Barack Obama und die unverzichtbaren Werte der Kirche

Eine Betrachtung zum Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den USA

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Von P. Piero Gheddo

ROM, 15. November 2012 (ZENIT.org).‑ Die Ehe, die Geburt eines Kindes und der natürliche Tod werden als Werte „der politischen Rechten“ kritisiert. Aus der Sicht der Kirche handelt es sich dabei um „unverzichtbare Werte“ für die Entwicklung der Völker. Abtreibung, Sterilisierung, Geburtenkontrolle, Euthanasie und der homosexuellen „Ehe“ stellen ernst zu nehmende Hindernisse auf dem Weg zur Lösung der sozialen Probleme dar.

Aus der US-Präsidentschaftswahl vom 6. November 2012 ging bekanntlich Barack Obama als Sieger hervor. Wir alle wünschen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, dass er sein zweites Manat für Entscheidungen im Zeichen des Friedens und zur Verbesserung der Solidarität in seinem Land zugungsten der gesamten Menschheit einsetzen möge.

Laut einem von AsiaNews [1] veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Der Sieg Obamas beunruhigt die Märkte und stärkt die homosexuelle Ehe“ hat sich Obama als erster US- Präsident für die „Ehe“ zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren ausgesprochen (und ändert damit seinen im Jahr 2008 vertretenen Standpunkt). Im Artikel liest man dazu folgendes: „In Maine und Maryland erklärten die Wähler in einem Referendum ihre Zustimmung zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Bisher konnte diese nur in den Bundesstaaten Massachusetts, Iowa, New York, Connecticut, New Hampshire, Vermont und District of Columbia aufgrund einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes geschlossen werden. Das Wahlergebnis ist Ausdruck eines tiefgreifenden Sinneswandels der US-amerikanischen Bevölkerung. ‚Exit polls‘ zufolge sind drei Viertel der Befürworter der gleichgeschlechtlichen Ehe gleichzeitig Anhänger Barack Obamas.“

In diesem Zusammenhang drängt sich mir folgende Frage auf: Aus welchem Grund stehen die Parteien und Koalitionen der politischen Linken in den Ländern des christlichen Westens den von der Kirche abgelehnte Lösungen in Fragen der Sexualität und der Familie im Allgemeinen offen gegenüber?

Dabei muss eingeräumt werden, dass das Gespräch der Kirche mit dem Papst und den Bischöfen über die christliche Sichtweise vom Leben und von der Ehe vollkommen außerhalb der politischen Auseinandersetzungen zwischen der Rechten und der Linken stattfindet. Doch warum werden die von der Kirche verurteilen Aspekte in diesen Fragen von linken Parteien und Koalitionen befürwortet?

Die 2009 von Benedikt XVI. verfasste Enzyklika „Caritas in Veritate“ (CV) verbindet das Recht auf Leben mit der Entwicklung aller Völker und der Menschheit (Nr. 28). Die vom Heiligen Stuhl und der italienischen Bischofskonferenz mit großem Nachdruck betonte „anthropologische Frage“ wird so in radikaler Weise zur „sozialen Frage“ (Nr. 28, 44, 75). Die in der CV behandelten Fragen der Bioethik werden aus der Perspektive der Entwicklung der Völker betrachtet. Geburtenkontrolle, Abtreibung, Sterilisierung, Euthanasie, Manipulation der menschlichen Identität und die eugenische Selektion werden scharf verurteilt (es handelt sich um „unverzichtbare Werte“ Anm. d. R..). Dies liegt nicht nur an der ihnen innewohnenden Unmoralität, sondern auch an ihrer Fähigkeit, das soziale Gefüge zu zerstören, zu erniedrigen und die Familien auseinanderbröckeln zu lassen und die Aufnahme der Schwächsten und Unschuldigsten zu erschweren. In Nr. 28 von CV wird dazu folgendes festgehalten: „In den wirtschaftlich mehr entwickelten Ländern sind die lebensfeindlichen Gesetzgebungen sehr verbreitet und haben bereits die Gewohnheit und die Praxis entscheidend beeinflusst; … Die Offenheit für das Leben steht im Zentrum der wahren Entwicklung …“ Benedikt XVI. betonte in der Enzyklika, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung den Einsatz nicht utilitaristischer Entwicklungsprogrammen erfordere, die der Würde der Frau, der Fortpflanzung, der Familie und der Rechte des empfangenen Menschen systematisch Rechnung tragen.“

