Augustinus lebt - in seinen Werken: Vierte Katechese über den afrikanischen Heiligen

„Wie Augustinus wollen wir nicht müde werden, Gott zu suchen und immer mehr zu lieben“

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ROM, 20. Februar 2008 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. beleuchtete heute, Mittwoch, in seiner vierten Katechese über den heiligen Kirchenvater Augustinus (* 13. November 354 in Thagaste in Numidien, heute Souk Ahras in Algerien; † 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien, heute Annaba in Algerien) die Hauptthemen, denen sich der Bischof von Hippo in seinen zahlreichen Werken widmete.

Wie der Heilige Vater betonte, erschließen sie uns bis heute „Wege, den Glauben tiefer zu verstehen“.

 

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Liebe Brüder und Schwestern!

Nach der Pause der Exerzitien der vergangenen Woche kehren wir heute zur großen Gestalt des hl. Augustinus zurück, über den ich bereits wiederholt in den Mittwochskatechesen gesprochen habe. Er ist der Kirchenvater, der die größte Zahl an Werken hinterlassen hat, und von diesen möchte ich heute kurz sprechen. Einige der Schriften des Augustinus sind von grundlegender Wichtigkeit, und dies nicht allein für die Geschichte des Christentums, sondern für die Ausbildung der gesamten abendländischen Kultur: das klarste Beispiel sind die Confessiones, zweifellos eines der noch immer meistgelesenen Bücher der christlichen Antike. Wie verschiedene Kirchenväter der ersten Jahrhunderte, aber in unvergleichlich breiterem Maß, übte auch der Bischof von Hippo in der Tat einen breiten und anhaltenden Einfluss aus, was sich schon aus der überreichen Handschriftenüberlieferung seiner Werke ergibt, die wirklich sehr viele sind.

Er selbst erstellte einige Jahre vor seinem Ableben in den Retractationes eine Übersicht seiner Schriften, und kurz nach seinem Tod wurden sie sorgfältig im Indiculus („Verzeichnis“) registriert, das der treue Freund Possidius der Biographie des Augustinus, der Vita Augustini, beifügte. Das Verzeichnis der Werke des Augustinus wurde mit der ausdrücklichen Absicht erstellt, deren Gedächtnis zu bewahren, während die Invasion der Vandalen im ganzen römischen Afrika voranschritt; es führt 1300 von ihrem Verfasser nummerierte Schriften an, zusammen mit anderen, „die nicht gezählt werden können, da er keine Zahl angegeben hatte“. Als Bischof einer nahe gelegenen Stadt diktierte Possidius diese Worte gerade in Hippo – wohin er geflüchtet war und wo er beim Sterben des Freundes dabei war – und fast sicher basierte er sich auf den Katalog der persönlichen Bibliothek des Augustinus. Bis heute haben über 300 Briefe des Bischofs von Hippo und fast 600 Predigten überlebt, letztere aber waren ursprünglich bedeutend zahlreicher, vielleicht sogar zwischen 3000 und 4000, Frucht von vierzig Jahren Predigttätigkeit des alten Rhetors, der sich dazu entschlossen hatte, Jesus nachzufolgen und nicht mehr zu den Großen des Kaiserhofes zu sprechen, sondern zum einfachen Volk von Hippo.

Und noch in jüngsten Jahren habe die Entdeckungen einer Anzahl von Briefen und einiger Predigten unsere Kenntnis dieses großen Kirchenvaters bereichert. „Das, was er selbst diktiert und herausgegeben hat, – so schreibt Possidius –, ist überaus umfangreich, viele Predigten wurden in der Kirche gehalten, die mitstenographiert und später vor der Herausgabe durchgesehen wurden, sowohl um die verschiedenen Irrlehrer zu widerlegen als auch um die Heilige Schrift zur Erbauung der heiligen Söhne der Kirche auszulegen. Diese Werke – hebt der befreundete Bischof hervor – sind so viele, dass ein Gelehrter sie kaum durchlesen und kennen lernen kann“ (Vita Augustini, 18, 9).

