Aufforderung zu mutigen weiteren Schritten in der Ökumene: Bischof Kurt Koch zum neuen Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre

„Hinführung“ des Vorsitzenden der Schweizer Bischofskonferenz

| 412 klicks

FRIBOURG, 10. Juli 2007 (ZENIT.org).- In seiner „Hinführung zu den theologischen Hintergründen des neuen Dokuments der Glaubenskongregation über die Lehre der Kirche“ weist Bischof Kurt Koch, Vorsitzender der Schweizer Bischofskonferenz, darauf hin, dass das unterschiedliche Kirchenverständnis das größte Problem der Ökumene darstelle. Das heute erschienene Dokument lege den Finger „in die unerledigten Aufgaben und in die eigentliche Wunde in der heutigen ökumenischen Situation und fordert diese heraus, die unaufschiebbaren Fragen des theologischen Kirchenverständnisses und des Ziels der ökumenischen Bewegung entschieden anzugehen.“ Insofern bedeute es „eine Herausforderung zu mutigen weiteren Schritten in der Ökumene, die sich entschieden auch der Frage nach der Wahrheit des Glaubens stellen muss“.



* * *

HINFÜHRUNG ZU DEN THEOLOGISCHEN HINTERGRÜNDEN DES
NEUEN DOKUMENTS DER GLAUBENSKONGREGATION
ÜBER DIE LEHRE DER KIRCHE
Bischof Kurt Koch

Anlässe und Hintergründe

Im Jahre 2000 erschien die Erklärung der römischen Kongregation für die Glaubenslehre „Über die Einzigartigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“ mit dem Titel „Dominus Iesus“. Sie war als Beitrag zum interreligiösen Dialog gedacht und wollte mitten im Heiligen Jahr das christliche Bekenntnis zur Einzigartigkeit Jesu Christi vertiefen, was ein zentrales ökumenisches Anliegen ist. Als solches wurde es allerdings kaum wahrgenommen. In den öffentlichen Auseinandersetzungen standen vielmehr die kleineren Abschnitte über die Kirche im Mittelpunkt. Vor allem die Aussage, dass die apostolische Sukzession im Weiheamt und die Fülle des eucharistischen Geheimnisses für die katholische Kirche grundlegend sind und dass deshalb die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften nicht als „Kirchen im eigentlichen Sinne“ bezeichnet werden können, hat zu heftigen Disputen geführt.

Auf diese kritischen Reaktionen und Auseinandersetzungen zurückkommend sieht sich sieben Jahre nach dieser Erklärung die Kongregation für die Glaubenslehre veranlasst, zu dieser Thematik erneut Stellung zu nehmen auf der einen Seite mit dem Dokument „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre der Kirche“ und auf der anderen Seite mit einem „Kommentar“, in dem das Dokument eingehender erklärt wird.

An erster Stelle wird festgehalten, dass das Zweite Vatikanische Konzil keine neue Lehre über die Kirche entwickelt hat, sondern die von der Tradition überkommene Lehre entfalten und vertiefen wollte. Die zweite und dritte Antwort rufen die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung, dass die Kirche Jesu Christi in der katholischen Kirche „subsistiert“ (= „verwirklicht ist“). Bei der vierten und fünften Antwort wird dargelegt, warum die katholische Kirche die orthodoxen Kirchen als „Kirchen“ bezeichnet, wohingegen sie den aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften den Titel „Kirche im eigentlichen Sinn“ nicht zuspricht.

Auf den ersten Blick mag dies als eine nur schwer verständliche und noch schwerer vermittelbare Aussage erscheinen. Denn auf der empirischen Ebene werden selbstverständlich auch die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften als Kirchen wahrgenommen, und sie verstehen und bezeichnen sich selbst auch als solche. Vor allem in Ländern wie Deutschland und der Schweiz, in denen die christlichen Konfessionen eng neben- und miteinander leben und sich bereits zahlenmässig beinahe die Waage halten, werden auch von den Katholiken die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften als „Kirchen“ erfahren.

Das Dokument der Glaubenskongregation stellt aber – wie bereits „Dominus Iesus“ – die strikt theologische Frage nach dem eigentlichen Wesen der Kirche und sieht dieses in den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften nicht voll verwirklicht. Es wird zwar betont, dass auch in ihnen die Kirche Jesu Christi „gegenwärtig und wirksam“ ist, dass sie aber aufgrund des Fehlens der apostolischen Sukzession im Weiheamt und der vollen Fülle des eucharistischen Geheimnisses nicht „Kirchen im eigentlichen Sinne“ genannt werden können.

