Band 1 der gesammelten Werke Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. vorgestellt

Die Kirche lebt aus der Eucharistie und wird in der Eucharistie selbst Leib Christi

| 1162 klicks

Von Jan Bentz

ROM, 15. März 2012 (ZENIT.org). – Das Botschaftsgebäude im Parioli Viertel in Rom bot am gestrigen späten Nachmittag den prächtigen Rahmen für die Vorstellung des 1. Bandes der gesammelten Werke Joseph Ratzingers/Papst Benedikts XVI. Dr. Reinhard Schweppe, der deutsche Botschafter am Heiligen Stuhl, hatte Bischof Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Gerhard Ludwig Müller, Bischof von Regensburg und Herausgeber der Gesammelten Werke, geladen, mit diesem Band die Dissertationsschrift Joseph Ratzingers „Volk und Haus Gottes in Augustinus Lehre von der Kirche“ vor einer großen Gruppe von Gästen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Vor diesem ersten Band der Gesammelten Werke sind bereits die Bände 2, 7, 8/1, 8/2, 10, 11 und 12 erschienen.

Unter den prominenten Gästen waren Walter Kardinal Brandmüller, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, eine Reihe Kurienmitglieder und die Vertreter der bedeutenden Presseorgane Deutschlands sowie Radio Vatikan. Nach einem kurzen Empfang im Garten der Botschaft ergriff Dr. Schweppe das Wort und bedankte sich zunächst bei allen Gästen für ihre Anwesenheit und ihr Interesse an diesem ersten wissenschaftlichen Werk des heutigen Papstes.

Bischof Müller als Herausgeber begann die Vorstellung der Dissertation über die Einheit der Kirche in der Eucharistie mit Worten über das Werk des wichtigen Kirchenlehrers Augustinus. Die Lehre und das Denken dieses großen Theologen habe wie kein anderer die Kirchengeschichte beeinflusst. Als junger Student sei Joseph Ratzinger im Jahr 1950 mit einem Anliegen seines Professors Prof. Gottlieb Söhngen konfrontiert worden, der in der Ekklesiologie des hl. Augustinus den Begriff „Volk Gottes“ als Leitmotiv erkannt habe, der sich an das Konzil von Trient anlehnte. Joseph Ratzinger, der bereits Augustinus-Kenner war, erarbeitete seine Dissertation zwischen Juli 1950 und März 1951 und schloss sie mit einem anderen Ergebnis ab. Der Begriff „Volk Gottes“ sei bei Augustinus in „Anlehnung an die Heilige Schrift die Bezeichnung für Israel als das auserwählte Volk“. Das Volk, das von Christus berufen sei, die Kirche zu sein, sei aber „Leib“. 1 Kor 10, 14-20 sei hierzu der Schlüsseltext: „Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“. Die Kirche sei also eine „Communio der an Christus Glaubenden in Einheit des eucharistischen Leibes, zu dem uns Christus umformt“. Dazu formulierte Müller den Schlüsselsatz: „Die Kirche lebt aus der Eucharistie und wird in der Eucharistie selbst Leib Christi.“

Diese Lehre werde auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten. Die Kirche sei die Gemeinschaft derer, die miteinander Herrenmahl feierten. Der heutige Papst habe also mit seinem ersten wissenschaftlich bedeutenden Werk den eucharistischen Ansatz des hl. Augustinus hervorgehoben.

