"Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen"

P. Raniero Cantalamessa OFMCap - Karfreitagspredigt 2014 im Petersdom (Zusammenfassung)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 637 klicks

P. Raniero Cantalamessa OFMCap erläutert in seiner Karfreitagspredigt im Petersdom, „Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen“, anhand der Geschichte des Judas Iskariot die Bedeutung des Geldes, die Gefahren, die von ihm ausgehen, und die Barmherzigkeit Christi.

„Innerhalb des großen Rahmens der gottmenschlichen Geschichte der Passion Jesu finden wir zahlreiche kleine Geschichten von Männern und Frauen, die in den Aktionskreis seines Lichts oder seines Schattens eingetreten sind. Die tragischste davon ist die Geschichte von Judas Iskariot.“ Alle vier Evangelien und andere Texte im Neuen Testament mäßen der Geschichte besondere Bedeutung bei. Auch für uns biete sie viele wichtige Aspekte zum Nachdenken.

„Judas war von Anfang an dazu auserwählt worden, einer der Zwölf zu sein.“ Die Frage, die sich stelle, so Pater Cantalamessa, laute: „Warum wurde er zum Verräter?“ Teilweise habe man der Tat ein ideologisches Motiv zugrunde gelegt, teilweise sei man davon ausgegangen, dass Judas „von der Art, wie Jesus seine Idee vom ‚Reich Gottes‘ vertrat, enttäuscht gewesen“ sei. Diese Annahmen seien jedoch historisch unbegründet. „Die Evangelien – die einzigen zuverlässigen Quellen, die wir zu Judas besitzen – sprechen von einem viel unedleren Motiv: Geld...

Warum sollte uns diese Erklärung überraschen, warum sollten wir sie zu trivial finden? Ist so etwas nicht immer wieder in der Geschichte passiert; passiert es denn nicht heute noch? Mammon, das Geld, ist nicht einfach nur ein Götze unter vielen; es ist der Götze schlechthin, der ‚Gott aus gegossenem Metall‘ (vgl. Ex 34,17). … Geld ist der Anti-Gott, weil es ein alternatives spirituelles Universum gründet und die theologischen Tugenden auf ein neues Objekt umorientiert. Glaube, Hoffnung und Liebe werden nicht mehr in Gott gesetzt, sondern ins Geld.“

Geld sei auch noch immer der Hauptgrund vieler Übel in unserer Gesellschaft. „Was steht hinter dem Drogenhandel, der so viele menschliche Leben zerstört, hinter der Prostitution, dem organisierten Verbrechen, der politischen Korruption, der Herstellung und dem Handel von Waffen und sogar – man wagt es kaum auszusprechen – dem Handel mit menschlichen Organen, die Kindern entnommen werden? Und die Wirtschaftskrise, die die Welt durchlaufen hat und mit der dieses Land noch immer kämpft, ist nicht auch sie zum guten Teil von der ‚abscheulichen Gier des Geldes‘ … einiger weniger Menschen verursacht worden?“

Pater Cantalamessa verweist im folgenden als Beispiel auf die soziale Ungerechtigkeit bei der Verteilung von Gehältern und Renten. Er führt weiter aus: „Wie alle Götzen ist auch das Geld ‚falsch und ein Lügner‘“ und erläutert u.a. das Gleichnis vom reichen Mann. Das Gleichnis könne auf die moderne Zeit übertragen werden. Im Angesicht von Managern oder Politikern, die wegen ihrer betrügerischen Machenschaften verurteilt worden seien, müsse man sich die Fragen stellen: „Für wen haben sie das getan? War es das wert? Haben sie ihrer Familie oder ihren Kindern wirklich etwas Gutes getan; oder ihrer Partei, wenn es das war, was sie wollten? Oder haben sie nicht eher sich selbst und die anderen geschädigt? Der Gott Geld sorgt von selbst dafür, seine Anbeter zu bestrafen. Der Judasverrat setzt sich in der Geschichte fort, und der Verratene ist immer derselbe: Jesus.“

