Auschwitz: Eine schwere, aber notwendige Reise für einen Priester

Jeder Priester sollte einmal nach Auschwitz kommen

Rom, (ZENIT.org) Anita Bourdin | 1141 klicks

Eine Reise nach Auschwitz ist eine schwere, aber notwendige Reise für einen Priester: „Jeder Priester sollte einmal nach Auschwitz kommen“, erklärte P. Patrick Desbois nach seiner Rückkehr von einer besonderen Reise: ein Besuch in Auschwitz in Begleitung von katholischen und jüdischen Würdenträgern, darunter Bischöfe aus Frankreich und Spanien.

Eine Delegation unter Kardinal André Vingt-Trois, Erzbischof von Paris und Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz, war zum ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gereist und hatte dort den Erzbischof von Krakau, Kardinal Stanisław Dziwisz, getroffen, der seinerseits von mehreren polnischen Bischöfen begleitet wurde. Als Teilnehmer der Delegation beschrieb P. Patrick Desbois seine Eindrücke in einem Interview für die Leser von Zenit.

P. Patrick Desbois ist Vorsitzender der Organisation „Yahad – In Unum“ und Beauftragter der französischen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum. Zusammen mit Kardinal Vingt-Trois hat er an jedem Treffen und Gespräch der ganzen Reise teilgenommen.

Ebenfalls mit von der Partie waren verschiedene bedeutende Persönlichkeiten der französischen Kirche, darunter neun Bischöfe, sowie einige Bischöfe aus anderen Ländern, wie etwa Msgr. Nasser Gemayel, maronitischer Bischof von Notre-Dame du Liban in Paris und apostolischer Visitator der Maroniten für Nord- und Westeuropa, zwei spanische Bischöfe – Msgr. Adolfo Gonzalez Montes, Bischof von Almeria und Präsident der bischöflichen Kommission für Katechese und Katechumenat, Msgr. Juan Antonio Martinez Camino, Weihbischof von Madrid und Generalsekretär der spanischen Bischofskonferenz, und P. Manuel Barrios, Direktor des Sekretariats der bischöflichen Kommission für die interreligiösen Beziehungen der spanischen Bischofskonferenz.

Ein Teilnehmer besonderer Art vertrat hingegen das Judentum: der Präsident des Zentralrates der Jüdischen Institutionen in Frankreich (Conseil représentatif des institutions juives de France, kurz CRIF), Dr. Richard Prasquier.

ZENIT: Warum diese Reise nach Auschwitz?

P. Patrick Desbois: Bei seinem Besuch am 29. Mai 2006 bezeichnete Papst Benedikt XVI. Auschwitz als einen „Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte.“ In Auschwitz wurde die Ermordung der Juden und anderer Opfer des nationalsozialistischen Wahnsinns am brutalsten und am längsten begangen. Auschwitz sehen bedeutet, sich der Einzigartigkeit des Holocaust sowohl in seinen Methoden als auch in seinen Ausmaßen bewusst zu werden.

ZENIT: Wie haben Sie das umgesetzt?

P. Patrick Desbois: Wir haben uns dazu entschlossen, bei unserem Besuch einem Weg zu folgen, der das Verständnis der Ermordungsprozedur im Lager Auschwitz-Birkenau erleichtert. Es lag uns am Herzen, den Spuren der Opfer zu folgen. In Krakau haben wir zum Beispiel den ehemals überwiegend von Juden bewohnten Stadtteil Kazimierz besucht, der heute ein wichtiges kulturelles und religiöses Zentrum ist, und sind von hier aus zum Krakauer Ghetto gefahren, auf den Spuren der von ihren Häusern vertriebenen Juden. Auch in Auschwitz sind wir einem „Weg des Todes gefolgt“, indem wir historisch wichtige, aber wenig bekannte Orte besichtigt haben, wie etwa den Bunker I in Birkenau, der vom italienischen Historiker Marcello Pezzetti lokalisiert wurde. Auch dass wir unseren Rundgang an der „Judenrampe“ begonnen haben, war symbolisch gemeint: Dieser Schienenstrang ist das einzige, was etwa 80 Prozent aller nach Auschwitz Deportierten von diesem Lager sahen. Denn unmittelbar nach ihrer Ankunft wurden sie auch schon in die Gaskammern gebracht.

ZENIT: Warum ist das Gedenken des Holocaust für Katholiken wichtig?

P. Patrick Desbois: Nach jenem großen Schritt zur Aussöhnung, der das Zweite Vatikanische Konzil war, und nach verschiedenen wichtigen Ereignissen wie der Papstbesuch in Jerusalem im Jahr 2000, sind die Beziehungen zwischen Juden und Christen heute sehr brüderlich. Das Pontifikat Benedikt XVI. hat diesen Trend bestätigt; heute kann man schon sagen, er sei eine Tradition geworden. Juden und Christen können zusammen daran arbeiten, dass das Grauen, das das jüdische Volk traf, niemals geleugnet werde und dass die Menschheit nie wieder etwas Vergleichbares erlebe.

ZENIT: Ist es für einen Priester, für einen Bischof wichtig, nach Auschwitz zu reisen?

P. Patrick Desbois: Sich mit diesem Ort des Grauens konfrontieren, an dem die Grenzen des Hasses überschritten wurden, ist für einen Priester, aber letztlich für jeden Menschen, ein wichtiges Erlebnis. Aber dieser Ort, der „erbaut wurde, um den Glauben zu leugnen“, wie Johannes Paul II. am 7. Juni 1979 bei seiner in Birkenau gefeierten Messe sagte, ist, wie ich glaube, für jeden Priester auch ein schwieriges spirituelles Erlebnis, das darin besteht, seinen Glauben an Gott auch dort zu bekennen, wo die Würde des Menschen dermaßen tief herabgesetzt wurde. Deshalb glaube ich, dass jeder Priester, da er als Mensch sein Leben der Kirche geweiht hat, das heißt einer Gemeinschaft, die durch tiefes Mitleid mit den Leidenden gekennzeichnet ist, einmal nach Auschwitz kommen sollte, um in der Stille auf den Schrei Abels zu lauschen.