Auf dem Weg zur Einheit: Papst Benedikt XVI. empfängt Chrysostomos II. von Zypern

Gemeinsame Erklärung zu Ökumene und Sendungsauftrag und eindringlicher Friedensappell

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ROM, 19. Juni 2007 (ZENIT.org).- Als Höhepunkt seiner einwöchigen Reise in den Vatikan und nach Italien wurde Chrysostomos II., orthodoxer Erzbischof von Zypern, am Samstag von Papst Benedikt XVI. empfangen. Vor dem gemeinsamen Gebet der Sext und nach den offiziellen Ansprachen unterzeichneten der Heilige Vater und der Erzbischof eine gemeinsame ökumenische Erklärung.



Für die beiden Kirchen zählt die Bemühung um die volle Einheit zu den vorrangigen Aufgaben, auch wenn der Weg dorthin lang sein mag. In diesem Bewusstsein vollzog sich die erstmalige Begegnung zwischen dem Papst und dem Erzbischof von Zypern in einem Klima, das die Unterstützung der Arbeit der gemischten internationalen Kommission zum Ausdruck brachte und klarstellte, dass es sich bei dem Treffen nicht um eine reine Formalität handelte. Die beiden Kirchenoberhäupter verwiesen auf die Notwendigkeit, die christlichen Wurzeln Europas neu zu bekräftigen, und sie erneuerten ihren Appell zum Frieden und zur Achtung des Lebens. Darüber hinaus unterstrichen sie ihre gemeinsame Haltung in der Frage der Bioethik, des Umweltschutzes und der Religionsfreiheit.

Erzbischof Chrysostomos II. wurde von Kurienkardinal Walter Kasper, dem Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche bei der Europäischen Union, Archimandriten Ignatius Sotiriadis, und einem Gefolge von weiteren vier Personen begleitet. Als Gastgeschenk überreichte der Erzbischof dem Papst eine Ikone aus dem 19. Jahrhundert sowie ein Buch über die in Zypern zerstörten religiösen Sitze. Benedikt XVI. überreichte seinem hochrangigen Gast einen Codex der Apostolischen Bibliothek in griechischer Sprache aus dem Jahr 1269. Nach dem Gebet der Sext auf Griechisch und Italienisch schloss der Besuch mit einem gemeinsamen Mittagessen.

In seinem Grußwort vor der Unterzeichnung der gemeinsamen ökumenischen Erklärung bekräftigte Chrysostomos II., dass er nach Rom gekommen sei, um nach „Jahrhunderten des nichtbrüderlichen Weges neue Brücken der Versöhnung, der Zusammenarbeit und der Liebe“ zu bauen. Der Erzbischof brachte die großen Erwartungen der orthodoxen Kirchen gegenüber dem Pontifikat Benedikts XVI. zum Ausdruck, den er als „weisen Theologen“, „unermüdlichen Hirten“ und „dynamischen Führer der Kirche“ bezeichnete.

Der orthodoxe Erzbischof verlieh seiner Überzeugung Ausdruck, dass die Wiedervereinigung und die Wiederherstellung des gegenseitigen Vertrauens und der wahren Liebe unter den Kirchen Zeit, Geduld und Opfer erforderten – „genauso wie sich die Entfremdung und das Schisma zwischen unseren Schwesterkirchen aufgrund von Missverständnissen vollzogen hat, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte angehäuft hatten“. Der Erzbischof erinnerte jedoch daran, dass Katholiken und Orthodoxe schon jetzt in der Evangelisierungstätigkeit vereint arbeiten müssten. In diesem Geist seien die Einladung des Papstes nach Zypern sowie das Angebot von Stipendien für katholische Theologen zu sehen, um auf Zypern studieren zu können.

