Barmherzigkeit im Sozialstaat?

Theologisch-ethische Anmerkungen von Prof. Dr. Peter Schallenberg

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ROM/FULDA, 8. März 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den der Moraltheologe und Sozialwissenschaftler Dr. Peter Schallenberg bei der diesjährigen Vollversammlung des Päpstlichen Rates Cor Unum gehalten hat.

Bei der insgesamt 28. Begegnung dieser Art wurde Ende Februar die erste Enzyklika Benedikts XVI., Deus caritas est, analysiert. Man wollte herausfinden, in wieweit dieses Lehrschreiben den Alltag des christlichen Liebesdienstes, die Arbeit in den katholisch motivierten Hilfswerken bestimmt. Dr. Schallenberg, Professor an der Theologischen Fakultät Fulda, beleuchtete die Rolle der Barmherzigkeit im Sozialstaat.

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Barmherzigkeit im Sozialstaat?

Theologisch – ethische Anmerkungen

Ein alttestamentlicher Anstoß

Nach geraumer Zeit begab es sich, dass Kain von den Früchten des Bodens dem Herrn das Opfer darbrachte. Aber auch Abel opferte von den Erstlingen seiner Herde und ihrem Fett. Der Herr blickte auf Abel und seine Opfergabe, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht. Da ward Kain sehr zornig und sein Angesicht verfinsterte sich. Da sprach der Herr zu Kain: "Warum bist du zornig, und warum ist dein Angesicht finster? Ist es nicht so: Wenn du gut bist, so kannst du es frei erheben, bist du aber nicht gut, so lauert die Sünde vor deiner Tür. Nach dir steht ihr Begehren, du aber werde Herr über sie!" Kain sprach zu seinem Bruder Abel: "Komm, wir wollen aufs Feld gehen!" Als sie auf dem Feld waren, stürzte sich Kain auf seinen Bruder Abel und erschlug ihn. Der Herr sprach zu Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?" Er antwortete: "Ich weiß es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" Gott aber sprach: "Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden empor. Und nun sollst du verflucht sein vom Erdboden her, der seinen Rachen aufgerissen hat, um deines Bruders Blut aus deiner Hand aufzunehmen." (Gen 4,3-11).

Eine auch heute noch erregende und höchst aktuelle Geschichte, aufgeschrieben in den Anfängen der Menschheit: Die Geschichte vom ersten Mord des Menschen am Menschen. Es wird nicht etwa erzählt von „normalen“ Böswilligkeiten des Menschen, etwa von der Ausbeutung der Erde durch Menschen, von Tierquälerei oder Zerstörung der Umwelt. Nein – für das Alte Testament beginnt das Böse und damit die Sünde zweifach: zuerst (und noch im Paradies) im Herzen von Adam und Eva mit dem verweigerten Vertrauen in die Liebe Gottes, und sodann (und jetzt endgültig außerhalb des Paradieses) mit der Bluttat Kains an seinem Bruder Abel. Erregend konstruiert ist schon der Spannungsbogen: Wieder scheint Gott, wie schon bei Adam und Eva im Paradies mit dem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, den Menschen auf die Probe stellen zu wollen. Ist es nicht, so die erste Empfindung des Hörers, in der Tat ungerecht von ihm, auf das Opfer Abels mit Wohlgefallen zu schauen, auf das Opfer Kains jedoch nicht? Sind nicht beide Brüder seine Geschöpfe, seine Kinder? Haben nicht beide Mühen und Arbeit nicht gescheut, um Gott ein Opfer darzubringen? Haben nicht beide ein Recht auf Gottes Wohlgefallen? Die Antwort ist denkbar einfach: Nein! Es gibt kein einklagbares oder gar durch Bluttat erstreitbares Recht des Menschen auf Gottes Wohlgefallen! Gott als Schöpfer ist absolut souverän, auch und gerade in seiner Liebe und Zuwendung.

