Barbara Hallenleben: Die „ökumenische“ Frage stellt sich zunächst innerkatholisch

Überlegungen zu den „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“

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FRIBOURG, 11. Juli 2007 (ZENIT.org).- Dr. Barbara Hallensleben, Professorin für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg und Mitglied der Internationalen Theologische Kommission, äußert sich im folgenden ZENIT-Beitrag zum gestern erschienenen Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre zur Lehre über die Kirche.



Aus den von ihr angeführten Gründen möchte die Konsultorin des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen davor warnen, „das Dokument auf seine ökumenische Bedeutung hin auszuwerten oder gar in den ökumenischen Dialog einzubeziehen“, da es in erster Linie auf die „innere Versöhnung der Kirche“ abziele.

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Ich sehe den „Sitz im Leben“ dieses Dokument nicht in erster Linie im ökumenischen Gespräch, sondern in der Suche nach einer „inneren Versöhnung der Kirche“. Unverkennbar besteht ein Zusammenhang zu dem Motu Proprio Papst Benedikts XVI., das vor einigen Tagen den Gebrauch der römischen Liturgie in ihrer Gestalt von 1962 neu geregelt hat. Mit dieser Entscheidung möchte der Papst denjenigen neu eine Heimat geben, die das II. Vatikanische Konzil und die anschließende Liturgiereform als Traditionsbruch ansehen.

Die nun beantworteten Fragen bringen dieselbe Besorgnis zum Ausdruck: Hat das II. Vatikanum mit der traditionellen Lehre der Kirche gebrochen? Ist der Ausdruck „subsistit in“ aus LG 8 nicht eine unzulässige Abschwächung der Identifikation zwischen der einen und einzigen Kirche Jesu Christi und der katholischen Kirche? Darf man die orthodoxen Kirchen wirklich „echte Teilkirchen“ nennen?

Der Akzent in allen Antworten liegt auf der Bekräftigung der Kontinuität der katholischen Tradition. Dabei werden, weitgehend in Zitaten, die bekannten Dokumente des kirchlichen Lehramts seit dem Konzil wiederholt.

Die „ökumenische“ Frage stellt sich also zunächst innerkatholisch: Werden diejenigen, die ihre katholische Identität in der Liturgie des Missale Romanum von 1962 zum Ausdruck bringen, die Gemeinden, die die liturgischen Texte der Liturgiereform verwenden, als wahre Kirche Jesu Christi anerkennen – und umgekehrt? Die ökumenischen Aspekte des neuen Dokuments sind nach meinem Eindruck eher das Anschauungsmaterial und die Bewährungsprobe für die innerkatholische Diskussion.

Die Suche nach Identität ist eine zwiespältige Angelegenheit: ohne ein mit meiner ganzen Person bejahtes Bekenntnis, für das ich mit meinem Leben einstehe, bin kein glaubwürdiger Gesprächspartner in Glaubensfragen; insofern ist diese Suche berechtigt, ja notwendig. Christliche Identität ist jedoch als Identität in Jesus Christus stets eine Identität in der Sendung Jesu Christi und enthält die Zuwendung zum anderen in Liebe bereits in sich. Wenn sie vorwiegend als Abgrenzung vom anderen proklamiert und praktiziert wird, dann wird sie zum Widerspruch in sich. Stammen die Fragen wirklich von Glaubenden, die in ihrer Identität verunsichert sind? Oder suchen hier nicht gerade Katholiken mit einer starken, ja allzu starken Identität neue Bestätigung gegen diejenigen, die sie doch eher in Liebe gewinnen sollten? Ich fühle mich erinnert an Martha, die versucht, Jesus gegen ihre Schwester Maria zu funktionalisieren...

Aus den genannten Gründen möchte ich sogar davor warnen, das Dokument auf seine ökumenische Bedeutung hin auszuwerten oder gar in den ökumenischen Dialog einzubeziehen:

-- Was am Ende über die kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, gesagt wird, ist eine pflichtgemäße Ergänzung mit längst bekannten Elementen.

-- Mehr Raum nehmen die Aussagen über die orthodoxen Teilkirchen als Schwesterkirchen ein. Allerdings sind die hier formulierten Klarstellungen nicht auf die orthodoxen Gesprächspartner hin formuliert, sondern eher für Katholiken verfasst. Die berechtigte Besorgnis, dass wir von der Kirche Jesu Christi nicht im Plural sprechen dürfen, hat schon die „Note über den Ausdruck Schwesterkirchen“ des Jahres 2000 formuliert. Nun aber wird der Eindruck erweckt, diese Aussage sei nur durch eine Relativierung unserer orthodoxen Schwesterkirchen zu wahren: Wenn die orthodoxen Schwesterkirchen als „echte Teilkirchen“ anerkannt sind (Dominus Iesus 17), dann gilt das subsistit in für sie in authentischer Weise. Die Russische Orthodoxe Kirche verwendet in ihren Stellungnahmen zur Ökumenischen Bewegung mit Entschiedenheit sogar das est: Die Russische Orthodoxe Kirche ist die wahre Kirche Jesu Christi.

Ja: „Es gibt die Kirche als Subjekt in der geschichtlichen Wirklichkeit“ (Kommentar zu Frage 3). Doch dieses Subjekt ist bereits innerhalb der katholischen Kirche ein in Teilkirchen als Schwesterkirchen differenziertes Subjekt: „In ihnen und aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche“ (LG 23) kann auch übersetzt werden: „In ihnen und aus ihnen erhält die eine und einzige Kirche ihre Subsistenz“. Dann aber ist die ersehnte „Wiedervereinigung der verschiedenen Schwesterkirchen“ (Kommentar zu Frage 2) nicht die utopische Suche nach einer nicht existenten und folglich von Menschen nie zu erreichenden Einheit der Kirche, sondern die Folge einer bereits geschenkten Einheit über die Grenzen der verlorenen Communio hinweg. Diesen Aspekt nimmt das Dokument nicht in den Blick. Das eine Subjekt „katholische Kirche“ wird zwar nie einfach „römisch-katholische Kirche“ genannt, aber es erscheint im Text bedauerlicherweise nur als eine monolithische Größe.

Das Dokument bestätigt mich in meiner Vermutung, dass die Fortführung des ökumenischen Dialogs nicht nur und nicht in erster Linie eine Klärung zwischen den christlichen Traditionen erfordert, sondern ein vertieftes Selbstverständnis der Katholischen Kirche selbst. Das II. Vatikanische Konzil gibt dazu viele noch nicht ausgeschöpfte Hinweise.