Auf die Beheimatung in Liturgie und Leben einer Gemeinde kommt es an

Bonifatiuswerk-Interview mit Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst

| 1553 klicks

LIMBURG, 6. Juni 2009 (ZENIT.org/BONIFATIUSWERK).-  Unter dem Titel „Den Glauben weitertragen" hat das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken eine bundesweite Initiative gegen sinkende Taufzahlen gestartet. Willkommengeschenke wie Neugeborenentasche und Glaubensrucksack sollen Erwachsene bei ihrem Weg in die Kirche unterstützen. Sie sollen eine Brücke bilden, um auf junge Eltern zuzugehen, ihnen zur Geburt ihres Kindes zu gratulieren und auf die Taufe hinzuweisen. Im Interview mit dem Bonifatiuswerk, spricht Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst  über die Notwendigkeit eines solchen Angebotes.

Bonifatiuswerk: Herr Bischof Tebartz-van Elst, sie haben bislang immer wieder betont, dass es keine Selbstverständlichkeit mehr sei, dass Eltern ihre Kinder taufen lassen. Und auch ob die jetzige Elterngeneration die Taufe ihrer Enkelkinder noch anregen und mittragen werde, sei sehr unsicher. Warum stellt sich heute die Situation in Deutschland so dar? 

Tebartz-van Elst: In den Gesprächen mit den Katechetinnen und Katecheten, die in unseren Gemeinden Kinder und Jugendliche auf die Erstkommunion und Firmung vorbereiten, höre ich immer wieder, wie sehr sich die Ausgangssituation für die Glaubensweitergabe verändert hat. Die Säkularisierung des Lebens hat dazu geführt, dass vielen Menschen die Lebendigkeit einer Gottesbeziehung abhanden gekommen ist. 

Hier gilt der Satz des früheren Mailänder Erzbischof Kardinal Martini: „Wer nicht mehr betet, für den wird Gott zum Niemand". Ein gesellschaftliches Klima, in dem der Glaube an Gott immer weniger selbstverständlich ist und erlebt wird, führt dazu, dass auch Eltern, die immer weniger in einem lebendigen Glauben beheimatet sind, ihre Kinder immer seltener taufen lassen.

Bonifatiuswerk: Was tut Kirche gegen sinkende Taufzahlen?

Tebartz-van Elst: Der Kontakt zu den jungen Eltern ist in der Seelsorge und Katechese von großer Bedeutung. Wo die Ehe sich zur Familie erweitert, wenn das erste Kind geboren wird, ergeben sich im Leben von Eltern neue Fragen. Das dankbare Staunen über die Geburt eines Kindes und die Faszination des neuen Lebens lässt Eltern die religiöse Dimension ihres Lebens oft neu entdecken. Damit verbinden sich auch die Fragen, welche Werte und Überzeugungen sie ihrem Kind mitgeben wollen. 

In diesem Zusammenhang ist das Gesprächsangebot der Kirche eine wichtige Initiative. Vielfältige Hilfen sind in den deutschen Diözesen auf den Weg gebracht worden, wie auch über alte und neue Medien die Bedeutung von Glaube und Taufe wieder in den Blick kommen kann. Gerade die „Neugeborenentasche" des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken ist ein gutes Beispiel für missionarische Möglichkeiten, die sich in diesem Zusammenhang für die Kirche auftun.

Bonifatiuswerk: Mit der Neugeborenentasche möchte das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken erreichen, dass Pfarrgemeinden oder andere katholische Institutionen frühzeitig einen Schritt auf junge Eltern zugehen. Wie wichtig sind solche niederschwelligen Berührungspunkte mit Glaube und Pfarrgemeinde weit vor und vielleicht auch unabhängig von einer möglichen Taufe?

Tebartz-van Elst: Zweierlei scheint mir wichtig zu sein: Zum einen braucht es die niederschwelligen Berührungspunkte mit dem christlich-kirchlichen Glauben, der Eltern signalisiert, dass im Raum der Gemeinde ein Ort ist, wo das Leben der Eltern und des Kindes ausdrücklich vorkommen. Wo Pfarrgemeinden die so genannten Krabbelgruppen in ihrem Pfarrheim auch durch Gesprächsangebote und katechetische Initiativen begleiten, zeigt sich, dass der Ort eines Angebotes auch zu einer tieferen Botschaft werden kann. 

Zum anderen braucht es auch den Mut, unsere Botschaft deutlicher ins Wort zu bringen. Manchem kommen erst Fragen, die zum Glauben führen, wo der scheinbar „zugemutete" Inhalt im Gespräch und in der weiteren katechetischen wie liturgischen Begleitung als verborgenes Zutrauen Gottes an den suchenden Menschen entdeckt wird. Katechetische Hilfe beginnt bereits damit, dass Menschen ermutigt werden, die Fragen zu stellen, die wirklich weiterführen. Wo dieser Weg gewählt wird, lernt die Kirche zugleich eine neue Auskunftsfähigkeit und Sprachfähigkeit im Glauben.

Bonifatiuswerk: Welche Chancen liegen darin für das Kind und welche für Eltern, die zwar getauft, aber fern der Kirche stehen?

Tebartz-van Elst: Die Einführung in den Glauben bei den Eltern bewirkt, dass die religiöse Dimension der Erziehung stärker in den Blick kommt. Wir wissen, wie empfänglich gerade Kinder für unseren Glauben sind und wie gut es gelingen kann, sie in den Reichtum seiner Feier mit den vielen Riten und Symbolhandlungen hineinzuholen. Das schafft Beheimatung und ein Grundvertrauen, mit dem Kinder anders heranwachsen. Für die Eltern liegen die Chancen darin, dass sie ihre Erzieherrolle auch als ein Ereignis des Glaubens verstehen. 

