Aus der Krippe lächelt mich die Liebe Gottes an“

P. Karl Wallner OCist über Weihnachten und ein neues Hörbuch

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Von Dominik Hartig


WIEN, 20. November 2009 (ZENIT.org).- Weihnachten ist das „Fest des Herzens“, an dem auch weniger religiöse Menschen die Berührung durch den unendlichen Gott erfahren können. Das betont P. Karl Wallner OCist im vorliegenden ZENIT-Interview zur herannahenden Adventszeit.

In diesen Tagen wurde im Stift Heiligenkreuz Wallners neue Hörbuch-CD „Die Weihnachtsgeschichte“ vorgestellt. Sie will angesichts des weit verbreiteten „kulturfremden Mythos vom Weihnachtsmann“, dem ein Tritt verpasst gehöre, den Sinn für Gottes Menschwerdung neu schärfen.

Neben verschiedenen „Oasen“ für die Seele empfiehlt Pater Karl zur Vorbereitung auf das zweitgrößte Fest der Christenheit vor allem, anderen Zeit zu widmen und das Sakrament der Versöhnung zu empfangen – „weil hier ja in übernatürlicher Weise die Finsternis aus unseren Herzen weggeschafft wird, die uns daran hindert, ein lichtvolles Weihnachtsfest zu feiern“. Gereinigt könne man das Lächeln und die Liebe des Kindes erkennen, „das unser aller Erlöser sein will“.

Wer Weihnachten feiere, halte sich neu vor Augen, „dass Gott unsere böse Geschichte gleichsam aufrollt und zu einer guten Geschichte umzuwandeln beginnt“.

ZENIT: Woran denken Sie, wenn Weihnachten vor der Tür steht?

--P. Karl Wallner: Wenn ich Weihnachten höre, dann freue ich mich ganz einfach!  Es ist für mich zwar nicht das höchste Fest – das ist für uns Christen ja Ostern! –, aber es ist ein wunderbares Fest, weil wir die Menschwerdung Gottes feiern. Es geht um Gott, es geht um die unvorstellbare Größe seiner Herabneigung zu uns Menschen, indem er einer von uns geworden ist.

Ich freue mich auf Weihnachten, denn es ist ein Fest der Liebe Gottes zu uns Menschen. Wir feiern zu Weihnachten ja den Geburtstag des Sohnes Gottes als kleines Kind: Christus kommt als Kind.  Das „Christkind“ gibt es. Nicht als Klingeling-Heinzelmännchen, das den Christbaum aufputzt, sondern vor 2000 Jahren ist Gott als Kind gekommen. Aus der Krippe lächelt mich die Liebe Gottes an. Und Weihnachten ist dazu da, dass ich zurücklächle. Darauf freue ich mich!

ZENIT: Nicht wenige Kinder glauben, dass zu Weihnachten der Weihnachtsmann kommt und Geschenke mitbringt. Das Jesuskind in der Grippe und der Gedanke, dass Gott Mensch wird, scheinen uns fremd geworden zu sein. Ja, manchmal möchte man meinen: „Kann das denn wirklich wahr sein?“ – Was kann uns das Weihnachtsevangelium in unserer Situation heute sagen?

--P. Karl Wallner: Man muss es deutlich sagen, dass der Weihnachtsmann eine infantile Erfindung des Coca-Cola-Konzerns ist, ein infantiles Produkt der Phantasie, eine heidnische Umdeutung des christlichen Bischofs Sankt Nikolaus. Ich sage es ganz offen: Ich schäme mich, dass wir diesen amerikanischen heidnischen Phantasiemythos vom Weihnachtsmann so sehr in unsere Kultur hineinlassen.

Auf meiner CD „Die Weihnachtsgeschichte“ lese ich das Lukasevangelium vor und deute dann die Ereignisse von Bethlehem für uns Heutige aus. Ich möchte nicht nur sagen, was wir heute alles falsch machen, wenn wir Weihnachten in immer stärker verheidneter und deshalb leerer Weise feiern, sondern ich möchte auch sagen, wie man es richtig macht: Es ist eine Begegnung mit dem Christ-Kind: mit Christus, dem Sohn Gottes, der als Kind kommt. Deshalb ist es ein Fest des Herzens. Auch weniger „religiöse“ Menschen können zu Weihnachten die Berührung durch den unendlichen Gott erfahren, wenn sie sich ein bisschen öffnen.

