Aufgebung

von Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 261 klicks

„Aufgebung“

von Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Ich lasse das Schicksal los.
Es wiegt tausend Milliarden Pfund;
Die zwinge ich doch nicht, ich armer Hund.

Wies rutscht, wies fällt,
Wies trifft - so warte ich hier. -
Wer weiß denn vorher, wie ein zerknittertes Zeitungspapier
Weggeworfen im Wind sich verhält?

Wenn ich noch dem oder jener (zum Beispiel dir)
Eine Freude bereite,
Was will es dann heißen: "Er starb im Dreck"? -
Ich werfe das Schicksal nicht weg.
Es prellt mich beiseite.

Ich poche darauf: Ich war manchmal gut.
Weil ich sekundenlang redlich gewesen bin. -
Ich öffne die Hände. Nun saust das Schicksal dahin.
Ach, mir ist ungeheuer bange zumut.

***

Joachim Ringelnatz wurde am 7. August 1883 in Wurzen geboren. Ringelnatz, der des Gymnasiums verwiesen wurde, besuchte zunächst eine Privatschule, die er aber nach der Obersekunda abbrach. Bis 1905 arbeitete er bei der Marine, erst als Schiffsjunge, dann als Matrose und Freiwilliger. In Hamburg absolvierte Ringelnatz anschließend eine kaufmännische Lehre, an deren Anschluss er verschiedene Tätigkeiten wahrnahm, unter anderem in München. In München frequentierte er das Künstlerlokal „Simplicissimus“ und trug dort auch seine eigenen Gedichte vor. Ringelnatz begann, seine Gedichte zu veröffentlichen, jedoch mit nur mäßigem Erfolg. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Bibliothekar und als Fremdenführer. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte Ringelnatz, in verschiedenen Bereichen Fuß zu fassen. 1920 erhielt er schließlich ein Engagement an der Berliner Kleinkunstbühne „Schall und Rauch“, wo er seine Werke mit dem Künstlernamen „Ringelnatz“ vortrug. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde dem Künstler Auftrittsverbot erteilt. Joachim Ringelnatz starb am 17.11.1934 verarmt in Berlin.