Benedikt XVI. dankte dem Erzbischof für seinen Besuch und wies darauf hin, dass es sich nicht um einen Austausch von „ökumenischer Höflichkeit“ handle. Es gehe vielmehr darum, die feste Entscheidung zu bekräftigen, „im Gebet zu verharren, damit der Herr uns zeige, wie wir die volle Gemeinschaft erreichen können“. Dieser Weg des gemeinsamen Gebets schließe aber ein, dass der Einsatz für die Ökumene nicht nur mit Worten oder in formaler Weise kundgetan werde. „Im Vertrauen auf die göttliche Hilfe dürfen wir nicht müde werden, gemeinsam Wege zur Einheit zu suchen und dabei jene Schwierigkeiten zu überwinden, die im Lauf der Geschichte unter den Christen Spaltungen und gegenseitiges Misstrauen hervorgerufen haben.“

Der Papst hob hervor, wie wichtig die Wachsamkeit der Kirchen sei, um die Gläubigen vor falschen Propheten sowie vor Irrtümern und Oberflächlichkeiten zu bewahren, die der Lehre des göttlichen Meisters widersprechen. Gleichzeitig sei es notwendig, „eine neue Sprache der Verkündigung des Glaubens zu finden, die uns eint; eine Sprache, die wir miteinander teilen, eine geistliche Sprache, die uns fähig macht, die offenbarten Wahrheiten treu zu übermitteln. So helfen wir einander, die Gemeinschaft aller Glieder des einzigen Leibes Christi in der Wahrheit und in der Liebe wieder neu aufzubauen“.

In der gemeinsamen ökumenischen Erklärung verpflichten sich Benedikt XVI. und Chrysostomos II. dazu, „die Suche nach der vollen Einheit unter allen Christen zu verstärken und hierzu jede uns mögliche und für den Weg unserer Gemeinden nützliche Kraft aufzuwenden“. Ziel sei es, „eine essentielle Vereinbarung zur vollen Gemeinschaft im Glauben, im sakramentalen Leben und in der Ausübung des pastoralen Dienstes zu erreichen“.

Besondere Bedeutung wird dem gemeinsamen christlichen Zeugnis besonders im Kontext Europas zugewiesen: „In einer Zeit der Säkularisierung und des Relativismus sind Katholiken und Orthodoxe in Europa dazu aufgerufen, ein erneuertes gemeinsames Zeugnis der ethischen Werte zu bieten und dabei immer bereit zu sein, von ihrem Glauben an Jesus Christus, dem Herrn und Heiland, Rechenschaft abzulegen. Die Europäische Union, die sich nicht auf eine rein wirtschaftliche Zusammenarbeit beschränken darf, braucht feste kulturelle Grundlagen, gemeinsame ethische Bezugspunkte und eine Offenheit für die religiöse Dimension. Die christlichen Wurzeln Europas, die seine Zivilisation in den Jahrhunderten groß werden ließ, müssen belebt werden; es muss anerkannt werden, dass die christliche Tradition des Westens und des Ostens in diesem Sinn eine gemeinsame und wichtige Aufgabe zu erfüllen haben.“

Die Erklärung bringt eine gemeinsame Haltung gegenüber der Bioethik sowie zum Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheiten zum Ausdruck. „Wir fordern die Verantwortlichen der Nationen auf, im Geist der Solidarität mit den armen Menschen und allen Bedürftigen in der Welt eine gerechte Aufteilung der Ressourcen der Erde zu fördern.“

Die gemeinsame Erklärung enthält auch einen Appell, der direkt auf den Konflikt im Nahen Osten Bezug nimmt, „wo das Risiko besteht, dass sich der Krieg und die Gegensätze zwischen den Völkern ausweiten – mit verheerenden Folgen“.

Die Kirchen wollen zum Frieden „in Gerechtigkeit und Solidarität“ beitragen. „Damit dies alles geschehen kann, ist es unser Wunsch, die brüderlichen Beziehungen unter allen Christen und einen aufrichtigen Dialog unter den verschiedenen, in der Region anwesenden und tätigen Religionen zu fördern.“

Benedikt XVI. und Chrysostomos II. bekräftigen: „Wir richten diesen Appell an alle, die wo auch immer auf der Welt die Hand gegen die eigenen Brüder erheben, und ermahnen sie standhaft, die Waffen niederzulegen und dafür zu arbeiten, dass die vom Krieg verursachten Wunden geheilt werden. Wir laden sie darüber hinaus ein, sich dafür einzusetzen, dass die Menschenrechte immer verteidigt werden – in jeder Nation: Die Achtung des Menschen, Ebenbild Gottes, ist in der Tat für alle eine grundlegende Pflicht. Gleichfalls ist unter die zu schützenden Menschenrechte als primäres Menschenrecht die Religionsfreiheit zu zählen. Sie nicht zu respektieren, bedeutet eine schwere Verletzung der Würde des Menschen, der im Innersten seines Herzens getroffen wird, in dem Gott wohnt.“