Auf dem Weg zu einem neuen Feminismus (Teil 2)

Interview mit Michelle Schumacher über den „Genius“ der Frau

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FRIBOURG, 9. März 2007 (Zenit.org).- Wie geschaffen für den Schutz von Liebe und Leben – so sieht die neue feministische philosophische und anthropologische Forschung die Natur der Frau. Die Argumente für eine solche Sicht hat Professorin Michele Schumacher jüngst auf Englisch publiziert (vgl. „Women in Christ: Toward a New Feminism“ („Frauen in Christus: Auf dem Weg zu einem neuen Feminismus“).



In diesem zweiten Teil eines Interviews mit ZENIT plädiert Schumacher für eine ganzheitliche Sicht der Natur der Frau, da der moderne wissenschaftstheoretische Dualismus zu einem Zerrbild der Realität geführt habe, das nur im Licht der bleibenden Wahrheit über die Frau, wie es in Maria von Nazareth aufleuchte, in sich versöhnt werden könne.

Teil 1 erschien am Donnerstag.

ZENIT: Sie haben viel über den „Genius“ der Frau gesprochen. Könnten Sie erklären, was das ist?

-- Schumacher: Papst Johannes Paul II. hat zu diesem Thema einige wundervolle Einsichten beigesteuert. Er spricht zum Beispiel in Abschnitt 30 von Mulieris Dignitatem von einer bestimmten „Sensibilität für den Menschen, eben weil er Mensch ist, unter allen Umständen“, die er den Frauen zuschreibt, weil er die besondere Überantwortung der menschlichen Person im Auge hatte, die Gott uns anvertrauen wollte.

Dadurch zeigt er zweifellos große Achtung vor unserer mütterlichen Berufung, durch die wir nicht nur ein anderes menschliches Wesen empfangen, sondern auch uns selbst hingeben.

Unser einzigartiger und privilegierter Umgang mit den Kindern, die Gott uns bereits vom Moment ihrer Empfängnis an anvertraut hat, fördere unsere Aufmerksamkeit für alle Menschen, erklärt er.

Schwester Prudence Allen hat ab Seite 93 in „Women in Christ“ ganz passend beschrieben, dass darüber hinaus beziehungsweise eben gerade unsere Erfahrung von Menstruation zu einem mehr oder weniger bewussten Erleben unserer natürlichen, leiblichen Ausrichtung auf ein anderes menschlichen Wesen hinführen kann, also zu unserer Eignung für Mutterschaft.

Das ist ein möglicher Ursprung des so genannten „mütterlichen Instinkts“, eines „Instinkts“, der aber mit technischen oder psychologischen Mitteln abgestellt werden kann.

Neben dem Begriff vom „mütterlichen Instinkt“, der von einigen „Mainstream“-Feministen diskutiert worden ist, neige ich mit vielen feministischen Epistemologen dazu, bei uns mehr auf Beziehung hin orientierte gedankliche Vorgänge zu konstatieren als dies bei Männern der Fall ist. Das ist in gewissem Sinn auch kompatibel mit dem Begriff vom weiblichen „Genius“.

Das heißt also, dass wir dazu neigen, uns jeweils innerhalb eines Zusammenhangs zu sehen, in einem Geflecht von Beziehungen und nicht als isolierte Monade: eine Denkweise, die bei männlichen Denkern wahrscheinlicher ist, würden diese Feministinnen argumentieren, von denen ich spreche. Das ist ein Bereich, in dem zeitgenössische feministische Philosophinnen und so genannte „neue Feministinnen“, die sich häufig auf die Arbeiten von Edith Stein als einer Philosophin des 20. Jahrhunderts berufen, eine gemeinsame Basis finden.

Nach der phänomenologischen Analyse von Stein sind wir Frauen viel beziehungsbetonter in unserem Selbstverständnis und neigen eher dazu, mit anderen zu sympathisieren, als unsere männlichen Ebenbilder, die eher dazu tendieren, in ihrem Denken individualistischer und abgesonderter zu sein.

