Begegnung Benedikts XVI. mit den Ehrenamtlichen im Wiener Konzerthaus

„Die Heiligen haben mit ihrem Leben diesen Weg aufgezeigt“

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WIEN, 9. September 2007 (ZENIT.org).- Am Sonntagabend kam es im Wiener Konzerthaus zu einer feierlichen Begegnung von Papst Benedikt XVI. mit ehrenamtlichen Mitarbeitern sozialer und karitativer Institutionen Österreichs.



Für das musikalische Rahmenprogramm – Mozarts „Divertiment für Streicher“ (KV 136), Buckners „Tota pulchra es Maria“ und Mozarts „Tu virginum corona“ aus der Motette „Exultate, jubilate“ (KV 165) – zeichneten die Wiener Sängerknaben, der Chorus Viennensis und der Wiener Concert-Verein verantwortlich.

Nach Grußworten von zwei Ehrenamtlichen und dem Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser betrachtete der Heilige Vater den Dienst der freiwilligen Tätigkeit im Ehrenamt, bei dem es „um die Schlüsseldimensionen des christlichen Gottes- und Menschenbildes geht: die Gottes- und die Nächstenliebe“.

Es gehöre zu den „Kälteströmen der Gegenwart“, dass man bedürftige Menschen sehe und dennoch ungerührt bleibe. „Im Blick der anderen, gerade jenes anderen, der unserer Hilfe bedürftig ist, erfahren wir den konkreten Anspruch der christlichen Liebe“, bekräftigte Benedikt XVI.

„Wer den ‚Vorrang des Nächsten‘ beachtet, lebt und handelt evangeliumsgemäß und nimmt auch Teil an der Sendung der Kirche, die immer den ganzen Menschen im Blick hat und ihm die Liebe Gottes fühlbar machen möchte.“

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Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
hochwürdigster Herr Erzbischof Kothgasser,
liebe freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
der verschiedenen Hilfsdienste in Österreich,
sehr geehrte Damen und Herren
und vor allem: meine lieben jungen Freunde!

Auf diese Begegnung mit Ihnen heute, gegen Ende meines Besuchs in Österreich, habe ich mich besonders gefreut. Und natürlich kommt noch die Freude dazu, dass ich nicht nur Mozart wundervoll dargeboten hören konnte, sondern unerwarteter Weise die Wiener Sängerknaben hören durfte. Ganz herzlichen Dank!

Es ist schön, Menschen zu treffen, die versuchen, in unserer Gesellschaft der Botschaft des Evangeliums ein Gesicht zu geben; die Älteren wie Jüngeren zu sehen, die jene Liebe in Kirche und Gesellschaft konkret erfahrbar machen, von der wir als Christen ergriffen sein sollen: Es ist die Liebe Gottes, die uns den Mitmenschen als Nächsten, als Bruder oder Schwester erkennen lässt!

Mich erfüllen Dankbarkeit und Bewunderung für das großzügige freiwillige Engagement so vieler Menschen unterschiedlichen Alters in diesem Land. Ihnen allen und dem Ehrenamt in Österreich möchte ich heute in besonderer Weise meinen Respekt zollen. Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, und Ihnen, lieber Herr Erzbischof von Salzburg, sowie vor allem Euch, den jugendlichen Vertretern der Freiwilligen in Österreich, danke ich ganz herzlich für die schönen und tiefen Worte, die mir gesagt wurden.

Gott sei Dank ist es für viele Menschen eine Ehrensache, sich für andere, für eine Vereinigung, für einen Verband oder für bestimmte Anliegen des Gemeinwohls freiwillig zu engagieren. Ein solches Engagement bedeutet zunächst eine Chance, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und sich aktiv und verantwortungsvoll in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Und doch liegen der Bereitschaft zum ehrenamtlichen Tätigsein zuweilen ganz unterschiedliche und vielfältige Motive zu Grunde. Oft steht am Beginn ganz einfach der Wille, etwas Sinnvolles und Nützliches zu tun und neue Erfahrungsfelder aufzuschließen. Jungen Menschen geht es dabei natürlich und zu Recht auch um Freude und schöne Erlebnisse, um die Erfahrung von echter Kameradschaft bei gemeinsamem sinnvollem Tun. Oft verbinden sich eigene Ideen und Initiativen mit tätiger Nächstenliebe; der einzelne wird dabei in eine tragende Gemeinschaft eingebunden.