Differenzen im Kirchenverständnis

Zu dieser Aussage sieht sich die katholische Kirche veranlasst, weil sie nicht auf der einen Seite die Glaubensüberzeugung vertreten kann, dass das eucharistische Geheimnis und die apostolische Sukzession zum Wesen der Kirche Jesu Christi gehören, und auf der anderen Seite zugleich urteilen könnte, dass kirchliche Gemeinschaften, die eben diese Wirklichkeiten nicht, zumindest nicht im gleichen Sinn, zum unaufgebbaren Wesen der Kirche zählen, dennoch im gleichen Sinn als Kirchen anerkannt werden können. Dies ist mit dem Ausdruck „nicht Kirchen im eigentlichen Sinne“ gemeint. Kardinal Walter Kasper hat diese Aussage dahingehend präzisiert, dass die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften „Kirchen eines anderen Typs“ oder ein „neuer Typ von Kirche“ seien. Damit wird auch dem Selbstverständnis dieser reformatorischen kirchlichen Gemeinschaften entsprochen, die bewusst nicht Kirche im katholischen – und orthodoxen – Sinn sein wollen, sondern ihr Kirchesein von ihrer spezifischen Tradition her profilieren, beispielsweise als „Kirche der Freiheit“, wie auf reformierter Seite neuerdings oft pointiert herausgestrichen wird.

Der eigentliche strittige Punkt besteht dabei in der Frage, ob es angesichts einer Vielzahl von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in der geschichtlichen Wirklichkeit die eine Kirche Jesu Christi als konkretes Subjekt überhaupt gibt. Davon ist die katholische Kirche überzeugt, weshalb sie das „subsistit“ (ist verwirklicht in) nur von der katholischen Kirche aussagt. Denn in katholischer Sicht ist die Kirche Jesu Christi nicht unsichtbar und ungreifbar hinter den vielfältigen menschlichen Bildungen verborgen; es gibt sie vielmehr als geschichtliche Wirklichkeit in der katholischen Kirche, die sich im Glaubensbekenntnis, in den Sakramenten und in der apostolischen Nachfolge ausweist. Demgegenüber tendieren die reformatorischen kirchlichen Gemeinschaften dahin, die Einheit der Kirche bereits in der Summe aller bestehenden Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu sehen, so dass man von verschiedenen „Subsistenzen“ (Verwirklichungen) der von Christus gegründeten Kirche ausgehen müsste. Demgemäss wären die grossen westlichen Konfessionen bloss zwei verschiedene Formen oder Varianten der einen Kirche Jesu Christi.

In dieser auf reformierter Seite vertretenen pluralistischen Sicht der Einheit der Kirche kann sich aber die katholische Kirche nicht wieder finden. Die beiden grossen Kirchengestalten im weltweiten Christentum sind ohnehin die Kirchen des Ostens auf der einen und die Kirche des Westens auf der anderen Seite, während die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften Sonderentwicklungen nur innerhalb der Westkirche sind.

Hier scheint auch der tiefste Grund auf, dass Kardinal Walter Kasper als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen bereits vor Jahren im Blick auf das fünfhundertjährige Jubiläum der Reformation im Jahre 2017 die entscheidende Frage an die aus der Reformation hervor gewachsenen kirchlichen Gemeinschaften gerichtet hat, wie sie sich heute selbst verstehen: ob sie die Reformation – wie die Reformatoren selbst – als Reform und Erneuerung der einen universalen Kirche verstehen können, oder ob sie die Reformation als ein neues Paradigma verstehen, das sich durch eine bleibende Grunddifferenz „protestantisch“ vom Katholischen abgrenzt? Oder anders gewendet: Teilen die reformatorischen Gemeinschaften heute noch die Überzeugung und Absicht der Reformatoren, die nicht die Bildung einer neuen Kirche, sondern die Wiederherstellung der alten Kirche wollten, oder gehen sie davon aus, dass es sich bei den reformatorischen Gemeinschaften um neue kirchliche Bildungen handelt?

Weil es von der Beantwortung dieser entscheidenden Frage abhängt, welches Ziel der ökumenischen Bewegung anvisiert wird, bleibt zu hoffen, dass diese Anfrage zu sinnvollen und weiterführenden Gesprächen zwischen den reformatorischen Gemeinschaften und der katholischen Kirche über das theologische Wesen der Kirche führt.

