Begegnung Benedikts XVI. mit Priestern der Diözese Albano (Teil 4): Ehe, Familie und Jugend

Audienz in Castel Gandolfo am 31. August 2006

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ROM, 28. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die vom Heiligen Stuhl zur Verfügung gestellte Übersetzung der Audienz des Heiligen Vaters für Priester der italienischen Diözese Albano.



Papst Benedikt ging bei dieser spontanen Katechese am 31. August dieses Jahres auf die Fragen einiger Priester ein. Im Mittelpunkt der vierten Frage stand die Ehe. Der Bischof von Rom wies darauf hin, dass die Priester von den Eheleuten viel lernen könnten, und bekräftigte: „Die Tiefe und Schönheit der Ehe liegen eben in ihrer Endgültigkeit.“

Im Mittelpunkt der fünften und letzten Frage stand die Jugendarbeit. Diesbezüglich verwies der Heilige Vater auf den großen Wert von Gebetsgruppen und Liturgiekursen und erklärte: „Sehr wichtig erscheint mir, dass die Jugendlichen wirklich Aufgaben haben, die ihnen zeigen, das sie gebraucht werden.“

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D. Angelo Pennazza, Pfarrer in Pavona:

Heiligkeit, im Katechismus der Katholischen Kirche lesen wir: »Die Weihe und die Ehe sind auf das Heil der anderen hingeordnet. … Sie erteilen eine besondere Sendung in der Kirche und dienen dem Aufbau des Volkes Gottes« (Nr. 1534). Das erscheint uns wirklich grundlegend, nicht nur für unsere Pastoralarbeit, sondern auch für unsere Lebensweise als Priester. Was können wir Priester tun, um diese Worte in die pastorale Praxis umzusetzen, und wie können wir (gemäß dem, was Sie selbst unlängst zum Ausdruck brachten) positiv die Schönheit der Ehe vermitteln, so dass diese den Männern und Frauen unserer Zeit noch immer attraktiv erscheinen kann? Was kann die sakramentale Gnade der Eheleute unserem Leben als Priester geben?

BENEDIKT XVI.:

Zwei große Fragen! Die erste lautet: Wie kann man den Menschen von heute die Schönheit der Ehe vermitteln? Wir sehen, dass viele junge Menschen heute zögern, in der Kirche zu heiraten, weil sie Angst vor der Endgültigkeit haben; ja, sie zögern auch, standesamtlich zu heiraten. Die Endgültigkeit scheint heute vielen jungen und auch nicht mehr ganz jungen Menschen eine Bindung gegen die Freiheit zu sein. Und ihr größter Wunsch ist die Freiheit. Sie haben Angst, dass sie es am Ende nicht schaffen. Sie sehen so viele gescheiterte Ehen. Sie haben Angst, dass diese Rechtsform, als die sie die Ehe empfinden, eine äußere Last darstellt, die die Liebe auslöscht.

Man muss ihnen verständlich machen, dass es sich nicht um eine rechtliche Bindung handelt, um eine Last, die durch die Ehe entsteht. Im Gegenteil, die Tiefe und Schönheit der Ehe liegen eben in ihrer Endgültigkeit. Nur so kann sie die Liebe in ihrer ganzen Schönheit zum Reifen bringen. Aber wie kann man das vermitteln? Das scheint mir ein Problem zu sein, das uns allen gemeinsam ist.

In Valencia war für mich – und Sie Eminenz, werden das bestätigen können – nicht nur der Augenblick wichtig, in dem ich über dieses Thema sprach, sondern auch der, in dem einige Familien mit mehr oder weniger Kindern vor mich hintraten; eine Familie war fast eine »Pfarrgemeinde «, mit so vielen Kindern! Die Anwesenheit, das Zeugnis dieser Familien war wirklich viel stärker als alle Worte. Sie haben vor allem den Reichtum ihrer Erfahrung als Familie vor uns ausgebreitet: wie eine so große Familie tatsächlich zu einem kulturellen Reichtum wird, zu einer Gelegenheit für die Erziehung der einen und der anderen, zu einer Möglichkeit, die verschiedenen Ausdrucksformen der heutigen Kultur zusammenleben zu lassen, die gegenseitige Hingabe, die gegenseitige Hilfe auch im Leid und so weiter … Aber wichtig war dabei auch das Zeugnis der Krisen, die sie durchgemacht haben. Bei einem dieser Paare wäre es beinahe zur Scheidung gekommen. Sie haben erzählt, wie sie dann gelernt haben, diese Krise, dieses Leiden am Anderssein des Partners zu bewältigen, einander wieder anzunehmen. Gerade bei der Überwindung des Augenblicks der Krise, des Gedankens an Trennung ist eine neue Dimension der Liebe entstanden, und es hat sich eine Tür zu einer neuen Dimension des Lebens aufgetan, die sich nur im Ertragen des durch die Krise verursachten Leids auftun konnte.

