Bach und Beichte: Das Zeugnis junger christlicher Gemeinschaften im islamischen Tunesien

Großes Interesse von Muslimen an christlichem Glauben

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 791 klicks

Die katholische Kathedrale Sankt Vinzenz von Paul im Herzen von Tunis ist ein prächtiges Bauwerk aus der französischen Kolonialzeit. Der Verkehr rauscht vielspurig an ihr vorbei. Die Menschenmassen der belebten tunesischen Hauptstadt schieben sich vor ihrem Eingang entlang. Dennoch war Muslimen – und damit 99 Prozent der Bevölkerung – bis zum Sturz des Diktators Ben Ali vor zwei Jahren der Zutritt zur Kirche strengstens verboten. Obschon die Ideologie der Diktatur offiziell säkular war, wollte der gestürzte Machthaber sich nicht der Kritik von Islamisten aussetzen. Jetzt, nach der Revolution, ist das anders.

„Wir haben ein Empfangsteam von zwei unserer ägyptischen Ordensschwestern zusammengestellt. Sie beantworten die Fragen der vielen hundert muslimischen Besucher, die jetzt täglich in unsere Kirche kommen“, so Padre Sergio, der Pfarrer der Kathedrale. Der Argentinier gehört dem Institut des inkarnierten Wortes an, einer Gründung seines Heimatlandes, die mittlerweile mit Priestern, Mönchen und Nonnen in aller Welt tätig ist. „Die Neugier treibt die Menschen in die Kirche. Sie bewundern dann die Schönheit des Gebäudes und stellen viele Fragen zum christlichen Glauben. Jesus und Maria verehren sie sehr. Beide kommen schließlich auch im Koran vor.“ Sein Kaplan Silvio, der demselben Institut angehört, ergänzt: „Vereinzelt besteht auch mehr Interesse an der Geschichte Tunesiens vor dem Islam. In den Schulbüchern wird die Zeit vor dem 7. Jahrhundert, als der neue Glaube hier ankam, völlig ausgeblendet. Dabei war Tunesien mit dem heiligen Cyprian, den Märtyrerinnen Felicitas und Perpetua und dem heiligen Augustinus einmal ein Herzland des lateinischen Christentums. Manche kommen auch, um sich Orgelkonzerte mit Musik von Bach anzuhören, die wir hier veranstalten.“

25.000 Christen in Tunesien

Es ist aber nicht nur kulturelle und historische Neugier. Oft treibt die Menschen auch echte geistliche Not an. Pfarrer Sergio: „Unsere Schwestern berichten, dass Muslime kommen und nach der Beichte fragen, weil ihr Gewissen sie so sehr belastet. Die Schwestern sagen ihnen dann, dass das nicht geht. Aber oft ergeben sich Gespräche über Gott und die Welt.“ Pfarrer Sergio nimmt eine große religiöse Sensibilität unter den Muslimen wahr:„Viele Menschen hier in Tunesien sind auf der Suche. Armut und Ehelosigkeit beeindrucken die Menschen sehr. Viele träumen auch von Jesus und bitten um die Taufe. Wir sind damit aber sehr vorsichtig und prüfen die Motivation der Menschen. Die Evangelikalen taufen sofort, was zur Folge hat, dass viele Menschen bald wieder zum Islam zurückkehren. Wir sind da eher zurückhaltend.“ Auch nach der Revolution muss die Kirche indes vorsichtig sein. „Wir dürfen keine aktive Mission betreiben. Die Kirche genießt zwar Kultfreiheit. Volle Religionsfreiheit gibt es aber nicht. Und die allermeisten der etwa 25.000 Christen in Tunesien sind Ausländer. Aber unser Empfangsdienst hier in der Kathedrale ist sicher eine Möglichkeit, die Menschenfreundlichkeit Gottes zu bezeugen.“

„Salam“ in Sfax

Gleicheswill auch „Salam“ vermitteln. Seit 2008 ist die aus Brasilien stammende Gemeinschaft in der südtunesischen Industrie- und Universitätsstadt Sfax tätig. Der frühere Erzbischof von Tunis, Maroun Lahham, berief die Laiengemeinschaft, die eigentlich „Schalom“ heißt.„Wir haben unseren Namen geändert, weil die hebräische Bezeichnung in der arabischen Welt nicht so gut ankommen würde“, erklärt Anna, die aus Brasilien stammt und die Gemeinschaft leitet. Sie ergänzt: „Aber ‚Frieden‘ bleibt unser Programm, egal ob auf hebräisch oder arabisch.“ Erzbischof Lahham, der inzwischen Weihbischof im Lateinischen Patriarchat von Jerusalem sowie Patriarchalvikar für Jordanien ist, hattedie junge Gemeinschaft, der Männer, Frauen und ganze Familien angehören, gebeten, die älter werdende christliche Gemeinschaft von Sfax zu stärken. „Unsere christlichen Brüder und Schwestern, die als Priester oder Ordensfrauen hier seit vielen Jahren tätig sind, sind nicht mehr die Jüngsten. Die christliche Präsenz in Sfax soll aber weitergehen. Der Bischof wollte ein pastorales Zentrum im Süden Tunesiens. Daran arbeiten wir. Wir beherbergen hier in unserem Haus die Pfarrkirche Sankt Joseph. Sie ist zum Mittelpunkt des kirchlichen Lebens hier in Sfax geworden“, erklärt die Leiterin von Salam.

Politik der offenen Tür

Neben der Bestärkung der Christen spielt aber auch der Kontakt zur islamischen Bevölkerung eine große Rolle. „Unser Haus soll ein Ort der Begegnung und des Austauschs sein. Dazu sind uns alle willkommen, gleich ob Christen oder Moslems“, so Anna.Die Mitglieder ihrer Gemeinschaft legen großen Wert auf Transparenz. „Unsere Nachbarn hier sollen nicht mutmaßen müssen, was wir hier hinter hohen Mauern treiben. Eine Politik der offenen Tür ist deshalb entscheidend.“ Nicht selten kann man auf dem weiten Hof des Hauses muslimische Kinder aus der Nachbarschaft Fußball spielen sehen. Es ergeben sich aber auch echte Gespräche mit Muslimen über Gott und den Glauben der Christen, berichtet Anna. „Wir wissen, dass wir nicht missionieren dürfen. Aber Zeugnis geben, das dürfen und wollen wir schon. Vorbild ist uns dabei unser Gründer Moyses Azevedo. Als er dem seligen Papst Johannes Paul II. 1980 bei dessen Brasilienbesuch begegnete, versprach er ihm, sein ganzes Leben lang der Jugend die Liebe Christi zu bezeugen. Das wollen wir auch hier im muslimischen Tunesien tun.“