Barbara Hallensleben über die Notwendigkeit einer missionarischen Theologie, die dem Menschen seine wahre Größe zeigt

Interview mit der Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz)

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WIEN, 13. Dezember 2005 (ZENIT.org).- Papst Benedikt gehe es heute vor allem darum, \"die Kirche selbst neu zur Schule des Christseins werden zu lassen\", erklärt Prof. Dr. Barbara Hallensleben, Dekanin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Fribourg (Schweiz), in diesem Gespräch mit ZENIT, in dem es vor allem um Aufgabe und Bedeutung der Theologie geht.



Im gestern veröffentlichten ersten Teil dieses Interviews sprach die deutsche Theologin, die der Internationalen Theologenkommission angehört und Anfang Dezember auf Einladung der Stiftung \"Pro Oriente\" in Wien einen Vortrag über \"Kirchliche Communio im Zeichen der Schwesternkirchen\" hielt, über ihre Interessensgebiete und die Ökumene.

ZENIT: Wie erleben Sie als gebürtige Deutsche diese Zeit des Pontifikats Benedikts XVI. und die doch erkennbare Aufbruchsstimmung, nicht zuletzt im \"Missionsland\" Deutschland? Wie sehen Sie den Papst?

Prof. Hallensleben: Ich komme gerade aus Rom, ich habe den Papst in einer Audienz, die er für unsere Internationale Theologische Kommission gegeben hat, getroffen. Ich war sehr bewegt von der Schlichtheit, von der Herzlichkeit und von der menschlichen Wärme, die er ausstrahlt. Man sagte mir in Rom, dass, seitdem Benedikt XVI. Papst ist, die Zahl der Besucher in den Audienzen, also der Rompilger, sich verdoppelt habe und dass auch die Post, die der Papst empfängt, sprunghaft angestiegen sei – ein Zeichen, dass man ihn wahrnimmt, von ihm etwas erwartet.

Ich nehme den Papst nicht zuerst als Deutschen wahr, ich sehe ihn eher als Europäer. Sicher bestand die Hoffnung, vielleicht sogar die Erwartung, dass man einen Bischof von einem anderen Kontinent wählen werde. Dass es ein Europäer geworden ist, ein Bischof von einem Kontinent, in dem zumindest in Westeuropa der christliche Glaube eher in einer Krise zu sein scheint, in dem die Zahlen der Glaubenden, der Kirchenbesucher, der Priesterberufungen geringer werden, ist gerade deshalb ein Hoffnungszeichen, eine Chance für dieses Europa –
vielleicht eine letzte Chance für Europa.

Ich war sehr bewegt zu entdecken, dass Benedikt XVI. seinen Namen als Papst offensichtlich nicht nur nach seinem Vorgänger Papst Benedikt XV. gewählt hat, sondern auch nach dem Mönchsvater Benedikt. Benedikt von Nursia war derjenige, der in einem Europa der Völkerwanderungen, das in Bewegung geraten war, das instabil geworden war – ein Zeitalter der Migration, würde man heute sagen –, eine stabile Lebensform des Christseins geschaffen hat. Er verstand die Ordensgemeinschaft, die er ins Leben gerufen hat, als Schule des Christseins. Für Benedikt XVI. geht es jetzt nicht darum, eine neue Gemeinschaft innerhalb der Kirche zu gründen, sondern die Kirche selbst neu zur Schule des Christseins werden zu lassen. Also das vermeintlich Vertraute, das kein gesicherter Besitz ist, wieder neu zu entdecken und neu und tiefer zu leben. Das ist eine Chance für Europa.

ZENIT: In der Audienz, von der Sie gesprochen haben, hat der Papst auch über die Aufgabe der Theologen gesprochen. Worin besteht sie?

Prof. Hallensleben: Im vergangenen Jahr war der damalige Kardinal Joseph Ratzinger selbst der Vorsitzende unserer Internationalen Theologischen Kommission. In diesem Jahr hat er sehr konkret über die Arbeitsaufgaben unserer Kommission gesprochen, an denen er ja selbst beteiligt war. Darunter ist die genau die Frage, die Sie stellen: Was ist heute der Auftrag der Theologie und des Theologen, der Theologin? Ich möchte der Arbeit der Kommission nicht vorgreifen, aber die Frage beschäftigt natürlich auch mich selbst als Theologin.

Man spricht von drei Grundvollzügen der Kirche, nämlich von der Liturgie, der Diakonie und der Martyria, also vom Zeugnis. In diesem Bereich der reflektierten Deutung und Verkündigung des Evangeliums ist die Theologie angesiedelt. Der Glauben ist ja kein gesicherter, statischer Besitz derer, die getauft sind und zur Gemeinschaft der Kirche gehören, sondern er ist ein Auftrag, ein Impuls an den Menschen in seiner Freiheit und in seiner Vernunft. Eine der letzten Enzykliken heißt \"Fides et ratio\" – Glaube und Vernunft. Nicht nur, um nachzuweisen, dass der Glaube der Vernunft nicht widerspricht – das ist nur die negative Seite. Die positive Seite heißt, dass der Glaube uns Ungeheures zu denken aufgibt: Der Mensch ist fähig, mit seiner ganzen Vernunft und Freiheit Gott zu begegnen, Gott zu denken, Gott gemäß zu leben, in Gemeinschaft mit Gott zu leben. Das sagt sich so einfach. Doch das ist eine ungeheuerliche Aussage – in einem Zeitalter, in dem der Mensch doch immer wieder in Versuchung ist, seinen Lebenshorizont sehr eng zu betrachten, nämlich: Wie gestalte ich meine Lebenswelt? Was kann ich mir leisten? Was mache ich aus meinem kleinen, kurzen Leben? Die Theologie hat in unseren Breiten, in diesem von Konsum in Anspruch genommenen Westeuropa, den Auftrag, dass der Mensch beginne, größer von sich selbst, seiner Berufung und Verantwortung zu denken.