Im Neuen Testament verdeutlicht Jesus ähnlich provozierend diese souveräne Zuwendung Gottes mit der Erzählung vom Gleichnis der Arbeiter im Weinberg, die für verschieden lange Arbeitszeit alle gleichen Lohn erhalten, um am Ende zuspitzend zu fragen: "Kann ich mit dem, was mein ist, nicht tun, was ich will?" Und Martin Luther wird aus seiner Sicht später nochmals die Frage zuspitzen: Der Mensch hat kein sicheres Recht auf den gnädigen Gott. Gott ist anders gerecht als der Mensch es denkt: Er prüft und führt unterschiedliche Menschen auf unterschiedliche Weise. Gottes Gerechtigkeit ist, anders ausgedrückt, nicht eine blinde und gleichschaltende Gerechtigkeit. Ja, für Gott scheint Gleichheit überhaupt nur Gleichheit der Liebe zu bedeuten, dies aber in Bezug auf die Qualität, nicht quantitativ gedacht. Genau das aber erkennt Kain nicht: Neid und Zorn ergreifen ihn, er wird, trotz einer letzten Mahnung Gottes, in der Versuchung standzuhalten, nicht Herr über die Sünde, und erschlägt den scheinbar bevorzugten Bruder. Und da trifft ihn Gottes Frage wie ein Blitzstrahl: Wo ist dein Bruder? Und die Gegenfrage Kains, ob er der Hüter seines Bruders sei, bleibt rhetorische Frage: So absurd klingt sie, dass Gott sie unbeantwortet lässt. Wer sonst soll Hüter des Menschen sein, als der Mensch selbst? Daß der Mensch, nach dem berühmten Diktum von Thomas Hobbes, dem Menschen Wolf werde, lässt sich nur verhindern, indem der Mensch dem Menschen Hüter sei.

Dies, so könnte man zugespitzt formulieren, ist die Geburtsstunde der Ethik, der Sozialethik, ja in gewisser Weise der christlichen Sozialethik, der christlichen Solidarität und Barmherzigkeit! Die nie gegebene Antwort des Kain wird seitdem vom Alten Testament unaufhörlich bezeugt und nicht zuletzt in der großartigen und aufrüttelnden Botschaft der Propheten radikalisiert: Ja natürlich, jeder Mensch ist Hüter seines Mitmenschen! Barmherzigkeit mit dem Armen und Solidarität mit dem Nächsten meint Denken vom Anderen her, Frage nach den Wünschen und Sehnsüchten des Mitmenschen, Rücksicht und Weitsicht über den eigenen Tellerrand hinaus, Bereitschaft zu Risiko und Sprung über den eigenen Schatten des selbstzufriedenen Lebens.

Eine neutestamentliche Radikalisierung

Dann werden ihm auch diese entgegnen: "Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient?" Dann wird er ihnen antworten: "Amen ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem dieser Geringsten, das habt ihr auch mir nicht getan!" (Mt 25,44-45).

Wieder beginnt alle Erkenntnis und alle Entdeckung der aktiven und gelebten Barmherzigkeit mit einer Frage: Wann haben wir nicht gedient? Und diesmal gibt Jesus selbst die Antwort, und es ist zugleich die Antwort auf die alte Frage Kains im Alten Testament "Bin ich der Hüter meines Bruders?", die jetzt gleichsam verspätet aber klar und deutlich von Jesus durch sein Leben und sein Wort gegeben wird: Ja, jeder ist Hüter seines Mitmenschen, weil ich selbst, Gott, es bin, dem in diesem Mitmenschen gedient wird. Das ist das eigentlich Neue an der christlichen Ethik, wie sie in der Verkündigung und im Leben Jesu aufleuchtet: Gott wird Mensch und dem Menschen wird nur gerecht, wer in ihm Gottes Ebenbild zu sehen vermag.

Menschenliebe wird so untrennbar zu Gottesliebe, und umgekehrt freilich auch Menschenhass zu Gotteshass. Von nun an ist Barmherzigkeit nicht einfach mehr nur eine bürgerliche Anstandstugend, hilfreich und nützlich für ein friedvolles Zusammenleben, nein von nun an, und dies ist das spezifisch Neue des Christentums, ist Barmherzigkeit ein anderer Name für jene Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, die nach den Worten Jesu das wichtigste Gebot ist. Denn Gott selbst ist solidarisch geworden mit den in Sünde verstrickten Menschen, er wird gleichsam als fleischgewordene Antwort auf die Frage „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ jetzt selbst zum Hüter seines Geschöpfes, des Menschen, indem er ihm nachgeht wie der gute Hirt, bis zum Tod am Kreuz. Und der Kreuzestod selbst ist gerade der letzte Beweis dieser Solidarität Gottes mit dem Menschen, der unsere Sünden auf sich nimmt. Hier erhält Barmherzigkeit einen neuen Namen: Stellvertretung! Von nun an ist der Mensch unwiderruflich zu jener Form der Barmherzigkeit aufgefordert, die nicht mehr distanziert bleibt, sondern ans eigene Leben geht und sich steigert bis zur Stellvertretung. Hüter des Mitmenschen sein, das heißt: Für den Mitmenschen sorgen, für ihn eintreten, für seine Würde streiten, für ihn sogar leiden oder sterben können.

