Äthiopien: Karmelitinnen kümmern sich um Waisenkinder

Kirche in Not: 4,6 Millionen Waisenkinder in Äthiopien

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Von Eva-Maria Kolmann

MÜNCHEN, 25. Oktober 2012 (ZENIT.org/KIN). - „Der Wasserhahn funktioniert nicht“, sagt Schwester Maria Luiza bedauernd. Die vier aus Lateinamerika stammenden Missionskarmelitinnen, die sich in Injibara in Nordwestäthiopien um Waisenkinder kümmern, müssen jeden Tag mit dem Auto zum Fluss fahren, um dort Wasser zu schöpfen.

Das liebevoll gepflegte Gebäude, in dem sie leben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Leben hier hart ist. Die Luxushotels von Bahir Dar, in denen Touristen für mehrere Hundert Euro die Nacht am Ufer des Tanasees die Seele baumeln lassen und unter blühenden Bäumen bunte Cocktails nippen, sind nur eineinhalb Autostunden entfernt. In Wirklichkeit sind es Lichtjahre.

Wassermangel ist überall in Afrika ein Problem. Während in Europa literweise Trinkwasser durch die Toilette gespült wird und in Wasser gebadet wird, das die gleiche Qualität hat wie Mineralwasser, ist in Äthiopien jeder Tropfen kostbar. Man sieht Frauen und Kinder dort Wasser holen, wo wenige Meter weiter Kühe baden. Wer Glück hat, kann seinen Esel mit den Kanistern beladen. Die anderen schleppen Kanister oder große, schwere Tonkrüge kilometerweit durch die Hitze.

Wasserpumpen und Brunnen sind ein Segen. Die katholische Kirche hat zahlreiche von ihnen gebaut, aber sie kosten viel Geld. Auch Schwester Maria del Carmen, Schwester Maria Luiza, Schwester Araceli und Schwester Maria Evangelina brauchen dringend einen Brunnen für ihr Waisenhaus.

Im Hof der Schwestern kocht eine Frau auf einer Feuerstelle das Mittagessen für die Waisenkinder. Die meisten sind tagsüber in der Schule oder im Kindergarten. Nur die vier kleinsten Kinder sind zuhause. Abainech, Matheus, Tarik und Bethlehem sind zwischen einem und drei Jahren alt.

Schwester Maria del Carmen kniet vor einer blauen Plastikschüssel und wäscht Tarik und Matheus. Die dreijährige Bethlehem, die im Hof herumtollt, lacht. Die Schwestern freuen sich. Da zwei Priester gekommen sind - Pater Abebe Tekle Mariam aus Bahir Dar und Pater Dr. Andrzej Halemba von „Kirche in Not“ - haben sie die Gelegenheit, an einem Werktag die heilige Messe mitzufeiern. Aus der Eucharistie schöpfen sie ihre Kraft und ihre Liebe. Normalerweise können sie nur sonntags die Messe besuchen, denn in Injibara gibt es keinen Priester.

Heute ist für sie also ein Freudentag. Flink, aber andächtig machen sie sich daran, die Kapelle vorzubereiten. Der Tabernakel ist aus Holz und steht auf einem Baumstamm. Er gleicht - wie in vielen Kirchen Äthiopiens - einer afrikanischen Hütte.

In Äthiopien gibt es etwa 4,6 Millionen Waisenkinder. Das ist eine Million mehr, als Berlin Einwohner hat. Hinter jedem dieser Kinder verbirgt sich eine Tragödie. Jedes hat ein Gesicht und einen Namen. Viele Eltern sind an Aids oder an anderen Krankheiten gestorben. Die Verwandten sind selbst bitterarm und können nicht noch mehr kleine Münder füttern. Manche der Kinder wurden schon als Säuglinge ausgesetzt. Viele sind selbst infiziert. Niemand will sie.

Die Krankenhäuser können sich nicht kümmern, die Adoptionsagenturen nehmen nur gesunde Kinder. Außerdem sind es viel zu viele Kinder, die allein sind. Unzählige enden auf der Straße. Manche hingegen finden einen Engel: Katholische Ordensfrauen kümmern sich vielerorts in Äthiopien um Kinder, die niemanden mehr haben. Die kleine Bethlehem gehört zu ihnen. Sie darf lächeln, denn sie hat bei den Missionskarmelitinnen in Injibara ein neues Zuhause gefunden.