"Au bout du conte"

"Im Endeffekt" ein Film über die Sehnsucht nach romantischer Liebe, aber auch nach Glück und ebenso nach einer intakten Familie

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 465 klicks

Der Originaltitel des neuen Filmes von Regisseurin Agnès Jaoui und ihrem Mit-Drehbuchautor Jean-Pierre Bacri „Au bout du conte“ („Am Ende des Märchens“) spielt auf die märchenhaften Elemente an, die in „Unter dem Regenbogen – Ein Frühjahr in Paris“ (so der unbeholfene deutsche Verleihtitel) eingestreut sind. Bereits in der ersten Filmszene erlebt der Zuschauer traumhafte, von Gounods Musik untermalte Bilder. Die 24-jährige Laura (Agathe Bonitzer) träumt von ihrem Märchenprinzen. Auf einer Party trifft sie denn auch auf Sandro (Arthur Dupont), als ein Engel auf ihn zeigt – genauso wie sie geträumt hatte. Es folgt eine ganze Sequenz ohne Worte, die von Aschenbrödel-Musik untermalt ist. Nur dass es hier um einen männlichen Aschenbrödel einschließlich verlorenem Schuh handelt. Nachdem Laura ihren Prinzen gefunden hat, beginnt eine märchenhafte Liebesgeschichte über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg. Denn dank dem Vermögen ihres Vaters, des Fabrikanten Guillaume (Didier Sandre), gehört Laura zu den oberen Zehntausend, während Sandro ein einfaches Scheidungskind ist, dessen Mutter in einer Apotheke und dessen Vater Pierre (Jean-Pierre Bacri) als Fahrlehrer arbeitet. Dem bärbeißigen Fahrlehrer hatte vor vielen Jahren eine Wahrsagerin auf den Tag genau den Termin seines Todes vorhergesagt. Nun fällt ihm ein, dass es der kommende 14. März sein soll. Je näher der Tag rückt, desto nervöser und übelgelaunter wird er.

Die gute Fee in „Unter dem Regenbogen“ stellt Lauras Tante Marianne (Agnès Jaoui) dar, die allerdings ihre Nichte in die Arme des bösen Wolfs treibt. Dieser heißt tatsächlich Maxime Wolf (Benjamin Biolay) und arbeitet als Musikkritiker. Unter den weiteren Anspielungen auf Märchenfiguren befindet sich auch Lauras Mutter Fanfan (Béatrice Rosen), die in ihrem Bemühen, nicht altern zu wollen, an die Stiefmutter aus Schneewittchen erinnert, und je nach Blickwinkel sehr jungenhaft oder eben hexenhaft gealtert aussieht. Hinzu kommt noch das Märchen-Theaterstück, das die erfolglose Schauspielerin Marianne mit Kindern einstudiert. Zu den Verweisen auf Märchen, die Regisseurin Agnès Jaoui auf „mehr als 100“ schätzt, führt Drehbuchautor Jean-Pierre Bacri aus: „Es ist eine organische Komposition. Wir waren an den Märchenfiguren nur interessiert, wenn sie im wirklichen Leben zu existieren scheinen: der ultra- besitzergreifende König konnte ein Vater und Kapitän der Industrie sein, dessen Herrschaft durch die Höhen und Tiefen des Kapitalismus geschüttelt wird, die böse Königin könnte eine Frau sein, die nicht akzeptieren kann, dass sie altert, und so weiter.“

In „Unter dem Regenbogen“ arbeiten Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri nach demselben Muster, das sie bereits in „Lust auf anderes“ („Le goût des autres“, 2000), „Schau mich an!“ („Comme une image“, siehe Filmarchiv) und „Erzähl mir was vom Regen“ („Parlez-moi de la pluie“, siehe Filmarchiv) angewandt hatten: Zusammen schreiben sie das Drehbuch, wobei sich Jaoui insbesondere um die Erzählstruktur kümmert, während Bacri die Dialoge verantwortet. Dann führt Agnès Jaoui Regie. Obwohl sie selbst wie gewohnt kein (Ehe-)Paar darstellen, gehören zu den witzigsten Szenen von „Unter dem Regenbogen“ gerade die Sequenzen, in denen Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri etwa im Auto zusammenspielen. Nicht nur die mit einer feinsinnigen Komik gespickten, geistreichen Dialoge, sondern auch die Filmmusik von Fernando Fiszbein sowie der Einsatz von klassischer Musik erinnern insbesondere an Woody Allens Filme aus den achtziger Jahren. An den New Yorker Regisseur gemahnen aber auch andere Elemente, so etwa der Kritiker und Pseudo-Intellektuelle Maxime Wolf, der sich auf den ersten Blick als unwiderstehlich, zu guter Letzt aber als unausstehlich erweist – was freilich bei Jaoui/Bacri bereits in „Schau mich an!“ ein zentrales Thema war. Der märchenhafte Charakter von „Au bout du conte“ erlaubt Regisseurin Jaoui und ihrem Kameramann Lubomir Bakchev, spielerische Bildgestaltungselemente wie Zooms, schnell geschnittene Sequenzen oder auch Kamerafahrten einzuführen. Ein zurückgenommener Realismus, der sich ebenfalls auf die Tongestaltung auswirkt.

Der Titel „Au bout du conte“ („Am Ende des Märchens“) kann allerdings auch als Variation der Redewendung „Au bout du compte“ („Letzten Endes“, „im Endeffekt“) verstanden werden. Was bleibt letztendlich, wenn das Märchen auserzählt ist? Auf die märchenhafte Illusion folgt die harte Realität, in der sich Eltern kaum um ihre Kinder kümmern, in der Ehescheidung und Untreue an der Tagesordnung sind. Allerdings schwärmt zwar der gelangweilte, griesgrämige Pierre von der Ruhe als Single, kann aber sein Gefühl der Einsamkeit nicht verbergen, das ihn zur Versöhnung mit seinem Sohn Sandro führt. Die ebenfalls geschiedene Marianne kennt auch den Grund, warum sich ihre Tochter Nina (Serena Legeais) in eine überspannte Religiosität flüchtet: „Was Nina nicht verdaut, ist unsere Trennung“, sagt sie zu ihrem geschiedenen Mann. Trotz einer, zwar durch den Humor abgemilderten, jedoch deshalb nicht minder ernüchternder Desillusionierung bleibt am Ende deshalb die Sehnsucht nach romantischer Liebe, aber auch nach Glück und ebenso nach einer intakten Familie.

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Filmische Qualität: Vier Sterne      
Regie: Agnès Jaoui
Darsteller: Agathe Bonitzer, Arthur Dupont, Jean-Pierre Bacri, Benjamin Biolay, Agnès Jaoui, Valérie Crouzet, Nina Meurisse, Laurent Poitrenaux
Land, Jahr:  Frankreich 2013
Laufzeit:  112 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: --
im Kino: 10/2013

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.