Auf dem Weg zu einem neuen Feminismus (Teil 1)

Interview mit Michelle Schumacher

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FRIBOURG, 8. März 2007 (Zenit.org).- Der „echte weibliche Geist“ sei zwar so alt wie die Geschichte der Frau, aber dennoch sei es heute notwendig, die anthropologischen Grundlagen für einen neuen Feminismus zu schaffen, erklärt Professorin Michele Schumacher.



Die Mutter von vier Kindern, Buchautorin und Lehrbeauftragte am Europäischen Institut für Anthropologische Studien hat jüngst ihr neues Buch „Women in Christ: Toward a New Feminism“ („Frauen in Christus: Auf dem Weg zu einem neuen Feminismus“) vorgelegt.

In diesem ersten Teil des Interviews mit ZENIT erklärt Schumacher, dass es unverzichtbar sei, sich für den ungebrochenen Nexus zwischen theoretischen Grundlagen und angewandter Praxis der feministischen Handlungstheorie einzusetzen.

ZENIT: In seiner Enzyklika Evangelium vitae, die 1995 veröffentlicht wurde, stellt uns Papst Johannes Paul II. vor die Herausforderung, einen „neuen Feminismus“ zu formulieren, der auf dem „echten weiblichen Geist“ aufbauen sollte. Sie sagen, diese Herausforderung sei in den vergangenen drei Jahren „kaum angenommen“ worden. Hat sich das jetzt geändert?

-- Schumacher: Ich meinte dabei die Herausforderung, eine anthropologische, also eine metaphysische Grundlage für einen neuen Feminismus zu formulieren.

Diese Präzision ist wichtig, denn wenn die theoretische Formulierung eines neuen Feminismus auch relativ neu, so ist die gelebte Wirklichkeit, das praktische Gegenstück zur so genannten Theorie, umso wichtiger – und die ist so alt ist wie die Frau selbst.

Von der praktischen Perspektive her betrachtet, wenn es also darum geht, Lebensvorgänge in Übereinstimmung mit unserem weiblichen Genius zu vollziehen, was ja tatsächlich die Grundlage der theoretischen Formulierung ist, so ist es fast unmöglich, den ganzen Umfang des neuen Feminismus und seinen Einfluss zu ermessen. Es gibt jedoch keinen Zweifel darüber, dass viele Frauen dem Aufruf von Papst Johannes Paul II. wirklich folgen und auch fordern, dass der weibliche Genius dafür „eingesetzt“ werde, um eine Kultur des Lebens zu fördern.

Von der theoretischeren Perspektive her betrachtet, ist das Thema des neuen Feminismus nun „öffentlich“ geworden: Ich sehe da eine wachsende Zahl von Vorlesungen an den Universitäten, die diesem Thema gewidmet sind, dazu Kongresse, Aufsätze und sogar Bücher. Darüber hinaus – und möglicherweise ist das noch von größerer Bedeutung –gibt es eine Vielzahl von Arbeiten, die von einem weiteren Horizont christlicher Anthropologie her geschrieben worden sind: sowohl aus philosophischer als auch aus theologischer Perspektive. Ich brauche da nur die wachsende Zahl von neuen internationalen Instituten und Zeitschriften zu nennen, die sich dieses wichtigen Themas angenommen haben.

Ich halte dieses theoretische Interesse an einem neuen Feminismus insgesamt für eine gute Sache, obgleich die Priorität doch der Praxis zugesprochen werden muss. Damit meine ich auch ein kontemplatives „Tun“, denn die Theorie beeinflusst die Praxis. Ich habe genügend feministische „Mainstream“-Literatur gelesen, um zu wissen, wie sehr diese Theorien in unsere Kultur eingesickert sind – zum Guten wie zum Schlechten.

ZENIT: Warum ist diese anthropologische Grundlage eines neuen Feminismus so wichtig?

-- Schumacher: Sie ist aus vielen Gründen wichtig. Einer davon ist die tatsächliche Verbindung zwischen dem, was wir von Natur aus sind, und dem Handeln, also dessen, was wir tun.

Die metaphysisch geprägte Anthropologie, die von der katholischen Tradition getragen wurde und die ich für richtig erachte, erklärt uns, dass die menschliche Natur Gabe und Aufgabe zugleich ist.

Die Natur gibt uns die Grundregel für das Handeln. Folglich werden wir das, was wir sind, durch die Ausübung unserer Freiheit und somit durch uns selbst, auch dann, wenn wir Handlungsabläufe in mehrere Abschnitte unterteilen. Dies erlaubt wirkliche Selbstverwirklichung und folglich auch Berufung.