Ich gebe auf meiner CD gleichsam Anleitungen, wie man den Advent richtig feiert und dann dem richtigen Christkind begegnet. Wohlgemerkt: dem richtigen Christkind. Denn das Christkind gibt es: Das echte Christkind ist nicht ein Weihnachtsbaum aufputzendes und Geschenke bringendes Heinzelmännchen, sondern es ist Gott, der als Kind in der Krippe liegt.

Dem kulturfremden Mythos vom Weihnachtsmann gehört ein kräftiger Tritt in den Hintern verpasst, damit er sich mit seinen erfundenen Rentieren dorthin zurücktrollt, wo er hingehört: in das Absurditätenkabinett verblödeter Phantasie. Dafür gehört wieder eine Krippe unter jeden Weihnachtsbaum, den wir eigentlich „Christbaum“ nennen sollten. Denn zu Weihnachten steht der erleuchtete Baum für Christus, der als Licht der Welt erschienen ist. Und aus der Krippe unter dem Christbaum sollten wir uns von dem Kind anlächeln lassen, das unser aller Erlöser sein will.

ZENIT: Warum ist Weihnachten für Sie das „schönste Fest“?

--P. Karl Wallner: Weil es das Geburtsfest des Erlösers ist. Der ewige Sohn Gottes ist ein Mensch unter Menschen geworden: Er ist abgestiegen vom Himmel, damit wir aufsteigen können zu Gott. Auf der CD kommentiere ich die geniale Schilderung des Evangelisten Lukas. Er hätte einen Nobelpreis verdient. So ist es toll, wenn er gleich zwei Mal die Windeln erwähnt, in die Maria das Jesuskind einwickelt. Der Gedanke dahinter: Der große Gott kommt als Windel tragendes Baby. Und besonders fasziniert mich, dass die Engel über der Krippe „eine große Freude“ verkünden. Christsein heißt nämlich, aus der Freude leben – weil Gott uns so nahe ist.

ZENIT: Ist Weihnachten einfach die Feier eines historischen Ereignisses oder mehr? Gott lebte und wirkte ja nicht nur vor 2000 Jahren...

P. Karl Wallner: Gott ist natürlich schon in seinem Schöpfungswirken in dieser Welt immer gegenwärtig, er ist ja dauernd am Wirken. Kein Atom kann sein, ohne dass es nicht permanent von der Allmacht Gottes mitgetragen wird… Vor 2000 Jahren ereignet sich aber die Präsenz Gottes in neuer Dichte: Der Mensch, der seine eigene Freiheit durch die Abwendung von Gott, die Erbsünde, missbraucht hat, erfährt das unendliche Liebeswollen Gottes, indem dieser selbst ein Mensch wird. Gott nimmt selbst eine menschliche Freiheit an, um das, was in uns durch die Erbsünde zerstört ist, zu heilen. Gott wird ein Mensch, um die Folgen der Sünde, Leiden und Tod, zu tragen und auszuleiden. Weihnachten ist ja hingeordnet auf das hochheilige Osterfest, dort vollendet sich die Erlösung, die in der Menschwerdung begonnen wird, auf nochmals unvorstellbarere Weise. Zu Weihnachten feiern wir, dass Gott unsere böse Geschichte gleichsam aufrollt und zu einer guten Geschichte umzuwandeln beginnt.

ZENIT: Die Geschenke, die wir uns zu Weihnachten machen, sind Zeichen dafür, dass wir uns gern haben und dass Gott ein Schenkender ist. Der Konsumrausch macht das aber paradoxerweise oft vergessen. Wie können wir Besinnung und den Sinn für den Wert des Schenkens neu entdecken bzw. verinnerlichen?

--P. Karl Wallner: Ich bin der letzte, der gegen das Schenken redet, denn das gehört auch zur religiösen Dimension von Weihnachten: Wir beschenken uns ja deshalb gegenseitig, weil Gott uns beschenkt hat. Aber es muss in Maßen erfolgen.

Schöne Geschenke für die Familie kaufen: da bin ich ganz dafür! Aber noch wertvoller wäre es, wenn wir uns vor und zu Weihnachten das Wertvollste gegenseitig schenken, das es überhaupt gibt; das, was man in keinem Geschäft kaufen kann: sich Zeit nehmen füreinander. Sich besuchen, sich anhören, sich einlassen aufeinander… Es wäre doch ein Wahnsinn, wenn jemand sagt: „Ich habe keine Zeit für dich, weil ich gerade Geschenke einkaufen muss…“

ZENIT: Kann man dem Weihnachtsfest „gerecht“ werden? Und was hieße das dann für das persönliche Leben, für das Leben in der Familie und dann auch im Umgang mit Freunden und Berufskollegen?

