Barbara Hallensleben: \"Ökumene beginnt dort, wo ich selbst versuche zu glauben und aus dem Glauben zu leben\"

Interview mit der Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz)

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WIEN, 12. Dezember 2005 (ZENIT.org).- \"In Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst\" (Phil 2,3): Dieses Pauluswort ist für Prof. Dr. Barbara Hallensleben, zurzeit Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz), Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission sowie der Internationalen Orthodox-Katholischen Gesprächskommission, eine Grundmaxime des ökumenischen Dialogs. Und die Suche nach der vollen Gemeinschaft beginne nicht erst beim Gespräch mit anderen Christen, sondern früher: dort, wo man versuche, aus dem Glauben zu leben.



Barbara Hallensleben wurde als Tochter eines norddeutschen Lutheraners und einer schlesischen Katholikin in Braunschweig geboren. Von dem Milieu, in dem die Deutsche aufgewachsen ist, sagt sie selbst, dass es nicht besonders katholisch gewesen sei. Aber sie ist dankbar dafür, denn so sei in der Lage gewesen, \"die Schritte der Entdeckung und Bejahung meines Glaubens in meinem eigenen Rhythmus\" zu finden.

Nach einer Zeit, die durchaus von kindlicher Religiosität geprägt war, und den anschließend typischen Krisenzeiten habe der Religionsunterricht in der Oberstufe in ihr ein neues Interesse für den Glauben geweckt, indem er \"an unsere Intellektualität appelliert hat\". Faszinierend findet die jetzige Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene auch heute noch, \"dass der Glaube ein Denkprojekt ist und nicht nur ein Frömmigkeitsprojekt\". Daneben habe sie durch die Begegnung mit christlicher Literatur (Gertrud von Le Fort, Edzard Schaper, Paul Claudel u.a.) auch eine tief mystische Dimension kennen gelernt sowie \"die Ahnung, dass beides zusammengehört\".

Die Zusammenführung beider Aspekte geschah für sie gegen Ende des Studiums, während ignatianischer Exerzitien. Barbara Hallensleben bezeichnet sich selbst als \"ignatianisch geprägt\" – später hat sie über die \"Theologie der Sendung. Die Ursprünge bei Ignatius von Loyola und Mary Ward\" habilitiert –, gehört allerdings keiner geistlichen Gemeinschaft an: \"Ich gehöre einfach zur Gemeinschaft der Kirche Gottes, stehe aber sehr vielen Gemeinschaften nahe, denen ich begegnen durfte, und bin dankbar, dass ich eine innere Nähe zu ihnen erfahren darf und dort auch akzeptiert werde, obwohl ich nicht formell dazu gehöre.\" Die Theologieprofessorin hat sich \"bewusst für ein eheloses Leben als Weg der Nachfolge\" entschieden. Ihr eigener Glaubensweg hilft ihr, Theologiestudierende nicht nur intellektuell auszubilden. Im Theologiestudium suche man ja \"nicht nur eine Berufsentscheidung, sondern auch eine Berufungsentscheidung\". Studierende darin ernst zu nehmen, \"ist mindestens so anspruchsvoll und manchmal anspruchsvoller, als ihnen gute Theologie beizubringen\".

Im folgenden Interview spricht Prof. Hallensleben über ihre Interessensschwerpunkte und die Ökumene sowie über die Berufung von Mann und Frau. Im zweiten Teil dieses ZENIT-Interviews, das morgen, Dienstag, veröffentlicht werden wird, geht es um die Aufgabe der Theologie.

ZENIT: Zusammen mit Schwester Sara Butler wurden sie im vergangenen Jahr von Papst Johannes Paul II. in die Internationale Theologische Kommission berufen. Wie sehen Sie Ihre Berufung und Aufgabe in der Kirche?