Ein anderer wichtiger Grund für das Beharren auf anthropologischen Grundlagen ist die Herausforderung, die sich aus der Reaktion des „Mainstream“-Feminismus auf zwei bedeutende Angriffe der traditionellen Metaphysik ergeben hat: die Herausforderung des biologischen Reduktionismus und des sozialen Begriffs von Natur.

Der erste Angriff will die Frau auf ihren Körper und ihre Berufung zur Mutterschaft reduzieren, das heißt – verkürzt verstanden – auf das Kinderkriegen und Kindergebären.

Der zweite will der Gesellschaft erlauben, uns vorzuschreiben, was „natürlich“ ist und was nicht und würde Mädchen dementsprechend zweckorientiert erziehen. Demnach werden Frauen zur „formbaren Masse“: So würden Mädchen zum Beispiel zu Müttern erzogen und nicht zuerst entsprechend ihrer angeborenen Qualitäten.

In diesem Kontext kam es – bestimmt auch aufgrund des großen Einflusses von Jean-Paul Sartre – zu dem der sehr einflussreichen Slogan von Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht.“

Die Philosophie de Beauvoirs ist ein gutes Beispiel für einen Feminismus, der die Mentalität von „Teile und herrsche!“ übernommen hat, womit sie sich selbst wohl dem „patriarchalischen“ Denken zuordnen müsste. Es geht hier um jene Einstellung, die Natur vom Ernährer entfremdet und dadurch den Einzeln und die Gemeinschaft voneinander trennt, genauso wie Körper und Seele, Natur und Gnade, Mann und Frau.

Was diesen zuletzt genannten Dualismus betrifft, erlaube ich mir die Anmerkung, dass ich die „Naturen“ von Mann und Frau nicht für absolut halte. Es gibt, wie ich in meinem Buch argumentiert habe, nur eine einzige menschliche Natur, die in zwei Modi oder Ausdrucksformen vorhanden ist: eben als Mann und als Frau.

ZENIT: Der Prozess, das in Worte zu fassen, was die philosophische und anthropologische Natur einer Frau ausmacht, nimmt doch eigentlich nie ein Ende! Sollte es in der Ausbildung, in Politik und Kultur nicht schon jetzt einen neuen Feminismus geben, anstatt darauf zu warten, bis die anthropologischen Grundlagen gelegt worden sind?

-- Schumacher: Ich habe diese Frage bereits zum Teil beantwortet, indem ich darauf beharrte, dass wir weder im epistemologischen noch im praktischen Bereich den tatsächlichen Nexus zwischen Natur und Handeln auseinander reißen dürfen, was ja heißt, dass sich unsere Überlegungen über die menschliche Natur aus unseren Beobachtungen über das menschliche Handeln ergeben.

Ähnlich steht es mit der Frage, was das Weibliche ausmacht und was einem neuen Feminismus eher entspricht: zu fordern, dass die Frauen den Aufruf von Johannes Paul II., ihren weiblichen „Genius“ zu bekunden, ernst nehmen; dass wir unseren herausragenden „Genius“ und unser Tun in den Dienst der Förderung einer Kultur des Lebens stellen.

Ich schlage nicht etwas Paradoxes vor. Wir sind fähig, unseren „Genius“ zu bekunden, ohne ihn notwendigerweise formulieren zu müssen. Aber die Aufgabe des Formulierens ist genauso wichtig wie die Verbindung zwischen den praktischen und theoretischen Bereichen.

Die theoretische Formulierung dieses „Genius“ sollte also ihrerseits zu einer klugen und gut durchdachten Praxis anregen. Echte Kultur erfordert beides, und das bedeutet die Förderung einer gesunden und mit Glauben gefüllten Kultur des Lebens, die ja das Ziel dieser Bemühung darstellt.

ZENIT: Sie haben viel über den „Genius“ der Frau gesprochen. Könnten Sie uns erklären, was das ist?

-- Schumacher: Papst Johannes Paul II. hat einige wundervolle Einsichten zu dieser Thematik beigesteuert. So schreibt er beispielsweise in Abschnitt 30 von Mulieris Dignitatem, dass „jener ‚Genius‘ der Frau zutage trete, der die Sensibilität für den Menschen, eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen sicherstellt und so bezeugt: ‚Die Liebe ist am größten‘ (vgl. 1 Kor 13,13)“.