Ich möchte an dieser Stelle meinen ganz persönlichen Dank für die ausgeprägte „Kultur der Freiwilligkeit" in Österreich zum Ausdruck bringen. Ich möchte jeder Frau, jedem Mann, allen Jugendlichen und allen Kindern danken – das freiwillige Engagement von Kindern ist nämlich mitunter gewaltig; denken wir nur an die Sternsinger-Aktion in der Weihnachtszeit. Sie haben sie schon erwähnt, lieber Herr Erzbischof. Danken möchte ich dabei vor allem auch für jene kleinen und großen Dienste und Mühen, die nicht immer gesehen werden. Danke und „Vergelt´s Gott“ für Euren Beitrag zum Aufbau einer „Zivilisation der Liebe“, die allen dient und die Heimat schafft!

Nächstenliebe ist nicht delegierbar. Staat und Politik – Sie, Herr Bundespräsident, haben es gesagt – können bei allem nötigen Bemühen um einen Sozialstaat dies doch nicht ersetzen. Nächstenliebe erfordert immer den persönlichen freiwilligen Einsatz, für den der Staat freilich günstige Rahmenbedingungen schaffen kann und muss. Dank dieses Einsatzes behält Hilfe ihre menschliche Dimension und wird nicht entpersonalisiert. Und genau darum seid Ihr Freiwilligen nicht Lückenbüßer im sozialen Netz, sondern wirklich Mitträger am humanen und christlichen Gesicht unserer Gesellschaft.

Gerade junge Menschen sehnen sich danach, dass ihre Fähigkeiten und Talente
„geweckt und entdeckt“ werden. Freiwillige wollen gefragt, sie wollen persönlich angesprochen werden. „Ich brauche dich!“, „Du kannst das!“: Wie gut tut uns diese Ansprache. Gerade in ihrer menschlichen Einfachheit verweist sie hintergründig auf den Gott, der jeden von uns gewollt, jedem seinen Auftrag mitgegeben hat, ja, der jeden von uns braucht und auf unseren Einsatz wartet.

So hat Jesus Menschen gerufen und ihnen Mut gemacht zu dem Großen, das sie sich selber nicht zugetraut hätten. Sich ansprechen lassen, sich entscheiden und dann ohne die üblich gewordene Frage nach Nutzen und Profit einen Weg gehen – diese Haltung wird heilende Spuren hinterlassen.

Die Heiligen haben mit ihrem Leben diesen Weg aufgezeigt. Es ist ein interessanter und spannender, ein großmütiger und gerade heute ein zeitgemäßer Weg. Das Ja zu einem freiwilligen und solidarischen Engagement ist eine Entscheidung, die frei und offen macht für die Not des anderen; für die Anliegen der Gerechtigkeit, des Lebensschutzes und der Bewahrung der Schöpfung. Im Ehrenamt geht es um die Schlüsseldimensionen des christlichen Gottes- und Menschenbildes: die Gottes- und die Nächstenliebe.

Liebe Freiwillige, meine Damen und Herren: Ehrenamtliches Engagement ist ein Echo der Dankbarkeit und gleichfalls Weitergabe der Liebe, die wir selbst erfahren haben. „Deus vult condiligentes – Gott will Mitliebende“, hat der Theologe Dun Scotus im 14. Jahrhundert gesagt (Opus Oxoniense III d.32 q.1 n.6). Ehrenamtliches Engagement hat so gesehen sehr viel mit Gnade zu tun.