Prof. Hallensleben: Zunächst einmal sehe ich meine Berufung in der Kirche wirklich als Berufung der Kirche, die ich mit allen Männern und Frauen teile, die getauft sind und die versuchen, Kirche zu leben. Und ich versuche, dass meine Berufung als Professorin und meine Aufgabe in der Internationalen Theologischen Kommission, in den nationalen und internationalen ökumenischen Gremien zurückgebunden bleibt an diese Grundberufung, Kirche zu sein mit vielen anderen. Meine Arbeit in diesen außerordentlichen Gremien kann dann fruchtbar werden, wenn sie ein Zeichen der Hoffnung, der Verbundenheit mit der Gemeinschaft der Glaubenden ist.

ZENIT: Wie konkretisiert sich dieses Kirche-Sein im täglichen Leben?

Prof. Hallensleben: Ich hoffe, ähnlich wie für alle Christen, also: dass wir beten, dass wir versuchen, das Wort Gottes ernst zu nehmen und zu spüren, was das Tag für Tag im Alltag heißt, dass wir aus den Sakramenten leben. Dazu gehört, dass wir mit anderen Glaubenden im Gespräch bleiben, einander in diesem Zeugnis stärken, dass wir uns auf diesem Weg wandeln lassen und immer mehr staunen, was in diesem Projekt der Schöpfung des dreifaltigen Gottes alles möglich ist. Ja, dass wir große Perspektiven entwickeln und eine große Hoffnung für diese Welt haben, uns also nicht in Alltagsproblemen aufreiben lassen, sondern versuchen, die Wirklichkeit im Licht des Evangeliums zu sehen und auf die Zeichen der Zeit im kirchlichen wie im politischen Bereich mutig zu antworten.

ZENIT: Für die Schweizer Bischofskonferenz verfassten Sie einmal einen Kommentar zu dem Dokument der Glaubenskongregation über die Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau in der Kirche. Worin sehen Sie den spezifischen Beitrag der Frau?

Prof. Hallensleben: Sie erinnern sich vielleicht, dass ich damals geschrieben habe, dass ich eigentlich diesen Beitrag nicht allein oder jedenfalls nicht ausschließlich von meiner Seite her definieren möchte. Auch in der Internationalen Theologischen Kommission trete ich nicht mit dem Anspruch auf, als Frau jetzt dieses oder jenes durchsetzen zu wollen, sondern ich erlebe, dass meine Mitwirkung, ja einfach meine Anwesenheit Auswirkungen hat – nicht nur dadurch, dass ich über Frauenthemen rede, sondern indem ich als Frau etwas einbringe. Ein Kollege aus China sagte mir am letzten Tag unserer Arbeit: \"Es ist gut und sehr wichtig, dass Sie da sind. Sie vertreten ja schließlich die Hälfte der Menschheit...\" Über solche Äußerungen freue ich mich sehr, und insofern finde ich, dass Sie besser meine männlichen Kollegen in der Kommission fragen sollten, was es für die bedeutet, dass Schwester Sara und ich jetzt dabei sind.

ZENIT: Ich möchte noch einmal auf die Berufung von Mann und Frau zurückkommen. Worin besteht die Größe dieser Berufung in einem Europa, in dem viele Menschen das Gespür für Kirche und Gott vielleicht unabsichtlich verloren haben, weil sie von etwas anderem erfüllt sind?

Prof. Hallensleben: Ich kann Mann- und Frau-Sein auf der biologischen Ebene betrachten. Dann ist die Differenz nützlich zur Erzeugung von Nachkommenschaft, zur Gründung von Familien und zur Sicherung des Weiterexistierens der Menschheit. Ich kann von Mann und Frau sprechen auf der gesellschaftlichen und sozialen Ebene, dann spreche ich vielleicht von Rollen, von Karrieremöglichkeiten, von Gleichberechtigung, von gesetzlicher Gleichstellung usw., und all das ist richtig und wichtig. Aber darin liegt noch keine Botschaft über die tiefere Identität von Mann- und Frau-Sein. Der Glaube hält die Frage offen: Bedeutet Mann- und Frau-Sein auch so etwas wie einen Lebensauftrag, eine Berufung von Gott, dem Schöpfer her?