Die Insistenz des Papstes und der Bischöfe, die erstmals in der 1968 veröffentlichten Enzyklika „Humanae Vitae“ von Paul VI. spürbar wurde, bleibt bis heute noch selbst von Katholiken oft unverstanden, von denen manche die Verteidigung des Lebens und der Familie verglichen mit den erschütternden Problemen des Hungers, dem menschenunwürdigen Elend, der Ungerechtigkeit in der Welt und im eigenen Land als zweitrangig erachtet. Sie sind unfähig, die prophetische Kraft der Botschaft des Papstes und der Bischöfe zu begreifen, wonach der substantielle Bruch zwischen dem Menschen und dem Gesetz Gottes in der Kultur der Ablehnung des Lebens begründet liegt, die eine ernsthafte Gefahr für die Bemühung um die Lösung der sozialen Probleme birgt.

Wenn bereits in die nationalen Gesetzgebungen wie auch in jene der Staatenbünde UNO und EG der Egoismus des Menschen eingeschrieben ist, wie soll dieser Mensch dann bei der Aufnahme des Ärmsten und des anderen ein von Altruismus und von christlicher Barmherzigkeit geprägtes Handeln an den Tag legen können? Soziale Werke und die Verteidigung des Lebens stehen in keinem Widerspruch zueinander, sondern ergänzen einander, sind aufeinander bezogen und können nicht unabhängig voneinander existieren.  

Der Protest gegen den Hunger in der Welt und die Abtreibung sind in ihrer Bedeutung und in ihrem Wert ebenbürtig. In Italien hat die Bewegung „No Global“ (deren Mitglieder mehrheitlich Katholiken sind) oft ihre Stimme gegen den Hunger erhoben, aber kein einziges Mal gegen die Abtreibung, gegen die gleichgeschlechtliche „Ehe“, die Scheidung, Trennung und die homosexuelle Ehe! Wir lassen stillschweigend zu, dass der menschliche Egoismus in diesen Fällen überhandnimmt, und erwarten uns den Sieg des Altruismus im Kampf gegen den Welthunger. Wo bleibt hier die Logik?

Wenn in unseren christlichen Ländern des Westens die Familie zerbricht, kommt es auch zur Auflösung der Gesellschaft, was wir gerade schmerzhaft erfahren. Es ist unbegreiflich, wie eine so offensichtliche Wahrheit von den Befürwortern anderer Formen der Familie (beispielsweise von Homosexuellen) missachtet wird, und Ehepaaren so der Reiz eines vor der Gesellschaft besiegelten Liebespaktes verlieren, während Paare, die sich nach Belieben zusammenfügen und trennen können, Scheidung, Trennungen wie die unter der Regierung des Ministerpräsidenten Zapatero in Spanien eingeführte „schnelle Scheidung“ innerhalb von 15 Tagen der Vorzug gegeben wird.

Laut den ISTAT[2]-Ergebnissen von 2007 zeugen kirchlich oder standesamtlich verheiratete Paare im Durchschnitt mehr Kinder als in einer Lebensgemeinschaft lebende. Es ist erwiesen, dass die Ehe der Paarbeziehung Stabilität verleiht und die Frau mehr Sicherheit für die Geburt eines Kindes gewinnt. Bekanntlich liegt die Geburtenrate Italiens unter null, ist also rückläufig. Die Einwohnerzahl Italiens ist jedoch aufgrund der großen Kinderzahl der Personen „aus der dritten Welt“ im Steigen begriffen. Wie können wir den armen Völkern nun unsere Hilfe zuteil werden lassen, wenn wir nicht einmal uns selbst helfen können?

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]

[1] Nachrichtenagentur des PIME

[2] Istituto Nazionale di Statistika; das italienische Statistikamt