Das scheint mir sehr wichtig zu sein. Heute gerät man in dem Augenblick in eine Krise, in dem der Unterschied der Temperamente zutage tritt, die Schwierigkeit, einander Tag für Tag zu ertragen, das ganze Leben lang. Am Ende wird dann beschlossen: Wir trennen uns. Eben diese Zeugnisse haben uns zu verstehen gegeben, dass in der Krise, im Ertragen des Augenblicks, in dem man scheinbar nicht mehr kann, sich in Wirklichkeit neue Türen auftun und die Schönheit der Liebe neu zum Vorschein kommt. Eine Schönheit, die ausschließlich aus Harmonie besteht, ist keine wahre Schönheit. Es fehlt ihr etwas, sie ist mangelhaft. Die wahre Schönheit braucht auch Kontraste. Dunkel und Licht ergänzen sich. Auch die Traube braucht zum Reifen nicht nur Sonne, sondern auch Regen, nicht nur den Tag, sondern auch die Nacht.

Wir Priester, sowohl die jungen als auch die bereits älteren, müssen selbst lernen, dass das Leid, die Krise notwendig sind. Wir müssen dieses Leid ertragen, über das Leid hinausgehen. Nur so wird das Leben reich. Die Tatsache, dass der Herr auf ewig die Wundmale trägt, hat für mich symbolische Bedeutung. Ausdruck der Grausamkeit des Leidens und des Todes, sind sie jetzt Siegel des Sieges Christi, der ganzen Schönheit seines Sieges und seiner Liebe zu uns. Sowohl als Priester als auch als Eheleute müssen wir die Notwendigkeit akzeptieren, die Krise des Andersseins des anderen, die Krise, in der ein Zusammenbleiben nicht mehr möglich erscheint, zu ertragen. Die Eheleute müssen gemeinsam lernen voranzugehen, auch aus Liebe zu den Kindern, und sich so neu kennen zu lernen, einander wieder zu lieben – mit einer viel tieferen, viel wahrhaftigeren Liebe. So reift auf einem langen Weg mit seinen Leiden die Liebe wirklich.

Mir scheint, dass wir Priester auch von den Eheleuten lernen können, gerade von ihren Leiden und Opfern. Wir denken oft, nur der Zölibat sei ein Opfer. Aber wenn wir die Opfer der verheirateten Menschen kennen – denken wir an ihre Kinder, an die entstehenden Probleme, an die Ängste, die Leiden, die Krankheiten, an die Auflehnung gegen die Eltern und auch an die Probleme der ersten Lebensjahre, in denen es überwiegend schlaflose Nächte gibt, weil die kleinen Kinder weinen –, müssen wir es von ihnen, von ihren Opfern lernen, unser Opfer zu bringen. Und miteinander müssen wir lernen, dass es schön ist, durch die Opfer zu reifen und so für das Heil der anderen zu arbeiten. Pfarrer Pennazza, Sie haben zu Recht das Konzil zitiert, das sagt, dass die Ehe ein Sakrament für das Heil der anderen ist: vor allem für das Heil des anderen, des Ehemannes, der Ehefrau, aber auch der Kinder und schließlich der ganzen Gemeinschaft. Und so reift auch der Priester in der Begegnung.

Ich denke also, dass wir die Familien einbeziehen müssen. Sehr wichtig sind, wie mir scheint, die Familienfeste. Bei festlichen Anlässen soll die Familie, die Schönheit der Familien sichtbar werden. Auch persönliche Zeugnisse können – mögen sie vielleicht auch etwas zu sehr in Mode gekommen sein – bei bestimmten Gelegenheiten wirklich eine Botschaft, eine Hilfe für alle sein.

Abschließend möchte ich sagen: Für mich ist es sehr wichtig, dass im Brief des heiligen Paulus an die Epheser durch die Menschwerdung des Herrn die Hochzeit Gottes mit der Menschheit am Kreuz vollzogen wird, an dem die neue Menschheit, die Kirche, geboren wird. Die christliche Ehe entspringt eben dieser göttlichen Hochzeit, und sie ist, wie der heilige Paulus sagt, die sakramentale Umsetzung dessen, was in diesem großen Geheimnis geschieht. So müssen wir immer wieder diese Verbindung zwischen dem Kreuz und der Auferstehung, zwischen dem Kreuz und der Schönheit der Erlösung lernen und uns in dieses Sakrament eingliedern. Bitten wir den Herrn, dass er uns helfen möge, dieses Geheimnis gut zu verkünden, dieses Geheimnis zu leben, von den Eheleuten zu lernen, wie sie es leben, und bitten wir ihn, uns zu helfen, das Kreuz zu leben, um auch zu Augenblicken der Freude und der Auferstehung zu gelangen.

