Auf dem Weg zur Familiensynode 2014

Erste Synode unter Johannes Paul II. war ebenfalls diesem Thema gewidmet

Rom, (ZENIT.org) Gilfredo Marengo | 473 klicks

Eine genaue Beobachtung der ersten Amtshandlungen des neuen Papstes ist ein verständliches und häufiges Ansinnen, der beim Beginn eines jeden Pontifikates hervortritt. Dieser Haltung kann man sich nur schwer entziehen, doch um einseitigen Interpretationen vorzubeugen, gilt es, dabei zwei Erfordernisse miteinander in Einklang zu bringen: Zweifellos sind manche anfangs getroffenen Entscheidungen Ausdruck einer programmatischen Schwerpunktlegung und können zumindest einige Leitlinien eines noch vollkommen offenen Kurses sichtbar machen. Zugleich lässt sich die volle Komplexität des Papstamtes jedoch erst a posterioribegreifen. Daher sollte beim Meinungsaustausch über diese Themen stets große Vorsicht gewahrt werden, damit der Beobachter nicht den Wunsch, die ausschlaggebenden Eckpfeiler des Pontifikates zu erkennen, zum Vorwand macht, sich das Pontifikat den eigenen Vorstellungen entsprechend auszumalen.

Im Bestreben, in dem von obigen Betrachtungen abgesteckten Rahmen zu verbleiben, erscheint es vernünftig, in besonderer Weise eine der in diesen ersten Monaten des Pontifikates von Papst Franziskus getroffenen Entscheidungen zu beleuchten, die das Profil seines Pontifikats in entscheidendem Maße kennzeichnen.

Es handelt sich um die Entscheidung zur Einberufung der Sonderversammlung der Bischofssynode vom 5. bis zum 19. Oktober des kommenden Jahres unter dem Motto „Le sfide pastorali della famiglia nel contesto dell’evangelizzazione“ (Die pastoralen Herausforderungen für die Familie im Kontext der Evangelisierung).

Interessant ist der Hinweis darauf, dass auch die erste Synode im Pontifikat Johannes Pauls II. (1980) im Zeichen desselben Themas stand. Die historische Dokumentation zeigt in diesem Zusammenhang eine breite Zustimmung zur Wahl der Familie als Thema der Bischofssynode. Dies ging aus den vorbereitenden Gesprächen der Schlussphase des Pontifikates von Paul VI. hervor. Es war Kardinal Wojtyla, der dem Papst als Präsident des „Consilium“ der Synode im Rahmen der Audienz vom 19. Mai 1978 den entsprechenden Hinweis gab. Der Vorschlag wurde angenommen und während des kurzen Pontifikates von Johannes Paul I. bestätigt. Einen Monat nach seiner Wahl legte Johannes Paul II. das Thema der Bischofssynode nach der Formel: „De muneribus familiae christianae in mundo hodierno“ endgültig fest. In diesem Hinweis wird die Absicht erkennbar, die Arbeiten der Synode eine bestimmte Ausrichtung zu verleihen. So enthält die Betonung auf „munera“ der Familie, mit der das von den vorbereitenden Gremien zunächst sehr allgemein formulierte Thema (De familia christiana in mundo hodierno) konkretisiert wird, die Absicht, einem positiven und konstruktiven Zugang den Vorzug zu geben, und erreicht dadurch ein größeres Einvernehmen mit den vorhergegangenen Synoden zur Evangelisierung und zur Katechese.

Der damalige Beitrag des Papstes zur Formulierung des Titels ist von großer Bedeutung und findet in der kürzlich getroffenen Entscheidung des heutigen Papstes ihren Widerhall, energisch das „pastorale“ Profil der kirchlichen Sorge um die Familie zu schärfen.

Erhellend in diesem Zusammenhang ist eine Aussage von Papst Franziskus während seiner Brasilienreise. In einer Ansprache vor dem CELAM vom 28. Juli 2013 sprach er über einen Weg der „Umkehr in der Pastoral“. Dieser Zugang zur Pastoral scheint nicht nur vom funktionalistischen Horizont einer selbstverständlichen „cura animarum“ zu befreien, sondern an ein originelles Profil des 2. Vatikanischen Konzils anzuknüpfen, das die „Haltungen und eine Reform des Lebens“ in den Mittelpunkt stellt.

