Avicenna: Metaphysik. Gott ist notwendigerweise

Von Dag Nikolaus Hasse

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WÜRZBURG, 14. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Avicennas „Metaphysik“ ist der erste große, systematische Metaphysikentwurf der Philosophiegeschichte nach Aristoteles, ein viel gelesenes und sehr einflussreiches Buch, besonders im arabischen Orient und im lateinischen Europa. Vor wenigen Jahren erschien endlich eine zuverlässige englische Übersetzung, und seitdem nimmt es allmählich wieder seinen verdienten Platz in den Lehrplänen der philosophischen Seminare weltweit ein.



Avicenna, dessen arabischer Name Ibn Sînâ lautet, wurde um oder kurz vor dem Jahr 370 Hidschra (980 n.Chr.) geboren, er starb 428 Hidschra (1037 n.Chr.). Er stammte aus einer persischen Familie, die in der Nähe von Buchara im heutigen Usbekistan lebte, einer damals blühenden muslimischen Kulturregion an der Seidenstraße nach China. Den Großteil seines Lebens verbrachte er an verschiedenen Fürstenhöfen in der Gegend des heutigen Iran und Irak. Die institutionelle Situation eines Philosophen im Orient war, wie man hieran sieht, eine ganz andere als im christlichen Europa, wo Klöster, Kathedralschulen und später die Universitäten einen Raum für das Studium der Philosophie boten. Im sunnitischen Islam gab es keine vergleichbaren kirchlichen Institutionen. Wer sich für die Tradition griechischer Philosophie, für Aristoteles oder Platon interessierte, hatte meist eine Stellung an einem Fürstenhof. Das hatte seine Vor- und Nachteile. Einerseits waren die Arabisch schreibenden Philosophen (auch Perser und Türken schrieben damals auf Arabisch) abhängig von der Gunst der Herrscher, andererseits waren sie als Philosophen kaum gebunden an Vorgaben der Religion.

Avicenna ist ein beeindruckendes Beispiel für diese gedankliche Freiheit. In seiner „Metaphysik“ argumentiert er gegen die Schöpfung in der Zeit, gegen die Auferstehung der Körper und gegen die Vorstellung, dass Gott sich um die Einzeldinge dieser Welt sorgt – Positionen, die im Koran fest verankert sind. Der berühmteste sunnitische Theologe des Islam, al-Ghazâlî, reagierte auf die avicennische Philosophie mit einer umfassenden Kritik, die er „Die Inkohärenz der Philosophen“ betitelte. Diese Reaktion ist aber nicht typisch, denn die avicennischen Positionen fanden viele Anhänger auch unter muslimischen, jüdischen und christlichen Theologen. Avicennas Philosophie war so erfolgreich, dass sie im arabischsprachigen Orient auf viele Jahrhunderte hin das philosophische Denken dominierte, ähnlich wie Aristoteles im christlichen Europa.

Die „Metaphysik“ ist der vierte und letzte Teil der philosophischen Summe „asch-Schifâ“ („Die Heilung“), die im Stil der Peripatetiker, der Schule des Aristoteles, das gesamte philosophische Wissen umfasste. Der erste Teil behandelt die Logik, der zweite die Wissenschaften von der Natur, der dritte die mathematischen Wissenschaften, der vierte die Metaphysik. Die „Metaphysik“ ist systematisch aufgebaut – im Unterschied zur aristotelischen Metaphysik, die aus verschiedenen Abhandlungen zusammengestellt ist. Avicenna beginnt mit einer Bestimmung dessen, was Metaphysik, die höchste Form der Philosophie, eigentlich ist: die Untersuchung des Seienden als Seiendes, das heißt: sie ist allgemeine Ontologie. Die Alternative, dass das höchste Seiende, also Gott, der eigentliche Gegenstand der Metaphysik sei, wird von Avicenna verworfen. Die erste Ursache alles Seienden wird zwar auch in der Metaphysik thematisiert, ist aber nur ein Gegenstand unter vielen.

