Auf dem Weg zu einem neuen Humanismus: Benedikt XVI. fordert Stärkung des Philosophie-Studiums

Empfang für die Teilnehmer des VI. europäischen Symposions für Universitätsdozenten

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ROM, 9. Juni 2008 (ZENIT.org).- Vom 5. bis 8. Juni fand in Rom das VI. europäische Symposion der Universitätsdozenten statt. Die diesjährige Begegnung, an der 63 Vortragende und 250 Teilnehmer aus 26 Ländern teilnahmen, stand unter dem Thema: „Die Horizonte der Vernunft ausweiten. Perspektiven für die Philosophie“. In vier Arbeitsgruppen wurden das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft, Religion, Anthropologie und Gesellschaft in den Blick genommen. Die vom Büro für die Hochschulseelsorge des Vikariats Rom in Zusammenarbeit mit den Institutionen der Region Latium, der Provinz und der Gemeinde Rom organisierte Tagung fand am Samstag mit einer besonderen Audienz im Apostolischen Palast bei Papst Benedikt XVI. ihren Höhepunkt.



Der Heilige Vater erinnerte die Philosophieprofessoren an die Ansprache, die er bei der Begegnung mit den Universitätsdozenten aus Europa am 23. Juni 2007 gehalten hatte. Benedikt XVI. hatte damals drei Anforderungen an die Philosophie gestellt: Zum einen müsse sie sich auf eine Untersuchung der Krise der Moderne konzentrieren, innerhalb derer ein Humanismus entstanden sei, der den Anspruch erhebe, ein „regnum hominis“ ohne erforderliche Rückbindung an eine ontologische Grundlage aufzubauen. Sodann hatte der Papst auf die Notwendigkeit verwiesen, für eine Ausweitung des Vernunftbegriffs zu arbeiten und irrationalen Versuchen zu widerstehen, die den Bereich der Vernunft einzuschränken wollten.

Aus den genannten Punkten hatte sich für Benedikt XVI. die spezifische Frage nach dem Beitrag des Christentums zum Humanismus der Zukunft ergeben. Diese Bemühung rufe die Kirche auf den Plan, insofern sie nach überzeugenden Wegen suchen müsse, um der heutigen Kultur den Realismus ihres Glaubens an das Heilswerk Christi zu verkünden. In diesem Sinn hatte der Heilige Vater bekräftigt: „Das Christentum darf nicht in die Welt des Mythos und der Gefühle verbannt werden, sondern es muss in seinem Anspruch respektiert werden, die Wahrheit über den Menschen ans Licht zu bringen und die Kraft zu besitzen, Männer und Frauen geistlich umzuwandeln, so dass sie ihrer Sendung in der Geschichte nachkommen können.“

Am Samstag lobte der Papst die Tatsache, dass das diesjährige Symposion an die Arbeiten des Vorjahres anschließe und diese weiterführe, um seine Gäste an den zehnten Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika Fides et ratio von Johannes Paul II. zu erinnern. Bereits zu jener Gelegenheit hätten Dozenten für Philosophie der staatlichen und päpstlichen Universitäten Roms dem Papst mit einer Erklärung gedankt, in der die Dringlichkeit einer Stärkung des Philosophiestudiums hervorgehoben worden sei.

Die Krise der Moderne, die nicht gleichbedeutend mit dem Niedergang der Philosophie sei, gehört für Benedikt XVI. zu den vorrangigen Themen der philosophischen Auseinandersetzung. Es bedürfe neuer Perspektiven, bekräftigte er. Werde die Moderne richtig verstanden, so offenbare sie eine komplexe „anthropologische Frage“. Die Öffnung der Philosophie für die Religion sei ein wesentlicher Punkt für die Überwindung der Krise und das Heraustreten der philosophischen Reflexion aus der Selbstgenügsamkeit.

Benedikt XVI. erklärte, dass er von Beginn seines Pontifikats an den Akzent auf dieses Problem gelegt hat. Mehrere Male habe er auf das verwiesen, was er bereits 1968 geschrieben hatte: „Der christliche Glaube hat … gegen die Götter der Religionen für den Gott der Philosophen, das heißt gegen den Mythos der Gewohnheit allein für die Wahrheit des Seins selbst optiert“ (J. Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 1968, 6. Aufl. 2005, S. 131).

Das Christentum sei nicht nur eine informative, sondern eine „performative“ Botschaft, das heißt eine Botschaft, die eine verwandelnde Kraft besitzt (vgl. Spe salvi, 2), und müsse in eine geschichtliche und konkrete Erfahrung eingesenkt werden, die den Menschen in der tiefsten Wahrheit seines Daseins erreiche. Der Papst rief zu einer „neuen Öffnung“ der Philosophie hin zur Wirklichkeit und zur Überwindung alter Vorurteile und Reduktionismen auf. Der Glaube sei verpflichtet, sich der historischen Dringlichkeit dieser Aufgabe anzunehmen.

„Der heute geforderte neue Dialog zwischen Glaube und Vernunft kann nicht in der Begrifflichkeit und in den Weisen geschehen, in denen er in der Vergangenheit erfolgte“, bekräftigte Papst Benedikt. Damit dieser Dialog nicht zu einer sterilen intellektuellen Übung verkomme, müsse er von der aktuellen konkreten Situation des Menschen ausgehen und darüber Überlegungen anstellen; Überlegungen, die deren ontologisch-metaphysische Wahrheit mit einbeziehe.

Zum Schluss seiner Ansprache rief der Papst die Verantwortlichen der akademischen Einrichtungen dazu auf, hochqualifizierte akademische Zentren zu fördern, in denen die Philosophie mit den anderen Disziplinen, insbesondere mit der Theologie, ins Gespräch kommen kann, um auf diese Weise „neue kulturelle Synthesen“ zur Orientierung der Gesellschaft zu begünstigen. Vor allem die katholischen Universitäten sollten ihre Bereitschaft zur Realisierung wahrer „Kulturlaboratorien“ sichtbar werden lassen.