"Auf dem Weg zur Schule | Sur le chemin de l'école"

Wie anstrengend und abenteuerlich der Schulweg für Kinder aus entlegenen Gegenden in Indien, Kenia, Marokko und Patagonien sein kann zeigt dieser Dokumentarfilm von Pascal Plisson

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 404 klicks

Kinderhände graben ein Loch in den sandigen Savannenboden auf der Suche nach Wasser. Der 11-jährige Jackson aus Laikipia in Kenia möchte am letzten Ferientag seine Schuluniform waschen. Dann muss er noch seine Sandalen reparieren. Beim Abendessen erinnert der Vater Jackson und seine jüngere Schwester Salome an die Gefahren, die auf dem 15 Kilometer langen Schulweg durch die Savanne lauern: Sie sollen einen großen Bogen um die Elefantenherde machen, da sie Menschen angreifen. Auch der Kamerateam um Regisseur Pascal Plisson scheint diesen Ratschlag zu beherzigen: am nächsten Tag wird der Zuschauer die Elefanten lediglich aus respektvoller Entfernung zu sehen bekommen. Die abwechselnd mit Simon Watel von Pascal Plisson selbst geführte Kamera begleitet Jackson und Salome auf ihrem schnell zurückgelegten Schulweg: Jackson möchte unbedingt die fünfzehn Kilometer in zwei Stunden schaffen, um pünktlich anzukommen. Schließlich hat er am ersten Schultag die Ehre, auf dem Schulhof die Flagge zu hissen. Beim Betrachten der durch die Savanne teilweise laufenden Kinder versteht der Zuschauer, warum Kenia seit Jahrzehnten zu den Hochburgen der Langstreckenläufer gehört.

Eine noch größere Entfernung zur Schule legt die 12-jährige Zahira zurück. Allerdings bewältigen sie und ihre beiden Freundinnen Noura und Zineb die 22 Kilometer zum Teil im Auto. Um aber eine Mitfahrgelegenheit zu erreichen, müssen sie zunächst durch das Hohe Atlasgebirge in Marokko etliche Kilometer lang wandern. Wenn eines der Mädchen einen Schmerz im Fuß spürt, kann der Zeitplan schon durcheinander kommen. Dann sind die 22 Kilometer nicht mehr in vier Stunden zu schaffen. Zahira, Noura und Zineb durchlaufen diese Entfernung freilich nicht jeden Tag. Unter der Woche bleiben die drei Mädchen in ihrer Schule, wo sie sich ein Zimmer teilen.

Auf der anderen Seite der Erdkugel macht sich der 11-jährige Carlito für den Schulweg bereit. Mit seiner kleinen Schwester Mica und seinen Eltern lebt er in einem Bauernhof mit Ziegenzucht im argentinischen Patagonien. Zusammen mit Mica legt Carlito täglich den 18 Kilometer langen Schulweg durch die steppenähnliche Pampa auf einem Pferd in rund eineinhalb Stunden zurück. Dabei ist der oft steile Abstieg vom Berg nicht ganz ungefährlich. Auf dem lose liegenden Geröll bergab kann das Pferd trotz aller Geschicklichkeit leicht wegrutschen. Wenn der größte Teil des Wegs unfallfrei hinter ihnen liegt, stoppen Carlos und Mica an einem Heiligenschrein und verweilen dort für ein kurzes Dankgebet. Als sie wieder aufsitzen, gelingt es Mica ihren Bruder zu überreden das Pferd zu führen. Wie könnte Carlito seiner niedlichen Schwester trotz der Ermahnung der Mutter ihren Wunsch abschlagen?

Im indischen Golf von Bengalen sitzt der 13-jährige Samuel in einem rostigen Rollstuhl und schaut aufs Meer. In diesem Rollstuhl wird Samuel am nächsten Tag von seinen Brüdern Emmanuel und Gabriel mit großen Kraftanstrengungen zur Schule geschoben beziehungsweise gezogen – vier Kilometer lang einen unebenen Weg entlang. Manchmal stellen sich ihnen unvorhergesehene Hindernisse in den Weg, etwa ein defekter Laster. Dann aber tragen die Männer, die mit dem Reifenwechsel beschäftigt sind, kurzerhand den Rollstuhl um den Lastwagen herum. Oder der Rollstuhlreifen bekommt einfach einen Platten. Dann werden die letzten Meter zu einer einzigen Qual, um den rostigen und kaputten Rollstuhl bis zu einem Fahrradladen zu schaffen, wo er repariert werden kann.

Pascal Plisson erzählt die Geschichten um die vier Schulwege auf drei verschiedenen Kontinenten parallel. Der Schnitt von Sarah Anderson schafft fließende Übergänge, die für Abwechslung sorgen. Die Kamera nimmt eine begleitende Haltung ein, so dass die Kinder selbst ihre Geschichte erzählen, manchmal auch indem sie direkt in die Kamera schauen und von ihren Zukunftsträumen berichten. Nebenbei fängt die Kamera freilich auch großartige Landschaftsbilder von zum Teil noch unberührten, unwirtlichen aber wunderschönen Gegenden ein. Der Zuschauer erfährt von den teilweise schwierigen Lebensumständen der Kinder, allerdings ebenso auch von ihrer Entschlossenheit, an der Bildung teilzunehmen, um auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Ganz deutlich wird es etwa in einem Gespräch zwischen Zahira und ihrer Großmutter, der als Kind ein Schulbesuch verwehrt war. Sie wurde nur in der örtlichen Moschee unterrichtet, wo sie das „Al Hamdou“, die Lobpreisung Allahs, und die anderen Suren des Korans lernte. Für ihre Enkeltochter erhofft sie sich eine bessere Bildung.

Obwohl sich am Dokumentarfilm „Auf dem Weg zur Schule“ Manches zu inszeniert ausnimmt, ist es eine wahre Freude, seinen charmanten kleinen Protagonisten bei der Überwindung von Hindernissen zuzuschauen, aber auch von ihrem Eifer und Wissensdurst zu erfahren, von dem unbedingten Willen, eine schulische Ausbildung zu bekommen. Dass sie auch auf ihrem Weg zur Schule viel Spaß haben, wird von Filmemacher Pascal Plisson gerne in eine Situationskomik umgesetzt, die für den Zuschauer den beschwerlichen Weg dieser Kinder kurzweilig gestaltet.

„Auf dem Weg zur Schule“ verdeutlicht, dass Schulbildung keine Selbstverständlichkeit ist, wenigstens nicht auf der ganzen Welt. Diese vier Kinder nehmen freiwillig einen beschwerlichen Weg auf sich, weil sie die Chance auf Bildung als ein wertvolles Privileg ansehen, das jede Anstrengung rechtfertigt.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne                      
Regie: Pascal Plisson
Darsteller: (Mitwirkende): Jackson & Salome Saikong, Zahira Badi, Carlito & Micaela Janez, Samuel J., Gabriel J. & Emmanuel J. Esther
Land, Jahr: Frankreich 2013
Laufzeit: 77 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ohne Altersbeschränkung
Einschränkungen: --
im Kino: 12/2013

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.