Das römische Dokument macht damit erneut deutlich, dass die zweifellos grösste Schwierigkeit in der ökumenischen Verständigung heute im unterschiedlichen Kirchenverständnis liegt: Die reformatorischen Gemeinschaften verstehen sich als Teil der einen Kirche in jeweils unterschiedlicher Gestalt. Davon unterscheidet sich das Selbstverständnis der katholischen Kirche grundlegend, insofern sie nämlich beansprucht, dass sie nicht bloss ein Teil der einen Kirche ist, sondern dass in ihr die eine Kirche Jesu Christi konkret verwirklicht ist. Damit aber ist offenkundig, dass weder die reformatorischen Kirchengemeinschaften das Selbstverständnis der katholischen Kirche voll anerkennen können noch die katholische Kirche dasjenige der reformatorischen Kirchengemeinschaften.

Diese harte, aber realistische und ehrliche Feststellung kann nur bedeuten, dass wir in der Ökumene heute nur dann weiterkommen können, wenn wir über die theologisch sehr unterschiedlichen Sichten der Kirche miteinander ins Gespräch kommen.

Vergewisserung über das ökumenische Ziel

Dieser Schritt erweist sich auch deshalb als unabdingbar, weil sich hinter den verschiedenen Verständnissen der Kirche auch sehr unterschiedliche Sichten des Ziels der Ökumene verbergen. Dass in den bisherigen Phasen der ökumenischen Bewegung auf der einen Seite erfreuliche und weitgehende Konsense über sehr viele Einzelfragen erzielt werden konnten, dass sich aber auf der anderen Seite die noch bestehenden Differenzpunkte im nach wie vor recht unterschiedlich profilierten Verständnis der ökumenischen Einheit der Kirche selbst bündeln und dass somit das Ziel der ökumenischen Bemühungen zwischen den verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften noch immer strittig ist, dies macht die eigentliche Paradoxie in der gegenwärtigen Situation der Ökumene aus.

Dieses Problem hängt vor allem damit zusammen, dass jede Kirche ihr spezifisches konfessionelles Konzept von der Einheit ihrer eigenen Kirche hat und verwirklicht und von daher beinahe selbstverständlich bestrebt ist, diese konfessionelle Konzeption auch auf das Ziel der Ökumenischen Bewegung zu übertragen, so dass sich in der Diskussion um das Ziel der ökumenischen Bewegung die unterschiedlichen Kirchenverständnisse wiederholen und auswirken.

Wir stehen deshalb heute vor einer grundlegenden Unterscheidung der Geister zwischen zwei verschiedenen Konzeptionen der Ökumene, nämlich zwischen einem Ökumenismus, für den sich die orthodoxen Kirchen und die katholische Kirche einsetzen und der weiterhin die sichtbare Einheit der Kirche anstrebt und für diese Einigung betet und arbeitet, und einem Ökumenismus, der sich mit dem heutigen Zustand der Vielheit und Verschiedenheit der Kirchen zufrieden gibt und die Einheit der Kirche bereits in der gegenseitigen Anerkennung der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften erblickt, die sich dann nicht mehr zu einen bräuchten, sondern sich in ihrer Verschiedenheit, freilich auch in ihrer teilweise bekenntnismässigen Widersprüchlichkeit, gegenseitig annehmen sollen.

Letztere – von den reformatorischen Gemeinschaften – vertretene Sicht stellt sich für die katholische Kirche zumindest als widersprüchlich dar und kann von ihr nicht geteilt werden, weil auf diesem Weg die eine Kirche Jesu Christi letztlich in einen unverbundenen Pluralismus von Kirchen aufgelöst würde, die gleichsam nur noch auf dem Weg der Addition die eine Kirche Jesu Christi bilden würden. Die katholische Kirche aber will gleichsam mehr Ökumene und erblickt deren Ziel deshalb in der Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit der Kirche Jesu Christi.

Das römische Dokument legt seinen Finger erneut auf die unerledigten Aufgaben und in die eigentliche Wunde in der heutigen ökumenischen Situation und fordert diese heraus, die unaufschiebbaren Fragen des theologischen Kirchenverständnisses und des Ziels der ökumenischen Bewegung entschieden anzugehen. Das römische Dokument kann insofern gerade kein Hindernis für die Ökumene darstellen, sondern bildet eine Herausforderung zu mutigen weiteren Schritten in der Ökumene, die sich entschieden auch der Frage nach der Wahrheit des Glaubens stellen muss.

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]