D. Gualtiero Isacchi, Leiter des Diözesandienstes für die Jugendpastoral:

Die Jugendlichen stehen im Mittelpunkt einer gezielten Aufmerksamkeit von Seiten unserer Diözese und der ganzen Kirche in Italien. Die Weltjugendtage haben es gezeigt: Es sind viele, und sie sind begeistert. Doch unsere Pfarreien sind im allgemeinen nicht angemessen ausgestattet, um sie aufzunehmen; die Pfarrgemeinden und die pastoralen Mitarbeiter sind nicht hinreichend vorbereitet, um Gespräche mit ihnen zu führen; die Priester, die ihren verschiedenen Aufgaben nachgehen, haben nicht die nötige Zeit, um ihnen zuzuhören. Man erinnert sich an die Jugendlichen, wenn sie zum Problem werden oder wenn wir sie für die musikalische Gestaltung einer Eucharistiefeier oder eines Festes brauchen … Wie kann ein Priester heute sein vorrangiges Interesse an der Jugendarbeit trotz eines überfüllten Terminkalenders zum Ausdruck bringen? Wie können wir den jungen Menschen dienen, indem wir von ihren Werten ausgehen, anstatt uns ihrer für ›unsere Zwecke‹ zu bedienen?

BENEDIKT XVI.:

Ich möchte zunächst unterstreichen, was Sie gesagt haben. Anlässlich der Weltjugendtage und auch bei anderen Gelegenheiten – wie vor kurzem bei der Pfingstvigil – wird deutlich sichtbar, dass es unter der Jugend eine Sehnsucht gibt, eine Suche auch nach Gott. Die jungen Menschen wollen sehen, ob es Gott gibt und was Gott uns sagt. Es ist also trotz aller Schwierigkeiten der heutigen Zeit eine gewisse Bereitschaft vorhanden. Es ist auch Begeisterung vorhanden. Wir müssen daher alles nur Mögliche tun, um diese Flamme, die sich bei Anlässen wie den Weltjugendtagen zeigt, am Leben zu erhalten.

Wie soll das geschehen? Das ist unsere gemeinsame Frage. Ich denke, gerade hier sollte eine »integrierte Seelsorge« verwirklicht werden, weil ja nicht jeder Pfarrer die Möglichkeit hat, sich genügend um die Jugend zu kümmern. Er braucht also eine Pastoral, die über die Grenzen der Pfarrei und auch über die Grenzen der Arbeit des Priesters hinausgeht. Eine Pastoral, die auch viele Mitarbeiter einschließt. Mir scheint, dass man unter der Koordination des Bischofs einerseits einen Weg finden muss, um die Jugendlichen in die Pfarrei zu integrieren, damit sie zum Sauerteig des Gemeindelebens werden; und andererseits muss man für diese Jugendlichen auch Hilfe von Mitarbeitern von außerhalb der Pfarrgemeinde finden. Die beiden Dinge gehören zusammen. Man sollte den Jugendlichen unbedingt nahe legen, dass sie sich nicht nur in der Pfarrei, sondern in verschiedenen Bereichen in das Leben der Diözese einbringen sollen, um dann auch in der Pfarrgemeinde ihren Platz zu finden. Alle Initiativen, die in diese Richtung gehen, gilt es daher zu fördern.

Von großer Bedeutung, so meine ich, ist jetzt die Erfahrung des freiwilligen Dienstes. Es ist wichtig, dass man die Jugendlichen nicht den Diskotheken überlässt, sondern ihnen Aufgaben gibt, anhand derer sie sehen, dass sie gebraucht werden und merken, dass sie etwas Gutes tun können. Die jungen Menschen spüren den Antrieb, etwas Gutes für die Menschheit, für einen Menschen oder für eine Gruppe von Menschen zu tun, haben den Drang, sich zu engagieren, und finden auch die positive »Bahn« des Einsatzes, der christlichen Ethik. Sehr wichtig erscheint mir, dass die Jugendlichen wirklich Aufgaben haben, die ihnen zeigen, das sie gebraucht werden, die sie auf den Weg eines positiven Dienstes der Hilfeleistung führen, die sich an der Liebe Christi zu den Menschen orientiert, so dass sie selbst nach den Quellen suchen, aus denen sie schöpfen können, um die Kraft zu finden, sich zu engagieren.