Meine große theologische Frage lautet, ob die biblische Aussagen, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, auch bedeutet, dass Mann und Frau je besondere Aspekte dieser Gottebenbildlichkeit verwirklichen. Im Licht des Evangeliums diese Frage zu stellen, betrifft dann unmittelbar unser menschliches Zusammenleben: zunächst die Ehe, die nicht nur eine biologische und soziale Wirklichkeit ist, sondern Hauskirche, Mitwirkung an der schöpferischen Liebe Gottes, Teilnahme an der Fortschreibung der Geschichte dieser Schöpfung. Mann und Frau gemeinsam ist das Projekt der Geschichte anvertraut, hat Johannes Paul II. in seinem \"Brief an die Frauen\" einmal geschrieben. Dieser Auftrag geht über die Ehe hinaus. Er betrifft die kirchliche, die gesellschaftliche, die politische, die heutige \"globale\" Dimension der Menschheit. Unser Auftrag liegt nicht nur in der Gestaltung unserer kleinen Lebenswelt, sondern letztlich in der Vorbereitung der neuen Schöpfung.

Mir gefällt sehr die kleine Geschichte von den drei Arbeitern, die am Kölner Dom mitbauen, und die man befragt: Was tust du da? Der erste antwortet: Ich behaue Steine. Der zweite sagt: Ich verdiene Geld, um meine Familie zu ernähren. Der dritte fügt hinzu: Ich baue mit am Haus Gottes auf Erden. Keine der Antworten ist falsch. Aber erst im Licht der dritten Antwort zeigt sich die Kostbarkeit und Verantwortung unseres Tuns.

ZENIT: Was sind die großen Themen, die Sie heute beschäftigen?

Prof. Hallensleben: Es gibt Themen, die mich beschäftigen, weil sie zu meinen Dienstverpflichtungen als Professorin in Fribourg gehören. Aber diese Themen sind zugleich die Bereiche, in denen ich die mir wichtigen theologischen Fragen entdeckt habe: Ich unterrichte das Fach \"Dogmatik\", also die Glaubenslehre der Kirche, und auch die Theologie der Ökumene, sowohl im Hinblick auf die Gemeinschaften der Reformation als auch im Hinblick auf die orthodoxen Kirchen. Beide Bereiche gehören zusammen, denn im Horizont der Begegnung mit anderen christlichen Traditionen entdecken wir auch unseren eigenen Glauben und seine Formulierungen neu.

Wir haben in Fribourg ein Institut für Ökumenische Studien, das 1964 noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils gegründet wurde. Aufgrund der Situation in der Schweiz geht es dort zunächst um den Bezug zu den reformierten Gemeinschaften. Seit Jahren bauen wir aber mehr und mehr den Kontakt zu den orthodoxen Kirchen aus. Das ist mir sehr kostbar. Dadurch hat sich meine gesamte Theologie gewandelt, nicht nur in einzelnen Themen, sondern indem ich gelernt habe, in ganz anderen, vielleicht zunächst fremden Gestalten mein eigenes Bekenntnis wiederzuerkennen und tiefer zu verstehen.

Dadurch entsteht eine große Freiheit, nicht an Formeln, Systemen, Denkwelten zu hängen, sondern gleichsam alle Worte immer offen zu halten für die eigentliche Wirklichkeit, die darin auszusagen ist: der eine Glaube, das eine Evangelium, der eine Geist Gottes. Das gibt eine größere Weite, auch in der Diskussion mit Studierenden, die Fragen haben, die nicht einfach nur Formeln wiederholen wollen, sondern zurückfragen: \"Was bedeutet das für mein Leben?\" Vor den vielen wichtigen Einzelthemen heutiger Theologie sehe ich also den großen Auftrag darin, jeweils lebendig für heute den Reichtum des Glaubens und der theologischen Tradition zu aktualisieren in unserer sich rasch wandelnden Lebenswelt – bis hin zur politischen Welt (und das wird mir immer wichtiger) – am liebsten im Gespräch mit denen, die wirkliche Fragen haben.

ZENIT: Welche Themen sind für die heutige Zeit besonders relevant, vielleicht auch gerade im politischen Bereich?

