Australien ist eines der am wenigsten religiösen Länder

Ergebnisse des Internationalen Religionsmonitors

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SYDNEY/GÜTERSLOH, 5. Juli 2008 (ZENIT.org).- Wenn Papst Benedikt XVI. anlässlich des Weltjugendtages in Sydney erstmals Australien besucht, wird er seinen Fuß nicht in ein ausgesprochen religiöses Land setzen. Zwar gelten zwei Drittel der Australier als Christen, aber im Bewusstsein und im Alltag spiele Religion nur für eine Minderheit eine bedeutende Rolle, heißt es im Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Im internationalen Vergleich rangieren die Australier in dieser Studie am unteren Ende der Bewertungsskala. Der Religionsmonitor gilt als umfangreichste und meist detaillierte internationale Vergleichsstudie zur Bedeutung der Religion in den großen Weltkulturen.

Nach der repräsentativen Erhebung sind 28 Prozent der Australier eindeutig nichtreligiös. In ihrem Leben spielen religiöse Inhalte und Bezüge praktisch keine Rolle. 44 Prozent sind zwar religiös, aber nur so, dass Religion eine untergeordnete Rolle spielt. Lediglich 25 Prozent der Australier können danach als hochreligiöse Menschen identifiziert werden. 48 Prozent der Befragten haben dagegen keinen Bezug zum persönlichen Gebet, 52 Prozent gehen praktisch nie aus religiösen Gründen in eine Kirche, Moschee, Synagoge oder Tempel. 31 Prozent glauben nicht an Gott, an etwas Göttliches in ihrem Leben oder ein Leben nach dem Tode. Und unter allen abgefragten Lebensbereichen gilt für fast 50 Prozent der Australier die Religion als unwichtigster Lebensbereich.

Im internationalen Vergleich rangiert Australien damit in puncto Religiosität am unteren Ende der Skala, im Gegensatz etwa zum Einwanderungsland USA, wo über 60 Prozent Hochreligiöse und lediglich elf Prozent Nichtreligiöse registriert wurden. Weniger interessiert als in Australien zeigen sich bei der Untersuchung nur die Menschen in Russland, Frankreich, Deutschland und Großbritannien.

Nach den jüngsten Volkserhebungen bezeichnen sich 64 Prozent der Australier selbst als Christen, allerdings auch 31 Prozent als nichtreligiös oder machen keine Angaben. Mit über fünf Millionen Menschen oder 25 Prozent sind die Katholiken als Anhänger des Papstes zwar die größte der australischen Glaubensrichtungen und christlichen Konfessionen. Zu den Religiösesten können sie nicht gezählt werden. Hier treten eher die Mitglieder der freikirchlichen und pfingstlerischen Protestanten in Erscheinung, zu denen auch die charismatischen Bewegungen gezählt werden. Nach den neuen Erhebungen des Religionsmonitors sind 50 Prozent von ihnen eindeutig hochreligiös und 38 Prozent religiös. Lediglich elf Prozent gehören formal diesen Gemeinschaften an, sind aber faktisch nicht religiös. Dem gegenüber stehen die Angehörigen der Anglikanischen Kirche, unter denen 30 Prozent als hochreligiös, fast jeder fünfte aber als nicht religiös befunden wurden. Die Katholiken nehmen mit 37 Prozent Hochreligiösen, 52 Prozent Religiösen und zehn Prozent Nichtreligiösen eine mittlere Position ein.

Religiosität ist in Australien sehr stark Frauensache. Während 34 Prozent von ihnen hochreligiös sind, beträgt der Anteil bei den Männern weniger als die Hälfte davon (16 Prozent). Nichtreligiös sind 20 Prozent der Frauen, aber 36 Prozent der Männer.

Einen starken Bruch in der Bedeutung des Glaubens gibt es auch zwischen den Generationen. Unter den über 60jährigen sind 40 Prozent hochreligiös und 37 Prozent religiös. Unter den jüngeren Jahrgängen ist nur noch die Hälfte hochreligiös. Der Anteil der Nichtreligiösen liegt bei den Erwachsenen zwischen 18 und 59 Jahren um etwa die Hälfte höher als bei den über 60jährigen.

Allerdings wird der Papst beim Besuch des Weltjugendtages in Australien auch keine religiöse Wüste betreten und einer „gottlosen Jugend“ begegnen. Unverkennbar zeigt der Religionsmonitor auch eine große religiöse Vitalität, insbesondere unter Jugendlichen. So glauben 72 Prozent der jungen Erwachsenen in Australien an Gott oder etwas Göttliches bzw. ein Leben nach dem Tod – sogar mehr als in der Gruppe der über 60jährigen. Fast die Hälfte der unter 30jährigen gibt an, mehr oder weniger regelmäßig zu beten und ebenso viele glauben an einen personalen Gott. Zwar unterscheiden sich diese Werte erheblich von denen in der ältesten Generation, aber kaum zwischen den Jüngeren und ihren Eltern. Dr. Martin Rieger, Leiter des Religionsprojektes der Bertelsmann Stiftung, folgert daraus: „Die These, dass Religiosität von Generation zu Generation kontinuierlich schwindet, kann nach unseren Erhebungen für Australien – ebenso wie in anderen Industriestaaten – eindeutig widerlegt werden.“