Avicenna strukturiert seinen Text nach den Eigenschaften des Seienden. Er behandelt nacheinander das Seiende als Substanz und Akzidens (Bücher 2–4), die Seinsweise von allgemeinen Dingen, also von Universalien (Buch 5), das Seiende als Ursache und Wirkung (Buch 6), das Seiende als Eines und Zahl (Buch 7) und schließlich die Prinzipien und Ursachen des Seienden, zu denen auch die göttliche erste Ursache gehört (Bücher 8–10). Vor diese Untersuchungen stellt Avicenna im ersten Buch eine Theorie, die viele Denker fasziniert hat, unter ihnen auch Thomas von Aquin: dass es nicht nur erste Sätze, sondern auch erste Begriffe gebe. Aristoteles hatte den Satz vom Widerspruch, dass nicht dasselbe in derselben Hinsicht zugleich zutreffen und nicht zutreffen kann, für das Axiom aller Axiome gehalten, für einen unhintergehbaren Satz, den niemand leugnen könne. Avicenna behauptet dasselbe für das Reich der Begriffe. Die Begriffe „das Existente“, „das Ding“ (oder auch „das Wesen“) und „das Notwendige“ seien Begriffe, die selbstevident und fundamental sind, insofern sie allem Seienden gemeinsam sind. Alles, was ist, existiert; alles, was ist, ist ein bestimmtes Etwas (ein Wesen), und alles, was ist, ist notwendig existierend, zumindest für die Dauer seiner Existenz.

Avicennas „Metaphysik“ ist ein schwieriges Buch, eines der schwierigsten der Philosophiegeschichte, und zwar nicht deshalb, weil es metaphorisch oder privatsprachlich geschrieben wäre, sondern aufgrund der überaus verästelten Logik der Argumentation und der hohen Abstraktheit der Inhalte. Berühmte Thesen, wie die Unterscheidung von Sein und Wesen oder die Lehre von der Koexistenz von Ursache und Wirkung, lassen sich nicht in wenigen Sätzen zusammenfassen.

Auf eine Lehre sei aber genauer eingegangen: die Lehre vom Notwendig-Seienden. Das Seiende unserer irdischen Welt ist, in den Worten Avicennas, möglich-seiend. Es ist nur dann seiend, wenn es von etwas anderem verursacht ist und im Sein gehalten wird. Diese Ursachenkette kann nicht unendlich sein. Es muss ein und zwar genau ein Notwendig-Seiendes in dieser Welt geben: Gott. Aus dem einen Notwendig-Seienden strömt die Welt seit ewigen Zeiten und bis in ewige Zeiten ständig aus – dies ist die so genannte Theorie der „ewigen Schöpfung“. Avicenna verbindet die griechische Idee der Ewigkeit der Welt mit der monotheistischen Idee eines Schöpfergottes. Der avicennische Gott aber tut nichts anderes als sich selbst zu denken und auf diese Weise die himmlische und irdische Welt ständig entstehen zu lassen. Der Gott Avicennas ist determiniert. Er ist kein personaler Gott, sondern ein Schöpfungsautomat. Da er nur sich selbst denkt, weiß er nichts von den Einzelheiten der Welt und sorgt sich auch nicht um sie.

Diese philosophische Gotteslehre hat Vor- und Nachteile, wie alle philosophischen Positionen. Sie klingt skandalös für religiöse Ohren. Aber sie erklärt die Existenz von Übel in der Welt überzeugender als die Annahme eines personalen Gottes, der die Menschen für ihre Sünden straft. Das Übel ist eine notwendige, aber seltene Nebenfolge der ewigen, an sich guten Ursache-Wirkungsketten in dieser irdischen Welt. Das Feuer wärmt, zerstört aber auch gelegentlich den Mantel eines weisen oder gerechten Menschen. Die Existenz des Übels ist entmoralisiert; es hat nichts mit den Verfehlungen der Menschen zu tun, und insofern bietet die deterministische Metaphysik des Avicenna, so hart der Gottesbegriff auch klingen mag, einen gewissen philosophischen Trost.

[Avicenna, The Metaphysics of „The Healing“, A parallel English-Arabic text translated, introduced, and annotated by Michael E. Marmura, Brigham Young University Press, Provo / Utah, 2005, ISBN 0-934893-77-2, $49.95 (www.byubookstore.com); Teil 11 der Reihe „Die 50 Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 9. Februar 2008]