Prof. Hallensleben: Ich beobachte generell, dass das, was wir Politik nennen, in einer Krise ist. Man sagt heute wohl mit Recht, dass nicht mehr die Politiker über die Zukunft eines Landes entscheiden, sondern die Ökonomie, also die Finanzen, das Geld. Wo Politik betrieben wird, habe ich häufig den Eindruck, dass es sich um ein Ausbalancieren von Egoismen handelt, während Politik im eigentlichen Sinne doch hieße, ein Spiel von Kräften so zu leiten, dass sich darin gelungenes Leben entfalten kann. Hier sehe ich eine eminente theologische Aufgabe, die zugleich eine Aufgabe der Kirche ist: Die Kirche ist ein \"politisches Projekt\": Sie zeigt, wie von Gott her das versöhnte Zusammenleben der Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit möglich wird.

Die Politik sichert das Zweitbeste: Sie hilft, Interessen durchzusetzen – zur Not gegen andere – und schützt mich, damit ich durch die Interessen der anderen nicht zu sehr geschädigt werde. An der Kirche müsste ablesbar sein, dass das Beste möglich ist: gemeinschaftliches, soziales, politisches Leben als Erfüllung der Berufung des Menschen und der Menschheit.

ZENIT: Das Zusammenspiel der politischen Kräfte ist der Ökumene ja nicht unähnlich. Die Einheit unter den Christen setzt die Einheit des Einzelnen mit Christus voraus. Deswegen spricht Benedikt XVI. vom geistlichen Ökumenismus als der ersten Ökumene und meint damit, das eigene Gewissen zu erforschen und sich zu bekehren, um durch die tiefere Bindung an Christus eine Begegnung zu ermöglichen, die von Liebe und Wahrheit getragen ist. Wie sieht so ein Dialog konkret aus?

Prof. Hallensleben: Es gefällt mir sehr, was Sie sagen. Es ist ja ein Missverständnis zu meinen, Ökumene beginne erst dort, wo wir mit Christen anderer kirchlicher Herkunft reden. Ökumene beginnt dort, wo ich selbst versuche zu glauben und aus dem Glauben zu leben in Beziehung zu Jesus Christus. Dieser Glaube erschließt Jesus Christus als Erlöser aller Menschen, der zu Gott dem Vater führt, der will, dass alle Menschen gerettet werden. Ich werde also von innen und nicht nur von außen zusammengeführt mit allen anderen, die an Christus glauben, und rechne damit, dass in allen Zeugnissen, in aller Suche nach Jesus Christus – selbst wenn es mir noch so fremd vorkommt – Facetten der Wirklichkeit aufleuchten, die ich selber glaube. Wenn wir von einer Krise der ökumenischen Bewegung sprechen, meinen wir dann nicht vielleicht vielmehr die Krise unseres eigenen Glaubens?

Umgekehrt lässt sich sagen, dass aus der Begegnung mit dem Zeugnis anderer mein Glaube erneuert wird. Nicht nur aus dem Zeugnis der Christen. Vor kurzem wurde mir anlässlich der Seligsprechung von Charles de Foucauld in Erinnerung gerufen, dass er seine Bekehrung dadurch erfahren hatte, dass er in Nordafrika Muslime hat beten sehen.

ZENIT: Wie beurteilen Sie den ökumenischen Fortschritt in der Beziehung zur Orthodoxie auf der einen und zum Protestantismus auf der anderen Seite?

Prof. Hallensleben: Die großen Dokumente des katholischen Ökumenismus unterscheiden seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sehr konsequent zwischen der Beziehung zu den Ostkirchen, die als Schwesterkirchen anerkannt sind, und den Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind. Diese sind Ausdruck einer \"Familienstreitigkeit\" innerhalb der westlichen, \"lateinischen\" Tradition der Christenheit. Mit den Ostkirchen gilt es, ein gemeinsames sichtbares Zeichen der kirchlichen Gemeinschaft zu finden, die bereits besteht. Gegenüber den Gemeinschaften der Tradition ist die Überwindung einer wirklichen Spaltung erforderlich.