Bonifatiuswerk: Mit den Taschen tragen aktive Katholiken den Glauben weiter. Welche Verantwortung kommt den Gemeinden mit Blick auf die Taufe zu?

Tebartz-van Elst: Das Bild der Glaubenstaschen bzw. Glaubensrucksäcke ist sehr ansprechend. Es macht deutlich, dass die Gemeinden die Taufbewerber mit dem ausstatten und zurüsten wollen, was den Weg des Glaubens möglich macht. Dies ist das gelebte und ausgesprochene Glaubensbekenntnis der Kirche. 

Das sind die Feiern unseres Glaubens, die Beheimatung im Leben vermitteln und eine Gemeinschaft erfahrbar machen, die ihren verlässlichen Zusammenhalt in verbindenden und verbindlichen Überzeugungen sieht. In diesem Sinne den Dienst der Glaubensbegleitung zur Verfügung zu stellen, ist eine vornehmliche Aufgabe und Verantwortung, die auf die Gemeinden zukommt, wenn Erwachsene um die Taufe bitten.

Bonifatiuswerk: Der Glaubensrucksack des Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken soll künftig einen erwachsenen Neugetauften auf seinen ersten Schritten in der Kirche begleiten. Was erwarten Neugetaufte von der Kirche? 

Tebartz-van Elst: Neugetaufte erwarten von der Kirche diese persönliche Begleitung, die Erfahrung einer tragenden Gemeinschaft, den Mut und die Klarheit, das Credo der Kirche zur Sprache zu bringen und Gottesdienste, die wirklich mystagogisch sind, das heißt die das Geheimnis des Glaubens zum Ausdruck bringen. 

Nicht wenige der erwachsenen Taufbewerber haben zuvor gerade im diakonisch-karitativen Bereich das Zeugnis des Lebens von engagierten Christen so erfahren, dass sie dadurch Interesse gefunden haben, nach dem Zeugnis des Wortes zu fragen. Taufbewerber und Neugetaufte erwarten in diesem Sinne eine Auskunftsfähigkeit im Glauben, die sie selbst immer sprachfähiger werden lässt.

Bonifatiuswerk: Sie machen sich seit Jahren für den Erwachsenenkatechumenat stark, einem dreistufigen Weg in die Kirche, der mit der Taufe abgeschlossen wird. Welche Reaktionen bekommen Sie von Neugetauften über deren erste(s) Jahr(e) in der Kirche?

Tebartz-van Elst: Zum zweiten Mal haben wir im Bistum Limburg den Sonntag in der Pfingstnovene genutzt, um alle Neugetauften der vergangenen Jahre einzuladen und in der Feier der Eucharistie Dank zu sagen für das Geschenk der Taufe, Firmung und Eucharistie. Die Neugetauften nehmen diese Einladung mit großer Dankbarkeit an. 

Sie haben mir bei der anschließenden Begegnung nach der Eucharistiefeier davon berichtet, wie nachhaltig ihre Taufe, Firmung und der Empfang der Eucharistie in der Osternacht ihr Leben und das ihrer Gemeinden bewegt hat. Zugleich sind sie dankbar, von Zeit zu Zeit mit der größeren Ortskirche verbunden zu werden. Nicht nur die Zulassungsfeier am ersten Fastensonntag, an die sich die Neugetauften mit großer Dankbarkeit erinnern, sondern auch dieser Dankgottesdienst in der Osterzeit wird von den Neugetauften als unvergesslich geistliche Erfahrung rückgemeldet.

Bonifatiuswerk:  Wo sind die Gemeinden und Mitchristen gefragt, dass nicht aus der Freude zur Taufe nach kurzer Zeit Frust im katholischen Alltag wird?

Tebartz-van Elst: Die Phase nach dem Empfang der Taufe, Firmung und Eucharistie ist im Prozess des Katechumenates ebenso wichtig wie die Phase der Vorbereitung auf Ostern. Der Osterfestkreis ist nach dem Zeugnis der Kirchenväter die bevorzugte Phase für eine eingehende Eucharistiekatechese. 

Gleichzeitig braucht es in dieser Phase die Eingliederung in Gruppen und Initiativen, die den Neugetauften eine stärkere persönliche Vernetzung mit ihrer Heimatgemeinde ermöglicht. Wo die Integration in Gruppen und Engagements gelingt, zeigt sich, wie sehr Neugetaufte schon bald das Bild einer Gemeinde mitprägen. Weil Glauben nicht alleine geht, braucht es die Gemeinschaft der Glaubenden. Wo das im Blick ist, wird Enttäuschung vermieden.

Bonifatiuswerk:  Was müssen Neugetaufte tun, um in der neuen Gemeinschaft richtig Fuß zu fassen? 

Tebartz-van Elst: Um in der neuen Gemeinschaft Fuß zu fassen, ist die Beheimatung in Liturgie und Leben einer Gemeinde wichtig. Wo die Priester und pastoralen Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter helfen, das Zeugnis der Neugetauften innerhalb von Gruppen und Gemeinde zur Sprache zu bringen, geht davon eine Attraktivität aus, die auch mehr Kommunikation untereinander möglich macht. In diesem Sinne braucht es noch mehr Aufmerksamkeit, Kreativität und Engagement, konkrete Erfahrungen und Zeugnisse vor Ort in den Gemeindealltag „einzuspeisen".

Von Alfred Herrmann, Pressereferent vom Bonifatiuswerk