Eine Kultur, die alles verrechnen und auch alles bezahlen will, die den Umgang der Menschen miteinander in ein oft einengendes Korsett von Rechten und Pflichten zwingt, erfährt durch unzählige sich ehrenamtlich engagierende Mitmenschen, dass das Leben selbst ein unverdientes Geschenk ist. So unterschiedlich, vielfältig oder auch widersprüchlich die Motive und auch die Wege des ehrenamtlichen Engagements sein können, ihnen allen liegt letztendlich jene tiefe Gemeinsamkeit zugrunde, die dem „Umsonst“ entspringt.

Umsonst haben wir das Leben von unserem Schöpfer erhalten, umsonst sind wir aus der Sackgasse der Sünde und des Bösen befreit worden, umsonst ist uns der Geist mit seinen vielfältigen Gaben geschenkt worden. In meiner Enzyklika habe ich geschrieben; „Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um andere Ziele zu erreichen“ (Benedikt XVI., „Deus caritas est“, 31c).

„Wer in der Lage ist zu helfen, erkennt, dass gerade auch ihm geholfen wird und dass es nicht sein Verdienst und seine Größe ist, helfen zu können. Dieser Auftrag ist Gnade“ („Deus caritas est“, 35).

Umsonst geben wir weiter, was wir bekommen haben – durch unser Engagement, durch unser Ehrenamt. Diese Logik des „Umsonst“ liegt jenseits des bloßen moralischen Sollens und Müssens.

Ohne freiwilliges Engagement konnten, können und werden Gemeinwohl und Gesellschaft nicht bestehen. Freiwilligkeit lebt und bewährt sich jenseits von Kalkulation und erwarteter Gegenleistung; sie sprengt die Gesetzmäßigkeiten der Marktwirtschaft. Denn der Mensch ist weit mehr als nur ein ökonomisch handelnder und zu behandelnder Faktor. Die Fortentwicklung und Würde einer Gesellschaft hängt immer wieder und gerade an jenen Menschen die mehr tun als nur ihre Pflicht.

Meine Damen und Herren! Das Ehrenamt ist ein Dienst an der Würde des Menschen, die in seiner Gottebenbildlichkeit gründet.

Irenäus von Lyon hat im 2. Jahrhundert gesagt: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. Das Leben des Menschen aber ist es, Gott zu sehen“ („Adversus haereses“ IV,20,7). Und Nikolaus Cusanus hat diese Einsicht in seinem Werk über die Gottesschau so weiter entfaltet: „Und weil das Auge dort ist, wo die Liebe weilt, erfahre ich, dass Du mich liebst… Dein Sehen, Herr, ist Lieben … Indem Du mich ansiehst, lässt Du, der verborgene Gott, Dich von mir erblicken. … Dein Sehen ist Lebendigmachen… Dein Sehen bedeutet Wirken“ (Nikolaus von Kues, „De visione Dei / Die Gottesschau“, in: Philosophisch-Theologische Schriften, hg. und eingef. von Leo Gabriel, übersetzt von Dietlind und Wilhelm Dupré, Wien 1967, Bd. III, 105-111). Der Blick Gottes – Jesu Blick – steckt uns mit Gottes Liebe an.

Blicke können ins Leere gehen oder gar verachten. Und Blicke können Ansehen geben und Liebe aussagen. Ehrenamtliche geben Menschen ein Ansehen, sie rufen die Würde des Menschen in Erinnerung und sie wecken Lebensfreude und Hoffnung. Ehrenamtliche sind Hüter und Anwälte der Menschenrechte und der Menschenwürde.

Mit Jesu Blick ist noch eine andere Form des Sehens verbunden. „Er sah ihn und ging weiter", so heißt es im Evangelium vom Priester und Leviten, die am Wegrand den Halbtoten liegen sehen, aber nicht eingreifen (Lk 10,31.32).

Menschen sehen und übersehen, haben Not vor Augen und bleiben doch ungerührt – das gehört zu den Kälteströmen der Gegenwart. Im Blick der anderen, gerade jenes anderen, der unserer Hilfe bedürftig ist, erfahren wir den konkreten Anspruch der christlichen Liebe.

Jesus Christus lehrt uns nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik des offenen Blicks und damit der unbedingten Wahrnehmungspflicht für die Lage der anderen, für die Situation, in der sich der Mensch befindet, der gemäß dem Evangelium unserer Nächster ist.

