Barmherzigkeit: Das Programm von Papst Franziskus (Teil 2)

Woher rührt seine Beliebtheit?

Rom, (ZENIT.org) Antonio Gaspari | 642 klicks

Die Identität von Papst Franziskus wurde in entscheidender Weise vom Evangelium geprägt.

Jorge Bergoglio erhob die Forderung, die Kranken selbst dann zu heilen, wenn wir Abscheu empfinden. Über diese Erfahrung berichtet er folgendermaßen: „Ich empfinde Entsetzen, wenn ich ein Gefängnis betrete, denn was man dort sieht, ist hart. Ich gehe jedoch trotzdem hinein, denn der Herr möchte, dass ich mit den Bedürftigen, Armen und Leidenden in Kontakt trete.“

Bergoglio begab sich bekanntlich in die am meisten verrufenen Viertel von Buenos Aires und konnte dort mehrfach die Entstehung von Berufungen anregen.

Vor den jungen Häftlingen, die er am Gründonnerstag besuchte (28. März 2013), betonte er, dass uns der Herr, der der Größte ist und sich ganz oben befindet, mit der Geste der Fußwaschung vor Augen führe, dass den Größten die Aufgabe zukommt, den Kleinsten zu dienen.

Franziskus erläuterte in diesem Zusammenhang: „Das ist es, was Jesus uns lehrt, und das ist es, was ich tue. Und ich tue es von Herzen, denn es ist meine Pflicht. Als Priester und als Bischof muss ich euch zu Diensten sein. Ich liebe euch, und liebe, es zu tun, denn so hat es mich der Herr gelehrt. Aber auch ihr: Helft uns, helft uns immer! Einer dem andern. Und wenn wir so einander helfen, tun wir einander Gutes.“

Der Papst besitzt eine sehr genaue Vorstellung davon, was es heißt zu dienen. Den anlässlich seiner Papstwahl nach Rom gekommenen 132 Staatsoberhäuptern und amtierenden Herrschern sagte der Papst, dass die wahre Macht das Dienen sei: „Lasst uns nie vergessen, dass die wahre Macht das Dienen ist und dass auch der Papst zur Ausübung der Macht immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, dessen leuchtender Gipfel sich auf dem Kreuz befindet.“

Vor dem Empfang der Vertreter von 30 christlichen Kirchen ließ er den Papstthron entfernen und durch einen gewöhnlichen Stuhl ersetzen. Er empfing sie als Bischof von Rom und zeigte sich als „Diener der Diener“.

Während seines gesamten Lebens kämpfte Jorge Bergoglio mit sich selbst, um Jesus nahe zu sein. Er suchte ihn im Antlitz der Armen, der Kranken, der Sünder, Häftlinge, Entfernten und Verzweifelten. In der Begegnung mit dem Leiden, mit dem Schmerz, der Verzweiflung, dem Kreuz erlebt Vater Bergoglio die Passion Jesu aufs Neue. Bei der Betrachtung und Heilung der Wunden hofft und glaube er, dass das Blut Christi weiterhin die Sünden aller Menschen waschen wird. Er erlebt gleichsam eine tägliche Eucharistie in der mitleidigen Sorge um Leib und Seele.

In diesem Zusammenhang erklärte er am Barmherzigkeitssonntag, dem 7. April 2013: „In meinem persönlichen Leben erblickte ich oft das barmherzige Antlitz Gottes, seine Geduld. Ebenso erkannte ich in vielen Menschen den Mut, in die Wunden Jesu einzutreten und zu sagen: Herr, hier bin ich. Nimm meine Armut an, verbirg meine Sünden in deinen Wunden, wasch sie ab mit deinem Blut. Und immer sah ich, dass Gott dies tat. Er empfing, tröstete, wusch und liebte.“

Am 15. März 2013 richtete Papst Franziskus an das Kardinalskollegium die Einladung, sich niemals dem Pessimismus hinzugeben: „Geben wir uns niemals dem Pessimismus und der Entmutigung hin, jener Bitterkeit, die uns der Leibhaftige Tag für Tag hinhält.“ Der Papst fuhr fort: „Lasst uns in der festen Gewissheit leben, dass der Heilige Geist weiterhin wirkt, und lasst uns nach neuen Formen der Verkündigung des Evangeliums suchen.“

Demut und Barmherzigkeit

Ein weiterer von Papst Franziskus verwendeter und bezeugter Begriff ist jener der Bescheidenheit. In einem von EMI herausgebrachten Aufsatz mit dem Titel „Umiltà la strada verso Dio“ (Demut, der Weg zu Gott) schrieb Jorge Maria Bergoglio: „Christus ist es, der uns den Zugang zu unserem Bruder ermöglicht, indem wir herabsinken.“ Laut Papst Franziskus führe unser Weg der Nachfolge des Herrn zu einer Annahme des Herabsinkens vom Kreuz. Indem wir uns die Schuld geben, nehmen wir die Rolle des Schuldigen, so wie der Herr sich mit unserer Schuld beladen hat. Daher bewirke Christus selbst den Zugang zum Bruder, beginnend damit, dass wir uns herabneigen.

