Beginn und Ende der menschlichen "Lebensqualität"

Tagung der Päpstlichen Akademie für das Leben (21. - 23. Februar 2005)

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ROM, 14. März 2005 (ZENIT.org).- Den Begriff "Lebensqualität" kennt jeder. Aber was er tatsächlich bedeutet, ist nicht immer klar. Eingehend beleuchtet wurde er bei der diesjährigen Versammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben, die vom 21. bis zum 23. Februar kirchliche Würdenträger und Fachleute aus Medizin und Bioethik zusammenführte.



Im Einleitungsstatement zu diesem Gedankenaustausch, der zum Thema "Lebensqualität und Gesundheitsethik" in Rom stattgefunden hat, gab Bischof Elio Sgreccia, Präsident der Akademie, zu bedenken, dass die Begriffe "Lebensqualität" und "Gesundheit" heutzutage zu etwas Absolutem geworden seien. In manchen Kreisen würden sie geradezu als etwas Göttliches gesehen, als etwas, das mit allen Kräften anzustreben sei.

Nach Ansicht des Bischofs spiegelten diese beiden Begriffe den starken Einfluss der utilitaristischen Philosophie wider, wie er besonders in englischsprachigen Gesellschaften zu bemerken sei. Dies habe zu dem weit verbreiteten Glauben geführt, dass "der Mensch, der die erwünschte minimale 'Qualität' nicht besitzt, auch nicht verdient, am Leben erhalten zu werden". Aus einer solchen Sichtweise komme der "Vorschlag, eugenische Parameter einzusetzen, damit jene, die es verdienen, geboren oder am Leben erhalten zu werden, von denen ausgesondert werden können, die entsorgt oder mit Hilfe der Euthanasie eliminiert" werden sollten.

Metaphysik- und Ethikprofessor Gómez-Lobo von der Georgetown University in Washington D.C. ging in seinem Referat der Bedeutung des Begriffes "Lebensqualität" auf die Spur. Die Vorstellung, man könne das Leben des Einzelnen gemäß der "Qualität" seines Lebens beurteilen, stamme letztlich von den antiken griechischen Philosophen, sagte der Gelehrte. Diese Vorstellung, die sich auf verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens beziehe, sei insbesondere im Zusammenhang mit der Gesundheit des Menschen – wenn seine "gesundheitliche" Lebensqualität "niedrig" ist oder vermutlich so sein wird – zu einer gängigen Rechtfertigung für die Euthanasie geworden. Demgegenüber erklärte der Ethikprofessor, dass es "von Grund auf falsch" sei, zu behaupten, dass man dem Menschen etwas Gutes tue, wenn man jemanden mit einer so genannten "niedrigen" Lebensqualität absichtlich tötet. Denn eine Person genieße selbst mit gesundheitlichen Problemen nach wie vor das grundlegende Gut des Lebens, das Leben selbst. Und das Leben sei ein Gut, "das sich von jedem Übel, das die Person haben mag, unterscheidet". Für den Universitätsprofessor ist es eine "unerträgliche Anmaßung", von außen beurteilen zu wollen, ob ein Patient es "wert ist", leben zu dürfen der sterben zu müssen.

Das Verbot für die Tötung einer Person finde seinen Grund im Respekt vor der Würde des Menschen, führte Gómez-Lobo weiter aus. Diese menschliche Würde sei "logischerweise von der Qualität des Lebens einer Person unabhängig und kann nicht auf diese zurückgeführt werden, weil die Würde ein der Person immanentes Merkmal ist, das keine graduellen Unterschiede zulässt. Leidende und Schwache besitzen vielmehr einen besonderen Anspruch auf unsere Zuwendung", so der Professor. Die Lebensqualität des Patienten dürfe diese grundlegende Haltung, zu der wir verpflichtet sind, nicht beeinträchtigen.

Patienten im "vegetativen Zustand"

Der Frage, was mit Komapatienten geschehen solle, ging Gian Luigi Gigli, Präsident des Weltbundes der katholischen Ärztevereinigungen (World Federation of Catholic Medical Associations), zusammen mit Mariarosaria Valente, Direktorin der Abteilung für Neuro-Wissenschaften am Krankenhaus Santa Maria della Misericordia in Udine (Italien), nach.

In ihrer Analyse versuchten die beiden, die heute herrschende Geistesströmung mit folgenden Worten auf den Punkt zu bringen: "Der Glaube an die Allmacht der Technologie, dank derer die Lebensqualität des Menschen verbessert werden kann, und der Mangel an moralischen Prinzipien verbinden sich miteinander." Bei einem wissenschaftlichen Ansatz, der von einem derartigen, rein technologischen Denken ausgeht, sei jedes Handeln sittlich erlaubt, sofern es das Ergebnis einer freien Entscheidung sei. Und jede Handlung, die der Gesellschaft nützlich ist, müsse vom Gesetz gebilligt werden.

Zum "vegetativen Zustand" sagten die Wissenschaftler: "Was diesen Zustand anlangt, herrschen noch beträchtliche klinische Ungewissheiten, die zu häufigen Fehldiagnosen führen." Es sei schwierig, zwischen dem vegetativen Zustand und dem "persistenten" (anhaltenden) Zustand, auch "permanenter vegetativer Zustand" genannt, zu unterscheiden. Im letzteren Fall bestehe keine Hoffnung auf Genesung. Die Trennlinie zwischen den beiden Zuständen, dem der Hoffnungslosigkeit also und dem, der noch Anlass zur Hoffnung gibt, sei nicht eindeutig. Es gebe sogar gut dokumentierte Fälle von Patienten, die ihr Bewusstsein wiedererlangt hätten, obwohl sie sich in einem hoffnungslosen "permanenten vegetativen Zustand" befunden hatten.