Eine weitere Erfahrung sind die Gebetsgruppen, wo die jungen Menschen lernen, das Wort Gottes zu hören, das Wort Gottes innerhalb ihres eigenen jugendlichen Lebensbereiches kennen zu lernen und mit Gott in Kontakt zu kommen. Das heißt auch, die gemeinschaftliche Form des Gebetes, die Liturgie, kennen zu lernen, die ihnen im ersten Augenblick ziemlich unzugänglich erscheinen mag. Sie lernen, dass das Wort Gottes da ist und uns entgegenkommt, trotz aller zeitlicher Distanz, und dass es heute zu uns spricht. Wir bringen die Frucht der Erde und unserer Arbeit dem Herrn dar und finden sie in Gabe Gottes verwandelt. Wir reden als Kinder mit dem Vater und empfangen dann ihn selbst als Geschenk. Wir erhalten den Auftrag, in die Welt zu gehen mit dem Geschenk seiner Gegenwart.

Nützlich wären auch Liturgiekurse, die die Jugendlichen besuchen können. Auf der anderen Seite muss es auch Gelegenheiten geben, bei denen sich die Jugend sehen lassen und sich bekannt machen kann. Wie ich gehört habe, hat es hier in Albano eine Aufführung über das Leben des heiligen Franziskus gegeben. Sich auf diese Weise zu engagieren bedeutet, in die Persönlichkeit des heiligen Franziskus und in seine Zeit einzutreten und so die eigene Persönlichkeit zu entfalten. Das ist nur ein Beispiel, eine anscheinend ziemlich einmalige Sache. Sie kann dazu erziehen, die Persönlichkeit zu entfalten, in einen Bereich christlicher Überlieferung vorzudringen und wieder das Verlangen zu wecken, besser zu verstehen, aus welcher Quelle dieser Heilige geschöpft hat. Er war ja nicht nur ein Umweltschützer oder ein Pazifist. Er war vor allem ein bekehrter Mensch. Mit großer Freude habe ich gelesen, dass Bischof Sorrentino von Assisi, eben um diesen »Missbrauch« der Gestalt des heiligen Franziskus zu beseitigen, anlässlich der 800-Jahrfeier seiner Bekehrung ein »Jahr der Bekehrung« ausrufen will, damit man sehen kann, worin wirklich die »Herausforderung« besteht. Vielleicht können wir alle der Jugend Anregungen geben, um ihr verständlich machen, was Bekehrung tatsächlich ist, indem wir auch an die Gestalt des heiligen Franziskus anknüpfen, um nach einem Weg zu suchen, der dem Leben größere Weite verleiht. Franziskus war zunächst beinahe eine Art »Playboy«. Dann spürte er, dass das nicht genug war. Er vernahm die Stimme des Herrn: »Baue mein Haus wieder auf!« Nach und nach verstand er, was »das Haus des Herrn aufbauen« bedeutete.

Ich habe also keine sehr konkreten Antworten, weil ich einer Sendung gegenüberstehe, bei der ich die Jugendlichen, Gott sei Dank, schon versammelt finde. Aber mir scheint, dass man sämtliche Möglichkeiten nutzen sollte, die sich heute in den Bewegungen, in den Vereinigungen, im freiwilligen Dienst und in anderen Aktivitäten der Jugendlichen bieten. Man muss die Jugend auch der Pfarrgemeinde bekannt machen, damit diese sieht, wer die jungen Menschen sind. Eine Berufungspastoral ist notwendig. Das alles muss vom Bischof koordiniert werden. Wie mir scheint, lassen sich gerade durch die echte Mitarbeit der Jugendlichen, die ausgebildet werden, pastorale Mitarbeiter finden. Und so kann man den Weg zur Bekehrung öffnen, zur Freude darüber, dass es Gott gibt und dass er sich um uns kümmert, dass wir Zugang zu Gott haben und anderen dabei helfen können, »sein Haus wieder aufzubauen «.

Das scheint mir letztendlich unser Auftrag zu sein, der mitunter schwierig, aber doch auch sehr schön ist: in der heutigen Welt »das Haus Gottes aufzubauen«. Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit und bitte um Verzeihung für die Bruchstückhaftigkeit meiner Antworten. Wir wollen zusammenarbeiten, damit das »Haus Gottes« in unserer Zeit wächst und viele junge Menschen den Weg zum Dienst am Herrn finden.

[© Copyright 2006 – Libreria Editrice Vaticana]