Unter der literarischen Produktion des Augustinus – also mehr als 1000 Veröffentlichungen, die in philosophische, apologetische, lehrmäßige, moralische, monastische, exegetische, wider die Irrlehren gerichtete Schriften aufgeteilt sind, zu denen dann noch die Briefe und die Predigten kommen – ragen einige einzigartige Werke von großem theologischen und philosophischen Geist hervor. Vor allem ist an die bereits erwähnten Confessiones zu erinnern, die in 13 Büchern zwischen 397 und 400 zum Lob Gottes geschrieben worden sind. Sie sind eine Art Autobiographie, aber eine Autobiographie in der Gestalt eines Dialogs mit Gott. Dieses literarische Genus spiegelt gerade das Leben des hl. Augustinus wider, das weder ein in sich verschlossenes noch ein in viele Dinge zerstreutes Leben war, sondern im Wesentlichen ein Leben, das sich als Dialog mit Gott verwirklichte und so ein Leben für die anderen war. Schon der Titel Confessiones verweist auf die Besonderheit dieser Autobiographie. Dieses Wort confessiones hat im christlichen Latein, was sich aus der Tradition der Psalmen entwickelt hat, zwei Bedeutungen, die sich ineinander verflechten. Confessiones bezeichnet an erster Stelle das Bekenntnis der eigenen Schwächen, der Armseligkeit der Sünden; gleichzeitig aber bedeutet confessiones Lob Gottes, Anerkennung Gottes. Die eigene Armseligkeit im Licht Gottes zu sehen wird zum Lob Gottes und zum Dank dafür, dass Gott uns liebt und annimmt, dass er uns verwandelt und zu sich selbst erhebt. Zu diesen Confessiones, die schon während des Lebens des hl. Augustinus einen großen Erfolg hatten, schrieb er selbst: „Sie haben auf mich einer derartige Wirkung ausgeübt, als ich sie schrieb, und üben sie noch immer aus, wenn ich sie erneut lese. Es gibt viele Brüder, denen diese Werke gefallen“ (Retractationes, II, 6): ich muss sagen, dass auch ich einer von diesen „Brüdern“ bin. Und dank der Confessiones können wir Schritt für Schritt den inneren Weg dieses außerordentlichen und in Leidenschaft zu Gott entflammten Mannes verfolgen. Weniger verbreitet, aber ebenso originell und sehr wichtig sind dann die Retractationes, die um das Jahr 427 in zwei Büchern verfasst wurden, in denen der bereits alt gewordene hl. Augustinus eine Werk der „Durchsicht“ (retractatio) seines gesamten geschriebenen Werkes durchführt und so ein einzigartiges und sehr wertvolles literarisches Dokument hinterließ, aber auch eine Lehre an Aufrichtigkeit und intellektueller Demut.

De civitate Dei – ein eindrucksvolles und für die Entwicklung des politischen Denkens des Abendlandes sowie für die christliche Geschichtstheologie entscheidendes Werk – wurde zwischen 413 und 426 in 22 Büchern verfasst. Der Anlass war die Plünderung Roms durch die Goten im Jahr 410. Viele noch lebende Heiden, aber auch viele Christen hatten gesagt: Rom ist gefallen, jetzt können der christliche Gott und die Apostel die Stadt nicht schützen. Während der Gegenwart der heidnischen Gottheiten war Rom caput mundi, die große Hauptstadt, und keiner konnte sich vorstellen, dass sie je in Feindeshand fallen würde. Der Gott der Christen bot also keinen Schutz, er konnte nicht der Gott sein, dem man sich anvertrauen kann. Diesem Einwurf, der auch das Herz der Christen zutiefst berührte, antwortet der hl. Augustinus mit diesem großartigen Werk, dem De civitate Dei, womit er klärt, was wir uns von Gott erwarten müssen und was nicht, worin das Verhältnis zwischen der politischen Sphäre und der Sphäre des Glaubens, der Kirche besteht. Auch heute ist dieses Buch eine Quelle, um gut die wahre Laizität und die Zuständigkeit der Kirche zu bestimmen, die große wahre Hoffnung, die uns der Glaube schenkt.