Pater Cantalamessa führt Beispiele dafür an, dass jeder von uns einen Verrat begehen könne: „Wer seinen Ehemann oder seine Ehefrau betrügt, verrät Jesus. Der Priester, der seinem Stand nicht treu ist oder statt seiner Herde sich selbst weidet, verrät Jesus. Jeder, der sein Gewissen verrät, verrät Jesus. Auch ich kann ihn in genau diesem Augenblick verraten – und der Gedanke lässt mich zittern –, wenn ich während meiner Predigt über Judas die Anerkennung der Zuhörer suche, statt an dem unsäglichen Leid des Erlösers teilzunehmen. Judas hatte mildernde Umstände, die wir nicht haben. Er wusste nicht, wer Jesus war; er hielt ihn nur für einen ‚gerechten Mann‘ und wusste nicht, dass er Gottes Sohn war; wir jedoch wissen es.“

Judas habe seine Tat bereut und sich das Leben genommen. Welches Schicksal die Seele des Judas erfahren habe, bleibe ein Geheimnis: „Das ewige Schicksal eines Geschöpfes ist Gottes eigenes Geheimnis. Die Kirche versichert uns, dass ein Mann oder eine Frau, die heiliggesprochen wurden, in der ewigen Glückseligkeit sind; doch von niemandem weiß sie selbst mit Sicherheit, dass er in der Hölle ist.“

Abschließend legt Pater Cantalamessa dar, „was wir aus der Geschichte unseres Bruders Judas lernen müssen: uns vertrauensvoll dem Richter zu übergeben, der Verzeihung gern gewährt; uns ebenfalls in die offenen Arme des Gekreuzigten zu stürzen. Das wirklich Große an der Geschichte des Judas ist nicht sein Verrat, sondern die Antwort, die Jesus darauf gibt. Er wusste nur zu gut, was da im Herzen seines Jüngers heranreifte; doch stellt er ihn nicht bloß, er will ihm bis zuletzt die Möglichkeit gewähren, umzukehren; fast nimmt er ihn in Schutz. … Wenn er am Kreuze sagt: ‚Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‘ (Lk 23,34), dann schließt er Judas gewiss nicht aus.“

Wichtig sei es, auf die Barmherzigkeit Christi zu vertrauen. Im Gegensatz zu Petrus habe das Judas nicht getan: „Das ist seine größte Sünde: nicht der Verrat, sondern sein Zweifel an der Barmherzigkeit Gottes. Wenn wir ihm also im Verrat nachgefolgt sind – die einen mehr, die anderen weniger –, dann dürfen wir ihm nicht auch noch in diesem Mangel an Vertrauen in seine Vergebung folgen. Es gibt ein Sakrament, durch das wir die Barmherzigkeit Christi auf sichere Weise erfahren können: das Sakrament der Wiederversöhnung. ... Jesus besitzt die Macht, aus jeder menschlichen Schuld, sofern wir sie bereuen, eine ‚heilbringende Schuld‘ zu machen; eine Schuld, an die man nicht mehr zu denken braucht, außer, um sich an die Barmherzigkeit und Liebe Gottes zu erinnern, die wir aus Anlass unserer Schuld erfahren durften!“

Seine Predigt schließt Pater Cantalamessa mit einem Gedicht des Dichters und Schriftstellers Paul Claudel:

„Mein Gott, ich bin auferstanden und bin noch immer bei dir!
Ich schlief und lag am Boden wie ein Toter in der Nacht.
Du sagtest: ‚Es werde Licht!‘, und ich bin mit einem Schlag erwacht!
Mein Vater, du hast mich noch vor dem Sonnenaufgang erschaffen; ich bin bei dir.
Mein Herz ist frei und mein Mund rein; Leib und Geist haben gefastet.
Alle Sünden sind mir vergeben; ich habe sie alle gestanden.
Der Ehering ist an meinem Finger; mein Gesicht ist rein.
Ich bin wie ein unschuldiges Wesen, in der Gnade, die du mir gewährt hast.“

Die vollständige deutsche Übersetzung der Karfreitagspredigt steht hier zum herunterladen.