Für beide Aufgaben steht heute ein neuer Schritt in der Ökumene an. Wir haben eine Fülle von großen Errungenschaften der ökumenischen Bewegung, die sich in internationalen Kommissionen und zahllosen qualitätvollen Konsens-Dokumenten niederschlägt. Doch überall wird darüber geklagt, dass diese Dokumente nicht rezipiert werden, dass sie nicht in die Alltagswirklichkeit der christlichen Gemeinschaften eingehen. Das geht nicht durch Lektüre von Dokumenten, das wird nur möglich über eine erneuerte gemeinsame Lebenspraxis.

Ich möchte hier die Bedeutung der persönlichen Begegnung hervorheben und nenne Ihnen ein Beispiel: Eine Reisegruppe unseres Ökumenischen Instituts ist in der Ukraine gewesen und wollte einen russischen orthodoxen Erzbischof besuchen. Dieser erste Besuch war nur sehr schwierig und gegen viele Widerstände zu realisieren. Ein halbes Jahr später hat derselbe Erzbischof uns kontaktiert, weil der Sohn seines Sekretärs schwer an Leukämie erkrankt war. Wir haben reagiert und die Hilfe für dieses Kind zur Verfügung gestellt. Dadurch änderte sich die Atmosphäre: Nicht wir hatten uns aufgedrängt, sondern wir waren gerufen worden und hatten die Hilfe gebracht, die nötig war. Daraus sind Freundschaften und ein großer Kreis von Kontakten entstanden, die auf einmal von einer ganz anderen Dimension her Verstehen ermöglichten, Teilen von Glauben, gemeinsames Gebet.

Viele Menschen können so handeln, auch wenn sie nicht Theologen und Theologinnen sind und nicht in internationalen Kommissionen mitwirken. Diese Aufmerksamkeit und Kreativität gilt es zu wecken. Wir alle können an den Stellen, die wir in unserem Leben entdecken, in Begegnungen treten, die nicht einfach normaler, wiederholter Alltag sind. Dadurch eröffnen sich neue Perspektiven, und es kann etwas wachsen, das fruchtbar wird. Das braucht Geduld, und das braucht Bescheidenheit. Jesus selbst hat keinen Weltkirchenrat gegründet, sondern er hat zwölf Menschen berufen, mit denen er etwas angefangen hat.

ZENIT: Sie sagen, der Primat des Papstes muss nicht nur Haupthindernis in der Ökumene sein, sondern kann sogar zur Hauptmöglichkeit werden, um die volle Gemeinschaft unter den Christen herbeizuführen. In diesem Zusammenhang erinnern Sie unter anderem an den Kniefall Papst Paul VI. am 14. Dezember 1975 vor dem Abgesandten von Patriarch Dimitrios von Konstantinopel. Wie also kann der Primat zur Chance werden?

Prof. Hallensleben: Dem Beispiel, das Sie erzählen, geht eine theologische Debatte voraus. Patriarch Dimitrios hatte betont, dass es jenseits des Kollegiums der Bischöfe kein sichtbares Haupt der Kirche auf Erden gibt, sondern nur Jesus Christus selbst. Er hat also ein ähnliches theologisches Argument vorgebracht wie die Protestanten, die damit allerdings jegliches sakramentale Amt ausschließen. Der Papst hat nicht mit einem theologischen Gegenargument geantwortet, sondern mit einem Zeichen, wie der erste Bischof der Christenheit Christus nachzufolgen hat. Sein Vorgänger Eugen IV. hatte 1438 vom Gesandten des damaligen Patriarchen von Konstantinopel den Kniefall verlangt – Paul VI. hat sich selbst als Diener des anderen erwiesen. Er hat damit gezeigt, dass er kein absoluter Monarch ist, sondern derjenige, der als erster auf Gott hören und den Menschen dienen muss. Das hat bei Patriarch Dimitrios eine hohe Anerkennung ausgelöst.