Das Buch ist eine Präsentation der Menschheitsgeschichte, die von der göttlichen Vorsehung gelenkt, aber durch zwei Arten der Liebe gespalten wird. Es ist dies sein grundlegender Abriss, seine Auslegung der Geschichte, die der Kampf zwischen zwei Arten der Liebe ist: Eigenliebe „bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber Gott“ und Gottesliebe „bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber seiner selbst“ (De civitate Dei, XIV, 28), bis hin zur vollen Freiheit von sich selbst für die anderen im Licht Gottes. Das also ist vielleicht das größte Buch des hl. Augustinus, das von bleibender Wichtigkeit ist. Ebenso wichtig ist die Schrift De Trinitate, ein Werk in 15 Büchern über den hauptsächlichen Kern des christlichen Glaubens, den Glauben an den dreieinigen Gott, das in zwei Zeitabschnitten geschrieben wurde: zwischen 399 und 412 die ersten 12 Bücher, die ohne das Wissen des Augustinus veröffentlicht wurden, der sie dann um das Jahr 420 vervollständigte und das Gesamtwerk revidierte. In ihm denkt er über das Antlitz Gottes nach und versucht, dieses Geheimnis des Gottes zu verstehen, der der eine ist, der eine Schöpfer der Welt, von uns allen; und dennoch: gerade dieser eine Gott ist dreifaltig, ein Kreis der Liebe. Er versucht, das unergründliche Geheimnis zu begreifen: gerade das dreifaltige Sein, in drei Personen, ist die wirklichste und tiefste Einheit des einen Gottes. Das Buch De doctrina Christiana ist hingegen eine richtiggehende kulturelle Einführung in die Auslegung der Bibel und im letzten des Christentums selbst, die eine entscheidende Bedeutung bei der Ausformung der abendländischen Kultur eingenommen hat.

Trotz all seiner Demut war sich Augustinus gewiss seiner intellektuellen Statur bewusst. Wichtiger als große Werke von hohem und theologischem Atem zu schaffen aber war es für ihn, die christliche Botschaft den Einfachen zu bringen. Diese seine tiefste Absicht, die sein ganzes Leben geleitet hat, tritt aus einem Brief hervor, den er seinem Kollegen Evodius schrieb, in dem er die Entscheidung mitteilt, für den Augenblick das Diktieren der Bücher des De Trinitate einzustellen, „da sie zu anstrengend sind, und ich denke, dass sie von wenigen verstanden werden können; deshalb besteht ein größerer Bedarf nach Texten, die hoffentlich vielen nützlich sein werden“ (Epistulae, 169, 1, 1). Es war also für ihn nützlicher, den Glauben in verständlicher Weise allen mitzuteilen als große theologische Werke zu schreiben. Die klar wahrgenommene Verantwortung für die Verbreitung der christlichen Botschaft ist dann der Anlass zu Schriften wie De catechizandis rudibus, eine Theorie und auch Praxis der Katechese, oder der Psalmus contra partem Donati. Die Donatisten stellten das große Problem im Afrika des hl. Augustinus dar, ein gewollt afrikanisches Schisma. Sie behaupteten: die wahre Christenheit ist die afrikanische. Sie widersetzten sich der Einheit der Kirche. Gegen dieses Schisma hat der große Bischof sein ganzes Leben lang gekämpft und dabei versucht, die Donatisten davon zu überzeugen, dass nur in der Einheit auch die „Afrikatum“ wahr sein kann. Und um von den Einfachen verstanden zu werden, die nicht das großartige Latein des Rhetors verstehen konnten, hat er gesagt: ich muss auch mit grammatikalischen Fehlern schreiben, in einem sehr vereinfachten Latein. Und er tat dies vor allem in diesem Psalmus, einer Art einfachem Gedicht gegen die Donatisten, um allen Menschen zum Verstehen zu verhelfen, dass nur in der Einheit der Kirche für alle wirklich unsere Beziehung mit Gott verwirklicht wird und der Friede in der Welt wächst.