Solche Barmherzigkeit buchstabiert sich daher im staatlichen Kontext als Solidarität aus und beginnt bei der Solidargemeinschaft des Staates, in der Menschen für Schwache, Arme, Alte und Kranke, aber auch für Ungeborene eintreten, solidarisch mit ihnen teilen, und sie kann enden in der Stellvertretung des Maximilian Kolbe, der sein eigenes Leben einsetzt für das Leben eines zum Hungerbunker verurteilten Familienvaters. Solche sozialstaatliche Solidarität beginnt im Herzen und Denken des mündigen und verantwortlichen Staatsbürgers als Tugend und setzt sich konsequent fort in der Ethik eines Rechtsstaats der sozialen Marktwirtschaft, der die Würde des Menschen nicht den Gesetzen des freien Marktes unterwirft. Solidarität erst schafft solide Fundamente einer Staatsordnung, aber Solidarität hat für den Christen auch eine solide Begründung: Gott wurde Mensch und fordert mit dieser Tat der Stellvertretung auch unsere Tat alltäglicher Solidarität, in Familie, in Ehe, am Arbeitsplatz, in der Politik. Niemand ist eine Insel… Für den Christen hat Solidarität einen Namen, und jener Name ist Programm: Jesus am Kreuz!

Eine eschatologische Vollendung

Als sie das Mahl beendet hatten, fragte Jesus den Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst Du mich mehr als diese?“ Er antwortete. „Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe.“ Jesus sagte zu ihm: „Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15).

Wieder und nochmals eine Frage, ganz am Ende des Johannes-Evangeliums und zusätzlich der Hinweis auf das Hüten, das Kain so vehement abgelehnt hatte. Aber jetzt geht es nicht mehr nur um Gerechtigkeit und Solidarität, jetzt wird nach der Liebe gefragt, die ein Mensch zu Gott empfindet und daraus dann zum Hüter des Mitmenschen wird. Der innerste Kern der Barmherzigkeit ist Liebe, das ist die letzte Radikalisierung des Neuen Testamentes.

Nur wenigen Menschen ist wahrscheinlich noch bewußt, daß unser häufig gebrauchtes Wort "Radikalismus" und "radikal" vom lateinischen Wort "radix" für "Wurzel" abgeleitet ist: Der radikale Mensch ist also eigentlich vom Ursprung her kein brutaler Fanatiker oder gar ein versponnener Anarchist. Vielmehr ist es ein Mensch, der versucht, sich selbst und der Welt an die Wurzel zu gehen, ein Mensch, der sich nicht damit begnügt, das zu beobachten, was oberhalb der Erde blüht und gedeiht, sondern der sich und andere befragt: Woher das alles? Wo liegen die Wurzeln dessen, was uns vor Augen steht? Und noch mehr: Ein solcher radikaler Mensch lebt ethisch aus dem Anspruch, nicht bloß oberflächlich dem Weg des zufriedenen Lebens zu folgen, sondern sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen, um sich und das eigene Handeln zu verstehen. Und schließlich: Der radikale Christ ist nicht der finstere Kapuzenmann, sondern schlicht (und hoffentlich immer ergreifend) ein Mensch, der sich selbst von der Wurzel her verstehen und leben will. Kurzum: er fragt beständig nach dem Stellenwert Jesu für sein persönliches Leben, ja er versteht Jesus gleichsam als Wurzel der eigenen Existenz. Ähnlich radikal drückt es einmal Paulus im Brief an die Galater aus: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir!" (Gal 2,20).

Wenn wir Christen fragen würden, was denn ihrer Ansicht nach der unaufgebbare Kern des Christentums sei, so würden wir wohl zumeist als Antwort bekommen: "Die Nächstenliebe!" So weit, so richtig. Würden wir aber dann weiterfragen, warum gerade die Nächstenliebe (und nicht etwa die Gottesliebe wie im Islam, oder die Erlösung des eigenen Ich wie in fernöstlichen Religionen) den Kern des Christentums bilde, so bliebe die Antwort wohl in den meisten Fällen aus, oder doch zumindest blaß und ungenau. Oft kann man etwas hilflos als Antwort hören: "Weil Gott das so will!" Stimmt das so einfach?

