"Auch Worte können töten"

Papst Franziskus beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 359 klicks

Papst Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

***

[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das heutige Evangelium ist immer noch Teil der sogenannten „Bergpredigt“, der ersten großen öffentlichen Predigt Jesu. Heute geht es um die Einstellung Jesu zum mosaischen Gesetz. Jesus sagt: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Jesus will also die Gesetze, die der Herr dem Volk durch Mose gegeben hat, nicht abschaffen, sondern ihrer Erfüllung zuführen. Gleich darauf fügt er hinzu, dass diese Erfüllung des Gesetzes eine höhere Gerechtigkeit verlange, eine authentischere Beachtung. Zu seinen Jüngern sagt er: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20).

Doch was bedeutet das: das Gesetz erfüllen? Und worin besteht diese höhere Gerechtigkeit? Jesus selbst beantwortet uns diese Fragen mit ein paar Beispielen. Jesus war sehr pragmatisch; er benutzte immer Beispiele, damit seine Zuhörer ihn leichter verstehen konnten. Er beginnt beim fünften Gebot: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten… Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein“ (Mt 5,21.22). Damit erinnert Jesus uns daran, dass auch Worte töten können! Wenn man von einem Menschen sagt, er habe eine giftige Zunge, was meint man damit? Dass seine Worte töten! Deshalb genügt es nicht, dem Nächsten nicht nach dem Leben zu trachten; wir dürfen auch nicht das Gift des Zorns über ihn schütten und ihn mit übler Nachrede treffen. Nichts Übles sagen. Lasst uns über die Gerüchte reden: Auch die können töten, denn sie töten den Ruf der Menschen. Es ist sehr hässlich, üble Gerüchte zu verbreiten. Anfangs kann es angenehm erscheinen, sogar lustig; es ist, wie ein Bonbon zu lutschen. Doch mit der Zeit vergiftet es auch uns und erfüllt unser Herz mit Bitterkeit. Ich will euch eines sagen: Ich bin überzeugt, wenn jeder von uns sich fest vornehmen wollte, das üble Geschwätz zu meiden, dann würden wir alle heilig! Das wäre ein schöner Weg! Wollen wir heilig werden? Ja oder Nein? [Die Menge antwortet: Ja!] Wollen wir an der Gewohnheit der üblen Nachrede festhalten? Ja oder Nein? [Die Menge antwortet: Nein!]. Dann sind wir uns einig: keine üble Nachrede mehr! Jesus schlägt seinen Jüngern als Ideal die Vollkommenheit der Liebe vor: eine Liebe, deren einziges Maß darin besteht, maßlos zu sein und über jede Berechnung hinauszugehen. Diese Nächstenliebe ist etwas derart Grundlegendes, dass Jesus soweit geht zu behaupten, unsere Beziehung zu Gott könne nicht aufrichtig sein, wenn wir nicht bereit seien, mit unseren Nächsten in Frieden zusammenzuleben. Hier seine Worte: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh, und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ (Mt 5,23-24). Wir sind also dazu aufgerufen, uns erst mit unseren Brüdern zu versöhnen, bevor wir dem Herrn im Gebet unsere Verehrung zeigen.

Aus allem, was wir gesagt haben, geht hervor, dass es Jesus nicht auf die rein äußerliche Beachtung der Gesetze ankommt. Er geht an die Wurzel des Gesetzes, indem er die Absichten, das Herz des Menschen bloßlegt; der Ort, von dem unsere Taten, die guten wie die bösen, ausgehen. Um ein gutes und ehrliches Verhalten zu fördern, genügen die Paragraphen eines Gesetzbuchs nicht; tiefe Beweggründe sind notwendig, die Ausdruck einer verborgenen Weisheit sind, der Weisheit Gottes, die dank dem Heiligen Geist empfangen werden kann. Durch den Glauben an Christus können wir uns dem Wirken des Heiligen Geistes öffnen, der uns befähigt, die göttliche Liebe zu erleben.

Im Licht dieser Lehre offenbart jede Vorschrift ihre volle Bedeutung als eine Notwendigkeit der Liebe, und alle werden im höchsten aller Gebote zusammengefasst: Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

[Nach dem Angelus:]

Ich grüße von Herzen alle anwesenden Einwohner von Rom und alle Pilger, die Familien, Pfarreien und Jugendlichen aus so vielen Ländern der Welt.

Insbesondere grüße ich die zahlreichen Gläubigen aus der Tschechischen Republik, die ihre Bischöfe auf ihrem Besuch „ad limina“ begleitet haben, und die aus Spanien, aus den Diözesen Orihuela-Alicante, Jerez de la Frontera, Cadiz und Ceuta.

Ich grüße die Pfarrgruppen aus Calenzano, Aversa und Neapel; die aus Santa Maria Regina Pacis in Ostia und aus Sant’Andrea Avellino in Rom; die Jugendbewegung „Movimento Giovanile Guanelliano“, die Jugendlichen der Bewegung „Movimento Arcobaleno“ aus Modena und den Chor Santo Stefano aus Caorle.

Ich grüße auch die Gruppe der italienischen Soldaten.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag und gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]