Befindet sich die Beichte bei uns in Krise?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 1085 klicks

Wir befinden uns im Jahr des Großen Jubiläums, zweitausend Jahre nach der Fleischwerdung und Geburt Jesu Christi, des Sohnes Gottes. Zu diesem Jubiläum bereitet sich die Katholische Kirche schon seit einigen Jahren. Es finden viele Wallfahrten nach Rom, in die römischen Basiliken statt, auch an andere Orte, wo man Jubiläumsablass bekommen kann.

Das sollte das Jahr der großen Bekehrung und Versöhnung sein und deshalb auch das Jahr vieler Beichten. Es ist festzustellen, dass viele Menschen zur Kommunion gehen und wenige beichten. In einigen Gegenden wird eine Generalabsolution der Sünden erteilt.

Mir kommt es vor, dass in den Menschen eine Ermüdung festzustellen ist, um nicht zu sagen, eine Ablehnung gegenüber die Beichte. Ich will das nicht generalisieren, aber es ist so in vielen städtischen und ländlichen Pfarreien. Wieviel ich den Medien entnehmen kann, sieht es so aus, dass dies ein großes Problem der Katholischen Kirche ist, nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Diesem Problem begegnet man auch bei uns in Kroatien, nicht in allen Pfarreien gleich, es hängt vom Pfarrer ab.

Worin liegen die Gründe dieser allgemeinen Krise der Beichte?

Katholische Journalistin S. R.

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1.  Eine Bemerkung aus der Geschichte der Beichte. Über die Beichte (Buße, Versöhnung) sprachen und schrieben wir nicht nur einmal. Nun wird die spezifische Frage über die „Krise“ dieses vierten Sakramentes gestellt. Gleich möchte ich sagen, dass dieses Sakrament immer wieder im Verlauf der Geschichte in Krise steckte, wie es aus der Geschichte der Liturgie der Buße ersichtlich ist, wovon auch die amtlichen Bücher zeugen. Seit dem 3. und 4. Jahrhundert wurde einmalige „offentliche“ Buße praktiziert, die manchmal mehrere Jahre dauerte, bevor der Pönitent die Lossprechung bekommen konnte. Das waren ausschließlich sehr „schwere“, öffentlich bekannte Sünden, denn wegen solcher Sünden exkommunizierte bereits der hl. Paulus (Idolatrie, Ehebruch, Mord). Tertullian weitet diese Zahl aus auf Idolatrie, Fluch, Mord, Ehebruch, Unzucht, falsches Zeugnis, Betrug, Lüge, Anwesenheit bei den Spielen im Zirkus oder im Stadion. Das Konzil in Elvira (306) weitet ebenfalls die Anzahl der Todsünden und die Bußpraxis aus, zum Beispiel: Ein Mädchen, das sonst die Jungfräulichkeit bewahrt hat, aber mit dem Mann gesündigt hat, den es heiraten wollte, musste sich mit der Gemeinschaft aussöhnen, und durfte erst nach einem Jahr Buße (nicht öffentliche) die heilige Kommunion empfangen. „Privatbeichten“, die wiederholt werden durften, im 6. und 7. Jahrhundert, führen irische Mönche-Missionare ein. In der Zwischenzeit, aber auch später, wurden bestimmte Bußpraxen für einzelne Sünden vorgeschrieben („Tarife“), aber diese Art hat sich nicht weiter durchgesetzt. Das Vierte Laterankonzil (1215) bringt die Vorschrift, die bis zum heutigen Tag gültig ist: „Jeder Gläubige – beiderlei Geschlechts – ist nach Erreichen des Unterscheidungsalters verpflichtet, seine schweren Sünden wenigstens einmal im Jahr aufrichtig zu bekennen, die ihm auferlegte Buße nach seinen Kräften zu tun und fromm wenigstens zu Ostern die Eucharistie zu empfangen.“ Diese Vorschrift wird durch das aktuelle kanonische Recht bestätigt (Can. 989). Auch die Praxis der privaten geheimen Beichte bleibt im Laufe der Jahrhunderte, nach den Konzilien von Trient, dem Ersten Vatikanischen, dem Zweiten Vatikanischen, bis zum heutigen Tag die gleiche. „Das persönliche und vollständige Bekenntnis und die Absolution bilden den einzigen ordentlichen Weg, auf dem ein Gläubiger, der sich einer schweren Sünde bewusst ist, mit Gott und der Kirche versöhnt wird“ (Can. 960).

