Bartholomaios I.: Gewalt ist kein Wert, sondern ein „Unwert“

Ansprache des Ökumenischen Patriarchen auf dem Friedenstreffen in Neapel

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NEAPEL, 22. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., ging am Sonntag in seiner Ansprache vor den Delegierten des interreligiösen Friedenstreffens, das von der Gemeinschaft Sant’Egidio organisiert wurde und vom 21. bis zum 23. Oktober in Neapel stattfindet, auf das Problem des „Konflikts der Zivilisationen“ ein. Zivilisationen als komplexe Struktursysteme befänden sich in einem steten „Aufeinadertreffen“ und seien einem gegenseitigen Einfluss ausgesetzt, was für die schwächeren Systeme zur Folge haben kann, dass sie von den stärkeren absorbiert werden. Dadurch komme es zu Spannungen und Ängsten. Aber all dies mache den Gebrauch von Gewalt nicht notwendig, denn: „Gewalt als Unwert kann nie die Werte verteidigen.“



Dem Patriarchen war es wichtig, nicht vom „Dialog der Kulturen“ zu sprechen, da Kulturen nicht direkt miteinander in Dialog treten, sondern immer durch Menschen, die Träger von Traditionen und kulturellen Werten sind. Daher sei es notwendig, von einer „Kultur des Dialogs“ zu sprechen, die das friedliche Zusammenleben der Völker ermögliche. Dies gelte umso mehr für die Religionen, wo Angst Gewaltanwendung bedingen kann und eine Kultur des Dialogs unabdingbar ist. „Der Krieg im Namen der Religion ist Krieg gegen die Religion“, so der Patriarch.

Eine nicht zu vernachlässigende Quelle der Gewalt, die oft verschwiegen wird, sieht Bartholomaios I. in der Profanierung der künstlerischen und religiösen „Monumente der Zivilisation“.

Der Patriarch hielt auch fest, dass sich die lebendige Erfahrung der verschiedenen Religionen bei aller Unterschiedlichkeit zwischen zwei Polen vollziehe: der Angst und der Liebe. Ist die Angst vorherrschend, so verliere sich das religiöse Gefühl; dominiert die Liebe, so müsse diese selbstlos zum Ausdruck kommen und die Angst ablehnen. Wahre Religion heißt demnach, den Menschen zu Gott erheben.

Fundamentalismus und politische Instrumentalisierung der Religion bilden nach Worten des Ökumenischen Patriarchen eine „Verfälschung des wahren Geistes des Religion“.

Abschließend hob Bartholomaios I. die Verantwortung der Kirchen und der Religionen im Hinblick auf die „Besänftigung der menschlichen Leidenschaften“ hervor, die oft zu Zwietracht und Krieg führen.

„Die Gewalt wird ein Ende finden, wenn jeder von uns eine heilige und gesegnete Gewalt gegenüber dem eigenen Ich und den Leidenschaften hegen wird, was wir uns von ganzem Herzen wünschen.“