Jesu Blick, die Schule der Augen Jesu, führt hinein in menschliche Nähe, in die Solidarität, in das Teilen der Zeit, das Teilen der Begabungen und auch der materiellen Güter. Daher muss „für alle, die in den karitativen Organisationen der Kirche tätig sind, kennzeichnend sein, dass sie nicht bloß auf gekonnte Weise das jetzt Anstehende tun – was wichtig ist –, sondern sich dem anderen mit dem Herzen zuwenden … Dieses Herz sieht, wo Liebe not tut und handelt danach“ (Benedikt XVI., „Deus Caritas est“, 31a; 31b).

Ja, „ich muss ein Liebender werden, einer, dessen Herz der Erschütterung durch die Not des anderen offen steht. Dann finde ich meinen Nächsten, oder besser: dann werde ich von ihm gefunden“ (Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., „Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“, Freiburg i. Br., 2007, 237).

Schließlich erinnert uns das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (Mt 22,37-40; Lk 10, 27) daran, dass wir Christen Gott selbst über den Weg der Nächstenliebe die Ehre erweisen. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!" (Mt 25,40).

Wenn im konkreten Menschen dem wir begegnen, Jesus gegenwärtig ist, dann kann ehrenamtliches Tätigsein zur Gotteserfahrung werden. Die Anteilnahme an den Situationen und Nöten der Menschen führt zu einem „neuen" Miteinander und wirkt sinnstiftend. So kann das Ehrenamt helfen, Menschen aus der Vereinsamung herauszuholen und in Gemeinschaften hineinzuführen.

Am Schluss möchte ich an die Kraft und Bedeutung des Gebets für die in der karitativen Arbeit Tätigen erinnern.

Das Gebet zu Gott ist Ausweg aus Ideologie oder Resignation angesichts der Erfahrung der Endlosigkeit der Not. „Christen glauben trotz aller Unbegreiflichkeiten und Wirrnisse ihrer Umwelt weiterhin an die »Güte und Menschenliebe Gottes« (Tit 3,4). Obwohl sie wie alle anderen Menschen eingetaucht sind in die dramatische Komplexität der Ereignisse der Geschichte, bleiben sie gefestigt in der Hoffnung, dass Gott ein Vater ist und uns liebt, auch wenn uns sein Schweigen unverständlich bleibt“ (Benedikt XVI., „Deus caritas est“, 38).

Liebe freiwillige und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hilfsdienste in Österreich, meine sehr geehrten Damen und Herren! Wer in Beruf und Familie nicht nur seine Pflicht erfüllt – und dies gut zu tun erfordert schon viel Kraft und große Liebe –, wer sich darüber hinaus freiwillig für andere engagiert und seine kostbare freie Zeit in den Dienst des Menschen und seiner Würde stellt, dessen Herz weitet sich.

Die Freiwilligen fassen den Begriff des Nächsten nicht eng; sie erkennen auch im „Fernstehenden“ den Nächsten, der von Gott bejaht ist und den Christi Erlösungswerk durch unsere Mithilfe erreichen muss. Der andere, der Nächste im Sinn des Evangeliums, wird für uns gleichsam zum Vorrangpartner gegenüber den Pressionen und Sachzwängen der Welt, in der wir leben. Wer den „Vorrang des Nächsten“ beachtet, lebt und handelt evangeliumsgemäß und nimmt auch Teil an der Sendung der Kirche, die immer den ganzen Menschen im Blick hat und ihm die Liebe Gottes fühlbar machen möchte.

Die Kirche unterstützt diesen, liebe Freiwillige, Ihren wichtigen Dienst voll und ganz. Ich bin überzeugt, dass von Österreichs Freiwilligen auch weiterhin viel Segen ausgeht und begleite Sie alle mit meinem Gebet. Euch allen erbitte ich die Freude an Gott, die unsere Kraft ist (vgl. Neh 8,10). Der gütige Gott sei Euch stets nahe und führe Euch allezeit durch den Beistand Seiner Gnade.

[Wörtliche Abschrift der Ansprache]