt ihnen von Gott. Frauen stillen im Hintergrund ihre Babys. Vorne sitzen die Dorfältesten. Sie alle wollen mehr über das Evangelium erfahren.

Ein ungefähr einjähriges Mädchen, das auf dem Schoß seiner Mutter an einem der Kekse knabbert, die der Bischof zuvor verteilen ließ, hat auffallende Flecken im Gesicht und sieht krank aus. Diese Symptome werden durch Parasiten verursacht. Das ist kein Wunder, denn die Menschen baden im Fluss und verwenden das Flusswasser für alles. Man kann es sich leicht vorstellen, wie viele Krankheiten dadurch übertragen werden. Während bei uns viel über die höchstmögliche Reinheit von Babynahrung diskutiert wird, schlucken die Babys hier das Flusswasser mit allem, was darin ist. Aber die Leute haben keine andere Wahl. Alles spielt sich am Fluss ab.

In Poul herrscht bittere Armut. Viele der Kinder sind sichtbar unterernährt. Im Apostolischen Vikariat Gambella wäre der Boden eigentlich fruchtbar. Was hier fehlt, ist beispielsweise ein Bewässerungssystem, das es gestatten würde, auch in der Trockenzeit die Felder zu bewirtschaften. Dazu kommt die Tatsache, dass ausländische Investoren das Land aufkaufen, die Bevölkerung aber nichts davon hat.

Am Wegesrand sieht man immer wieder Frauen, die Mehlsäcke auf dem Kopf tragen, aber nur von Mehl allein können sie ihre Kinder nicht ernähren. Aber immerhin ist es ein Anfang. Die Frauen kommen von der Getreidemühle, die die katholische Kirche eingerichtet hat. Vorher gab es gar nichts. Auf die Dauer wird die Kirche hier noch mehr aufbauen, um das Leben der Menschen zu verbessern. „Wo die Kirche hinkommt, wird alles fruchtbar“, sagen viele Menschen im Apostolischen Vikariat Gambella. Auf die Priester können sie sich verlassen. Sie kommen, auch wenn es schwer ist. In der Regenzeit sogar mit dem Motorboot.