2.  Die Generalabsolution, ohne vorherige Einzelbeichte, kann in nur zwei Fällen erteilt weden: „1) Wenn Todesgefahr besteht (sagen wir: unmittelbar vor einem Kampf, bei einem Bombenangriff und ä.) und für den oder die Priester die Zeit, das Bekenntnis der einzelnen Pönitenten zu hören, nicht ausreicht,  2) Wenn eine schwere Notlage besteht, das heisst, wenn unter der Berücksichtigung der Zahl der Pönitenten nicht genügend Beichtväter vorhanden sind, um das Bekenntnis der einzelnen innerhalb einer angemessenen Zeit ordnungsgemäß zu hören, so dass die Pönitenten ohne eigene Schuld gezwungen wären, die sakramentale Gnade oder die heilige Kommunion längere Zeit zu entberen; sagen wir: in weitentfernten Missionsgebieten mit ungenügender Anzahl von Priestern); als ausreichend begründete Notlage gilt aber nicht, wenn allein aufgrund eines großen Andrangs von Pönitenten, wie bei einem großen Fest oder einer Wallfahrt vorkommen kann, nicht genügend Beichtväter zur Verfügung stehen können“ (Can. 961). Über diese Umstände hat der örtliche Bischof in Mitsprache mit der Bischofskonferenz zu urteilen. Damit ein Gläubiger die sakramentale Absolution, die gleichzeitig mehreren erteilt wird, gültig empfängt, ist erforderlich: 1) Dass er recht disponiert ist, wie für eine Einzelbeichte; 2) Er muss sich vielmehr gleichzeitig auch vornehmen, seine schweren Sünden, die er gegenwärtig nicht auf diese Weise bekennen kann, zu gebotener Zeit einzeln zu beichten. Und diese Sünden muss er beichten, bevor er eine weitere Generalabsolution empfängt, sofern nicht ein gerechter Grund dem entgegensteht, ein persönliches Bekenntnis abzulegen (Can. 962 u. 963). Anderenfalls wäre diese zweite Absolution ungültig.

3. Manche kommunizieren oft und beichten nie. Seit Paulus und bis heute ist die Lehre der Kirche in dieser Hinsicht kristallklar. Um auf die Forderung des Herrn zu antworten: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht isst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch“ (Joh 6, 53), müssen wir dieses Sakrament reines Herzens empfangen und nie in schwerer Sünde, ohne vorher gebeichtet zu haben, mit der festen Absicht der Besserung: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt“ (1 Kor 11, 27-29). Wenn wir uns in der Gnade Gottes befinden, vergibt die Eucharistie lässliche und verschont uns vor den Todsünden. Das ist dem Sakrament der Versöhnung eigen. Der Eucharistie ist es eigen, Sakrament zu sein für diejenigen, die sich in voller Einheit mit der Kirche befinden, erinnert der Katechismus (Nr. 1395). Was soll man über diejenigen denken, die oft kommunizieren und fast nie beichten? Es liegt an uns nicht, zu urteilen. Die Lehre der Kirche ist klar, und wir müssen dieser Lehre folgen, wenn wir Katholiken sind. Niemand darf sich nach falschen allgemeinen Meinungen richten und nach der privaten Meinung einiger Autoren, die sich nicht von der Lehre der Kirche leiten lassen, handeln.

4.  Welche Gründe gibt es für die Krise der Beichte? Im Jahr 1998 führte ich eine Befragung unter meinen Studenten des zweiten und des dritten Grades durch, d.h. unter denen, die in Moraltheologie spezialisieren und sich auf dem Weg zum Magister und Doktor befinden. Ich stellte ihnen zwei Fragen:  1) „Warum gehen viele nicht mehr zur Beichte?“,  2)  „Warum gehen so viele zur Kommunion, ohne gebeichtet zu haben?“ Die Antworten waren viele und sehr unterschiedlich. Ich bringe nur einige Antworten in Kürze auf die Frage über die Beichte.

a)  Gott ist ein guter Vater, der auf Kleinigkeiten nicht schaut, er ist barmherzig in Liebe, er ist ein Freund, der mich versteht. Er bestraft niemanden. Er liebt mich. Bemerkung: ausgezeichnet! Aber das ist ein einseitiges Bild von Gott: Gott ist auch gerecht, neben dem Himmel gibt es auch das Fegefeuer und die Hölle, und für den Himmel muss man mit guten Werken kämpfen, nicht nur mit Glauben ohne Werke usw. Lese aus dem Katechismus über das richtige Bild Gottes, Nummern 27 bis 73.