In dieser für ein breiteres Publikum bestimmten Produktion nimmt die Menge an Predigten eine besondere Wichtigkeit an. Die Predigten wurden oft frei gesprochen, von Stenographen während der Predigt mitgeschrieben und dann sofort in Umlauf gebracht. Unter diesen ragen die wunderschönen Enarrationes in Psalmos hervor, die im Mittelalter viel gelesen waren. Gerade die Praxis der Veröffentlichung der Tausenden von Predigten des Augustinus – oft ohne die Kontrolle des Verfassers – erklärt ihre Verbreitung und ihre spätere Zerstreuung, aber auch ihre Lebendigkeit. Die Predigten des Bischofs von Hippo wurden in der Tat aufgrund des Rufes ihres Verfassers sofort zu sehr gesuchten Texten und dienten auch vielen anderen Bischöfen und Priestern als Vorbilder, die immer neuen Kontexten angepasst wurden.

Die ikonographische Tradition stellt schon auf einem auf das 6. Jahrhundert zurückgehenden Fresko im Lateran den hl. Augustinus mit einem Buch in der Hand dar, gewiss um seine literarische Produktion zum Ausdruck zu bringen, die so sehr die Mentalität und das Denken der Christen beeinflusste, aber auch, um seine Liebe zu den Büchern, zum Lesen und zur Kenntnis der großen vorangegangenen Kultur auszudrücken. Bei seinem Tod hinterließ er nichts, erzählt Possidius, aber er „hatte immer angeordnet, dass alle Codices und die Bibliothek der Kirche sorgfältig für die Nachwelt zu hüten seien“, vor allem jene seiner Werke. In diesen, hebt Possidius hervor, ist Augustinus „immer lebendig“ und nützt dem, der seine Schriften liest, auch wenn, so beschließt er, „ich glaube, dass diejenigen weitaus größeren Gewinn hatten, die ihn persönlich im Gottesdienst hören und sehen, und vor allem jene, die seinen Wandel unter den Menschen aus der Nähe beobachten konnten“ (Vita Augustini, 31). Ja, auch für uns wäre es schön gewesen, ihn leibhaftig hören zu können. Er aber ist wirklich lebendig in seinen Schriften, er ist uns gegenwärtig, und so sehen wir auch die bleibende Lebendigkeit des Glaubens, dem er sein ganzes Leben gegeben hat.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der heutigen Katechese möchte ich unsere Betrachtungen über den heiligen Augustinus wieder aufnehmen und einige seiner wichtigsten Werke kurz vorstellen. Augustinus selbst hat wenige Jahre vor seinem Tod eine kritische Übersicht seiner Schriften erstellt, die er „Retractationes" nannte und die uns Aufschluß über die Entstehung der Werke wie auch über die Entwicklung seines Denkens gibt. Eine Liste der Werke findet sich auch im Anhang an die von seinem Freund Possidius verfaßte Vita des Bischofs von Hippo.

Unter seinem reichen literarischen Schaffen ragen einige Werke in besonderer Weise hervor, die großen Anklang und Erfolg gefunden haben. Dazu zählt seine autobiographische Schrift der „Confessiones", die nicht nur als Bekenntnisse Einblick in das innere Leben Augustins gewähren, sondern vor allem eine Anerkennung des gütigen Wirkens Gottes sind.

Die 22 Bücher des Gottesstaates „De civitate Dei" hingegen übten einen entscheidenden Einfluß auf das politische Denken im Abendland und auf die christliche Geschichtstheologie aus. Ebenso bedeutend ist sein großes Werk über die Dreifaltigkeit „De Trinitate", das er im Laufe von 14 Jahren verfaßt hat.

Als Seelsorger lag Augustinus die Verbreitung der christlichen Botschaft und die Verkündigung für die Gläubigen besonders am Herzen. Davon zeugen unter anderem seine unzähligen Predigten und Briefe. Mit seinem Wirken und in seinen Schriften hat dieser Kirchenvater in der Tat großen und andauernden Einfluß auf die Theologie und die geistesgeschichtliche Entwicklung des Abendlandes ausgeübt.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Einen frohen Gruß richte ich an die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Unter ihnen grüße ich besonders die Kirchenrechtsstudenten der Universitäten München, Augsburg und Potsdam. – In seinen Schriften zeigt Augustinus uns auch heute Wege, den Glauben tiefer zu verstehen. Wie er wollen wir nicht müde werden, Gott zu suchen und immer mehr zu lieben. Von Herzen segne ich euch alle.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]