Wenn wir auf das theologische Argument schauen, können wir dem Einwand des Patriarchen durchaus gerecht werden: Ja, auch Katholiken haben nicht den Papst \"über sich\", sondern Jesus Christus, aber dieser Jesus Christus lebt nicht fern im Himmel, sondern mitten unter uns. Jeder Getaufte ist ein Geist und ein Leib geworden mit Christus. Sobald ich den anderen betrachte in seiner Verbundenheit mit Christus, ist er oder sie \"über mir\". So wie Sie mir gerade gegenübersitzen, sind Sie zugleich \"über mir\" – als ein Zeuge Jesu Christi. In Demut schätze der eine den anderen höher ein als sich selbst, heißt es deshalb im Philipperbrief.

Dass eine einzige Person diese Dimension der gesamten christlichen Gemeinschaft sichtbar macht für die universale Kirche, ist etwas Erstaunliches und etwas Unglaubliches. Aber wenn dieser Dienst wahrgenommen wird in der Demut und Dienstbereitschaft, die der Papst in seiner symbolischen Geste gezeigt hat, die ja auch der Geste der Fußwaschung Jesu für seine Jünger ähnelt, dann ist sie tatsächlich eine große \"Chance\" für die Christenheit.

\"Servus servorum Dei\" – das ist der Titel, in den die lange Liste der Titel des Bischofs von Rom einmündet. Eigentlich wird es dem Papst heute sehr leicht gemacht, diesem Auftrag zu folgen, denn viele, auch viele Katholiken, stehen ihm kritisch gegenüber und erkennen ihn nur insofern an, als er Zeuge Jesu Christi und Zeuge des Dienstes an der Einheit ist. Papst Johannes Paul II. hat in der Ökumene-Enzyklika \"Ut unum sint\" ausdrücklich um Hilfe gebeten und die Frage gestellt: Wie kann ich meinen Auftrag, Zeuge zu sein für die Einheit, besser wahrnehmen?

Bei aller bleibenden Suche nach einem glaubwürdigen Modell des Papsttums liegt ein ganz wichtiges Zeugnis darin, dass die Einheit der Kirche durch eine Person repräsentiert wird und nicht durch eine Satzung, ein Gesetz, eine anonyme Institution oder irgendeine andere abstrakte Größe. Gerade weil der moderne Mensch heute so viel Wert darauf legt, dass er als Person keine Instanz über sich hat, sondern dass seine Freiheit und Einsicht respektiert werden, kann nur eine Person verbindlich zu ihm sprechen. Auch über die katholische Kirche hinaus wird diese \"Menschlichkeit\" als ein Hoffnungszeichen wahrgenommen. Es ist ein Mensch, der die Einheit der Kirche symbolisiert in all seiner Schwäche, in seiner Sterblichkeit. Es ist ja erstaunlich, welch eine große Ausstrahlung Johannes Paul II. gerade als der schwache Mensch und nicht als \"Kirchenfürst\" hatte. Auf dieses Zeugnis möchte ich nicht verzichten, auch wenn wir alle uns weiterhin darum bemühen müssen, dass es glaubwürdiger gelebt wird und dass wir besser hören auf die Stimme des Geistes in den vielen, vielen Zeugen und Zeuginnen der gesamten Christenheit.

Ökumene ist somit nichts anderes als gelebtes Kirche-Sein, also etwas sehr Konkretes?

Prof. Hallensleben: Ich habe Ihnen das Beispiel vom kleinen Arseniy erzählt, durch dessen Krankheit – jetzt nicht als Mittel zum Zweck, sondern einfach weil wir uns durch das Schicksal dieses kleinen Kindes haben berühren lassen – Freundschaft und in gewisser Weise Kirche über sichtbare Grenzen von Kirche hinweg entstanden ist. Viele Menschen haben geholfen, nicht nur Theologen, nicht nur Priester, nicht nur Katholiken. In der gleichgültigen Atmosphäre der postsowjetischen Ukraine wollte man den Jungen sterben lassen. Aus einem Impuls des Glaubens ging eine Kraft der Hoffnung hervor. Da hat man einfach gesagt: Wir möchten, dass dieses Kind lebt. So entsteht eine Bewegung, die Heilung und Versöhnung in sich trägt. Das können alle an ihrer Stelle tun, dazu können alle beitragen.