Der Papst selbst wollte vor jenen Versuchungen warnen, die einem Weg der Umkehr in der Pastoral hinderlich sind, indem er sie als der Ideologisierung der Botschaft des Evangeliums, dem Funktionalismus und dem Klerikalismus zugehörig kennzeichnete. Im Übrigen sagte Papst Franziskus auch: „In Bezug auf die Umkehr in der Pastoral möchte ich daran erinnern, dass ‚Pastoral‘ nichts anderes ist als die Ausübung der Mutterschaft der Kirche. Sie gebiert, stillt, lässt wachsen, korrigiert, ernährt, führt bei der Hand… Es braucht also eine Kirche, die fähig ist, den Mutterschoß der Barmherzigkeit wiederzuentdecken. Ohne Barmherzigkeit ist es heute kaum möglich, in eine Welt von ‚Verletzten‘ einzudringen, die Verständnis, Vergebung und Liebe brauchen“ (Begegnung mit den brasilianischen Bischöfen, 27. Juli 2013).

In dem offenen Raum zwischen den Polen der Versuchung und der „mütterlichen“ Figur der Pastoral scheint die Möglichkeit eines erneuerten und fruchtbaren Interesses an der Familie angesiedelt zu sein.

Die Aufmerksamkeit hinsichtlich der dreifachen Versuchung kann zumindest zum Teil erklären, warum das heute vorhandene eindrucksvolle Erbe der kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie nicht immer fähig war, auf fruchtbare Weise sein gesamtes Potenzial zu entfalten. Hingegen drängt der Ruf der „mütterlichen Empfindung der Barmherzigkeit“ angesichts der schweren Verletzungen des Familienlebens in unserer Zeit zur Abkehr von jeglicher Neigung zur Verurteilung und knüpft gleichsam bei den berühmten Worten von Johannes XXIII. an: „Wir vernehmen die Stimmen einiger, die, wenn auch mit religiösen Eifer, die Tatsachen ohne ausreichende Objektivität und sorgsames Urteil bewerten. Unter den gegenwärtigen Umständen der menschlichen Gesellschaft sind sie nicht fähig, anderes zu sehen als Verfall und Schrecken. Sie sagen, dass unsere Zeit im Vergleich zu den vergangenen Jahrhunderten viel schlechter sei, und verhalten sich sogar so, als ob sie von der Geschichte, der Lehrerin des Lebens, nichts mehr zu lernen hätten und als ob zur Zeit der vorangegangenen Konzile in Bezug auf die christliche Lehre, die Moral und die gerechte Freiheit der Kirche alles glücklich verlaufen wäre. Wir fühlen uns dazu verpflichtet, diesen Unglückspropheten, die immer das Schlechtere vorhersagen, gerade so, als ob das Ende der Welt bevorstünde, entschieden zu widersprechen, […] Was die gegenwärtige Zeit betrifft, so nimmt die Braut Christi lieber die Medizin der Barmherzigkeit ein als zu den Waffen der Härte zu greifen. Sie meint, dass den heutigen Bedürfnissen durch eine klarere Erläuterung des Wertes ihrer Lehre zu begegnen ist, anstatt diese zu verurteilen“ (Gaudet Mater Ecclesia, 11. Oktober 1962; eigene Übersetzung). 

Ein interessantes Element ist schließlich noch die Entscheidung zur Einberufung der „außerordentlichen Bischofsversammlung“: Laut der Synode selbst bedeutet dies, dass „das zu behandelnde Thema zwar das Wohl der Kirche betrifft, jedoch eine rasche Definition benötigt“ ( Art. 4). Daher scheint daraus hervorzugehen, dass die erneuerte Aufmerksamkeit auf die Familie die kirchliche Lehre heute zur Annahme eines Handlung- und Entscheidungsprofils auffordert.

Es ist noch lange nicht an der Zeit, Hypothesen über die Formen und Inhalte der zukünftigen Synodenbeschlüsse zu formulieren. Mit Sicherheit kann man sich nicht dem Gefühl einer starken Erwartung und zuversichtlichen Hoffnung entziehen. Eines der interessantesten Merkmale des Erbes des 2. Vatikanischen Konzils ist folgendes: Jedes Mal, wenn die Kirche zur Vertiefung eines schwierigen in dramatischer Weise aus dem Hier und Jetzt emporragenden Abschnittes ihrer Geschichte oder ihres pastoralen Handelns hinabbeugt, wird sie stets von dem erneuernden und ununterbrochenden Bewusstsein ihrer Identität und der aufbauenden missionarischen Berufung beseelt.

Don Gilfredo Marengo ist Dozent für theologische Anthropologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. zu Studien der Ehe und der Familie – Rom.