Barmherzigkeit: Das Programm von Papst Franziskus (Teil 1)

Woher rührt seine Beliebtheit?

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 684 klicks

Jeder Papst ist einzigartig, doch Franziskus ist außergewöhnlich, unglaublich. Unser Erstaunen über ihn wächst von Tag zu Tag.

Er setzt außerordentliche Handlungen, bewohnt ein Hotelzimmer, bewegt sich in gewöhnlichen Mittelklassewagen fort, verzichtet, sofern möglich, auf Personenschutz, kleidet sich schlicht, trägt ausgebeulte orthopädische Schuhe. Sein Brustkreuz ist aus Silber, und nur mit Mühe und Not konnte man ihn zu einer Vergoldung des Ringes bewegen.

Er besucht Inhaftierte, Aidskranke, psychisch kranke Menschen, tröstet sie und nimmt ihnen die Beichte ab. Keinen einzigen Gründonnerstag feierte er in der Diözese, sondern begab sich stets in Haftanstalten, Krankenhäuser, psychiatrische Einrichtungen, Heime, Waisenhäuser, Favelas, und in die ärmsten und am meisten verrufenen Viertel.

Die Erfahrung, ihn unter den Menschen zu sehen, ist unbeschreiblich.

Franziskus tröstet und beruhigt Kranke, Menschen mit Behinderung, fängt die ihm zugeworfenen Rosenkränze auf, steckt den weinenden Kindern den Schnuller in den Mund. Einem jungen Mädchen im Rollstuhl schrieb er seinen Namen auf das eingegipste Bein. Er grüßt und umarmt alle, segnet, erteilt Ratschläge, hört Kindern und alten Menschen zu, führt intensive Gespräche mit den Menschen, lädt sie ein, seine Fragen zu beantworten, ruft zu oft im Stillen gesprochenen gemeinsamen Gebeten auf.

Er berührt die Herzen vieler.

Franziskus telefoniert persönlich mit den Menschen. Er selbst sucht die verirrten Schafe, teilt ihr Leiden, ruft sie beim Namen, tröstet sie, findet Lösungen. Er ist ein wahrer Vater, der seine Gegenwart nicht vermissen lässt und viele verirrte Schafe zu Gott heimführt.

Die von ihm hervorgerufene Begeisterung ist unglaublich.

Mit seinen 10 Millionen Followern auf Twitter ist Papst Franziskus der Starkonkurrenz voraus. Vor kurzem wurde der Papst beim Blogfest 2013 mit dem Web-Oscar zur Persönlichkeit des Jahres gekürt.

Im Vatikan kommen täglich durchschnittlich 200.000 an ihn adressierte Briefe an.

Mit 200.000 Besuchern beim Angelusgebet und bei der Mittwochsaudienz bricht Franziskus den Rekord aller bisherigen Päpste.

Dem Zeugnis von Priestern zufolge stehen die Menschen seit der Wahl von Franziskus vor dem Beichtstuhl an. Nie zuvor sei die Nachfrage so groß gewesen. 

Ich erfuhr, dass während der vergangenen sieben Monate in Polen die Anfragen für den Eintritt in das Priesterseminar erheblich gestiegen seien.

Aus einer in Russland durchgeführten Untersuchung ging hervor, dass 71 Prozent der Bevölkerung einen Besuch des Papstes in Moskau befürworten.

Laut einer weiteren Erhebung des „Istituto Toniolo[1]“ hätten 83,6 Prozent von insgesamt knapp unter tausend Jugendlichen angegeben, dass die Worte des Papstes zeitgemäß seien und das Herz der Menschen erreichten. 91,5 Prozent der Befragten hielten den Papst für sympathisch, und 81 Prozent schrieben ihm die Fähigkeit zu, die moralische Kohärenz zwischen dem Verhalten und den hochgehaltenen Werten zu erhöhen.

Worin besteht sein Geheimnis?

Zwar unterscheidet er sich aus doktrinärer Sicht nicht von seinen Vorgängern, doch sein Zugang ist anders.

Papst Franziskus wartet weder auf Kritik, noch beantwortet er Böses mit Bösem oder akzeptiert das Anfachen von Polemik. Vielmehr wendet er sich den Feinden zu und versucht sie zu umarmen, erklärt ihnen das Opfer Christi und ruft zum gemeinsamen Herabsinken unter dem Kreuz auf, wodurch die Schwäche zum Werkzeug des Friedens wird.