Bischof Müller erklärte in diesem Zusammenhang, dass viele der Reden des Heiligen Vaters, vielleicht gerade auch diejenigen bei seinem Deutschlandbesuch, gerade wegen des Begriffs der „Entweltlichung“ „wegweisend und aufrüttelnd“ gewesen seien, teilweise auch unerwartet, weil viele „die Intention des Heiligen Vaters nicht kannten“. Benedikt XVI. habe damit aber lediglich offenlegen wollen, dass die Kirche inmitten der bereits bestehenden und weiterhin bestehenden Weltordnungen die „neue Kraft des Glaubens an die Einheit der Menschen im Leibe Christi vergegenwärtigen muss, als ein Element der Verwandlung, deren Vollgestalt Gott selber schaffen wird“. In diesem Sinne bleibe Papst Benedikt XVI. in der Verkündung der Botschaft sich selber treu, wie er es beispielsweise in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ demonstriert habe, die auf die Nächstenliebe als Berufung des Christen hinweise: „Ein Beitrag der Kirche zur Entweltlichung ist eben auch die Milderung und die Beseitigung des Leids, der Not und des Leids der Menschen – als ein ‚Element der Verwandlung‘“, so Bischof Müller.

Er wies auch darauf hin, dass der vorliegende Band 1 der fünfte von insgesamt 16 Bänden sei, die das theologische Werk Joseph Ratzingers bis zu seiner Papstwahl 2005 dokumentieren werden. Seine Dissertation sei das Herzstück der theologischen Bildung des Heiligen Vaters, der weiterhin dem hl. Augustinus als Bischof, Denker und Heiligem eng verbunden bleibe, wie seine Mittwochskatechesen bewiesen. Bischof Müller schloss mit dem genannten Zitat aus dem Korintherbrief und lud mit dem Heiligen Vater dazu ein, neu zu entdecken, was Christsein, Gemeinde, Kirche und Eucharistie bedeuteten.

Der Mitherausgeber Rudolf Voderholzer, Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholischen Fakultät der Universität Trier, ergänzte die Ausführungen mit dem Hinweis auf den Sprachstil Ratzingers, der es verstehe, auch schwierige Sachverhalte einfach und gut verständlich auszudrücken. Daher sei diese wissenschaftliche Arbeit auch für Nichtspezialisten wertvoll und zugänglich. Die dem Haupttext zugefügten sechs Predigten dienten auch für eine „homiletische Umsetzung“ des Werkes im Sinne von Benedikt XVI., der sich schon immer als „Vermittler“ verstanden habe.

Auf die Frage, ob das Werk auch die Beziehung von Christen und Juden anspreche, erklärte Müller, dass die Kirche als Spezifikum den „Leib Christi“ und „Tempel des Heiligen Geistes“ darstelle, die Juden aber als „Volk Gottes“ den letzten Schritt zu Jesus Christus nicht mitgegangen seien. Trotzdem sei die Beziehung von Christen und den Juden eine ganz besondere, da Jesus Christus selber aus diesem Volk hervorgegangen sei und in Kontinuität mit ihnen stehe. Beides sei also hervorzuheben, die Kontinuität und das Novum der Kirche als „Leib Christi“.

Der Papst entscheide selber über die Sammlung der Werke und die Reihenfolge der Veröffentlichung der einzelnen Bände. Also leuchte der Geist des großen Theologen in jeder Hinsicht hervor. Alle Texte würden ohne Textveränderungen veröffentlicht. Die Rezeption sei sehr positiv, was auch die mehrfachen Auflagen der bereits veröffentlichten Bände bewiesen. Vor allem das Werk über die Liturgie sei weger der Thematik des „alten Usus“ nicht nur aus theologisch-wissenschaftlicher Sicht interessant. Trotzdem hätten offensichtlich noch nicht alle Theologen diese Werke gelesen, denn „sonst wäre das Theologenmemorandum vielleicht nicht zustande gekommen“.

Abschließend betonte Bischof Müller die Kontinuität im Denken des heutigen Papstes. Er sei sein ganzes Leben verschiedenen Strömungen weit voraus gewesen und habe sie bereits beantwortet, bevor sie überhaupt Verbreitung fanden. „Darum musste er im Nachhinein seine Meinung nicht ändern“.

Der nächste Band der Gesammelten Werke wird in einigen Wochen in den Druck gehen und alle Schriften beinhalten, die die Aufgabe Joseph Ratzingers während des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Thema haben.