--P. Karl Wallner: Weihnachten kann wunderbar sein. Ich rate: Alles gut und gelassen vorbereiten. Rechtzeitig anfangen. Und dann den Heiligen Abend ganz mit der Familie feiern.

Bei uns war es auch üblich, am Vormittag auf den Friedhof zu gehen. Weil es ja ein ewiges Leben gibt, gehören auch die Verstorbenen zur Familie. Man sollte zu Weihnachten für sie beten! Und dann möchte ich dafür werben, unbedingt in die Kirche zu gehen. Es gibt Krippenlegungsfeiern für Kinder und die heilige Christmette für die Erwachsenen. Auch wer sonst vielleicht selten in die Kirche geht: Zu Weihnachten soll man keine Schwellenangst haben, in den Gottesdienst zu gehen! Und wir Gläubige müssen alles tun, um diese Gottesdienste so innig, so religiös tief zu gestalten, dass das Christkind in den Herzen der Kirchgänger ankommen kann.

ZENIT: Was legt uns die Kirche in der Adventzeit besonders ans Herz, was wird sie uns in der Weihnachtszeit sagen?

--P. Karl Wallner: Die Adventszeit ist eine Zeit der Reduktion, um in uns eine Haltung der gespannten Erwartung und der bereiten Empfänglichkeit zu erzeugen. Die Liturgie „spielt“ gleichsam nochmals die vorchristlich-alttestamentliche und die außerchristlich-heidnische Erwartungshaltung durch. Die Sehnsucht Israels tönt in dem Jesaja-Wort auf: „Tauet ihr Himmel von oben, ihr Wolken regnet den Heiland herab.“ Auf Lateinisch ist dieses Wort zum Introitus der berühmten Adventmesse geworden: „Rorate caeli desuper“. Also, wir sollen unser Herz erheben „zum Himmel“, sprich: zu Gott. Wir sollen „von oben“ etwas erwarten.

Leider geht es im Advent sehr, sehr irdisch zu, und viele Herzen sind nur auf die Abarbeitung von Einkaufslisten gerichtet. Viele Augen kleben an den Schaufensterwaren und den bunten Einkaufsreklamen. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns in dieser Zeit zumindest persönliche „Oasen“ schaffen, wo wir unsere Seelen hinordnen können: Wenn sich etwa die Familie um den Adventkranz versammelt, wenn man miteinander betet, singt, musiziert, die Heilige Schrift liest. Ganz wichtig ist auch die Weihnachtsbeichte, weil hier ja in übernatürlicher Weise die Finsternis aus unseren Herzen weggeschafft wird, die uns daran hindert, ein lichtvolles Weihnachtsfest zu feiern.

ZENIT: Was wünschen Sie sich zu Weihnachten? Wie werden Sie selbst dieses Fest feiern?

--P. Karl Wallner: Ich wünsche mir für Weihnachten vor allem etwas für meine Mitbrüder: dass unsere Gemeinschaft noch bereiter wird, Gott zu dienen. Dass die jungen Mitbrüder die Kraft bekommen, die ersten schwierigen und oft belastenden Schritte in der besonderen Nachfolge Christi mit immer größerer innerer Freude zu gehen. Meine Wünsche gelten vor allem unseren sieben Novizen und unseren sechs Kandidaten, denn ich erinnere mich, wie schwer mein erstes Weihnachten im Kloster für mich selber damals war.

Ich wünsche allen Menschen guten Willens die Freude, die über der Krippe von Bethlehem vor 2009 Jahren verkündet wurde: eine Freude, die aus der persönlichen Berührung durch die Liebe Gottes kommt.

Ich persönlich werde Weihnachten mit meinen Mitbrüdern hier im Stift Heiligenkreuz feiern. Ich freue mich schon riesig auf die mitternächtliche Christmette in unserer kalten, aber doch so festlichen Abteikirche. Und dann freue ich mich auch schon auf die vielen jungen Menschen, die nach Weihnachten zu den „Silvester-Jugendtagen“ zu uns kommen werden.