Aufruf Benedikts XVI. zum „Martyrium im alltäglichen Leben“

Angelus nach der Seligsprechung von 498 spanischen Märtyrern des 20. Jahrhunderts

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ROM, 29. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, auf dem Peterslatz in Rom gehalten hat.



Der Heilige Vater bekräftigte im Anschluss an die größte Seligsprechung aller Zeiten – Kardinal Saraiva Martins hatte 498 Blutzeugen aus dem Spanischen Bürgerkrieg zur Ehre der Altäre erhoben –, dass jeder Christ die Aufgabe hat, „sich mutig an der Verbreitung des Reiches Gottes zu beteiligen“ – selbst dann, wenn das den Tod bedeuten sollte.

Allerdings sei nicht jeder zum „Martyrium des Blutes“ berufen, fuhr Benedikt XVI fort. „Es gibt aber auch ein unblutiges ‚Martyrium‘, das nicht weniger wichtig ist: wie jenes von Celina Chludzińska Borzźcka, Ehefrau, Familienmutter, Witwe und Ordensfrau, die gestern in Rom selig gesprochen wurde. Es handelt sich dabei um das stille und heldenhafte Zeugnis so vieler Christen, die das Evangelium kompromisslos leben, indem sie ihre Pflicht tun und sich hochherzig dem Dienst an den Armen widmen.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute Vormittag sind hier auf dem Petersplatz 498 Märtyrer selig gesprochen worden, die im Spanien der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts getötet wurden. Ich danke Kardinal José Saraiva Martins, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, der der Heiligen Messe vorstand, und grüße herzlich die Pilger, die zu diesem freudigen Anlass zusammengekommenen sind. Die Seligsprechung einer so großen Zahl von Märtyrern zum selben Zeitpunkt zeigt, dass das höchste Blutzeugnis keine Ausnahme darstellt, die nur wenigen Menschen vorbehalten wäre, sondern eine reale Möglichkeit für das ganze Christenvolk. Es handelt sich nämlich um Männer und Frauen, die hinsichtlich ihres Alters, ihrer Berufung und gesellschaftlichen Stellung sehr unterschiedlich sind und ihre Treue zu Christus und der Kirche mit dem Leben bezahlt haben. Auf sie passen gut die Worte des heiligen Paulus, die in der Liturgie des heutigen Sonntags erklingen: „Denn ich werde nunmehr geopfert“ – so schreibt der Apostel an Timotheus –, „und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe. Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten“ (2 Tim 4,6-7). Paulus, der in Rom gefangen gehalten ist, sieht den Tod nahen und zieht voller Dankbarkeit und Hoffnung Bilanz. Er ist in Frieden mit Gott und sich selbst und tritt dem Tod ruhig entgegen – in dem Bewusstsein, sein ganzes Leben für den Dienst am Evangelium hergegeben zu haben, ohne sich etwas aufzusparen.

Der Monat Oktober, der in besonderer Weise dem Einsatz für die Mission gewidmet ist, schließt so mit dem leuchtenden Zeugnis der spanischen Märtyrer, die neben den Märtyrern Albertina Berkenbrock, Emmanuel Gómez Gonzáles und Adilio Daronch sowie Franz Jägerstätter stehen, deren Seligsprechungen in den vergangenen Tagen in Brasilien und Österreich gefeiert wurden. Ihr Vorbild legt Zeugnis dafür ab, dass die Taufe die Christen in die Pflicht nimmt, sich mutig an der Verbreitung des Reiches Gottes zu beteiligen und – sollte es notwendig sein – mit dem Opfer des eigenen Lebens daran mitzuwirken. Gewiss: Nicht alle sind zum Martyrium des Blutes berufen. Es gibt aber auch ein unblutiges „Martyrium“, das nicht weniger wichtig ist: wie jenes von Celina Chludzińska Borzźcka, Ehefrau, Familienmutter, Witwe und Ordensfrau, die gestern in Rom selig gesprochen wurde. Es handelt sich dabei um das stille und heldenhafte Zeugnis so vieler Christen, die das Evangelium kompromisslos leben, indem sie ihre Pflicht tun und sich hochherzig dem Dienst an den Armen widmen.

Dieses Martyrium im alltäglichen Leben ist ein Zeugnis, das gerade in den säkularisierten Gesellschaften unserer Zeit überaus wichtig ist. Es ist das friedliche Gefecht der Liebe, das jeder Christ unermüdlich austragen muss wie Paulus; das Rennen, um das Evangelium zu verbreiten, das uns bis zum Tod beansprucht. Die Jungfrau Maria, Königin der Märtyrer und Stern der Evangelisierung, helfe uns und stehe uns in unserem täglichen Zeugnis bei.

[Auf Deutsch erklärte der Heilige Vater:]

Von Herzen heiße ich die Brüder und Schwestern aus den Ländern deutscher Sprache hier auf dem Petersplatz willkommen. Unter ihnen grüße ich besonders die Pilger aus dem Erzbistum Freiburg. Die Liturgie dieses Sonntags führt uns in ihren Lesungen vor Augen, dass bei Gott nicht unsere Verdienste zählen, sondern unsere Liebe und Hingabebereitschaft für ihn und die Mitmenschen. Der Herr leite uns auf dem Weg der Umkehr und des Guten! – Euch allen wünsche ich eine geistlich erfüllte Zeit hier in Rom.

[Anschließend wandte sich der Papst den Pilgern aus Spanien zu und sagte:]

Herzlich grüße ich die Gläubigen aus dem spanischen Sprachraum. Insbesondere grüße ich meine spanischen Brüder im bischöflichen Dienst, die Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen, Seminaristen und Gläubigen, die ihr die Freude hattet, an der Seligsprechung einer großen Gruppe von Märtyrern eures Landes aus dem vergangenen Jahrhundert teilzunehmen; ebenso gilt mein Gruß all jenen, die dieses Mariengebet über Radio und Fernsehen mitverfolgen.

Danken wir Gott für das große Geschenk dieser heldenhaften Glaubenszeugen, die – ausschließlich von ihrer Liebe zu Christus bewegt – mit ihrem Blut ihre Treue zu ihm und zu seiner Kirche bezahlten. Mit ihrem Zeugnis erleuchten sie unseren geistlichen Weg hin zur Heiligkeit und sie ermahnen uns, unser Leben als Opfer der Liebe für Gott und die Brüder hinzugeben. Gleichzeitig drängen sie uns mit ihren Worten und Gesten der Vergebung gegenüber ihren Verfolgern, unermüdlich für Barmherzigkeit, Aussöhnung und friedliches Zusammenleben zu arbeiten. Ich lade euch von Herzen ein, jeden Tag die kirchliche Gemeinschaft mehr zu stärken, treue Zeugen des Evangeliums in der Welt zu sein und dabei die Freude zu verspüren, lebendige Glieder der Kirche, der wahren Braut Christi, zu sein.

Wir bitten die neuen Seligen durch die Jungfrau Maria, Königin der Märtyrer, dass sie Fürsprache halten für die Kirche in Spanien und in der ganzen Welt: auf dass die Fruchtbarkeit ihres Martyriums in den Gläubigen und Familien einen reichen Ertrag an christlichem Leben hervorrufe; auf dass ihr vergossenes Blut Samenkorn heiliger und zahlreicher Berufungen zum Priestertum, zum Ordensleben und für die Mission sei. Gott segne euch!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]