Auch der Papst kann das von Gott festgelegte "Depositum fidei" nicht außer Kraft setzen

Während der Heiligsprechung seiner beiden Vorgänger schließt Papst Franziskus die Möglichkeit einer Widerrufung des Konzils definitiv aus

Rom, (ZENIT.org) P. Alfonso M. A. Bruno FI | 462 klicks

Die beeindruckende Menge der Pilger, die sich zur Heiligsprechung Johannes XXIII. und Johannes Pauls II. in Rom versammelten hatten, war ein plastisches Beispiel für die Fähigkeit der Kirche, inmitten einer von Kriegsangst erfüllten Atmosphäre in Europa in Bezug auf die Motivation bzw. das Ausmaß sowohl im geistlichen als auch im materiellen Sinne zu mobilisieren.

Die christliche und darüber hinaus die im Glauben an Gott begründete Identität überschreiten die durch die ethnische Identität gesetzten Grenzen. Sie erinnern uns an die unter anderem historisch bedingte Notwendigkeit einer Synthese Letzterer, einer „reductio ad unum“. So standen die zahlreichen auf dem Petersplatz erhobenen Fahnen für ein gemeinsames Emporstreben zur Transzendenz.

Angesichts dieses Schauspiels kam dem Bischof von Rom die Aufgabe zu, die zahlreichen Nachfolger gleichsam dazu anzuleiten, das entgegengebrachte Ansehen auf globaler Ebene einzusetzen. Dabei berief er sich auf der Basis des Tagesevangeliums auf die Grundsätze des Christentums.

Unser Glaube erklärt das menschliche Leiden damit, dass es im Leiden Christi Befreiung erfährt: in den Wunden des hl. Thomas, die auch wir in der Betrachtung des in der Welt verbreiteten Schmerzes berühren.

Daher stellt das menschliche Leiden eine Beziehung zum Handeln Christi her und erfordert eine vollkommene Hingabe wie jene der ersten Jünger Jesu, die in Gütergemeinschaft lebten:  Daher rührt das Bemühen um das Gute, um Gerechtigkeit, das ein Wesensmerkmal der Gemeinschaft der Gläubigen und daher der Kirche darstellt.

Allerdings erfordert ihr Handeln in der Geschichte eine ständige Neuüberprüfung, eine ständige Aktualisierung wie jene, die das Konzil vorgenommen hat. Papst Franziskus charakterisierte seinen Vorgänger, den hl. Johannes XXIII., als einen großen Menschen, der sich jedoch als Werkzeug des Heiligen Geistes zur Verfügung gestellt habe. Dieser erleuchtete das Lehramt des Papstes und der Bischöfe und lieferte die Eingebung für die Konzilsdokumente.

Kein Mensch, auch nicht der Papst, kann die von Gott inspirierte Wahrheit abändern, geschweige denn eine Neudiskussion darüber einleiten. Es ist daher zwecklos, vom Papst  eine Ablehnung des Konzils zu verlangen, denn dieses ist nicht nur pastoral und seine Aussagen sind unleugbar.

Mit diesen in Anwesenheit seines Vorgängers verlautbarten Worten des Papstes, die gleichsam auch die Sinnlosigkeit von Spekulationen über eine angenommene Erklärung oder einen Widerspruch des Heiligen Stuhls oder sogar eine auf Protesten gegen den Verzicht Benedikts XVI. basierende vermeintliche Illegitimität des amtierenden Papstes implizieren, ist die von gewissen traditionalistischen Kreisen vorgebrachte „Beschwerde“ endgültig als erledigt zu betrachten.

Nun wird der Weg für alle die Regierung der Kirche betreffenden und notfalls auch disziplinären Maßnahmen geebnet, die sich als Konsequenz der Stellungnahme des Papstes ergeben.

Dies entspringt der Forderung nach Einheit der Gemeinschaft der Gläubigen zu einem Zeitpunkt, da diese ähnlichen Herausforderungen begegnet, wie jene, mit denen die beiden soeben kanonisierten Päpste im vergangenen Jahrhundert konfrontiert waren.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der amtierende Bischof von Rom auf eine Hervorhebung des geopolitischen Wirkens Johannes Pauls II. verzichtet hat. Dieses wird von Franziskus nicht unterschätzt oder unzureichend honoriert. Vielmehr wird es als eine Konsequenz des sich jeglicher Form der Unterdrückung widersetzenden Glaubens an den Menschen verstanden, der ihn mit Johannes XXIII. verband.

Folglich sind jene Themen – Ideologie, Politik, Staatswesen –,die eine Verteidigung der menschliche Würde und Freiheit erfordern, Veränderungen unterworfen. Aus dieser Perspektive ist der geographische und kulturelle Hintergrund Bergoglios keineswegs weniger wichtig als jener seiner Vorgänger. Der Anlass ist jedoch der gleiche und entspricht dem Ziel der Kirche.

Nun erwartet uns ein weiterer Abschnitt seines Weges. Richtigerweise wird behauptet, dass die Toten nicht hinter uns, sondern vor uns sind: insbesondere von den Heiligen, die die Vollendung erreicht haben, wird uns der Weg gewiesen. Wenn wir daher in ihnen ein nachahmungswürdiges Beispiel erkennen, ist der gegenwärtige Bischof von Rom ein Hirte, dem es sich nachzufolgen lohnt.