Hier ist es notwendig an die Wurzel zu gehen. Freilich: Das Christentum ist in der Tat die große Weltreligion der praktizierten Nächstenliebe. Aber es ist kein Internationales Rotes Kreuz mit sonntäglicher Feierstunde und monarchisch antiquierter Zentrale in Rom. Und es ist im Grunde – von der Wurzel her! – auch nicht in erster Linie ein religiös verbrämtes Weltverbesserungsinstitut, das den Himmel auf Erden errichten will, und doch nur die Hölle hervorbrächte. Nein, das Christentum weiß um die Vorläufigkeit der Erde und die Endgültigkeit des Himmels, es weiß um die begrenzten Kräfte des Menschen in Politik und Privatleben und mißtraut zutiefst jedem politisch-sozial-religiös motivierten Versuch, auf der Erde das ersehnte Land "Utopia", das Paradies für jeden Menschen zu errichten, jene Utopie, die den Marxismus von der Wurzel her radikalisiert und dennoch vernichtend scheitern läßt.

Was dann? Ist das Christentum bloß die Vertröstung auf das Jenseits. nach dem berühmten Wort Lenins "Opium für das Volk", um den geschundenen Menschen ruhig und staatsbürgerlich brav zu halten? Eine Antwort ist hier nur möglich, wenn wir noch etwas tiefer an die Wurzel des Christentums gehen, bis zu Jesus Christus selbst. Wer ist denn Jesus? Gottes Sohn, wahrer Mensch und wahrer Gott. Wo ist er? Seit der Menschwerdung von Betlehem in jedem Menschen! Das ist die Grundbotschaft des Christentums: Gott ist seit der Menschwerdung nicht mehr weit weg, er ist Gegenwart in jedem Menschen! Und daraus erst erwächst der sittliche Ernst und der Radikalismus des Christen: Von Christus her sind alle Menschen fundamental gleich, ausgestattet mit gleicher Würde und gleich berufen zur Ewigkeit. Und von Christus her wird der geschundene und gequälte Mensch zum Ärgernis par excellence, mit dem der Christ sich bis zum Jüngsten Gericht nicht stillschweigend abfinden darf! Das Stichwort "Jüngstes Gericht" ist von besonderer Bedeutung: Am Ende des Matthäusevangeliums, unmittelbar bevor vom Leiden und Sterben Jesu berichtet wird, findet sich die eindrucksvolle Endgerichtserzählung: Am Ende der Zeit wird der Herr die Schafe von den Böcken scheiden. Wir sollten über der zeitgebundenen Bildhaftigkeit nicht die eigentliche Aussage vergessen: Natürlich ist das Jüngste Gericht kein billiger Abklatsch der menschlichen Prozeßordnung mit anfechtbarem Richter, raffinierten Anwälten und inquisitorischen Vertretern der Anklage. Aber wahr ist doch wohl nach der Aussage Jesu, daß unserem hiesigen Leben ein unaufgebbarer Ernst und eine tiefe Bedeutung zukommt. Es ist nicht einfach egal oder subjektiv verkapselt, wie und nach welchen ethischen Maximen wir hier leben. Das Urteil im Gericht spricht letztlich jeder sich selbst durch sein eigenes Leben, als bange Frage gleichsam an den Herrn: "Wann sahen wir dich durstig oder hungrig?" Und die Antwort Gottes wird das Maß an Nächstenliebe unseres Lebens offenlegen – oder entlarven, so daß der hl. Johannes vom Kreuz einmal notiert : "Am Ende unseres Lebens werden wir nach der Liebe beurteilt!"