Auch das Gottesbild der Australier ist weitgehend positiv besetzt. Beim Gedanken an Gott herrscht bei der Mehrheit der Gläubigen offensichtlich das Bild eines liebenden, gütigen Wesens vor. Am häufigsten verbinden sie mit Gott Gefühle der Dankbarkeit, der Hoffnung, Freude und Liebe. Es folgen Attribute wie Geborgenheit, Hilfe, Ehrfurcht und Gerechtigkeit. Deutlich weniger verspüren bei dem Gedanken an Gott Verzweiflung, Angst oder das Gefühl der Befreiung von Schuld. Und noch weniger verbinden mit ihm Zorn oder die Befreiung von einer bösen Macht. Lediglich in der Gruppe der Anglikaner schiebt sich das Gefühl der Verzweiflung auf den fünften Platz vor.

Die gläubigen Australier sind mehrheitlich auch nicht nur „Sonntagschristen oder -gläubige“. Ihre Einstellung hat eine hohe Alltagsrelevanz. Den größten Einfluss hat ihr Glauben auf die Erziehung der Kinder, vor allem auch beim Umgang mit einschneidenden Lebensereignissen wie Geburt, Hochzeit oder Tod, und an dritter Stelle – und für die Forscher überraschenderweise – auch beim Umgang mit der Natur. Deutlich weniger Einfluss hat der Glaube dagegen auf den Bereich der Sexualität, die Gestaltung der Freizeit und Arbeitswelt und am wenigsten auf ihre politischen Überzeugungen. Insbesondere Katholiken lassen sich durch ihren Glauben nicht in ihrer Einstellung zur Sexualität und zur Politik beeinflussen. Gläubige Protestanten und Anglikaner haben hier empfänglichere Positionen.

Wie in anderen Industriestaaten zeigt sich in Australien auch eine gewisse Tendenz zur „Patchwork“-Religion, in der aus verschiedenen Glaubensvorstellungen individuelle Interpretationen und Glaubensmuster erstellt werden. Während 43 Prozent der Australier sich Gott als personales Wesen vorstellen, sagen 44 Prozent, das Göttliche sei die Natur, oder 43 Prozent, es sei eine „Energie, die alles durchströmt“. Und für nicht wenige ist Gott nur eine menschliche Idee ohne eigene Existenz“. So ist beispielsweise jeder fünfte in der Anglikanischen Kirche dieser Auffassung. An übersinnliche Mächte glaubt nahezu jeder fünfte Australier (19 Prozent) ziemlich oder sehr. Die Astrologie hat es da schon schwerer, von ihr sind nur 11 Prozent ziemlich oder sehr überzeugt. Ähnlich wird die Wirkung von Dämonen eingeschätzt (12 Prozent). Aber 28 Prozent glauben an Engel – und zwar ganz besonders die jungen Erwachsenen (32 Prozent) und die Frauen (36 Prozent).

Dr. Martin Rieger folgert daraus im Vorfeld des Weltjugendtages und des Papstbesuches: „Das Christentum und der Katholizismus stehen in Australien nicht in voller Blüte, aber sie drohen auch nicht ihre vitalen Wurzeln zu verlieren. Der große Gegensatz zwischen Religiösen und Nichtreligiösen ist hier schon sehr ausgeprägt. Typisch ist die Tendenz zu einer freischwebenden, vielleicht suchenden Spiritualität, die keinen klaren Bezugspunkt in den Kirchen und Konfessionen mehr hat. Hierin besteht für Religion und alle Kirchen ein großes und vernachlässigtes Potenzial, das bislang vielleicht übersehen worden ist.“

Online-Religionsmonitor im Internet:
Die international durchgeführten Erhebungen finden eine fortlaufende Ergänzung im Internet. In der Online-Befragung www.religionsmonitor.com kann sich der Interessierte sein individuelles Religiositätsprofil erstellen lassen und mit dem Durchschnittswert in seinem Land vergleichen.

Über den Religionsmonitor:
Der Religionsmonitor ist ein neues, interdisziplinäres und interreligiöses Projekt der Bertelsmann Stiftung. Anhand von über 100 Befragungsitems wurden dazu in einem ersten Schritt im Sommer dieses Jahres über 21.000 Personen in 20 Ländern befragt. Untersucht wurden insgesamt sechs Kerndimensionen von Religion und Glauben wie religiöse Überzeugungen, Alltagserfahrungen, öffentliche und private Praxis oder die allgemeine Alltagsrelevanz von Religion. Darüber hinaus werden die Ergebnisse in einem Zentralitätsindex verdichtet mit einer Zuordnung nach Hochreligiösen, Religiösen und Nichtreligiösen. Aus dem gewonnenen Datenmaterial können umfangreiche Befunde über die Bedeutung von Religiosität für die Individuen und ihre Lebensbereiche gewonnen und Aussagen über gesellschaftliche Dynamiken getroffen werden. Zudem enthalten die Ergebnisse wichtige Informationen über die verschiedenen Religionen.