Der Kommentar des Erzbischofs von Buenos Aires ist inspiriert von einigen Schriften des Dorotheos von Gaza, Mönch, Abt und Eremit des VI. Jahrhunderts. Dieser schrieb: „Glaube daran, das alles, was geschieht, bis in die kleinsten Einzelheiten von der göttlichen Vorsehung bestimmt ist, und du wirst ohne Ungeduld alles ertragen, was kommen wird. (…) Glaube daran, dass Verachtung und Beleidigung Mittel gegen den Stolz deiner Seele sind, und bete für jene, die dich schlecht behandeln. Wenn du sie betrachtest, siehst du Ärzte.“

Er fügte hinzu: „Vesuche nicht, in deinem Nächsten das Böse zu suchen, und nähre nicht den Verdacht gegen ihn. Wenn unsere Bosheit zur ihrer Entstehung führt, so versuche, sie in gute Gedanken zu verwandeln.“

Abba Zosima, einer der Lehrer Dorotheos von Gazas, soll einmal gesagt haben, dass jene, die Böses tun, so betrachtet werden sollten, als seien sie „von Christus gesandte Ärzte“, wie „Wohltäter“, denn „alles ist ein Aufruf zur Umkehr, zur Rückkehr in sich selbst und zum Erkennen der Solidarität mit den Sündern.“

Die Frage der Moral

Wie vielfach bemerkt wurde, zeigt sich die wahre Neuheit von Papst Franziskus nicht so sehr auf doktrinärer Ebene als in seiner Haltung. So sagt er: „Die erste Reform muss eine Reform der Haltung sein. Die Diener des Evangeliums müssen die Fähigkeit besitzen, die Herzen der Menschen zu erwärmen, mit ihnen in der Nacht zu wandern, mit ihnen in Dialog zu treten und in ihre Nacht, in ihr Dunkel, einzutreten, ohne sich darin zu verirren. Das Volk Gottes will Hirten, keine Beamte oder Kleriker des Staates.“

Dazu erläuterte Papst Franziskus: „Ich träume von einer Kirche als Mutter und Hirtin. Die Diener der Kirche müssen barmherzig sein, sich der Menschen annehmen und sie begleiten wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt und aufhebt. Das ist reines Evangelium. Gott ist größer als die Sünde. Die organisatorischen und strukturellen Formen sind zweitrangig, d.h., sie kommen später.“

Manche Menschen erleben sich als Waisen von Benedikt XVI. und Johannes Paul II. und erkennen sich in den Worten von Papst Franziskus nicht wieder, vor allem in Bezug auf Themen in Verbindung mit der Moral.

Dennoch war Pater Bergoglio in seinem Wirken als Erzbischof der Lehre stets treu verbunden.

In Bezug auf die Aufnahme der Geschiedenen, Homosexualität, die Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruchs, den Zölibat usw. schlägt Papst Franziskus keine doktrinären Neuerungen vor. Er hält sich treu an die Inhalte des Katechismus der Katholischen Kirche.

Im Interview mit „Civiltà Cattolica“ gab er folgendes bekannt: „Wir können uns nicht nur den Fragen in Zusammenhang mit der Abtreibung, der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Verwendung von Verhütungsmethoden widmen. Das geht nicht. Ich habe zu diesen Dingen nicht viel gesagt, und das wurde mir vorgeworfen. Wenn man jedoch darüber spricht, so muss dies in einem Kontext geschehen. Die Ansicht der Kirche ist im Übrigen bekannt. Ich bin ein Sohn der Kirche, doch es ist nicht notwendig, ständig davon zu sprechen.“

„Mit großer Klarheit sehe ich, dass die Kirche heute am meisten die Fähigkeit benötigt, die Wunden zu heilen, die Herzen der Gläubigen zu wärmen, Nähe zu erweisen. Ich vergleiche die Kirche mit einem Feldspital nach einer Schlacht. Es ist nicht zielführend, einen Schwerverletzten nach seinem Cholesterinspiegel oder Blutzucker zu fragen! Man muss seine Wunden heilen. Erst dann kann alles andere besprochen werden. Wunden heilen, Wunden heilen … Und beginnen muss man ganz unten.“

Beim Angelusgebet vom 7. April 2013 erinnerte der Papst an folgende Worte Jesu: „Petrus, habe keine Angst vor deiner Schwäche. Vertraue auf mich“. Und Petrus versteht. Er spürt den Blick der Liebe Jesu und beginnt zu weinen. Wie schön dieser Blick Jesu ist – wie viel Zärtlichkeit ist in ihm! Brüder und Schwestern, lasst uns nie das Vertrauen auf die geduldige Barmherzigkeit Gottes verlieren!“

(Der erste Teil erschien gestern, Montag, den 14. Oktober 2013)