ZENIT: Wenn man neue Entwicklungen betrachtet, etwa dass Frauen ihre Eizelle für die Embryonenforschung „spenden“, und noch die zunehmende Promiskuität von jungen Mädchen und Frauen hinzunimmt, was für eine Vorstellung über die Natur der Frau wird da vom „Mainstream“-Feminismus verbreitet?

-- Schumacher: Diese Vorkommnisse sind ausgezeichnete Beispiele für die negativen Folgen eines dualistischen Verständnis von Natur, das der „Mainstream“-Feminismus unterstützt.

Die Abgabe von Eizellen ist gleichbedeutend mit einer philosophischen Anthropologie, die eine Frau postuliert, die mit ihrem Körper uneins ist – „Mein Körper ist eine Sache, mit der ich tun kann, was ich will“. Was den Menschen hinsichtlich der Gemeinschaft angeht, so ist demnach ein Embryo auch „eine Sache“, der keinen Bedarf nach einer Mutter hat. Im Blick auf Natur und Gnade hieße das: „Was soll Gott nun damit zu tun haben?“, und was Frau und Mann angeht: „Inwiefern ist Geschlechtsverkehr überhaupt erforderlich, wenn Babys in Reagenzgläsern produziert werden können?“

Ähnlich ist es beim Fall von sexueller Promiskuität. Da wird zwischen Person und seinen Körper ein künstlicher Keil getrieben. Das „Geben“ des Körpers bedeutet eben nicht das Geschenk der Person. Daraus resultieren nun eine Reihe anderer Gegensatzpaare, etwas das von Person und Gemeinschaft: Das „Recht zu wählen“ ist nun eine Bezeichnung, die wir verwenden, wenn es darum geht, einem anderen das Leben zu nehmen. Dann das Gegensatzpaar von Mann und Frau, aus dem sich das Phänomen der Empfängnisverhütung und der Familien von Alleinerziehenden ergibt. Dann Natur und Gnade: „Was bringt denn eigentlich die Ehe als Sakrament?“ Oder: „Was hat Glauben überhaupt mit Sexualität zu tun?“

ZENIT: In einer öffentlichen Ansprache sprach Benedikt XVI. am 14. Februar über die bedeutsame Rolle, die Frauen in der frühen Kirche gespielt haben. Welchen Beitrag können Frauen in diesen modernen Zeiten nun für die Kirche leisten?

-- Schumacher: Um diese Frage zu beantworten, möchte ich vorschlagen, einmal auf jene Frauen zu schauen, die die Geschichte definitiv verändert haben und die auch weiterhin alle Christen dazu aufrütteln. Frauen und Männer, die ihre je eigenen Berufungen in Treue gelebt haben und leben: Maria, die von Benedikt XVI. mit den Worten von Elizabeth gepriesen wird: „Selig bist du, weil du geglaubt hast“ (vgl. Lk 1,45).

Es ist der Glauben Mariens, der bereits mit der Verkündigung den Neuen Bund eröffnet. Darüber hinaus wird ja das „depositum fidei“, das Glaubensgut, mit allem, was die Kirche uns als gut und glaubwürdig vorlegt, aus den „Geheimnissen des Glaubens“ geboren, die Maria im Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes und in Erwartung seiner Versprechen hervorbringt. Folglich ist die persönliche Glaubensentscheidung Mariens, ihr „Ja, ich glaube“ auch angesichts der schwierigsten Mysterien Christi wirklich zu unserem Glauben geworden, zum „Wir glauben“ der Kirche und zum „Ich glaube“ eines jeden ihrer Glieder.

Wie Maria so sind auch wir, Frauen und Männer der Kirche heute, dazu gerufen, nicht nur die Botschaft des Evangeliums zu leben und zu verkünden, sondern auch die heroischen Glaubensentscheidungen einzuholen und besonders dabei zu helfen, das ein persönlicher Glaube „zur Welt gebracht wird“ – dieses „Ja, ich glaube“ von anderen Menschen, besonders das der Kinder, die unserer Obhut anvertraut sind.

Das ist, so glaube ich, der wichtigste Beitrag, den wir für die Kirche leisten müssen. Es ist ein zeitloser Beitrag und einer, der in so vielen Berufungen verwirklicht werden kann, wie es Menschen gibt.