b)  Viele wissen heutzutage nichts über das Sakrament der Beichte, weil niemand darüber predigt; ich beichte direkt vor Gott, und ich kann nicht vor einem Priester beichten, der ein Sünder ist genauso wie ich… Bemerkung: die Wahrheit, der Gläubige vertraut in der Beichte seine Seele dem barmherzigen Gott an und bittet ihn um Vergebung. Aber nach dem Willen und nach der Bestimmung Christi, der dieses Sakrament eingesetzt hat und den Menschen die Vollmacht gegeben hat, sie in seinem Namen auszuführen (Joh 20, 21-23), muss die Vergebung durch die Kirche, vor ihrem Vertreter (unabhängig davon, wie er persönlich ist – worüber er Gott die Rechenschaft geben wird), stattfinden, der kraft der göttlichen Macht Christi die Lossprechung erteilt. Jesus selbst, durch den Priester, erteilt die Lossprechung: „Ich (!) spreche dich los!“ Lese im Katechismus über das Sakrament der Versöhnung Nummern 1422 bis 1498.

c)  Alle verhalten sich gleich, wir Katholiken können uns von dieser Welt nicht absondern, sonst kennen wir nicht das Leben, wir werden von den anderen verspottet und abgelehnt. Bemerkung: die Welt hat das „Sündenbewusstsein“ verloren, weil sie das „Bewusstsein für Gott“ verloren hat. Die Menschen leben so, als würde es weder Gott noch Sünde geben. Es kann sich um unüberwindlichen Irrtum unter dem Einfluss der säkularistischen Mentalität handeln. Deshalb kann die Verantwortung, besonders bei jungen Menschen, wenn sie keine Gelegenheit hatten, über wahre christliche Werte zu hören, vermindert sein. Außerdem, wollen sich viele lügnerisch als „gerecht“, Menschen ohne Sünde, vor den anderen zeigen.Viele verstehen nicht, was es heisst, übernatürlich in der Liebe Gottes, mit Christus und in Christus zu leben.Viele lassen sich vom lügnerischen Grundsatz der „Mehrzahl“ leiten: „so handeln die meisten in der Kirche, die meisten gehen zur Kommunion, warum sollte ich nicht?“

d)  Viele sagen, der Beichveter sei abstoßend: Er hat keine Zeit, erledigt die Beichte routinemäßig, meidet das Gespräch mit dem Pönitenten, möchte schnell fertig sein, schaut auf die Uhr, stellt unangemessene Fragen, die sich auf die Sünde, ihre Ursache und Umstände nicht beziehen usw. Der Pönitent hat nicht selten Angst, schämt sich, besonders wenn er schon einmal schlechte Erfahrung mit dem Beichtvater hatte. Es passiert manchmal, dass ein Beichtvater das eine sagt, ein anderer wieder etwas anders. Einige wenden sich auschließlich an den Psychiater, andere verlassen die Beichte usw. Bemerkung: ganz kurz, aber man muss wieder betonen: Der Psychiater kann nie die Beichte ersetzen. Die Beichte ist ein Gespräch mit Gott, das Bekenntnis seiner Sünden in Demut, die Vergebung, die neue Gnade schenkt, der Friede der Seele, die Rückkehr zum übernatürlichen Leben. Das Gespräch mit dem Psychiater ereignet sich auf einer normalen menschlichen Ebene, manchmal auch darunter, wenn es vorkommt, dass ein Psychiater seinem Patienten sündige Handlungen und ein liberales Leben rät, um sich auf diese Weise von seinen Traumen zu befreien. Was die übrigen Schwierigkeiten betrifft, sollten wir sie als „Buße für die Sünden, die wir begangen haben“ nehmen, so werde ich in der Lage sein, unangenehmen Beichtvater zu ertragen und auch eigene Angst und Scham zu überwinden. Wenn ich mir aus dem Katechismus die wahre Lehre der Kirche über dieses Sakrament vor die Augen führe, wird es für mich kein Problem bedeuten, wenn ein Beichtvater so und der andere anderes redet: maßgebend ist die offizielle Lehre der Kirche, und nie irgendeine Privatmeinung eines Priesters, der übrigens seinen Dienst missbraucht, wenn er der Lehre der Kirche nicht folgt.

Schließlich, die Frage nach der Krise der Beichte in Kroatien. Bis gestern waren wir ziemlich treu, indem wir die Vorschriften der Kirche befolgten und uns, trotz allen eigenen Schwächen, um unser Heil und die Heiligung kümmerten. Die Beichte wurde nicht verlassen, und mit schwerer Sünde im Gewissen wurde nicht zur heiligen Kommunion gegangen. Wir wollen hoffen, dass die erneuerte Pastoralpraxis und die Katechese auch unsere jungen Menschen erfassen, damit sie mutig und freudig den Glauben und die Moral der Väter annehmen und mit einem beispielhaften Leben das Zeugnis den Verlorenen geben.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 394-397)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.