In diesem Zusammenhang gab er im Gespräch mit den Redakteuren von „Civiltà Cattolica“ am 14. Juni 2013 anlässlich des 163-Jahr-Jubiläums der Zeitschrift folgende Stellungnahme ab:

„Zwar ist es richtig, dass die Kirche Härte gegenüber der Scheinheiligkeit verlangt, die die Frucht eines verschlossenen Herzens ist, doch das Hauptanliegen ist nicht die Errichtung von Mauern, sondern der Bau von Brücken. Es gilt, mit allen Menschen in Dialog zu treten, selbst mit jenen, die unseren christlichen Glauben nicht teilen, jedoch hohe menschliche Werte kultivieren, und selbst mit jenen, die eine gegnerische Haltung zur Kirche einnehmen und sie in verschiedenen Formen verfolgen.“ Der letzte Satz ist Nr. 92 der Enzyklika „Gaudium et spes“ entnommen.

Der Papst führte aus: „In Dialog zu treten bedeutet davon überzeugt zu sein, dass der andere etwas Wertvolles zu sagen hat, und seinem Standpunkt, seiner Ansicht und seinen Vorschlägen Raum zu geben, ohne dem Relativismus zu verfallen. Um ein Gespräch führen zu können, ist es nötig, Abwehrmechanismen aufzugeben und Türen zu öffnen.“

Papst Franziskus ergänzte: „Viele Fragen des Menschseins müssen besprochen und geteilt werden. Im Dialog ist eine Annäherung an die Wahrheit stets möglich. Diese ist ein Geschenk Gottes und führt zu gegenseitiger Bereicherung.“

An dieser Stelle erinnerte der Papst an folgendes Zitat des hl. Ignatius: „Man muss Gott in allen Dingen suchen und finden.“

Im Rahmen des Interviews mit „Civiltà Cattolica“ gab Franziskus bekannt: „Meine dogmatische Sicherheit besteht darin, dass Gott im Leben jeder Person gegenwärtig ist. Gott ist im Leben unser aller. Auch wenn unser Leben katastrophal verlaufen ist, von Lastern oder anderen Dingen zerstört wurde, ist Gott darin gegenwärtig. Man kann und muss in jedem menschlichen Leben nach ihm suchen. Auch wenn das Leben eines Menschen einem Boden voller Dornen und Unkraut gleicht, gibt es immer einen Ort, an dem die gute Saat wachsen kann. Man muss auf Gott vertrauen.“

Passend dazu schrieb Franziskus in Nr. 34 der Enzyklika „Lumen fidei“ zur Verbreitung des Glaubens: „So wird deutlich, dass der Glaube nicht unnachgiebig ist, sondern im Miteinander wächst, das den anderen respektiert. Der Gläubige ist nicht arrogant; im Gegenteil, die Wahrheit lässt ihn demütig werden, da er weiß, dass nicht wir sie besitzen, sondern vielmehr sie es ist, die uns umfängt und uns besitzt. Weit davon entfernt, uns zu verhärten, bringt uns die Glaubensgewissheit in Bewegung und ermöglicht das Zeugnis und den Dialog mit allen.“

Auf die Frage nach dem Umgang mit jenen, die die Kirche angreifen oder verfolgen antwortet Papst Franziskus ebenso wie der kroatische Selige Miroslav Buleić:„Meine Form der Vergeltung ist die Vergebung.“ Der Papst erläutert, dass das Martyrium die Liebe sei und über jede Form des Hasses siege.

Auch der selige Jerzy Popiełuszko, ein polnischer Märtyrer, hob hervor, dass die Aufgabe des Christen der Kampf gegen das Böse sei und nicht gegen dessen Opfer.

In seinem Brief an die Gemeinde von Rom hinterließ Paulus folgende Lehre von leuchtender Klarheit: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,21).

Das Böse ist nicht mit Bösem zu besiegen. Auf diesem Weg kann man nicht über das Böse siegen, sondern wird davon besiegt.

Dazu erläuterte der Papst vor dem Angelusgebet vom 15. September 2013, dass die menschliche Gerechtigkeit zu begrenzt sei, als dass sie uns zur Rettung verhelfen könne. Ebenso bezeichnete er die Auffassung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ als nicht zielführend für einen Ausweg aus der Spirale des Bösen.

Anders sei die Gerechtigkeit Gottes, der angesichts der Sünden und des Bösen das Kreuz annahm und sein Leben für uns hingab.

(Der zweite Teil erscheint morgen, Dienstag, dem 15. Oktober 2013)

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FUSSNOTE

[1] Das 1920 gegründete italienische „Istituto Toniolo“ gilt als Vorgängerin der Katholischen Universität zum Heiligen Herzen in Mailand und widmet sich der Bildungsförderung auf verschiedenen Ebenen. Ziel ist die Schaffung eines Zugangs zu den an der Universität gebotenen wissenschaftlichen Ressourcen und bedeutenden Bildungsinitiativen für die Gemeinschaft.