ZENIT: In seiner ersten Adventspredigt rief P. Cantalamessa zu einer Renaissance der Verkündigung grundlegender Glaubenswahrheiten auf, um so wieder neu hervorzukehren, dass der Glaube eine bewusste Entscheidung bedeutet. Ist das nicht auch die Aufgabe der Theologie?

Prof. Hallensleben: Was Sie da formulieren, ist mir außerordentlich wichtig. Ich beobachte sogar an den theologischen Fakultäten die Versuchung zum Rückzug auf sich selbst: Wir sind Christen, wir betreiben Theologie, aber wir sind zurückhaltend, wir wollen nicht aufdringlich sein, wir dürfen uns auch nicht aufdrängen, denn wir sind ja Wissenschaft und nicht eine Missionsinstitution. Geht uns nicht von der Gemeinde bis zur Universität der Sinn dafür verloren, dass wir eigentlich aktiv, offensiv etwas zu sagen haben? Das es uns drängt, etwas weitersagen zu wollen, nicht nur etwas verteidigen zu sollen? Diese \"missionarische\" Dynamik des Christseins und auch der Theologie neu zu wecken, versuche ich auch bei den Studierenden und in mir selber.

Ich habe gerade durch verschiedene Infragestellungen, auch wissenschaftlicher Art, neu die Freude an dem entdeckt, worüber ich theologisch nachdenken darf. Es geht doch nicht darum, meine Meinung anderen aufzudrängen, sondern von einer Freude Zeugnis zu geben, die ich anderen nicht vorenthalten möchte. Insofern meine ich, dass dieses in Misskredit geratene Wort \"Mission\", das wir ja oft als Überfremdung anderer mit unseren eigenen Meinungen oder kirchlichen Gebräuchen verstanden haben, dringend einer Erneuerung bedarf. In meiner Fakultät möchte ich gern solch einen missionarischen Impuls freizusetzen. In einem Gespräch mit Kollegen der Naturwissenschaftlichen Fakultät hat sich zum Beispiel gezeigt, dass ein neues Interesse besteht, über verbindende Fragen gemeinsam nachzudenken: zum Beispiel Schöpfung und Evolutionslehre, Gentechnologie und ethische Entscheidungen. Und vielleicht kann gerade durch die Fragen, durch die Beiträge der anderen unser eigenes Zeugnis neu zum Leuchten kommen. Sind wir nicht zu sehr auf Rückzug und in die Passivität gegangen, als Kirche und auch als Theologie?

Woraus schöpfen Sie Kraft für Ihr Leben als Theologin und Christin?

Prof. Hallensleben: Diese Kraft ist nicht automatisch durch meinen Auftrag als Theologieprofessorin gegeben, obwohl ich aus der Theologie immer wieder tiefe Anregungen für den Glauben schöpfe. Zunächst bin ich Kirche, gehöre zur Gemeinschaft der Christen und versuche Tag für Tag aus dem Glauben zu leben.

Für mich ist meine kleine Gemeinde am Stadtrand von Fribourg außerordentlich wichtig, eine französischsprachigen Gemeinde, was schon eine Art innerkatholische Ökumene ist. Während ich in der Universität und zur Zeit als Dekanin oft den Vorsitz habe und viel reden muss, tut es mir gut, in der Gemeinde, in der Liturgie einfach als Hörende, als Empfangende, als Mitbetende dabei zu sein. Hier erlebe ich, was ich theologisch weiß: dass die Eucharistiefeier die Mitte des christlichen Lebens ist. Ich bin dankbar, das Leben der Gemeindemitglieder in ihrem jeweiligen Alltag von Familie und Beruf und Gemeinde zu teilen und zu spüren: Ich gehöre dazu. Sie tragen mich mit, und ich bringe ein, was ich mit meiner begrenzten Zeit einbringen kann.

Ein zweiter Ort, an dem für mich Kirche erfahrbar wird, ist die Gemeinschaft der Dominikaner. Die theologische Fakultät in Fribourg beruht auf einer Konvention mit dem Dominikanerorden, ungefähr ein Drittel der Professoren gehören zurzeit diesem Orden an. Es handelt sich um eine internationale Gemeinschaft, und die Dozenten kommen aus verschiedenen Ländern und Kontinenten. Auf diese Weise sind die Fakultät und die Theologie getragen von einer Berufung. Theologie ist nie nur abstrakte Wissenschaft, sondern hingeordnet auf die Verkündigung, auf die Predigt.

Die Dominikaner heißen ja eigentlich \"Predigerbrüder\". Sie leben nach dem Wort des Thomas von Aquin: \"contemplata aliis tradere\": das, was ich im Gebet, in der Kontemplation empfange, an andere weitergeben. Daran versuche ich mitzuwirken. Das ist die tiefste Dimension der Theologie, die leider in der starken Bürokratisierung der Universitäten und in der rein quantitativen Auswertung ihrer Leistungen gefährdet ist. Aber warum soll nicht auch hier gelten: Bei Gott ist nichts unmöglich!?