Uns interessiert hier nicht die Frage, ob die Hölle als ewige Gottesferne voll oder leer ist. Wir sollten nicht zweite und dritte Fragen versuchen zu beantworten, bevor wir nicht eine Antwort auf die erste und radikalste Frage unseres Lebens gefunden haben. Und diese Frage lautet: "Wo finde ich Jesus?" und die Antwort laut Matthäus heißt: "Im Nächsten!" Und mit der Verwirklichung dieser Antwort werden wir getrost - im wörtlichen Sinn! - ein Leben lang beschäftigt sein. So getrost, daß wir uns am Ende im Gericht, wie auch immer es aussehen mag, der Barmherzigkeit Gottes überlassen dürfen, getröstet in der Gelassenheit, alles getan zu haben, was in unseren Kräften gestanden hat. Von niemand fordert Gott mehr, als in seinen Kräften steht. Aber die unruhige Frage unseres Lebens und jedes Tages bleibt: Bemühe ich mich wirklich mit allen meinen Kräften? Vielleicht ist es das letztlich, was Augustinus meint, wenn er betet: "Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir o Gott!" Das wäre die heilsame und im wahrsten Sinne radikale, weil an der Wurzel verankerte Unruhe des Christen: Kaufe ich die Zeit meines Lebens aus? Nutze ich die mir von Gott geschenkten Talente und Fähigkeiten? Erkenne ich den Mitmenschen, der hungert, dürstet, friert, notleidend, gefangen oder krank ist? Die Erzählung vom Endgericht beim Evangelisten Matthäus, bewußt an das Ende der irdischen Tätigkeit Jesu gestellt, verklammert Erde und Himmel, Diesseits und Jenseits, Gesinnungs- und Verantwortungsethik, Politik als Kunst des Machbaren und Utopie als Vision des neuen Jerusalem. Barmherzigkeit im Sozialstaat wagt diese Gratwanderung, um das Menschenmögliche zu tun im Blick auf konkrete, benachteiligte und notleidende Menschen, in denen Gott uns entgegenkommt.

Im Mittelalter entstanden aus der Betrachtung des irdischen, notleidenden Jesus die großen Gemälde des Jüngsten Gerichtes. Jedem sollte vor Augen stehen: Ich finde Jesus als menschgewordenen Gott nicht in der Selbstbespiegelung meines Stübchens, sondern in der Person des Mitmenschen. Was ich dort an Caritas, an Nächstenliebe wirke, wirke ich an Christus selbst. So gelingt die im Christentum einzigartige Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe. Das berühmteste Gemälde des Jüngsten Gerichtes ist sicher Michelangelos Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle in Rom. Und vielleicht ist es in gleicher Weise das bedrängendste und tröstlichste jener Gemälde, die Jesu Erzählung vom Jüngsten Gericht bei Matthäus wiedergeben: Zu sehen sind die Qualen der gottfernen Menschen, die in der Ewigkeit gottfern sind, weil sie im irdischen Leben menschenfern waren. Aber zu sehen und in eindrücklicher Erinnerung jedes Betrachters bleibt die Gestalt der Gottesmutter, die unmittelbar neben ihrem Sohn, dem Weltenrichter, dargestellt ist. Mit verhaltener und doch nachdrücklicher fürbittender Gebärde wendet sie sich den Menschen im Gericht zu. Es war das Mittelalter, das zuerst die Bitte an Maria formulierte: "Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes!" Denn der Christ weiß immer, daß er vieles Gutes unterlassen und manches Böses getan hat. Er weiß aber sicherer noch, daß Gott am Ende nach der Liebe urteilt - und sei es nach dem Funken Liebe im Menschenherzen zu Gott, zu Maria, zu wenigstens einem Menschen meines Lebens. Vielleicht ist dies sogar eine Weise, ganz konkret das Gleichnis vom Jüngsten Gericht in meinem alltäglichen Leben als Christ zu verwurzeln: Indem ich mir vorstelle, ich möchte mindestens einen Menschen in der Stunde des Gerichts haben, den ich anschauen kann mit liebendem Herzen, ein Mensch, von dem ich weiß, er tritt für mich ein angesichts der im eigenen Herzen aufsteigenden Anklage von Hartherzigkeit und Gleichgültigkeit, ein Mensch, der für mich in jener Stunde bittet, ein Mensch, der mir gleichsam zum Bürgen wird für das beständige und doch nicht immer fruchtlose Bemühen meines Lebens, die Fesseln des Egoismus abzustreifen. Vielleicht wollte Michelangelo in der Gestalt der Gottesmutter solch einen Menschen abbilden, als Verkörperung der Liebe meines Lebens, in der ich zugleich Christus geliebt habe. Dann wäre der Weg meines Lebens zugleich der Weg Jesu gewesen, ein Weg, der mündet in die Gemeinschaft mit dem, den Johannes ganz radikal und kühn "Liebe" nennt: Gott selbst.


[Vom Autor zur Verfügung gestellte deutsche Fassung]