So genannte Verteidiger des "Rechtes zu sterben", schreiben Gigli und Valente in ihrem Vortragstext, treten dafür ein, dass die Tatsachenvermutung des Todes gelten und die künstliche Ernährung eingestellt werden sollte, sobald ein vegetativer Zustand als permanent diagnostiziert wird. Außerdem verstehen solche Verfechter der Euthanasie die Methode der Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr als medizinische Behandlung und nicht mehr als Versorgung mit dem Lebensnotwendigen. "Nach dieser Sichtweise soll der Tod, der durch Austrocknung und Verhungern verursacht wird, als ein natürlicher Tod betrachtet werden", so die Referenten. Dabei sei es erwiesen, dass Patienten in einem solchen Fall nicht wegen des vegetativen Zustandes – weil sie sich im Koma befinden – sterben, sondern an den Folgen von Unterernährung und Nierenversagen. "Wie ist es möglich, dass wir so weit gekommen sind, den Tod einer Person zu bezwecken, die sich in einem solchen Zustand befindet?", fragen die beiden Referenten. Die Antwort liegt ihrem Erachten nach im Konzept "Lebensqualität". Oft werde dieser Begriff nämlich auf die Fähigkeit reduziert, produktiv und nützlich zu sein. Daraus ergebe sich dann, dass es verschwenderisch wäre oder beinahe sinnlos, Menschen zu Hilfe zu kommen oder bei ihnen Heilmittel anzuwenden, die auch nach der Heilung nicht mehr produktiv wirken können.

Der Nahrungs- und Wasserentzug bei Personen, die sich in einem permanenten vegetativen Zustand befinden, könnte dazu führen, dass sich unter der Ärzteschaft eine gefährliche Einstellung ausbreite, warnen Gigli und Valente. "Der Nahrungs- und Flüssigkeitsentzug könnte zum Einfallstor für die Legalisierung der Euthanasie werden, indem er jene Barrieren öffnet, die ihr in den meisten Ländern noch entgegenstehen", fügen sie hinzu. Gebe es Ärzte, die tatsächlich den Tod beschleunigen, dann werde das wohl auch das derzeit bestehende Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt zerstören.

Das neugeborene Kind

Patricia Ventura-Jundcá von der päpstlichen Universität von Santiago de Chile befasste sich mit Fragen, die die Lebensqualität neugeborener Babys betreffen. Neugeborene Babys, so die Bioethikerin, seien zum einen in hohem Maße schutzbedürftig und zum anderen völlig außerstande, ihre Situation einzuschätzen oder Vorlieben zu äußern. Dank der enormen Fortschritte in der Neugeborenenmedizin in den letzten Jahrzehnten könnten heute viele der noch nicht voll entwickelten Funktionen bei zu früh geborenen Kindern vorübergehend durch mechanische Mechanismen ersetzt werden. Das ethische Problem bestehe aber darin, zu entscheiden, ob eine Behandlung versagt bleiben oder entzogen werden soll.

Viele Eltern hätten Schwierigkeiten, medizinische Auskünfte zu verstehen und könnten deshalb nur sehr schwer selbst eine Entscheidung treffen, deshalb komme der Einstellung und der Wertevorstellung des zuständigen Arztes enorme Bedeutung zu.

Menschen mit Behinderungen

Die Situation von Personen, die an geistigen Behinderungen leiden, wurde von Wanda Poltawska angesprochen. Die Professorin für Psychiatrie an der theologischen Fakultät der Universität von Krakau (Polen) erklärte: "Ein Mensch ist immer Mensch, ungeachtet der körperlichen oder geistigen Entwicklungsphase, in der er sich befindet." Familien, die einen geistig behinderten Menschen zu betreuen haben, seien oft darüber uneins, wie man am besten mit diesem Problem fertig werden kann. Damit sie ihre Last tatsächlich gut tragen können, müssten diese Menschen ein tiefes Verständnis vom Sinn des Leidens haben, sagte Poltwaska. In einer so schwierigen Situation müsse man sich immer vor Augen halten: "Das Leben eines Menschen, sein Anfang und sein Ende, sind in den Händen des Schöpfers. Wenn wir versuchen, die Empfängnis oder den Tod des Menschen zu manipulieren, überschreiten wir die Grenze unserer Befugnis."

Behinderte Menschen stellten eine Herausforderung an die Gesellschaft dar, fügte sie hinzu. Wie viel wir als menschliche Personen wert sind, könne daran gemessen werden, wie wir uns gegenüber kranken, alten und behinderten Menschen verhalten, sagte die Wissenschaftlerin aus Polen.

Ebenbild Gottes

In einem Schreiben vom 19. Februar, das Papst Johannes Paul II. aus Anlass des Treffens der Akademie für das Leben an Bischof Sgreccia gerichtet hat, lenkt der Heilige Vater den Blick auf die wesentliche Eigenschaft, die jedes menschliche Geschöpf vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet, auf die Tatsache nämlich, dass der Mensch "nach dem Abbild des Schöpfers selbst geschaffen ist". Diese Würde und Eigenschaft der Person "bleibt in jedem Augenblick des Lebens bestehen, vom Augenblick der Empfängnis bis zum natürlichen Tod. Daher muss die menschliche Person in jedem Zustand – auch in Gesundheit, Krankheit und Behinderung – geachtet werden."